Tag : Anorexia Nervosa

Just eat

Just Eat!

Just Eat! 

When I was dealing with anorexia, a lot of people said just one thing to me. They thought that this is the secret of how to overcome an eating disorder. They thought that this is the key of how to cure anorexia and of how to recover successfully. They said: “Why don’t you just eat? Just eat!” If only it would be that easy, I would have never had anorexia. It’s the same if you would say to someone who is dealing with depressions: “Stop being so sad.” It’s the same if you would say to someone who is dealing with alcohol problems: “Stop drinking!” It’s the same if you would say to someone with schizophrenia: “Stop imagine things which aren’t here.” It’s the same if you would say to someone with a post traumatic stress disorder: “Just forget what’s happened!” It’s the same if you would say to someone with an anxiety disorder: “Stop being so anxious.” Does that sound easy to you? See! If it would be that easy mental illnesses won’t exist. Eating only is not the only way out of anorexia. It’s so much more. But there are ways out of anorexia. Recovery is possible. Don’t ashamed. Take help if you need it. 

Wenn du Hilfe suchst:

Intakt: Mo-Fr 12-16 Uhr unter 01/22 88 770-0

und 0676/617 78 65 Mo 18-20 Uhr, Mittwoch 14-16 Uhr

„Du-bist-nicht-alleine“-Hotline: (0316) 8031 557 

Mo – Fr 8:00 – 18:00 Uhr, Sa und So 10:00 Uhr -18:00 Uhr

Die Drogenberatung des Land Steiermarks bietet auch eine Beratung bei Essstörungen: +43 316/326044

Essstörung

Warum die Quarantäne eine Herausforderung für meine Essstörung ist

Real Talk

Warum die Quarantäne eine Herausforderung für meine Essstörung ist!

Das Leben in sozialer Distanz ist nicht ohne. Auch unsere Psyche wird dabei auf eine harte Probe gestellt. In diesem Beitrag verrate ich, wie sich die Quarantäne auf meine Essstörung auswirkt. 

Ich bin psychisch vorbelastet. Fast mein halbes Leben lang begleitet mich eine Essstörung, die ich vor zwei Jahren endlich in den Griff bekommen habe. Bereits neun Jahre mit schweren und leichten Episoden der Magersucht, sowie symptomfreie Zeiten hatte ich da bereits hinter mir. Meine Gesundung stand auf einem feinen Grundgerüst. Der geringste Auslöser hätte mich wieder in meine Essstörung treiben können. Aber ich habe es geschafft. Zwei Jahre später stehe ich hier und habe nicht nur dauerhaft Normalgewicht erreicht, sondern auch mentale Stärke aufgebaut. Noch vor kurzem dachte ich, dass die Zeiten meiner Essstörung vorbei sind. Doch die wahre Bewährungsprobe steht mir jetzt bevor. 

Essstörung

Welchen Einfluss nimmt soziale Distanz auf meine Essstörung?

Nach einem temporär begrenzten Therapieerfolg im Jahr 2012 und zahlreichen Selbstversuchen, entschied ich mich vor zwei Jahren wieder zu einer Selbstrecovery ohne therapeutische Hilfe. Es hat geklappt, aber auch nur weil ich ein starkes Umfeld hatte. Familie und Freunde unterstützten mich und halfen mir dabei, mentale Stärke aufzubauen. Ein halbes Jahr später zog ich nach Graz. Ich wusste, dass ich mich in dieser Zeit bewähren musste. Ich habe es geschafft – weiterhin ohne psychologischem Beistand. Das ist mir jedoch nur gelungen, weil ich einen stabilen Freundeskreis mit vielen sozialen Interaktionen habe. In meiner Freizeit verbrachte ich wenig Zeit alleine in meiner Wohnung. Sonst war ich bei der Arbeit. Außerdem war ich mir zu diesem Zeitpunkt meiner Vorbildfunktion als Lehrerin bewusst. Diese Zeit hat mir extrem dabei geholfen, mich zu stabilisieren. 

Warum ich mich jetzt nicht mehr ganz so stabil fühle? Weil ein Teil meines Soziallebens quasi weg bricht. Tag ein, Tag aus bin ich alleine in meiner Wohnung. Und da kann mir niemand wirklich auf die Finger schauen. Viele Gedanken, von denen ich dachte, sie wären bereits weg, sind wiedergekommen. Anfangs war es wie ein Schockzustand. Der Schock, wieder alleine essen zu müssen – ohne Gesellschaft. Auf der anderen Seite ist es auch die Gelegenheit, mich nicht mehr rechtfertigen zu müssen, warum ich nichts oder wenig esse. 

Es gibt nach wie vor keinen Grund zur Panik bezüglich der aktuellen Lage, dennoch schlägt mir die Situation auf den Magen. Gefühle der Einsamkeit kommen schneller zum Vorschein. Manchmal fühle ich mich verloren. Und dann wären auch noch die ganzen anderen Sorgen zu nennen, die uns wohl alle auf irgendeine Weise begleiten. Wie wird die Zukunft aussehen? Was ist mit meiner finanziellen Existenz? Was wird sich beruflich verändern? Das alles geht nicht spurlos an mir vorbei und hat mir oft das Hungergefühl genommen. Gepaart mit der Verlockung, einfach nichts zu essen, weil ja eh keiner nachfragen kann oder mein Essverhalten auffällig wird. Das kann erreichte Erfolge zunichte machen! Schlimmer noch: es kann mich ordentlich zurückwerfen.   

Essstörung
Essstörung

Und was nun?

Jetzt stehe ich an einem Punkt, wo ich mir eingestehen muss, dass es so ganz ohne psychologische Hilfe nicht funktioniert. Ich habe gute Fortschritte gemacht – alleine und im Team mit Freunden und Familie. Meine Mentalität ist gut gestärkt, aber um die Stärke zu erreichen, die ich brauche, um die Gefahr eines Rückfalles weiter zu minimieren, ist psychologische Hilfe notwendig. Ich habe mich wirklich lange damit auseinandergesetzt und auch mit mir gehadert. But you know what? Practice what you preach! Ich habe immer wieder betont, dass es keine Schande ist, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Stimmt! Ich wollte immer anderen einen Weg weisen. Sie dazu ermutigen, bei Bedarf psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen und jetzt brauche ich es selbst. Warum sollte ich mich nicht auch selbst ermutigen?

So gern ich euch in meine Gedankenwelt mitnehme und auch das innerste meiner Psyche offenbare: das ist jetzt ein Weg, den ich für mich gehe. Ich habe mich dazu entschlossen, mich nicht zu detailliert darüber zu äußern oder euch ständig unter die Nase zu reiben, wann ich wieder ein psychologisches Gespräch hatte. So viel möchte ich noch gesagt haben: inzwischen habe ich mich wieder stabilisiert. Mir ist natürlich klar, dass ich noch lange nicht vom Fleisch falle und mein Gewicht absolut im grünen Bereich ist. Aber eines möchte ich an dieser Stelle noch betonen: diese Krankheit wird mich immer beeinflussen. Jetzt habe ich früh genug erkannt, wann es Zeit ist, zu handeln. Und zwar nicht erst dann, wenn man stark untergewichtig und zerbrechlich wird, sondern wenn man droht, wieder in den Sumpf der Magersucht abzurutschen und das ist GEWICHTSUNABHÄNGIG! 

Kontrollverlust & der Selbsthass danach

Ich kann keinen klaren Gedanken fassen. Meine Hände zittern. Mein Körper bebt. Ich merke dieses kühle Gefühl. Dieses kühle Gefühl, wie es sich langsam über meine Zunge zieht, meinen Gaumen durchfährt, die Speiseröhre hinabgleitet und es schlussendlich in meinem Magen landet. Ein zuckersüßer Geschmack, der auf der Zunge haften bleibt, beraubt mich um meine Sinne. „Es bleibt bei einem“, sage ich mir. „Es bleibt bei einem.“

Immer wieder merke ich, wie mir diese Wörter durch den Kopf fahren. „Es bleibt bei einem.“ Ich sage es mir sogar vor. Laut und deutlich. So, als ob ich meine eigene Mutter wäre, die mir gerade eine Grenze setzt. Doch es bleibt nicht bei einem. Ich merke, wie sich das Dopamin in meinem Körper ausbreitet. Und mein Körper wird hellhörig. Er will mehr. Viel, viel mehr. Viel mehr, als ich bereit war, ihm zu geben. „Es bleibt bei einem.“ Verzweifelt klammere ich mich an diese Worte. „Es bleibt bei einem.“ Ein Eis und dann war es das. Das Verlangen jedoch wird größer. Was mit einer Kugel Vanilleeis anfing, endet damit, dass ich mich träge auf dem Sofa wälze. Wimmernd vor Schmerzen, die mir so unangenehm gegen die Magenwand drücken. Ich habe die Kontrolle verloren. Schon wieder. 

 

Kontrollverlust

…und der Selbsthass danach

Ich glaube, heute teile ich wohl eine der persönlichsten Momente, die ich in meiner Essstörung je durchlebt habe. Die Momente, für die ich mitunter das meiste Schamepfinden verspüre: Essattacken und der totale Kontrollverlust. 

