Bin ich überhaupt noch genug? – Wie Social Media unseren Selbstwert beeinflusst

Bin ich überhaupt noch gut genug?

Wie Social Media unseren Selbstwert beeinflusst

Leider kann ich von mir nicht behaupten, dass mein Leben unabhängig von Social Media, insbesondere von Instagram ist. Wenn ich nun ausschließlich von meiner beruflichen Perspektive sprechen würde, dann wäre das halb so schlimm bzw. weniger bedenklich. Doch die Wahrheit ist: Es geht um meinen eigenen Selbstwert.

Throwback. Herbst/Winter 2017. Die Zeit, in der ich von externen Meinungen extrem abhängig war. Ich befand mich inmitten einer toxischen „Beziehung“. Mein Selbstwert wurde von Likes und Kommentaren aufgebaut. „Toll siehst du aus, Liebes“ – hat gereicht, solange die Zahl meiner Kommentare hochgegangen ist – selbst wenn ich das Wort „Liebes“ hasse. Selbst wenn die innere Seele in mir wusste, dass es sich um ein Botkommentar handelte. Meine toxische „Beziehung“ war eine volle Wucht. Entweder hatte ich mit Höhenflügen den Bezug zur Realität verloren oder ich fühlte mich extrem schlecht und minderwertig, weil er mich links liegen ließ. Die Bestätigung holte ich mir dann über Social Media. Ich rutschte weiter in die Magersucht und fand keinen alternativen Weg, um meinen angeknacksten Selbstwert aufzupolieren.

Cut! Die toxische „Beziehung“ ging endgültig den Bach runter, meine Essstörung schritt fort – Bestätigung gab es ausschließlich über Instagram und Co. Bis mein Account futsch war. Eine Woche lang hatte ich Zeit, mich mit meinem bedenklichen Verhalten auseinanderzusetzen. Ich erkannte, dass das nicht mehr gesund war. Ich habe mich in den Social Media Strudel ziehen lassen, in den ich nie reingezogen werden wollte. Seitdem habe ich an mir gearbeitet. Ich brauche absolut keine Likes mehr, um meinen Selbstwert zu bestätigen. Und dennoch erwische ich mich oft dabei, wie mich Instagram frustriert. Auch heute noch.

 

"Mache deinen Selbstwert nicht von Instagram abhängig"

Wie wir "tolle" Ratschläge erteilen, die wir selbst nicht einhalten

Instagram ist nach wie vor das wichtigste Social Media Tool unserer Zeit. Seitdem klar ist, dass man damit Geld verdienen kann, steigt die Anzahl der Accounts, die gezielt darauf hinarbeiten. Likes sind zur neuen Währung geworden. Kommentare zum Trinkgeld. Follower das Vermögen. Mit dem Trend jedoch sank auch die Engagementrate. Heutzutage ist es schwieriger, Likes, Kommentare und vor allem neue Follower zu bekommen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass viele Instagram User ihren Selbstwert von ihrem Social Media Erfolg abhängig machen. Viele Influencer predigen, dass wir uns nicht von der App abhängig machen sollen. Stimmt. Aber seien wir uns doch mal ehrlich: insgeheim ärgert sich viele dieser Moralaposteln selbst, wenn ein Bild nicht gut performt. Ich würde mich selbst davon nicht ausnehmen.

Bei mir ist es inzwischen jedoch nicht mehr der Selbstwert, der angekratzt wird, wenn es auf meinem Account mal nicht so besonders läuft. Vielmehr bin ich frustriert, weil ich wirklich viel Arbeit und Herzblut in meine Bilder stecke und dennoch rentiert es sich nicht. Dann frage ich mich, ob ich meine Arbeit nicht gut mache, zweifle an meinen Fähigkeiten und ob ich als Person uninteressant bin.

Normalerweise halte ich mich mit Jammereien über Instagram immer sehr bedeckt. Ich teile auch sehr selten meine neuesten Bilder in den Stories, weil ich einfach nicht den Eindruck erwecken möchte, um Likes zu betteln. Das würde ich auch nie tun. Ich weiß auch, dass die Ursache oft im Algorithmus liegt. Viele Follower haben mir in den letzten Tagen geschrieben, dass sie kaum noch meine Bilder sehen. Ich bin nicht der Typ Mensch, der mal schnell ein Selfie schießt (Ausnahmen bestätigen die Regel), sondern überlege mir immer ganz genau, wie meine Bilder aussehen sollen. Natürlich macht mir das auch Spaß, trotzdem kommen mir manchmal Zweifel, ob das überhaupt gut genug ist, was ich mache, wenn es nicht gut performt.

Social Media Selbstwert

Kann Instagram bitte wieder eine Inspirationsplattform werden?

