My Grocery Shopping Desaster

Der Lebensmitteleinkauf war nie ein großes Problem für mich. Als ich mich noch ausschließlich von H-Milch und Sojamilch „ernährte“; mir dazwischen ein paar zuckerfreie Energy Drinks und Cola light hinunterschüttete; Kaugummi lange Zeit das Einzige war, was ich hinter die Beißer bekam, war der Lebensmitteleinkauf schnell erledigt. Zwischendurch nutzte ich die Gelegenheit und prüfte, welche Neuheiten es im Sortiment gibt. Hat Ben & Jerry’s eine hypeverdächtige neue Sorte rausgebracht? Wie ist das aktuelle Angebot an Diätlebensmittel? Kommt das vegane Sortiment mit dem Fortschritt voran?

Manchmal war ich neugierig; überprüfte neurotisch die Kalorien, aber gekauft habe ich, außer meine gewohnten Sachen, nichts. Hin und wieder stellte ich mir an der Kassa die Frage, ob ich den Kassiererinnen bereits auffällig geworden bin. „Hey, das ist ja die mit der H-Milch.“ Machten sie sich Gedanken dazu? Ich versuchte, immer zu einer anderen zu gehen. Manchmal war ich peinlich berührt; manchmal ließ es mich kalt. Ich fühlte mich ein bisschen wie die weibliche Version von James Bond auf einer geheimen Mission.

Auch in den ersten beiden Episoden meiner Anorexie liebte ich es, mich in sämtlichen Supermärkten aufzuhalten. Für mich diente es zur Information, aber auch zur Beruhigung. Eine wahre Oase der Entspannung. Zwischen all den Lebensmitteln, die ich damals nur in Kalorien, Kohlehydrate, Zucker und Fett eingeteilt hatte, fühlte ich mich Zuhause. Gut aufgehoben und irgendwie auch geborgen. Ich aß mich quasi an den Lebensmitteln satt, indem ich sie nur anstarrte und unter die Lupe nahm. Für „Normalsterbliche“ muss das banal klingen; für mich irgendwie auch, wenn ich darüber nachdenke. Doch es war eine Obsession. Quasi eine Zwangsneurose in der Sucht. Mit Argusaugen hielt ich Ausschau nach neuen kalorienärmeren Alternativen; studierte eine Nährwerttabelle nach der anderen, nur um dann wieder alles zurückzulegen und mir meine gewohnte Ration Magertopfen zu holen.

 

Ich verbrachte Stunden in Supermärkten.

 

Immerhin -und das muss ich mir auf eine seltsam bizarre Art und Weise lobend eingestehen- habe ich feste Nahrung gegessen. Das Wort „lobend“ klingt hier genauso banal, wie der Mythos, Fett würde dick machen. Dennoch -und das sage ich nun aus einer retrospektiven Perspektive- war ich damals fortschrittlicher gesinnt, als ich es jetzt lange Zeit war.

Nun stehe ich wieder am Anfang. Auf der Suche nach der richtigen Richtung in ein gesünderes Leben ist es unumgänglich, mich mit dem Lebensmitteleinkauf auseinanderzusetzen. Als ich mich dazu entschlossen habe, meine Ernährung in die richtigen Bahnen zu lenken, freute ich mich sogar darauf, wieder wie ein „normaler“ Mensch einkaufen zu gehen.

Der erste Einkauf lief problemlos. Gewappnet mit einer Einkaufsliste mit vorerst „sicheren“ Lebensmittel, die mir trotzdem genügend Nährstoffe geben würden, machte ich mich auf ins fröhliche Shoppinggetümmel. Doch mit dem zweiten und dritten Einkauf wurde die Sache plötzlich schwieriger. Auf unerklärliche Weise fühlte ich mich unwohl zwischen all den Lebensmitteln, die mir zu einer gesünderen Lebenseinstellung verhelfen sollen. Es begann mit leichteren Unbehaglichkeitsgefühlen, gemischt mit einer Unsicherheit, wie ich sie noch nie zuvor erlebt hatte. Von Mal zu Mal dauerten die Einkäufe länger – bis es zu meinem letzten Lebensmitteleinkauf kam. Und dieser hatte es in sich.