Hand aufs Herz. Wie sieht das Bild einer klassischen Magersüchtigen aus? Womit assoziiert ihr die Krankheit? Mit eiserner Disziplin, Sport- und Bewegungsdrang und dem restriktiven Verhalten, permanent zu hungern? Falsch! Ich habe euch schon einmal die Subtypen von Magersucht vorgestellt. Fest steht: Insgesamt gibt es zwei verschiedene Typen von Magersucht. Den restriktiven Typus, somit das klassische Bild einer magersüchtigen Person und den Typus Binge/Purge. Die Wahrheit: Nur ein geringfügiger Prozentteil aller an Magersucht erkrankten Personen ist restriktiv. Die meisten leiden unter dem Subtypus Binge/Purge.

 

So auch ich!

 

Ich habe oft beiläufig erwähnt, dass ich im Laufe meiner Krankheit gelegentlich Essattacken hatte. Jedoch bin ich nie näher darauf eingegangen. Warum? Weil ich mich so sehr dafür geschämt habe und mich immer noch dafür schäme. Weil ich es nie ertragen konnte, nicht rein restriktiv zu sein. Restriktiv war ich am Anfang meiner Krankheit. Doch irgendwann konnte ich diese eiserne Disziplin nicht mehr aufrecht erhalten. Ich verfiel in den Typ Binge/Purge. Obwohl ich sehr selten Essattacken hatte, waren sie trotzdem da. Immer wieder kam es im Laufe dieser Krankheit zu hässlichen Fressanfällen, die für mich persönlich eine größere Qual darstellten, als der Hunger, den ich irgendwann eigentlich gar nicht mehr als Qual empfand. Während einer Essattacke gab ich meine Kontrolle auf. Genau das Attribut, was einer anorektischen Person am wichtigsten ist. KONTROLLE.

 

Essattacken in der Magersucht?

Warum kommt es dazu?

Lange Zeit hatte ich nicht den Mut, über diese Phasen meiner Essstörung zu sprechen. Das Warum habe ich anfangs erklärt. Doch nicht nur die Scham spielt eine Rolle, sondern auch große Schuldgefühle. Gestern jedoch habe ich mir Klaras Podcast angehört, in welchem sie von Binge Eating spricht. Auch Kerstin hat gestern in ihrer Instagramstory das Thema angesprochen. Zwei starke Frauen, die ich persönlich bewundernswert finde. Es ist auch wirklich eine starke Sache offen und ehrlich Binge Phasen zuzugeben.

Auch wenn Binge Eating Disorder für mich nichts neues ist, ich habe mich deswegen so sehr geschämt, weil ich immer folgenden Gedanken im Kopf hatte: „Als Anorektiker DARFST du KEINE Essattacken haben!“ – darum habe ich die Krankheit nie einsehen können. Heute weiß ich: Essattacken sind keine Schande. Im Grunde genommen war es eine natürliche Reaktion meines Körpers, denn: ER WOLLTE NUR ÜBERLEBEN!

Seit Urzeiten an haben wir Menschen Instinkte. Wie der Name schon verrät, hat das nichts mit unserem Verstand, rein gar nichts mit unserem rationalen Denken zu tun. Unsere Instinkte bringen uns zu Handlungen, über die wir nicht nachdenken. Instinkte werden sozusagen von unserem Körper gesteuert, nicht von unserem rationalen Individuum. Selbst eine Magersucht ist bei den meisten Betroffenen nicht stark genug, um menschliche Instinkte zu zerstören. Natürlich haben nicht alle Betroffenen Essattacken. Warum die einen sie bekommen und die anderen nicht, kann ich nicht wirklich beantworten. Doch Fakt ist: Kommt es zu Essattacken in einer Magersucht, will der Körper sein Überleben sichern. Er ist verzweifelt und hat Angst, zu sterben.

Ich habe teilweise in extremen Kaloriendefiziten gelebt. Ausgehend von der empfohlenen Tagesmenge von ca. 2.000 Kalorien, hatte ich nach einer Woche oft ein Kaloriendefizit zwischen 7.000 bis 10.000 Kalorien. Summiert man das auf drei Wochen (so lange lagen die Essattacken meistens auseinander) kommt man auf unglaubliche 21.000 bis 30.000 Kalorien. Es wundert mich ehrlich gesagt, dass mein Gehirn nicht öfters ausgeschaltet und meinen Instinkten die Kontrolle übergeben hat.

 

Trotz Essattacken

Die Diagnose Magersucht ändert sich nicht

Essstörungen sind ein komplexes Thema. Laut DSM5 oder ICD-10 müssen diverse Kriterien erfüllt werden, um die jeweilige Diagnose zu erhalten. Davon gibt es Grundvoraussetzungen, die erfüllt werden müssen, sowie verschiedene Symptome aus einer ganzen Symptomliste, die auftreten können. Bei niemanden verläuft eine Essstörung exakt gleich. Dass meine Binge Phasen charakteristisch für eine Magersucht sein können, habe ich erst in meinem Studium begriffen, als ich die Vorlesung „Klinische Psychologie“ besucht habe. Erst da wurde mir bewusst, dass ich trotz Binge Phasen wirklich diese Krankheit hatte und sich meine Diagnose dadurch nie verändert hat.

Zwischen den Essstörungsarten Anorexia Nervosa und Bulimia Nervosa gibt es oftmals nur schmale Unterschiede. Ein Beispiel: Nur weil man gelegentlich in der Magersucht erbricht, ist es keine Bulimie. Darum hatte ich trotz Essattacken nie Bulimie. Es gab zwar Momente, an welchen ich erbrochen habe, aber nicht indem ich mir ganz klassisch den Finger in den Hals gesteckt habe, sondern weil ich so voll war, dass es von selbst ging. Außerdem war die Frequenz meiner Essattacken viel zu selten für eine Bulimie (mind. dreimal die Woche). Zum Glück. Mit meiner Anorexie kam ich zumindest psychisch gut zurecht (ich weiß, ich habe es mir nur eingeredet), aber Bulimie hätte mich wahrscheinlich merklich zerstört.

Die nicht sehr hoch frequentierten Essattacken waren der reinste Albtraum für mich. Ein wahrgewordener Horror. Eine Qual. Wenn ich mir vorstelle, ich hätte diesen Horror mehrmals in der Woche durchleben müssen, wird mir ganz anders. Ich glaube, es hätte mich wesentlich schneller zugrunde gerichtet, als die Anorexie.  

 

Kontrollverlust & der Selbsthass danach

 

Wie fühlt sich eine Essattacke an?

Es ist schwer zu beschreiben, wie sich eine Essattacke anfühlt. Bei mir hat es immer so begonnen, dass ich mir gedacht habe: „Ach ein Eis/Kuchen etc. wird mich nicht gleich dick machen.“ Ich habe dann einfach etwas davon gegessen und dann ist es ausgeartet. Sobald meine Zunge etwas geschmeckt hat, was ich mir sonst immer verboten habe, kam es zu einem totalen Kontrollverlust und ich konnte nicht mehr damit aufhören, bis ich mir irgendwann gedacht habe: „Jetzt ist es auch schon egal.“ Manchmal kamen mir schon während dem Bingen die Tränen vor Verzweiflung, weil ich es stoppen wollte, aber nicht konnte. Ich konnte einfach nicht und habe so lange weitergemacht, bis ich nichts kauen konnte. Und bis es zu diesem Zeitpunkt kam, war ich zuvor schon längst satt.

Ich konnte das Essen nicht wirklich genießen. Man isst einfach. Man isst, isst und isst. Am Anfang noch die Dinge, die man vom Geschmack her mag, danach alles, was verfügbar ist. Und ja, ich habe in diesen Momenten auch Salami, Schinken, Spaghetti Bolognese und Chickenwraps von McDonalds gegessen, obwohl ich sonst kein Fleisch esse. Das heißt, man wirft nicht nur seine Kontrolle über Board, sondern auch seine ethischen Werte, die man vertritt. Ich habe sogar eine Veganerin kennengelernt, die in ihren Binge Phasen ebenso tierische Produkte konsumiert hat.

 

Es wird dir egal. Du isst einfach!

 

Ich habe zu Schokolade gegriffen, obwohl ich sie nicht sonderlich mag, habe Marillenkrapfen verschlungen, obwohl ich Marillenmarmelade hasse – Hauptsache ungesund, fettig und/oder extrem süß. Du willst einfach nur essen. Und ich habe sogar -und dafür schäme ich mich wohl am meisten- meinem Neffen damals den Babyfruchtbrei, die Babykekse und später seine Kinderschokolade und Smarties-Joghurts weggefuttert.

Ich habe diese ganze Esserei nur in Trance erlebt. Je satter ich wurde, umso mehr bekam ich es nicht mehr mit, was ich alles aß. Der erste Essanfall hielt sich noch im Rahmen, doch auch wenn sich die Frequenz ihres Auftretens nie wirklich änderte, so änderte sich doch die Intensität. Das heißt, es wurde immer mehr und mehr. Meistens erreichte ich zwischen 6.000 – 7.000 Kalorien, doch aufgrund dieser tranceartigen Zustände kann ich es nicht konkret sagen, wie viel es wirklich war.

 

Wie fühlt sich das danach an?

