Mit offenen Karten spielen

Mit offenen Karten spielen

„Ich wünschte mir, du wärst von Anfang an ehrlich gewesen“, murmle ich leise in mich hinein. Mein Blick ist von dir abgewendet, denn es fällt mir schwer, dir in die Augen zu schauen. Ich bin wütend. Enttäuscht! Traurig und auch irgendwie verletzt. Von Mut fehlt jede Spur, doch den versuche ich jetzt gerade zusammenzunehmen, um meinen Blick aufzurichten. Eigentlich, ja eigentlich will ich dir in die Augen schauen. Dich genau beobachten und analysieren. Analysieren, wie du reagierst, wenn ich dir offenbare, was ich wirklich denke. Auch wenn es schwer fällt, aber vielleicht, ja vielleicht genau deswegen wage ich es. Wage einen Blick in deine Augen und ich sehe sofort, dass du mit dir haderst. Mit dir kämpfst und irgendwie einen Weg suchst, dem ganzen auszuweichen. So, wie du es immer getan hast. So, wie du es immer tust. Und so, wie du es immer tun wirst. Was du gerade tust. Schon wieder. Das macht mich nur noch wütender. Es lässt meine Enttäuschung nur noch größer werden. Mehr Traurigkeit und wieder ein Stich ins Herz. Obwohl ich genau das nicht zulassen wollte. 

Ich merke, dass du nicht ganz ehrlich bist. Nicht zu mir, sondern vielleicht zu dir selbst. Meine Augen fokussieren deine. Du wirkst nervös. Nervös und ein bisschen hilflos. Dabei wolltest doch du immer derjenige sein, der stark ist. Vielleicht hast du dich nach einem lockeren, unbeschwerten Leben gesehnt. Nach all den gescheiterten Beziehungen, die du durchgemacht hast. In denen du mal glücklich warst, dich dann letztendlich aber doch nur gefangen gefühlt hast. So hast du mir das zumindest erzählt. Du wolltest frei sein, deine Freiheit genießen. Keine Verpflichtungen haben. Einfach das tun, wonach dir ist. Hat nur nicht so ganz geklappt, was? Aber weißt du, was du mir damit gezeigt hast? Man kann gegen alles ankämpfen, auch gegen seine Gefühle, doch Körpersprache lügt nicht. 

„Es wäre schön gewesen, wenn du von Anfang an mit offenen Karten gespielt hättest. Mir gesagt hättest, was du wirklich willst. Mir die Freiheit gegeben hättest, selbst zu entscheiden, ob ich das wirklich will oder nicht. Und jetzt stehe ich vor vollendeten Tatsachen. Das ist nicht fair!“ Du bist sprachlos. Kein einziger Satz wandert über deine Lippen. Doch dann merke ich, wie du tief Luft holst und zu einem Wort ansetzt. Aber bevor ich mir anhören kann, was du zu sagen hast, stehst du nicht mehr vor mir. Plötzlich befinde ich mich in einem anderen Raum. Alleine. In einem Raum, der mir so vertraut ist. Den Raum, den ich als erstes sehe, wenn ich am Morgen schlaftrunken meine Augen aufschlage. 

Es war schon wieder nur ein Traum

Heute habe ich dich seit langer Zeit wieder gesehen. Selbst wenn es nur in meinem Unterbewusstsein geschehen ist. Selbst wenn es nur geträumt war. Und ich muss an dich denken. Ich muss an dieses Gespräch denken, das es niemals gab, aber geben hätte sollen. Ich bin mir ziemlich sicher, du hättest genauso reagiert. Mit offenen Karten spielen war nie deine Stärke. Schon von Anfang an nicht. Aber weißt du was? Ich kann es hinter mir lassen. Vielleicht noch nicht zu hundert Prozent, denn sonst wärst du nicht in meinem Traum aufgetaucht, doch ich kann es. Irgendwie. In meinem inneren Auge versuche ich, mir dich vorzustellen. Wie du vor mir stehst und wie ich dir neckisch grinsend meine Karten ins Gesicht halte. Siehst du? ICH habe IMMER mit offenen Karten gespielt. 

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