 

 

Planlos im Supermarkt

Zwei Stunden gefangen im Labyrinth der Kalorien

Ich schäme mich fast, es hier zu offenbaren, aber mein letzter Lebensmitteleinkauf hat fast zwei Stunden gedauert. Klingt erstmal nicht ungewöhnlich, ABER: Es war weder ein Groß-, noch ein Wocheneinkauf. Oder irgendwie schon, habe ich mir doch anfangs brav einige Vorräte angehäuft, die immer griffbereit im Vorratsschrank stehen, damit ich nicht einmal in die bittersüße Versuchung des Hungers komme. Trotzdem betrug die Endsumme mickrige zehn Euro. Von großen Sprüngen und vollen Einkaufswägen kann man somit nicht sprechen.

Schon bei den letzten Einkäufen fühlte ich mich leicht überfordert, brachte es jedoch noch zustande, einen klaren Kopf zu behalten. Ich weiß nicht, welche chemische Reaktion plötzlich in meinem Kopf ausgelöst wurde oder ob die anorektische Stimme in mir wieder zum Vorschein gekommen ist. Meine Synapsen haben sich bei diesem Einkauf grob verschalten. Da gab es keine rationale Lisa mehr, sondern ein hilfloses kleines Kind, das vor dem Süßigkeitenregal stand und überlegte, welche eine Süßigkeit es nehmen soll, die Mama erlaubt hat. Nur dass die Süßigkeiten bei mir Magerjoghurt war.

 

Wenn alte Verbote wieder aufleben

Ein plötzlicher Throwback zu meiner Verbotsliste

Es begann beim Regal des veganen und vegetarischen Sortiments. Wie automatisiert studierte ich die Nährwerttabelle. Etwas, das in mir einprogrammiert ist, wie sonstige genetisch bedingte oder angeeignete Verhaltensweisen. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, meine Lebensmittel nur noch nach dem Proteingehalt zu überprüfen. Nachdem ich eine enorme Masse an Muskeln einbüßen musste, wollte ich für den Anfang auf eine High Protein Ernährung setzen, Kohlehydrate und Fette jedoch nicht meiden. Der Fokus lag jedoch auf Proteinen. Irgendwie wollte es mir noch nicht so ganz gelingen, genügend davon zu mir zu nehmen.

Wie in Trance blieb ich dann doch bei den Kalorien hängen. Und bei den Fetten. Und beim Zucker. Über 100 Kilokalorien bei 100 g? Meine alte Verbotsliste aus schweren anorektischen Tagen ploppte in meinem inneren Auge auf. Diese imaginäre Liste stürzte mich ins Grübeln. Soll ich oder soll ich nicht? Der Proteingehalt stimmte, die Kalorien weniger. Zwischendurch überlegte ich mir, wie ich es am Vortag schaffte, spontan die Baby Bells zu kaufen, als ich mir nur mal schnell was zu trinken holen wollte. Wie konnte ich mich nur innerhalb von 24 Stunden so gravierend ändern?

 

Grocery Shopping Desaster

 

Es gibt keine verbotenen Lebensmittel mehr

Wenn man seinen eigenen Schwur nicht brechen möchte

Ich nahm die Produkte immer wieder in die Hand. Legte sie zurück. Nahm sie wieder in die Hand und entschied mich, sie ins Einkaufskörbchen zu legen. Ich ging weiter. Irrte von Regal zu Regal. Überlegte, durchdachte, ging wieder zurück. Überlegte nochmal, legte wieder zurück. Ein Gefühl von Panik überkam mich. Die Luft wurde mir zugeschnürt.

Es klingt wie die Übertreibung des Jahrhunderts, war es doch nur ein simpler Lebensmitteleinkauf. Jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, wird mir klar, wie verrückt sich das alles für euch anhören muss. Ich muss sogar ein bisschen über mich selbst schmunzeln. Gleichzeitig treibt es mir auch die Schamröte ins Gesicht. Aber -und das muss ich dazu sagen- diese Dinge steuere nicht ich. Diese Dinge steuert die Unsicherheit, die eine Essstörung in mir ausgelöst hat. Ich bin deswegen nicht verrückt, auch wenn es sich so anhört. Es ist ein typisches Symptom dieser Krankheit und gehört dazu, wie der Schnupfen zur Grippe.