Ich glaube, es gibt kein schlimmeres Gefühl, als das danach. Neben Schuldgefühlen und Scham habe ich einen extremen Ekel vor mir selbst entwickelt. Einen riesengroßen Selbsthass. Ich konnte mich im Spiegel nicht mehr ansehen. Mein Bauch spannte, war aufgebläht und ich fühlte mich so widerlich. Widerlich und leer. So leer, dass ich danach oft nicht mehr weinen konnte. Am Tag danach konnte ich kaum aus dem Bett. Ich konnte nur schlafen, schlafen, schlafen. Dadurch habe ich viele Uni-Vorlesungen versäumt. Niemand sollte mich sehen. Es war unmöglich, anderen Menschen unter die Augen zu treten. Ich konnte mich am nächsten Tag nicht mal duschen, weil ich mich selbst nicht einmal nackt sehen konnte. Ich habe mich so sehr vor mir selbst geekelt, mich dann später zu extremen Hochleistungssport gezwungen. Man mag meinen, dass man danach wieder genug Energie hat, aber das war nicht der Fall. Man fühlt sich schwach und träge, so als hätte man einen Kater vom Essen.

Am darauffolgenden Tag konnte ich meistens auch gar nichts essen, bis am zweiten Tag wieder die ganze anorektische Hungerei von vorne losging. So lange, bis mein Verstand irgendwann wieder aussetzte und alles von vorne begann. Erst in der Klinik kam ich von diesen Essanfällen los, doch in den Rückfällen passierte es wieder.

 

Wie werde ich Essattacken los?

Ich bin bestimmt noch nicht so weit, um Tipps gegen Essattacken geben zu können. Dass wir unserem Körper alle Makros und genügend Kalorien, sowie ausreichend Mikronährstoffe zuführen müssen, ist uns allen bekannt. Mehr kann ich euch in der Hinsicht noch nicht mit auf den Weg geben. Aber hört unbedingt mal bei Klaras Podcast rein oder schaut euch das Video von Natacha Ocean an. Zwei inspirierende Frauen, die selbst mit Essattacken Erfahrungen gemacht haben und für sich einen Weg gefunden haben, damit umzugehen.

 


 

Pictures via  Unsplash

 

Ein Tag ohne Kalorien-Tracking: Mein Resümee

Auf Instagram teile ich die positiven Fortschritte meiner Recovery. Aber und das möchte ich nicht verschweigen: Der Weg ist hart. Nach wie vor esse ich regelmäßig und ich lasse euch daran teilhaben. Ich teile mein Essen in meinen Instagramstories und versuche, so viele positive Vibes wie möglich zu verteilen. Das tut nicht nur gut, sondern ist auch hilfreich für mich. Ich möchte meine Recovery nicht unter sozialem Druck machen, trotzdem spornt es mich an, die Sache ernstzunehmen. Nicht zuletzt, weil ich zeigen möchte, dass man auch nach so langer Zeit aus einer Essstörung finden kann. Nur möchte ich das nicht vorwiegend anderen Menschen beweisen, sondern besonders mir selbst.

Trotzdem: Ich hätte mir nie gedacht, dass die Recovery so hart werden würde. Mir ist bewusst, dass sie gerade deswegen so hart ist, weil ich sie ernst nehme. Immer noch möchte ich aus der Essstörung finden, denn für mich ist es erstrebenswert, endlich ein normales Leben zu führen. Nur gibt es auch Momente, an denen ich an meine Grenzen gehe.

Besonders in den letzten Tagen habe ich gemerkt, dass meine Recovery nicht ganz so in die Richtung geht, wie ich es mir vorgestellt habe. Teilweise gab es wieder richtig große Probleme mit dem Essen. Glücklich bin ich jedoch über die Tatsache, dass ich mein Freaky Eating Habit nicht wieder präsenter werden ließ und mich nicht flüssig ernährte. Trotzdem schrumpften die Kalorien. Viele Mahlzeiten waren mehr gemüselastig. Darum kann ich nicht davon sprechen, dass ich wirklich genügend Nährstoffe aufgenommen habe, die mein Körper wirklich braucht, um zu funktionieren.

Das hat sich natürlich negativ auf mich ausgewirkt. Ich war die letzten Tage sehr müde, streichfähig, hatte kaum Energie und mir ging es physisch nicht sonderlich gut. Es ist nicht besonders angenehm, sich so durch den Tag zu schleppen und ständig einzuschlafen, darum wusste ich, dass ich mein Kaloriendefizit unbedingt ausgleichen musste.

 

Ein Tag ohne Kalorien-Tracking

 

Kaloriendefizite auffüllen mit Cheat Days?

Warum ich darüber nachgedacht habe und es trotzdem bleiben ließ

Auch wenn es schwer war: Ich wusste, ich musste meine Mahlzeiten anders konzipieren, um endlich meine Energieakkus aufzufüllen. Mit Obst, Gemüse und Magertopfen würde ich nicht weit kommen. Und ich wusste auch, dass ich mindestens auf 2.000 Kalorien kommen musste, wenn nicht mehr, um meine Kraftreserven aufzufüllen. Darum spielte ich lange Zeit mit dem Gedanken, einen Cheat Day einzulegen. Ich habe mich viel darüber informiert und einige Menschen in den Sozialen Netzwerken sowie auf YouTube gefunden, die auch mit Essstörungen zu kämpfen hatten und in Clean Eating + Cheat Days den Weg gefunden haben, aus ihrer Essstörung herauszukommen.

Wenn es für sie funktioniert, super, ABER um ehrlich zu sein, sehe ich in Cheat Days nicht den geeigneten Weg, ein normales Essverhalten aufzubauen. Einerseits schreckt mich das Wort Cheat ab. Cheat bedeutet Betrug. Weder will ich mich selbst betrügen, noch etwas machen, was so eine negative Konnotation in mir auslöst. Außerdem sträubt sich etwas in mir, Clean Eating + Cheat Days als normale Ernährungsform anzuerkennen.

Ich wünsche mir ein ganz anderes Ernährungsverhalten. Ich möchte gerne normal essen, wobei es heutzutage schon schwierig ist, herauszufinden, was wirklich normal ist. Für mich bedeutet das allerdings: Gesunde, ausgewogene Ernährung und sich auch mal etwas gönnen zu dürfen, wenn einem danach ist, ohne es in Fressattacken ausarten zu lassen.

Cheat Days haben für mich immer diesen Fressattacken-Charakter. Es würde mich zu stark an meine schlimmste Anorexiephase erinnern, in der ich durchaus richtig wilde Essattacken hatte. Danach ging es mir sehr schlecht. Ich glaube, es wäre nach einem Cheat Day nicht anders. Ich möchte niemanden verurteilen, der in Clean Eating + Cheat Days die Ernährungsform gefunden hat, die für ihn funktioniert. Nach wie vor sehe ich Ernährung als ein persönliches Thema an. Jeder muss wissen, was für einem selbst das richtige ist und womit er sich wohl fühlt.

 

Ein Tag ohne Kalorien-Tracking

 

Der nächste Schritt: Ein No-Calorie-Tracking-Day

Wie mein Tag ohne Kalorien-Tracking verlaufen ist

Ob mich das Kalorientracken davon abhält, größere Portionen zu essen oder mir auch mal etwas nicht so Gesundes für den Körper, aber etwas Gesundes für die Seele zu gönnen, weiß ich nicht wirklich. Es spielt bestimmt eine Rolle, wobei es natürlich auch irgendwann der Schlüssel sein kann, mir etwas mehr zu gönnen, wenn ich die Kalorien im Überblick habe. Ich möchte darüber Bescheid wissen, was ich meinem Körper zuführe. Trotzdem entschied ich mich bewusst dafür, das Kalorien-Tracking für einen Tag bleiben zu lassen. Quasi als Experiment.

Selbstverständlich machte ich mir die Tage zuvor einige Gedanken darüber. Wird mein Vorhaben glücken? Plan war es, intuitiv aber gesund zu essen und mir an dem Tag auch etwas zu gönnen. Für die Zukunft ist es natürlich nicht mein Hauptziel, meine Ernährung strukturiert durchzuplanen. Was Essen betrifft, möchte ich in der Lage sein, spontaner zu sein. Aber es ist wie immer ein Anfang.

Wichtig war an diesem Tag auch die Unterstützung von Menschen, denen ich vertraue. Ja, meine größte Angst war tatsächlich eine Essattacke, da ich doch eine sehr lange Zeit nun in einem Kaloriendefizit lebe und sich der Körper erst recht dann alles zurückholt, wenn er etwas bekommt, was er sonst nie bekommt. Ich kenne es aus Erfahrung, dass die ganze Geschichte dann erst recht ausartet.

Der Tag hat in der Tat ganz gut funktioniert. Die Portionsgrößen zu allen drei Mahlzeiten waren tatsächlich größer, als sonst. Schon mit viel Gemüse, aber Gemüse machte nie den Hauptbestandteil aus. Es waren die normalen Fives a Day. Es gab mehr komplexe Kohlenhydrate als sonst, ich habe in Öl gebraten, was ich schon lange nicht mehr getan habe, Kürbiskernöl für meinen Salat verwendet, anstatt fettreduzierten Joghurt und Halloumi zu Mittag gegessen. Außerdem gab es Snacks, obwohl ich sonst nie snacke. Und diese Snacks waren keine Selleriestangen, sondern Eis und Schokolade.

