Ein Tag ohne Kalorien-Tracking: Mein Resümee

Auf Instagram teile ich die positiven Fortschritte meiner Recovery. Aber und das möchte ich nicht verschweigen: Der Weg ist hart. Nach wie vor esse ich regelmäßig und ich lasse euch daran teilhaben. Ich teile mein Essen in meinen Instagramstories und versuche, so viele positive Vibes wie möglich zu verteilen. Das tut nicht nur gut, sondern ist auch hilfreich für mich. Ich möchte meine Recovery nicht unter sozialem Druck machen, trotzdem spornt es mich an, die Sache ernstzunehmen. Nicht zuletzt, weil ich zeigen möchte, dass man auch nach so langer Zeit aus einer Essstörung finden kann. Nur möchte ich das nicht vorwiegend anderen Menschen beweisen, sondern besonders mir selbst.

Trotzdem: Ich hätte mir nie gedacht, dass die Recovery so hart werden würde. Mir ist bewusst, dass sie gerade deswegen so hart ist, weil ich sie ernst nehme. Immer noch möchte ich aus der Essstörung finden, denn für mich ist es erstrebenswert, endlich ein normales Leben zu führen. Nur gibt es auch Momente, an denen ich an meine Grenzen gehe.

Besonders in den letzten Tagen habe ich gemerkt, dass meine Recovery nicht ganz so in die Richtung geht, wie ich es mir vorgestellt habe. Teilweise gab es wieder richtig große Probleme mit dem Essen. Glücklich bin ich jedoch über die Tatsache, dass ich mein Freaky Eating Habit nicht wieder präsenter werden ließ und mich nicht flüssig ernährte. Trotzdem schrumpften die Kalorien. Viele Mahlzeiten waren mehr gemüselastig. Darum kann ich nicht davon sprechen, dass ich wirklich genügend Nährstoffe aufgenommen habe, die mein Körper wirklich braucht, um zu funktionieren.

Das hat sich natürlich negativ auf mich ausgewirkt. Ich war die letzten Tage sehr müde, streichfähig, hatte kaum Energie und mir ging es physisch nicht sonderlich gut. Es ist nicht besonders angenehm, sich so durch den Tag zu schleppen und ständig einzuschlafen, darum wusste ich, dass ich mein Kaloriendefizit unbedingt ausgleichen musste.

 

Ein Tag ohne Kalorien-Tracking

 

Kaloriendefizite auffüllen mit Cheat Days?

Warum ich darüber nachgedacht habe und es trotzdem bleiben ließ

Auch wenn es schwer war: Ich wusste, ich musste meine Mahlzeiten anders konzipieren, um endlich meine Energieakkus aufzufüllen. Mit Obst, Gemüse und Magertopfen würde ich nicht weit kommen. Und ich wusste auch, dass ich mindestens auf 2.000 Kalorien kommen musste, wenn nicht mehr, um meine Kraftreserven aufzufüllen. Darum spielte ich lange Zeit mit dem Gedanken, einen Cheat Day einzulegen. Ich habe mich viel darüber informiert und einige Menschen in den Sozialen Netzwerken sowie auf YouTube gefunden, die auch mit Essstörungen zu kämpfen hatten und in Clean Eating + Cheat Days den Weg gefunden haben, aus ihrer Essstörung herauszukommen.

Wenn es für sie funktioniert, super, ABER um ehrlich zu sein, sehe ich in Cheat Days nicht den geeigneten Weg, ein normales Essverhalten aufzubauen. Einerseits schreckt mich das Wort Cheat ab. Cheat bedeutet Betrug. Weder will ich mich selbst betrügen, noch etwas machen, was so eine negative Konnotation in mir auslöst. Außerdem sträubt sich etwas in mir, Clean Eating + Cheat Days als normale Ernährungsform anzuerkennen.

Ich wünsche mir ein ganz anderes Ernährungsverhalten. Ich möchte gerne normal essen, wobei es heutzutage schon schwierig ist, herauszufinden, was wirklich normal ist. Für mich bedeutet das allerdings: Gesunde, ausgewogene Ernährung und sich auch mal etwas gönnen zu dürfen, wenn einem danach ist, ohne es in Fressattacken ausarten zu lassen.

Cheat Days haben für mich immer diesen Fressattacken-Charakter. Es würde mich zu stark an meine schlimmste Anorexiephase erinnern, in der ich durchaus richtig wilde Essattacken hatte. Danach ging es mir sehr schlecht. Ich glaube, es wäre nach einem Cheat Day nicht anders. Ich möchte niemanden verurteilen, der in Clean Eating + Cheat Days die Ernährungsform gefunden hat, die für ihn funktioniert. Nach wie vor sehe ich Ernährung als ein persönliches Thema an. Jeder muss wissen, was für einem selbst das richtige ist und womit er sich wohl fühlt.