Irgendwann -und da war ich schon eine ganze Weile im Supermarkt- wurden meine Gedanken klarer, nachdem ich zum x-ten Mal in der Nudelabteilung stand und mich mit Low-Carb-Pasta beschäftigte.

 

„Was mache ich da?“

 

Grimmig legte ich die Low-Carb-Pasta ins Regal, stapfte trotzig zum veganen Sortiment und nahm mir endlich das pflanzliche Schnitzel, das zuvor „viel zu viele“ Kalorien hatte; auf das ich aber, um ehrlich zu sein, wirklich Lust hatte. Ich habe mir fest vorgenommen, meine Ernährung zu ändern, blogge am Vortag noch fröhlich darüber und dann zittere ich wegen einem veganen Schnitzel, das pro 100 g mehr als 100 Kilokalorien hat? Nein, Lisa, so fangen wir gar nicht erst an. Werde endlich zu dem Vorbild, das du im Kampf gegen Anorexie sein willst. Zeig den Leuten, dass es möglich ist, wieder in ein normaleres Leben zurückzufinden. Zeig, dass es möglich ist, wieder den Genuss zu finden und zu empfinden. Du hast es doch immer wieder geschafft. Zwar bis jetzt noch nicht dauerhaft, aber geschafft ist geschafft.

Schnell sammelte ich meine gesunden Lebensmittel zusammen, traute mich sogar, Mandeln zu nehmen und marschierte mit eisernem Willen an die Kassa. Erst im Auto wurde mir bewusst, wie viel unnötige Zeit und Energie ich mit diesem Einkauf verplempert habe. Ich ärgerte mich über mich selbst. War eher wütend auf mich, als traurig. Dieses Desaster war ein massiver Rückschritt. Es trieb mir die Tränen in die Augen. Ich weiß nicht, ob es vor Zorn oder Enttäuschung war.

Fest steht jedoch, dass ich noch ein ganzes Stückchen Arbeit vor mir habe. Aber ich habe Mut geschöpft und gelernt, dass es mit Unterstützung besser funktioniert. Gehe ich mit Freunden oder meiner Familie einkaufen, bleibt nicht viel Zeit zum herumdrucksen oder nachdenken. Zumindest habe ich mir in solchen Situationen bereits bewiesen, dass der Lebensmitteleinkauf doch nicht in einen Hindernisparcours zwischen Kalorien und Nährwerttabellen ausarten muss. 

 

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7 Comments

  1. Ich glaube der Kampf gegen alte Gewohnheiten, die zu einer Krankheit geworden sind, ist sehr sehr schwer. Ich stelle mir das gar nicht einfach vor! Es wird sicherlich immer wieder Hochs und Tiefs geben und solche „Rückschläge“ erschrecken einen sicherlich auch. So wie du das hier schreibst, ist dir ja bewusst, dass du in alte Muster zurück gerutscht bist. Und trotzdem kann man manchmal eben nicht aus seiner Haut…

    • Liebe Christine,

      in der Tat ist es nicht einfach, aber es ist nicht unmöglich, diesen Kampf zu gewinnen und ich glaube immer noch daran, dass es sogar möglich ist, ihn dauerhaft zu gewinnen. Darum bemühe ich mich jetzt auch wieder, alles in eine positivere Richtung zu lenken. Das mit dem Einkauf war echt ein herber Rückschlag, auch wenn es absurd und banal klingt, aber wie du sagst, manchmal kann man nicht aus seiner Haut und gerade bei einer Essstörung, die begleitet ist von so vielen Zwängen, ist es schwierig aus der Haut zu kommen. Doch heute war ich wieder einkaufen und ich habe nicht mal eine Stunde dafür gebraucht, was mir zeigt, dass es auch anders geht und ich doch kein hoffnungsloser Fall bin. Heute war ich allerdings auch mit einer Liste einkaufen und ich glaube, das werde ich beibehalten. Denn Einkaufslisten schreiben sich ja auch Menschen ohne Essprobleme und ich denke, wenn mir das hilft, ist es bestimmt ein guter Schritt 🙂

      Hab herzlichen Dank für dein Kommentar 🙂

      Liebste Grüße
      Lisa

  2. It is not easy, but it is not impossible to win this fight and I still believe that it is even possible to win it permanently. That’s why I’m trying again now, to steer everything in a more positive direction
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