Der Tag endete damit, dass er sich zu keinem Fressanfall entwickelte. Aber es war, um nun ganz ehrlich zu sein, nicht einfach. Wenn ich Zucker schmecke, entsteht in mir oft automatisch das Verlangen nach Mehr und die Gefahr eines Kontrollverlustes. Doch da ich an diesem Tag immer auf irgendeine Art und Weise abgelenkt war, konnte ich gut damit umgehen. Auch mit den Schuldgefühlen, die ich noch nicht abstellen kann. Zwar war ich am Ende des Tages sehr aufgebläht, aber auch energiegeladener, als sonst. Das hat mir gezeigt, dass es tatsächlich noch an den Portionsgrößen hapert und meine verringerte Kraft daraus resultiert, dass ich noch nicht genügend wichtige Nährstoffe zu mir nehme, die mein Körper braucht.

 

Ein Tag ohne Kalorien-Tracking

 

Mein Fazit aus meinem No-Calorie-Tracking Day

Und warum es sich lohnt, auf seinen Körper zu hören

Mir hat der Tag gezeigt, dass das genau die Art und Weise von Ernährung ist, auf die ich hinziele und die ich langfristig erreichen möchte. Natürlich möchte ich nicht jeden Tag Schokolade oder Eis snacken und fettreiche Speisen wie Halloumi zu Mittag essen, aber wenn man sich solche Seelenfreunde ab und an gönnt, passiert im Grunde genommen nichts. Für mich ist es immer wieder eine Lernerfahrung, dass man mit normalen Portionen oder gelegentlichen Snacks nicht dick wird. Vor allem, wenn man in seinen Alltag viel Bewegung integriert und auch regelmäßig Sport treibt. Innerlich weiß ich diese ganzen Dinge natürlich, aber oftmals fällt es mir schwer, es auch anzuerkennen oder einzusehen.

Aber es tut gut, seinen Intuitionen zu folgen. Es tut gut, seine Ängste zu überwinden, weil es Ängste vor Dingen sind, vor denen man in Wahrheit nicht Angst haben muss. Mehr auf meinen Körper zu hören, ihn wirklich zu sättigen sind Dinge, die lebensnotwendig sind und die auch eine große Rolle für die persönliche Lebensqualität spielen. Fürs Erste sind solche No-Calorie-Tracking Days ein guter Anfang. Ich möchte weiterhin solche Tage einlegen, um auf diesem Wege zu einem No-Calorie-Tracking-Life zu gelangen. Inzwischen habe ich schon einen zweiten hinter mir, bzw. ein No-Calorie-Tracking-Abendessen. Der Weg bleibt nach wie vor lange und steinig, aber ich bin ebenso bereit, ihn weiterzugehen.

 

Ein Tag ohne Kalorien-Tracking Ein Tag ohne Kalorien-Tracking

 

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My Grocery Shopping Desaster

Der Lebensmitteleinkauf war nie ein großes Problem für mich. Als ich mich noch ausschließlich von H-Milch und Sojamilch „ernährte“; mir dazwischen ein paar zuckerfreie Energy Drinks und Cola light hinunterschüttete; Kaugummi lange Zeit das Einzige war, was ich hinter die Beißer bekam, war der Lebensmitteleinkauf schnell erledigt. Zwischendurch nutzte ich die Gelegenheit und prüfte, welche Neuheiten es im Sortiment gibt. Hat Ben & Jerry’s eine hypeverdächtige neue Sorte rausgebracht? Wie ist das aktuelle Angebot an Diätlebensmittel? Kommt das vegane Sortiment mit dem Fortschritt voran?

Manchmal war ich neugierig; überprüfte neurotisch die Kalorien, aber gekauft habe ich, außer meine gewohnten Sachen, nichts. Hin und wieder stellte ich mir an der Kassa die Frage, ob ich den Kassiererinnen bereits auffällig geworden bin. „Hey, das ist ja die mit der H-Milch.“ Machten sie sich Gedanken dazu? Ich versuchte, immer zu einer anderen zu gehen. Manchmal war ich peinlich berührt; manchmal ließ es mich kalt. Ich fühlte mich ein bisschen wie die weibliche Version von James Bond auf einer geheimen Mission.

Auch in den ersten beiden Episoden meiner Anorexie liebte ich es, mich in sämtlichen Supermärkten aufzuhalten. Für mich diente es zur Information, aber auch zur Beruhigung. Eine wahre Oase der Entspannung. Zwischen all den Lebensmitteln, die ich damals nur in Kalorien, Kohlehydrate, Zucker und Fett eingeteilt hatte, fühlte ich mich Zuhause. Gut aufgehoben und irgendwie auch geborgen. Ich aß mich quasi an den Lebensmitteln satt, indem ich sie nur anstarrte und unter die Lupe nahm. Für „Normalsterbliche“ muss das banal klingen; für mich irgendwie auch, wenn ich darüber nachdenke. Doch es war eine Obsession. Quasi eine Zwangsneurose in der Sucht. Mit Argusaugen hielt ich Ausschau nach neuen kalorienärmeren Alternativen; studierte eine Nährwerttabelle nach der anderen, nur um dann wieder alles zurückzulegen und mir meine gewohnte Ration Magertopfen zu holen.

 

Ich verbrachte Stunden in Supermärkten.

 

Immerhin -und das muss ich mir auf eine seltsam bizarre Art und Weise lobend eingestehen- habe ich feste Nahrung gegessen. Das Wort „lobend“ klingt hier genauso banal, wie der Mythos, Fett würde dick machen. Dennoch -und das sage ich nun aus einer retrospektiven Perspektive- war ich damals fortschrittlicher gesinnt, als ich es jetzt lange Zeit war.

Nun stehe ich wieder am Anfang. Auf der Suche nach der richtigen Richtung in ein gesünderes Leben ist es unumgänglich, mich mit dem Lebensmitteleinkauf auseinanderzusetzen. Als ich mich dazu entschlossen habe, meine Ernährung in die richtigen Bahnen zu lenken, freute ich mich sogar darauf, wieder wie ein „normaler“ Mensch einkaufen zu gehen.

Der erste Einkauf lief problemlos. Gewappnet mit einer Einkaufsliste mit vorerst „sicheren“ Lebensmittel, die mir trotzdem genügend Nährstoffe geben würden, machte ich mich auf ins fröhliche Shoppinggetümmel. Doch mit dem zweiten und dritten Einkauf wurde die Sache plötzlich schwieriger. Auf unerklärliche Weise fühlte ich mich unwohl zwischen all den Lebensmitteln, die mir zu einer gesünderen Lebenseinstellung verhelfen sollen. Es begann mit leichteren Unbehaglichkeitsgefühlen, gemischt mit einer Unsicherheit, wie ich sie noch nie zuvor erlebt hatte. Von Mal zu Mal dauerten die Einkäufe länger – bis es zu meinem letzten Lebensmitteleinkauf kam. Und dieser hatte es in sich.

 

 

Planlos im Supermarkt

Zwei Stunden gefangen im Labyrinth der Kalorien

Ich schäme mich fast, es hier zu offenbaren, aber mein letzter Lebensmitteleinkauf hat fast zwei Stunden gedauert. Klingt erstmal nicht ungewöhnlich, ABER: Es war weder ein Groß-, noch ein Wocheneinkauf. Oder irgendwie schon, habe ich mir doch anfangs brav einige Vorräte angehäuft, die immer griffbereit im Vorratsschrank stehen, damit ich nicht einmal in die bittersüße Versuchung des Hungers komme. Trotzdem betrug die Endsumme mickrige zehn Euro. Von großen Sprüngen und vollen Einkaufswägen kann man somit nicht sprechen.

Schon bei den letzten Einkäufen fühlte ich mich leicht überfordert, brachte es jedoch noch zustande, einen klaren Kopf zu behalten. Ich weiß nicht, welche chemische Reaktion plötzlich in meinem Kopf ausgelöst wurde oder ob die anorektische Stimme in mir wieder zum Vorschein gekommen ist. Meine Synapsen haben sich bei diesem Einkauf grob verschalten. Da gab es keine rationale Lisa mehr, sondern ein hilfloses kleines Kind, das vor dem Süßigkeitenregal stand und überlegte, welche eine Süßigkeit es nehmen soll, die Mama erlaubt hat. Nur dass die Süßigkeiten bei mir Magerjoghurt war.

 

Wenn alte Verbote wieder aufleben

Ein plötzlicher Throwback zu meiner Verbotsliste

Es begann beim Regal des veganen und vegetarischen Sortiments. Wie automatisiert studierte ich die Nährwerttabelle. Etwas, das in mir einprogrammiert ist, wie sonstige genetisch bedingte oder angeeignete Verhaltensweisen. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, meine Lebensmittel nur noch nach dem Proteingehalt zu überprüfen. Nachdem ich eine enorme Masse an Muskeln einbüßen musste, wollte ich für den Anfang auf eine High Protein Ernährung setzen, Kohlehydrate und Fette jedoch nicht meiden. Der Fokus lag jedoch auf Proteinen. Irgendwie wollte es mir noch nicht so ganz gelingen, genügend davon zu mir zu nehmen.