Mir ist aufgefallen, dass anscheinend wirklich nur noch Zahlen zählen. Natürlich kann ich Firmen verstehen, dass sie mit reichweitenstarken Bloggern zusammenarbeiten möchte. Immerhin arbeite ich selbst im Online Markting. Es ist am Markt nun einmal der Fall, dass Entscheidungen so getroffen werden, dass sie rentabel sind. Schade finde ich jedoch, dass sich dadurch so ein starker Wettbewerb entwickelt hat. Kriegt man heute eigentlich noch ehrliche Likes auf Bilder, weil sie inspirieren? Oder nur noch deswegen, weil sich Personen eine Gegenleistung erhoffen? Ich bekomme wirklich täglich Anfragen, ob ich einer Engagementgruppe beitreten möchte. Inzwischen gibt es diese, wie Sand am Meer, was auch bedeutet, dass viele diese Gruppen nutzen. Der Boom dieser Engagement Gruppen erweckt in mir den Eindruck, dass Bilder nicht mehr bewusst wahrgenommen werden. Captions scheinen sowieso irrelevant sein. Will denn keiner mehr eine wirkliche Message verbreiten, sondern nur noch hohe Zahlen sehen? 

Ich werde auch wöchentlich von bestimmten Personengruppen abonniert und wieder deabnonniert. Das heißt, dass dieses perfide Follow-Unfollow-Spiel immer noch hoch im Kurs ist. Dann auch noch diese ganzen Loop Gewinnspiele oder Liketime Gruppen. Und ja, ich habe auch mal bei Liketimes mitgemacht, aber es hat mich gleich frustriert, weil ich wusste, dass die Likes nur deswegen kommen, weil sich jemand eine Gegenleistung erhofft oder eine Gegenleistung bringt. Doch die Wahrheit hinter diesen Aktionen ist doch die, dass nur schnell ein Doppeltap getätigt wird, sich aber niemand wirklich mit den Inhalten beschäftigt. So verbreitet man bestimmt nicht seine Message.  

More Meaningful

In solchen Momenten, in denen ich an meiner Arbeit zweifle, hilft es nur, mich selbst an der Nase zu nehmen. Einerseits schätze ich mich glücklich, dass ich zumindest mein Selbstbewusstsein nicht mehr von Likezahlen abhängig mache. Ich bin mit dieser Entwicklung sehr zufrieden, denn sie ist Teil meiner Recovery. Nun muss ich lernen, dass ich die momentane Flaute einfach nicht auf meine Arbeit zurückführen darf. Immerhin tue ich das, was mir Spaß macht und was ich liebe: Fotografieren und Schreiben. Schade ist es zwar, dass es heutzutage schwer ist, sich in dieser Onlinewelt Gehör zu verschaffen, aber meine Message kommt immer noch bei Menschen an und gegen diese Trends wie Engagementgruppen oder Loop Gewinnspiele kann ich nicht viel unternehmen. Nicht jeder denkt wie ich und das ist okay.  

Auch wenn meine Bilder momentan eher in der Versenkung verschwinden, bin ich stolz auf die Fortschritte, die ich im Bezug auf meine Skills gemacht habe. Außerdem habe ich in den letzten Wochen wieder viele nette Worte bekommen. Meine Follower schätzen es, dass ich immer auf Kommentare, DM’s und Fragen antworte. Dass sie meine Worte inspirieren und das ist letztendlich das, worauf es ankommt. Vielleicht wird die Zahl meiner Likes und Follower nicht gepusht, weil ich mich von diesen Trends distanziere. Aber dafür weiß ich, dass sich die Menschen mit meinen Bildern und Texten beschäftigen und nicht mal eben schnell einen Double Tap betätigen. Das ist viel mehr wert! Vielleicht nicht dafür, um Kooperationen abzusahnen, aber auf menschlicher Ebene ist es unbezahlbar. 

Ich habe mir generell wieder einmal viel Gedanken um meine Onlinepräsenz gemacht. In letzter Zeit nehme ich so gut wie gar keine Kooperationen mehr an, bin selektierter geworden. Natürlich ist es mal mein Traum, in einem kreativen Bereich zu 100% selbstständig zu arbeiten und davon leben zu können (Instagram-unabhängig, denn ich möchte kein Vollzeitinfluencer sein) – Instagram kann dafür natürlich eine tolle Bühne sein und mich als Referenz pushen. Aber ich will keine Dauerwerbesendung sein. Lieber selektiert und wählerisch sein, dafür mein ganzes Herzblut reinstecken. Auch wenn ich nicht die Person mit der höchsten Reichweite bin, ich gebe wirklich immer alles und versuche, qualitativen Content abzuliefern. Nicht nur bezüglich Kooperationen, sondern vor allem im Bezug auf euch. Ich will euch wirklich etwas geben, das euch etwas bringt. Momentan bin ich noch am austüfteln und versuche Richtungen zu gehen, die tatsächlich „more meaningful“ sind. Noch bin ich nicht am Ziel, aber ich bin mir sicher, ich werde meinen Weg dorthin finden. 

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