Warum die Quarantäne eine Herausforderung für meine Essstörung ist

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Warum die Quarantäne eine Herausforderung für meine Essstörung ist!

Das Leben in sozialer Distanz ist nicht ohne. Auch unsere Psyche wird dabei auf eine harte Probe gestellt. In diesem Beitrag verrate ich, wie sich die Quarantäne auf meine Essstörung auswirkt. 

Ich bin psychisch vorbelastet. Fast mein halbes Leben lang begleitet mich eine Essstörung, die ich vor zwei Jahren endlich in den Griff bekommen habe. Bereits neun Jahre mit schweren und leichten Episoden der Magersucht, sowie symptomfreie Zeiten hatte ich da bereits hinter mir. Meine Gesundung stand auf einem feinen Grundgerüst. Der geringste Auslöser hätte mich wieder in meine Essstörung treiben können. Aber ich habe es geschafft. Zwei Jahre später stehe ich hier und habe nicht nur dauerhaft Normalgewicht erreicht, sondern auch mentale Stärke aufgebaut. Noch vor kurzem dachte ich, dass die Zeiten meiner Essstörung vorbei sind. Doch die wahre Bewährungsprobe steht mir jetzt bevor. 

Essstörung

Welchen Einfluss nimmt soziale Distanz auf meine Essstörung?

Nach einem temporär begrenzten Therapieerfolg im Jahr 2012 und zahlreichen Selbstversuchen, entschied ich mich vor zwei Jahren wieder zu einer Selbstrecovery ohne therapeutische Hilfe. Es hat geklappt, aber auch nur weil ich ein starkes Umfeld hatte. Familie und Freunde unterstützten mich und halfen mir dabei, mentale Stärke aufzubauen. Ein halbes Jahr später zog ich nach Graz. Ich wusste, dass ich mich in dieser Zeit bewähren musste. Ich habe es geschafft – weiterhin ohne psychologischem Beistand. Das ist mir jedoch nur gelungen, weil ich einen stabilen Freundeskreis mit vielen sozialen Interaktionen habe. In meiner Freizeit verbrachte ich wenig Zeit alleine in meiner Wohnung. Sonst war ich bei der Arbeit. Außerdem war ich mir zu diesem Zeitpunkt meiner Vorbildfunktion als Lehrerin bewusst. Diese Zeit hat mir extrem dabei geholfen, mich zu stabilisieren. 

Warum ich mich jetzt nicht mehr ganz so stabil fühle? Weil ein Teil meines Soziallebens quasi weg bricht. Tag ein, Tag aus bin ich alleine in meiner Wohnung. Und da kann mir niemand wirklich auf die Finger schauen. Viele Gedanken, von denen ich dachte, sie wären bereits weg, sind wiedergekommen. Anfangs war es wie ein Schockzustand. Der Schock, wieder alleine essen zu müssen – ohne Gesellschaft. Auf der anderen Seite ist es auch die Gelegenheit, mich nicht mehr rechtfertigen zu müssen, warum ich nichts oder wenig esse. 

Es gibt nach wie vor keinen Grund zur Panik bezüglich der aktuellen Lage, dennoch schlägt mir die Situation auf den Magen. Gefühle der Einsamkeit kommen schneller zum Vorschein. Manchmal fühle ich mich verloren. Und dann wären auch noch die ganzen anderen Sorgen zu nennen, die uns wohl alle auf irgendeine Weise begleiten. Wie wird die Zukunft aussehen? Was ist mit meiner finanziellen Existenz? Was wird sich beruflich verändern? Das alles geht nicht spurlos an mir vorbei und hat mir oft das Hungergefühl genommen. Gepaart mit der Verlockung, einfach nichts zu essen, weil ja eh keiner nachfragen kann oder mein Essverhalten auffällig wird. Das kann erreichte Erfolge zunichte machen! Schlimmer noch: es kann mich ordentlich zurückwerfen.   

Essstörung
Essstörung

Und was nun?

Jetzt stehe ich an einem Punkt, wo ich mir eingestehen muss, dass es so ganz ohne psychologische Hilfe nicht funktioniert. Ich habe gute Fortschritte gemacht – alleine und im Team mit Freunden und Familie. Meine Mentalität ist gut gestärkt, aber um die Stärke zu erreichen, die ich brauche, um die Gefahr eines Rückfalles weiter zu minimieren, ist psychologische Hilfe notwendig. Ich habe mich wirklich lange damit auseinandergesetzt und auch mit mir gehadert. But you know what? Practice what you preach! Ich habe immer wieder betont, dass es keine Schande ist, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Stimmt! Ich wollte immer anderen einen Weg weisen. Sie dazu ermutigen, bei Bedarf psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen und jetzt brauche ich es selbst. Warum sollte ich mich nicht auch selbst ermutigen?

So gern ich euch in meine Gedankenwelt mitnehme und auch das innerste meiner Psyche offenbare: das ist jetzt ein Weg, den ich für mich gehe. Ich habe mich dazu entschlossen, mich nicht zu detailliert darüber zu äußern oder euch ständig unter die Nase zu reiben, wann ich wieder ein psychologisches Gespräch hatte. So viel möchte ich noch gesagt haben: inzwischen habe ich mich wieder stabilisiert. Mir ist natürlich klar, dass ich noch lange nicht vom Fleisch falle und mein Gewicht absolut im grünen Bereich ist. Aber eines möchte ich an dieser Stelle noch betonen: diese Krankheit wird mich immer beeinflussen. Jetzt habe ich früh genug erkannt, wann es Zeit ist, zu handeln. Und zwar nicht erst dann, wenn man stark untergewichtig und zerbrechlich wird, sondern wenn man droht, wieder in den Sumpf der Magersucht abzurutschen und das ist GEWICHTSUNABHÄNGIG! 

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