Wie in Trance blieb ich dann doch bei den Kalorien hängen. Und bei den Fetten. Und beim Zucker. Über 100 Kilokalorien bei 100 g? Meine alte Verbotsliste aus schweren anorektischen Tagen ploppte in meinem inneren Auge auf. Diese imaginäre Liste stürzte mich ins Grübeln. Soll ich oder soll ich nicht? Der Proteingehalt stimmte, die Kalorien weniger. Zwischendurch überlegte ich mir, wie ich es am Vortag schaffte, spontan die Baby Bells zu kaufen, als ich mir nur mal schnell was zu trinken holen wollte. Wie konnte ich mich nur innerhalb von 24 Stunden so gravierend ändern?

 

Grocery Shopping Desaster

 

Es gibt keine verbotenen Lebensmittel mehr

Wenn man seinen eigenen Schwur nicht brechen möchte

Ich nahm die Produkte immer wieder in die Hand. Legte sie zurück. Nahm sie wieder in die Hand und entschied mich, sie ins Einkaufskörbchen zu legen. Ich ging weiter. Irrte von Regal zu Regal. Überlegte, durchdachte, ging wieder zurück. Überlegte nochmal, legte wieder zurück. Ein Gefühl von Panik überkam mich. Die Luft wurde mir zugeschnürt.

Es klingt wie die Übertreibung des Jahrhunderts, war es doch nur ein simpler Lebensmitteleinkauf. Jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, wird mir klar, wie verrückt sich das alles für euch anhören muss. Ich muss sogar ein bisschen über mich selbst schmunzeln. Gleichzeitig treibt es mir auch die Schamröte ins Gesicht. Aber -und das muss ich dazu sagen- diese Dinge steuere nicht ich. Diese Dinge steuert die Unsicherheit, die eine Essstörung in mir ausgelöst hat. Ich bin deswegen nicht verrückt, auch wenn es sich so anhört. Es ist ein typisches Symptom dieser Krankheit und gehört dazu, wie der Schnupfen zur Grippe.

Irgendwann -und da war ich schon eine ganze Weile im Supermarkt- wurden meine Gedanken klarer, nachdem ich zum x-ten Mal in der Nudelabteilung stand und mich mit Low-Carb-Pasta beschäftigte.

 

„Was mache ich da?“

 

Grimmig legte ich die Low-Carb-Pasta ins Regal, stapfte trotzig zum veganen Sortiment und nahm mir endlich das pflanzliche Schnitzel, das zuvor „viel zu viele“ Kalorien hatte; auf das ich aber, um ehrlich zu sein, wirklich Lust hatte. Ich habe mir fest vorgenommen, meine Ernährung zu ändern, blogge am Vortag noch fröhlich darüber und dann zittere ich wegen einem veganen Schnitzel, das pro 100 g mehr als 100 Kilokalorien hat? Nein, Lisa, so fangen wir gar nicht erst an. Werde endlich zu dem Vorbild, das du im Kampf gegen Anorexie sein willst. Zeig den Leuten, dass es möglich ist, wieder in ein normaleres Leben zurückzufinden. Zeig, dass es möglich ist, wieder den Genuss zu finden und zu empfinden. Du hast es doch immer wieder geschafft. Zwar bis jetzt noch nicht dauerhaft, aber geschafft ist geschafft.

Schnell sammelte ich meine gesunden Lebensmittel zusammen, traute mich sogar, Mandeln zu nehmen und marschierte mit eisernem Willen an die Kassa. Erst im Auto wurde mir bewusst, wie viel unnötige Zeit und Energie ich mit diesem Einkauf verplempert habe. Ich ärgerte mich über mich selbst. War eher wütend auf mich, als traurig. Dieses Desaster war ein massiver Rückschritt. Es trieb mir die Tränen in die Augen. Ich weiß nicht, ob es vor Zorn oder Enttäuschung war.

Fest steht jedoch, dass ich noch ein ganzes Stückchen Arbeit vor mir habe. Aber ich habe Mut geschöpft und gelernt, dass es mit Unterstützung besser funktioniert. Gehe ich mit Freunden oder meiner Familie einkaufen, bleibt nicht viel Zeit zum herumdrucksen oder nachdenken. Zumindest habe ich mir in solchen Situationen bereits bewiesen, dass der Lebensmitteleinkauf doch nicht in einen Hindernisparcours zwischen Kalorien und Nährwerttabellen ausarten muss. 

 

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Wie gehe ich mit Rückschläge um?

 

Rückschläge gehören zu einer Anorexie Recovery genauso dazu, wie das vorherige Hungern in der akuten Krankheitsphase. Eine Therapie gegen Magersucht ist kein Spaziergang und bestimmt härter, als die Krankheit selbst. Es kann nicht immer nur vorwärts gehen, doch kein Schritt in Richtung gesunde Zukunft ist ein Schritt zurück. Auch wenn der Weg einmal steinig wird.

 

Rückschläge in der Therapie

Warum sie zur Heilung dazugehören

Ich finde Rückschläge sehr wichtig. Klar, sie schmerzen und sind bestimmt nicht angenehm, aber sie sind Wendepunkte im Leben, an denen wir viel dazulernen können. Manchmal brauchen wir sie sogar, um UNS besser kennenzulernen. Doch ein Rückschlag sollte kein Grund sein, um aufzugeben! Wenn ich meine Rückschläge während der Therapie an den Fingern zusammenzählen müsste, bräuchte ich mehr als nur zwei Hände. Mal stimmte das Gewicht nicht, egal ob ich zugenommen oder sogar abgenommen habe. Als nächstes war ich deprimiert, weil der BMI immer noch unter 17 lag und ich schon wieder nicht zur Sporttherapie zugelassen wurde. Das Sahnehäubchen war immer dieser eklige Kaloriendrink, den ich zu mir nehmen musste, wenn ich mehr als 100 g in der Woche abgenommen hatte.

Rückschläge sind doof, aber da, um sie zu bewältigen, schließlich habe ich es trotzdem geschafft. Das liegt daran, weil ich gelernt habe, diese Rückschläge zu reflektieren und dementsprechend danach besser damit umgehen konnte. Selbstverständlich geht das nicht ganz ohne Masterplan. Und der ist gar nicht so knifflig, wie man vielleicht denken mag.

 

 

Tipp Nummer 1: Rede mit Vertrauenspersonen oder Menschen, die dich verstehen

Wenn du dich gerade in einer stationären Therapie befindest, vereinbare ein Einzelgespräch mit deiner Therapeutin oder deinem Therapeuten. Für mich war das anfangs gar nicht so leicht, denn ich habe bereits verraten, dass mir in der Klinik nie jemand gesagt hat, dass ich die Möglichkeit zu solchen Einzelgesprächen hätte. Diese Möglichkeiten sind aber immer da, selbst wenn dir das am Anfang niemand mitgeteilt hat. Denk einmal genauer darüber nach: Wozu ist deine Therapeutin sonst da? Ich wusste erst gegen Ende meiner Therapie von dieser Möglichkeit, habe sie dann aber ein paar Mal in Anspruch genommen. Glaub mir: Mit deiner Therapeutin oder deinem Therapeuten kannst du über die banalsten Dinge sprechen. Es herrscht Schweigepflicht, also dringen deine Probleme nie nach außen hindurch.

Ansonsten gibt es auch noch die Gruppentherapie. Hattest du einen Rückschlag, sag es. Keiner in der Gruppe wird dich schief anschauen. Im Gegenteil: Nirgendwo sonst herrscht so viel Verständnis, wie hier. Ich weiß, reden ist kein Nonplusultratipp, aber es hilft ungemein, denn so stößt man auf Verständnis und man merkt dadurch selbst, dass der Rückschlag halb so schlimm ist, wie zuvor angenommen. Wichtig ist nur, dass du mit einer Person sprichst, der du vertraust und die dir das Verständnis gegenüber bringt, welches notwendig ist, um mit der Sache besser umzugehen. Wenn du keine Vertrauensperson hast, dann hast du immer noch die Möglichkeit, zu einer Psychologin zu gehen! Nutz es, denn es bringt sich nichts, Sorgen in sich hineinzufressen.

 

Tipp Nummer 2: Setze dich bewusst mit dem Rückschlag auseinander

Egal, ob du dich ärgerst, weil du in der Woche mehr zugenommen hast, als du verkraften kannst oder ob  dir „einfach“ nur das Mittagessen schwer gefallen ist. Nimm dir die Zeit und reflektiert jeden kleinsten Rückschlag. Frage dich selbst, warum dich die Zunahme so fertig macht oder warum du die verdammten Karotten nicht essen konntest. Manchmal drückt der Schuh ganz woanders, als man anfangs geglaubt hat. Gibt es etwas, das dich gerade belastet? Vielleicht erschwert dir das das Essen. Falls ja: Nimm Abstand von der Belastung. Das geht manchmal leichter als man denkt. Wenn dich eine Person belastet, dann schränke vorerst den Kontakt ein. Es muss nicht für immer sein. Finde die Ursache deiner Belastung. Meistens ist es gar nicht das Essen, sondern etwas ganz anderes.