 

Ein Tag ohne Kalorien-Tracking

 

Der nächste Schritt: Ein No-Calorie-Tracking-Day

Wie mein Tag ohne Kalorien-Tracking verlaufen ist

Ob mich das Kalorientracken davon abhält, größere Portionen zu essen oder mir auch mal etwas nicht so Gesundes für den Körper, aber etwas Gesundes für die Seele zu gönnen, weiß ich nicht wirklich. Es spielt bestimmt eine Rolle, wobei es natürlich auch irgendwann der Schlüssel sein kann, mir etwas mehr zu gönnen, wenn ich die Kalorien im Überblick habe. Ich möchte darüber Bescheid wissen, was ich meinem Körper zuführe. Trotzdem entschied ich mich bewusst dafür, das Kalorien-Tracking für einen Tag bleiben zu lassen. Quasi als Experiment.

Selbstverständlich machte ich mir die Tage zuvor einige Gedanken darüber. Wird mein Vorhaben glücken? Plan war es, intuitiv aber gesund zu essen und mir an dem Tag auch etwas zu gönnen. Für die Zukunft ist es natürlich nicht mein Hauptziel, meine Ernährung strukturiert durchzuplanen. Was Essen betrifft, möchte ich in der Lage sein, spontaner zu sein. Aber es ist wie immer ein Anfang.

Wichtig war an diesem Tag auch die Unterstützung von Menschen, denen ich vertraue. Ja, meine größte Angst war tatsächlich eine Essattacke, da ich doch eine sehr lange Zeit nun in einem Kaloriendefizit lebe und sich der Körper erst recht dann alles zurückholt, wenn er etwas bekommt, was er sonst nie bekommt. Ich kenne es aus Erfahrung, dass die ganze Geschichte dann erst recht ausartet.

Der Tag hat in der Tat ganz gut funktioniert. Die Portionsgrößen zu allen drei Mahlzeiten waren tatsächlich größer, als sonst. Schon mit viel Gemüse, aber Gemüse machte nie den Hauptbestandteil aus. Es waren die normalen Fives a Day. Es gab mehr komplexe Kohlenhydrate als sonst, ich habe in Öl gebraten, was ich schon lange nicht mehr getan habe, Kürbiskernöl für meinen Salat verwendet, anstatt fettreduzierten Joghurt und Halloumi zu Mittag gegessen. Außerdem gab es Snacks, obwohl ich sonst nie snacke. Und diese Snacks waren keine Selleriestangen, sondern Eis und Schokolade.

Der Tag endete damit, dass er sich zu keinem Fressanfall entwickelte. Aber es war, um nun ganz ehrlich zu sein, nicht einfach. Wenn ich Zucker schmecke, entsteht in mir oft automatisch das Verlangen nach Mehr und die Gefahr eines Kontrollverlustes. Doch da ich an diesem Tag immer auf irgendeine Art und Weise abgelenkt war, konnte ich gut damit umgehen. Auch mit den Schuldgefühlen, die ich noch nicht abstellen kann. Zwar war ich am Ende des Tages sehr aufgebläht, aber auch energiegeladener, als sonst. Das hat mir gezeigt, dass es tatsächlich noch an den Portionsgrößen hapert und meine verringerte Kraft daraus resultiert, dass ich noch nicht genügend wichtige Nährstoffe zu mir nehme, die mein Körper braucht.

 

Ein Tag ohne Kalorien-Tracking

 

Mein Fazit aus meinem No-Calorie-Tracking Day

Und warum es sich lohnt, auf seinen Körper zu hören

Mir hat der Tag gezeigt, dass das genau die Art und Weise von Ernährung ist, auf die ich hinziele und die ich langfristig erreichen möchte. Natürlich möchte ich nicht jeden Tag Schokolade oder Eis snacken und fettreiche Speisen wie Halloumi zu Mittag essen, aber wenn man sich solche Seelenfreunde ab und an gönnt, passiert im Grunde genommen nichts. Für mich ist es immer wieder eine Lernerfahrung, dass man mit normalen Portionen oder gelegentlichen Snacks nicht dick wird. Vor allem, wenn man in seinen Alltag viel Bewegung integriert und auch regelmäßig Sport treibt. Innerlich weiß ich diese ganzen Dinge natürlich, aber oftmals fällt es mir schwer, es auch anzuerkennen oder einzusehen.

Aber es tut gut, seinen Intuitionen zu folgen. Es tut gut, seine Ängste zu überwinden, weil es Ängste vor Dingen sind, vor denen man in Wahrheit nicht Angst haben muss. Mehr auf meinen Körper zu hören, ihn wirklich zu sättigen sind Dinge, die lebensnotwendig sind und die auch eine große Rolle für die persönliche Lebensqualität spielen. Fürs Erste sind solche No-Calorie-Tracking Days ein guter Anfang. Ich möchte weiterhin solche Tage einlegen, um auf diesem Wege zu einem No-Calorie-Tracking-Life zu gelangen. Inzwischen habe ich schon einen zweiten hinter mir, bzw. ein No-Calorie-Tracking-Abendessen. Der Weg bleibt nach wie vor lange und steinig, aber ich bin ebenso bereit, ihn weiterzugehen.

 

Ein Tag ohne Kalorien-Tracking Ein Tag ohne Kalorien-Tracking

 

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