Vielleicht belastet dich auch gerade eine bestimmte Therapie. Wenn du merkst, die Kunsttherapie tut dir gerade nicht gut, dann sag es der Klinikleitung oder dem Oberarzt. Manchmal lassen die ganz gut mit sich reden und geben dir eine Woche Pause. Nur wenn du die Ursachen kennst, kannst du aktiv etwas dagegen unternehmen.

 

 

Tipp Nummer 3: Tagebuch führen

Schreiben reinigt die Seele. Das wissen wir alle. Nicht umsonst schreiben so viele Menschen Tagebuch – selbst Erwachsene. Halte einfach immer fest, wie es dir geht. Vor allem die guten Tage sind wichtig. Wenn es dir schlecht geht, kannst du die Seiten immer wieder aufschlagen. Notiere jeden kleinsten Erfolg. Du wirst ihn ansonsten schneller vergessen, als du denkst, doch dieser kleine Erfolg ist vielleicht der Schlüssel, um aus dem nächsten Tief wieder herauszukommen. Ich habe während meiner Therapie sogar ein Buch geschrieben und das war wohl meine allergrößte Therapie.

Wichtig: Ignoriere schlechte Tage nicht! Natürlich kannst du an schlechten Tagen die Seiten auslassen, doch das sind vielleicht auch die Tage, an denen das Schreiben noch wichtiger wird, als sonst. Nur: Gebe den Rückschlägen keinen allzu großen Raum. Ich weiß, man kann Gefühlen keine Seitenanzahl vorgeben, doch ich habe immer wieder versucht, mich am Riemen zu reißen und das Problem nicht weiter hochzuschaukeln. Denn ansonsten machst du aus einer Mücke einen Elefanten.

Da ich weiß, dass nicht alle Menschen so ambitioniert sind, ein Tagebuch zu schreiben, habe ich eine extra Empfehlung und JA: Das Buch habe ich auch. Ich bekam es von einer Freundin, nachdem ich eingewiesen wurde. Das Tagebuch für gute und schlechte Tage. Es ist ein Tagebuch zum Ausfüllen und Ankreuzen. Du  kannst in dem Tagebuch sogar zeichnen, z.B.: in einem leeren Gesicht deine Stimmung einzeichnen. Ich habe es geliebt und viele andere Patientinnen haben es sich später auch gekauft.

 

…und dann scheint bald wieder die Sonne

Ich weiß: die Tipps erscheinen sehr simpel und bestimmt hast du mit mehr gerechnet, nicht wahr? Aber sie helfen! Ich hätte auch mit Expertentipps und Therapiemethoden aus der Psychologie ankommen können, denn das theoretische Wissen habe ich. Doch bevor ich mit meinem Fachchinesisch ankomme, teile ich lieber die Dinge, die MIR geholfen haben. Auf diesem Wege möchte ich zeigen, dass es auch einmal simpel sein kann und eine Therapie gegen Magersucht an gewissen Punkten gar nicht so komplex sein muss. Gerade bei Magersucht denken sich viele Menschen, Patienten miteingeschlossen, dass man eine Vielzahl an hochpsychologischen Verfahren durchmachen muss, um sich besser zu fühlen. Vollkommener Quatsch! Nur leider vergisst man in Zeiten der Not oftmals die simplen Dinge und darum sollte man sich diese immer wieder ins Gedächtnis rufen!

 

Bilder via unsplash 

 

Weihnachten mit Anorexia Nervosa

 

Weihnachten – die schönste Zeit im Jahr. Überall duftet es herrlich nach Zimt, Vanille und Lebkuchen. Glühweintrinken am Weihnachtsmarkt wird zum absoluten MUSS! Es ist die Zeit der Leckereien und Kalorienbomben. Die Zeit, in der auch mal mehr geschlemmt werden darf. Ganz ohne Gewissensbisse. Doch wenn man unter einer Essstörung leidet, kann man diese zu der Advents- und Weihnachtszeit genauso wenig abstellen, wie unter dem Jahr. Die Krankheit existiert weiterhin und wird bei dem Überangebot an Lebkuchen, Spekulatius und Zimtsternen in der Weihnachtszeit zum absoluten Horror.

 

Weihnachten – die schlimmste Zeit im Jahr

Über Anorexie in der Adventszeit

Weihnachten ist nicht für jeden Menschen eine schöne, besinnliche Zeit. Mal abgesehen von dem ganzen Stress, müssen viele Menschen ihr Weihnachtsfest alleine verbringen oder/und haben kein Dach über dem Kopf, geschweige denn zu essen. Da scheint es mir fast so, als wäre Magersucht oder eine andere Form der Essstörung in der Adventszeit ein Luxusproblem. Aber da ich kein richtiges Problem als Luxus abstemple, schon gar nicht eine Krankheit, auch wenn man selbst dafür mitverantwortlich ist, möchte ich dieses negative Label von Luxusproblem sofort aus diesem Post verbannen. Für mich war es damals ein richtiges Problem. Insgesamt habe ich vier Weihnachtszeiten mit Anorexie hinter mir. Zuletzt im vorigen Jahr. Und es war eine Katastrophe, wobei ich mich im letzten Jahr zum ersten Mal richtig bemüht habe, die Zeit doch zu genießen. Erstmalig in meiner Krankheitsgeschichte. Und gerade das war eine Bestandsprobe, gespickt mit unzähligen Momenten des schlechten Gewissens.

Wir alle wissen, dass es ein schwerer Kampf ist, eine Essstörung auszustehen. Man muss es selbst nicht einmal miterlebt haben, um es zu wissen. Wobei Nichtbetroffene immer ein anderes Bild vor Augen haben und einige meinen, dass man einfach wieder zu essen anfangen müsste. Typisches Label der Anorexie oder einer anderen Essstörung. Da es aber nicht so leicht ist, mit seiner psychischen Krankheit einfach aufzuhören, muss man sich auch der Herausforderung der Weihnachtszeit stellen. Was die Weihnachtszeit für mich so schwierig gemacht hat, war die permanente Konfrontation mit dem Essen. Mit ungesundem Essen. Und diese Konfrontation war so ein negativer Verstärker in meinem durcheinandergewirbelten neurologischen System, sodass ich richtige Angstzustände ausgestanden habe. Mein erstes „anorektisches“ Weihnachtsfest war halbwegs erträglich. Ich machte zu der Zeit viel Sport. Doch die anderen, die, in denen ich zu schwach war, um Sport zu betreiben, waren schlimmer denn je.

 

Gefahrenzeit Weihnachten

Die Weihnachtszeit war für mich insbesondere deswegen eine Gefahrenzeit, weil ich nicht unter dem restriktiven Typus einer Anorexie litt (näheres zu den Subtypen findest du hier), sondern dass ich durchaus auch Zeiten mit Essattacken hatte. Und gerade in der Weihnachtszeit war ich anfällig dafür. Ich glaube, es liegt nicht nur daran, dass zu dieser Zeit kalte Temperaturen herrschen, sondern eher an diesem bereits erwähnten Überangebot an Kalorienbomben. Diese Kalorienbomben waren meistens der Auslösefaktor, dass alles außer Kontrolle geraten ist. Ich habe zwar oft diszipliniert versucht, mein restriktives Programm auch in der Weihnachtszeit durchzuziehen, aber sobald meine Geschmacksknospen mit Zucker in Kontakt gekommen sind, war es aus. Und diese Gefahren lauern in der Weihnachtszeit überall. Manchmal hatte ich das Gefühl, ich würde vor dem Essen flüchten. Sagte Treffen am Weihnachtsmarkt ab, weil ich keinen Glühwein trinken wollte. Sogar der übertrieben gesüßte Tee am Weihnachtsmarkt machte mich wahnsinnig.

Letztes Jahr sagte ich diese Glühweintreffen nicht mehr ab. Ich war oft am Weihnachtsmarkt, aber gleichzeitig fühlte ich mich auch vollkommen außer Kontrolle. Diese verdammten 300 g, die ich im letzten Jahr im Dezember zugenommen hatte, machten mich wahnsinnig. Dabei waren es nur 300 g  – dafür aber viel Gejammer und der Beschluss, dass Glühwein ab sofort tabu für mich sei. Überreden ließ ich mich dann meistens doch immer, weil ich mir einredete, dass diese 300 g eh nur Wasser sind. War es wahrscheinlich auch. Trotzdem – die Waage wurde zu dieser Zeit noch mehr eingesetzt, als sonst. Ich war besessen davon, Buch zu führen, um den Grund für meine „starke Gewichtszunahme“ zu finden. Und immer wieder diese Angst, noch mehr zuzunehmen, die Kontrolle zu verlieren und nicht mehr diszipliniert zu sein. KATASTROPHE!

 

…und dann ist da noch das Weihnachtsfest mit der Familie

Ich kann mich noch daran erinnern, wie viele Diskussionen wir am Weihnachtsabend hatten. Natürlich wollte ich auch an Heilig Abend mein eisernes Programm durchziehen. Nichts essen oder nur meine „erlaubten Nahrungsmittel“. Safe Food ist bekanntlich wenig weihnachtlich. Man versucht sich auch am Weihnachtsabend zu kasteien und das führt oftmals dazu, dass man seine Familie an diesem besinnlichen Familienfest verletzt. Ich finde, keine Familie hat es verdient, dass man auch an Heilig Abend seine Krankheit in den Fokus stellt. Gerade zu dieser Zeit sollten Sorgen einmal beiseite geschoben werden – sofern man die Möglichkeit dazu hat. Und ich habe diese Möglichkeit. Ich habe diese Möglichkeit, dieses Fest mit einer wunderbaren Familie zu feiern. Ich habe ein Dach über den Kopf und zu essen. Dafür sollte man dankbar sein. Zumindest seiner Familie zuliebe. Auch wenn es für einem selbst eine Überwindung bedeutet.

Meine „anorektischen“ Weihnachtsabende haben immer in einer Essattacke geendet. Meistens dann, wenn schon alle im Bett waren. Und für mich war das natürlich nicht schön. Mir kommen jetzt sogar noch die Tränen, wenn ich daran denke. Aber dennoch wusste ich, dass ich zumindest meiner Familie kurzfristig die Sorgen nehmen konnte. Genau in dem Moment, als ich bei ihnen am Tisch saß und genauso gegessen habe, wie sie. Ich glaube, für meine Mama war das zu dieser Zeit immer das Schönste an Weihnachten, auch wenn es für mich der Horror war. Ich wusste, wie das „normale Essen“ enden würde. Aber ich habe es immer in Kauf genommen. Weil ich niemanden traurig machen wollte.

 

Die Weihnachtszeit 2016

Ein Jahr ist mein letztes Weihnachtsfest mit Anorexie nun her. Heuer habe ich diese Problem nicht mehr. Zumindest ist es aktuell verdrängt. Aber ich versuche die Weihnachtszeit heuer extrem zu genießen, das nachzuholen, was ich verpasst habe. Auch wenn das bedeutet, dass meine aktuelle Ernährung creepy ist (der Grund, warum ich aktuell auf weitere Ernährungsupdates verzichte). Aber hey, ich habe im letzten Jahr so viel verpasst und außerdem schreibe ich gerade meine Diplomarbeit und lerne noch für meine letzte Prüfung. Da habe ich mir die Weihnachtskekse wohl verdient! 

 

I’m more than just a number

 

Neulich wurde ich wieder einmal mit meiner Gewichtszunahme konfrontiert. Auf ziemlich unsanfte Art und Weise wurde mir mitgeteilt, dass ich gut zugelegt hätte. Es ist nicht so, dass ich das selbst nicht auch weiß, nur frage ich mich ernsthaft, warum mein Aussehen, mein Körper und meine Gewichtszunahme so derartig im Mittelpunkt stehen. Warum es so viele Menschen interessiert, ob, wenn und wann mein Gewicht nach oben oder unten schwankt. Warum es mir ständig unter die Nase gerieben wird. Es ist nicht so, dass ich mit einer rosaroten Brille auf meiner Nase herumspaziere und alles durch einen tranceartigen Sternenhaufen sehe, aber im Grunde genommen ist es meine Sache, sodass ich mich ernsthaft frage, warum sich manche Menschen tatsächlich die Mühe machen und sich damit befassen. Gibt es ihnen ein Glücksgefühl, mir meine Gewichtszunahme unter die Nase zu reiben und mir zu verdeutlichen, dass ich nicht mehr bin, als eine äußere Hülle? Eine Zahl? Irgendeine Nummer auf einer Digitalwaage? Für mich ist das nur ein reiner Ego-Orgasmus, den man sich mit solchen Kommentaren selbst beschaffen möchte. Sicher ist mir bewusst, dass dieses Thema bei mir oft im Fokus steht, denn ich schreibe nun mal über meine Erfahrungen mit Essstörungen, Anorexie, Gewichtszu- oder Abnahme, aber diese Zahl, die meine physische Existenz misst, sagt nicht viel über den Menschen dahinter aus.

 

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I’m more than just a number

Hört auf, Menschen auf ihr Aussehen, ihren Körper und ihr Gewicht zu reduzieren!

Bestimmt sind einige der Meinung, dass ich keine Berechtigung hätte, mich darüber aufzuregen. Ich sei selbst schuld, würden sie sagen. Ich lenke dieses Thema selbst auf mich, würde ergänzt werden. Ich beschwöre es quasi hinauf. Nicht wahr? Nein, das tue ich nicht! Warum rede ich so offen über meine frühere Magersucht? Warum rede ich immer noch von einer Essstörung? Warum predige ich ständig vor, dass es wichtig ist, seinen Körper zu lieben? Nicht um den Fokus auf mich zu lenken, nicht um Mitleid aus einem Tiefseeteich voller Empathie zu fischen, sondern weil ich anderen helfen möchte. Ich habe sicherlich kein Helfersyndrom. Zugegeben kann ich auch egoistisch sein, aber nur dann, wenn ich es zwangsläufig sein muss. Nicht um anderen Menschen wehzutun. Ich bin kein reiner Ich-Mensch, aber ich bin ein Mensch, der gelernt hat, auch mal auf sich selbst zu schauen. Doch dieses Thema ist eine Herzensangelegenheit für mich. Weil es ein Grundrecht ist. Ein Recht, das jeder besitzt: Sich selbst zu lieben und anzunehmen. Von anderen akzeptiert zu werden, so wie man ist. 

Klar, es hat mir gefallen, als ich vor nicht noch ganz einem Jahr mit Komplimenten zu meiner schönen Figur überhäuft wurde. Als viele Kommentare sich auf mein Aussehen beriefen und ich es deswegen so genossen habe, weil ich daraus Bewunderung gelesen habe. Dabei habe ich selbst nur in einer Illusion gelebt. Wer hört schon gerne, dass man zugenommen hat? Niemand! Ich gebe es zu: Mich verletzt es heute noch, wenn mir das jemand unter die Nase reibt. Nicht, weil ich nicht damit klarkomme. Nicht, weil ich es selbst nicht einsehe, sondern weil mir dadurch ein bisschen Wert und Würde genommen wird. Weil ich reduziert werde. Auf meinen Körper und auf eine unwichtige Zahl. Es ist ein harter Weg, zu mir selbst zu finden, zu der Akzeptanz und Selbstliebe. Dieser Weg wird durch solche Aussagen massiv gestört. Ich bin nicht hier, um zu jammern, aber ich möchte dazu meine Meinung äußern. Es bringt mich zu zittern, wenn ich damit konfrontiert werde und es versetzt mir einen Stich in meinem Herzen. Ich kann niemanden dazu zwingen, diese Kommentare zu unterlassen, denn ich akzeptiere die Meinungsfreiheit. Nur ich kann nicht ganz verstehen, warum man den Fokus immer auf den Körper lenken muss. Blickt doch hinter den Menschen. Jeder hat sein Talent und kann etwas (oder mehrere Dinge) ganz besonders gut. Die Arbeit sollte wertgeschätzt werden, die Leidenschaft, die sich dahinter verbirgt und nicht ein paar Kilo zu viel oder zu wenig. Genauso steht es auch mit der Herkunft. Denn wäre dieses „nette“ Kommentar nicht schon genug, durfte ich mir auch noch anhören, dass mein Akzent seltsam ist und es, ich zitiere: „scheiße ist, sich das anzuhören“. Ich entschuldige mich nicht für das was und wer ich bin. Ich entschuldige mich nicht für meine Herkunft und meine Gewichtszunahme. Ich bin ich. Ich bin mehr als ein Land und ich bin mehr als eine Zahl!

 

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Living withOUT Anorexia (Update)

Vor nicht einmal ganz drei Jahren habe ich euch einen tiefen Einblick in die wohl persönlichste Geschichte meines Lebens gegeben. Ein Thema, mit dem ich lange gehadert habe und ob ich es überhaupt auf irgendeine Weise online stellen sollte. Ich entschied mich damals dafür. Ich kann offen damit umgehen, denn etwas, das für eine sehr lange Zeit meines Lebens ein Teil von mir war, kann man nicht einfach so totschweigen. Außerdem habe ich mir das Ziel gesetzt, dadurch anderen Betroffenen und Angehörigen zu helfen. Das Ziel wäre für mich bereits erreicht gewesen, wenn ich nur einer Person damit geholfen hätte, aber was ich nach dem Post im Oktober 2012 für Resonanzen bekommen hatte, war für mich einfach nur überwältigend. Sehr viele Betroffene und auch Angehörige haben es sich zum Anlass genommen, mir zu schreiben. Bis zum Anfang des Jahres bekam ich ab und an noch ein paar E-Mails, die sich auf dieses Thema bezogen. Jetzt hat sich das allmählich eingestellt. Kontakt halte ich diesbezüglich zu keinem mehr, da sich einfach alles im Sand verlaufen hat. Dennoch wünsche ich jedem, der sich bei mir gemeldet hat, alles erdenklich Gute. Ich hoffe, dass es allen mittlerweile gut oder zumindest besser geht. -HIER- habt ihr übrigens die Möglichkeit, den Post von damals zu lesen. Stilistisch gesehen nicht gerade ein literarisches Meisterwerk, aber es beschreibt die damalige Gefühlslage ganz gut.

Heute soll es sich aber nicht mehr um die Zeit damals drehen und wie es war, sie zu erleben. Es geht viel mehr darum, euch zu erzählen, wie es mir heute, drei Jahre nach meiner Therapie geht. Wie ich die Zeit danach durchlebt habe, welche Schwierigkeiten es noch für mich gab und die Frage, ob ich heute glücklich bin und ganz ohne diese Last leben kann.

Ich weiß gar nicht so richtig, wo und wie ich überhaupt anfangen soll. Ihr könnt euch schon einmal darauf einstellen, dass dieser Post etwas länger wird, denn drei Jahre sind eine verdammt lange Zeit und natürlich ist in dieser Zeit sehr viel passiert. Ich würde sagen, wir reisen etwas in der Zeit umher und starten bei meinem Neubeginn. Die Zeit, als ich das Krankenhaus verlassen durfte, in dem ich insgesamt fast sechs Monate „lebte“. (Anm.: In dem Post „Federleicht“ steht 4 Monate. Über 4 Monate lang verbrachte ich in der zweiten Klinik. Die restliche Zeit bezieht sich auf eine andere Klinik, in der ich zuvor war.)

Die Zeit nach der Therapie verlief sehr blauäugig. Ich war optimistisch. Seeeehr optimistisch. Vielleicht sogar ZU optimistisch. Auch wenn in mir stets die unerträgliche Zahl meines neugewonnenen Gewichts schwebte, was damals etwa 55 kg ausmachten (von 47 auf 55 innerhalb von 6 Monaten – für mich enorm und ein großer Schritt), so fühlte ich mich auf irgendeine Art und Weise ein bisschen wie „Wonder Woman“. Ich gegen den Rest der Welt. Ich gegen die Krankheit. Ich habe sie besiegt. Ana, wie ich (und zig andere Betroffene) sie nannte(n), war zwar noch auf irgendeine Art und Weise präsent, aber sie war drauf und dran vollkommen aus meinem Leben zu verschwinden. Zumindest glaubte ich das. Dass sie nie verschwunden ist, weiß ich heute, knapp drei Jahre später, wesentlich besser. Ich kann mich immer noch sehr gut an die letzten Worte, die meine Therapeutin mir auf den Weg mitgegeben hat, erinnern. Damals sagte sie zu mir: „Lisa, wir werden uns wieder sehen. Ich wünschte, unter anderen Umständen. Aber das wird wohl nicht passieren.“ Was sie mir da so durch die Blume mitteilte, war im Endeffekt ein philosophisch zusammenkonstruierter Satz, der ins Normalodeutsche übersetzt folgendes bedeutet: „Bis zum nächsten stationären Therapieaufenthalt in xx Wochen mit xx weniger Kilos.“ Sprich – sie rechnete fest damit, dass ich trotz „Fastnormalgewicht“ (bei meiner Größe entsprechen 55 kg immer noch dem Untergewicht) wiederkommen würde und ich alles andere, als geheilt war.

Auch wenn der Krankenhausaufenthalt sehr viele schöne Erinnerungen mit sich bringt (ja, ehrlich!) und ich mich in den Räumlichkeiten oft in Sicherheit wog, beschützt von der Außenwelt, so stand für mich gleich fest, dass ich nie wieder zurück möchte. Während ich dafür kämpfte, mein Leben wieder in geregelte Bahnen zu lenken, verpasste ich auch einiges. Von den zwei Tagen im bewusstlosen Zustand auf der Intensivstation einmal ganz zu schweigen. Der 23. und 24. Mai 2012 sind vollkommen ausradiert. Es ist so, als würde es diese Tage in meinem Leben gar nicht geben. Das schmerzt mir am meisten, denn es ist verlorene Zeit, die ich nicht wirklich leben konnte. Zurückgeben kann mir diese Zeit niemand. Ich muss damit leben, dass diese zwei Tage in meinem Leben fehlen, aber was sind schon zwei Tage?Der frech umschriebene Satz meiner Therapeutin tat sein Übriges. Für mich stand fest: „Nein, du wirst mich NIE wieder sehen! Zumindest nicht als Patientin.“ Und ich habe es geschafft – bis heute.

Ehrlich gesagt habe ich es sogar „besser“ geschafft, als mir lieb war. Ich nahm noch mehr zu. Viel mehr. Am Ende war es so viel, dass ich mich nicht einmal mehr traute, mich zu wiegen. Bis heute weiß ich die Zahl nicht, aber ich kann euch sagen, dass ich ganz schön proper beisammen war und so langsam tatsächlich in die Breite ging, Hamsterbäckchen bekam und ordentlich Speck mit mir rumschleppte. Das war für mich die Katastrophe schlechthin! Erst als mir selbst richtig bewusst wurde, dass ich allen Anschein nach sogar mehr geworden bin, als ich es vor der Krankheit war, machte es Klick. Wie konnte ich mich nur so gehen lassen? Ich glaube, vor einem Jahr habe ich den dicksten Zeitpunkt meines Lebens erreicht. Fotos von damals existieren kaum und ich glaube nicht, dass ich den Anblick meiner Selbst hierbei ertragen könnte. Das Gefühl, das ich damals hatte, ist sehr schwer zu beschreiben. Irgendwie fühlte ich mich, als hätte ich versagt. Anas Stimme wurde dann selbstverständlich wieder ein bisschen lauter. Sie hat mich ordentlich ausgeschimpft und mir eingeredet, ich sei hässlich. Und genauso fühlte ich mich auch. Wie konnte ich es nur zulassen, mich bezüglich der Ernährung und des Sports nur so gehen zu lassen? Der alten Lisa sah das ganz und gar nicht ähnlich. Ich war sauer. Sauer auf mich selbst! Und so langsam begann ich, mich wieder zu hassen. Der Hass kochte empor, weil ich es zuließ, mich so gehen zu lassen, nicht auf mein Gewicht oder den Sport achtete und nun so aussah, wie ich damals aussah. Aber der Hass befand sich auch auf einer ganz anderen Seite: Ich hasste mich selbst, dass ich mein Leben wieder so sehr von Aussehen, Gewicht und Essen abhängig machte, anstatt es zu genießen. Wie auch schon damals in der wildesten Magersucht, wo ich nur noch abgemagerte 47 kg bei 1.73 m Körpergröße auf die Waage brachte.

Als es *Klick* gemacht hatte (Ende August 2014), hatte es leider nicht richtig *Klick* gemacht. Es folgten Hungerkuren und meine Ernährung bestand überwiegend aus dosenweise Energy Drinks Sugarfree, die ich in Rekordzeit leerte. Tray für Tray (ein Tray hat 24 Dosen btw., das sind 180 Kalorien pro Tray). Ab und an „gönnte“ ich meinem Körper einen „Cheat Day“, denn auf Dauer hätte ich das bestimmt nicht ausgehalten, so ganz ohne feste Nahrung zu leben, obwohl ich doch schon einen kleinen Rekord aufgestellt habe, auf den ich im Nachhinein betrachtet ganz und gar nicht stolz bin, darum verrate ich nicht, wie lange ich tatsächlich ohne fest Nahrung ausgekommen bin. Dieser Post hier soll nicht triggernd sein, obwohl ich auch gar nicht weiß, wie so etwas überhaupt dazu anspornen sollte, genau das gleiche zu tun, denn mein Körper hat sich gerächt. Bitterlich gerächt. Die Haare fielen mir aus, aber nicht nur ein paar einzelne Härchen, sondern büschelweise. Morgens wachte ich neben Haarballen auf und auch in meiner gesamten Umgebung, in der ich mich aufhielt, hinterließ ich DNA-Spuren. Ganz besonders erschrocken habe ich mich einmal nach einem Unitag. Der Seminarraum war während der gesamten Lehrveranstaltung abgedunkelt (wegen PowerPoint-Folien). Als das Licht wieder anging, war die Tastatur meines MacBooks voll mit blonden Haaren. Innerhalb von anderthalb Stunden ist mir gut eine Hand voll Haare ausgegangen. Warum ich zu der Zeit nicht vollkommen bis aufs Skelett abgemagert bin, liegt wohl an meiner Liebe zu Kaffee mit mehr Milch als Koffein. Auf diese Art und Weise bekam mein Körper seine ganzen Kalorien, aber wir wissen wohl alle, dass eine einseitige Ernährung nicht gut für uns ist, oder? Wobei – kann man hier noch von Ernährung sprechen? Wohl kaum.

So, wie sich die ganze Sache entwickelte, machte es den Anschein, als hätte meine Therapeutin doch recht behalten, mich irgendwann wieder in der Klinik als Patientin zu treffen. Die Magersucht schlang ihre bösen Fäden wieder um mich und hatte mich um Haaresbreite bald wieder in ihren Fängen. Mental war ich sowieso bereits wieder höchst anorektisch. Gefangen in einem Strudel, der mich schier wahnsinnig machte. Die Gedanken kreisten wieder permanent ums Essen und um mein Gewicht. Ich sah mich im Spiegel an und hätte ihn am Liebsten einschlagen können. Anfang des Jahres war das ganz besonders schlimm. Es kostete mich sogar ein bisschen Überwindung, Bilder von mir selbst auf meinem Blog zu stellen. Ganz besonders traurig war ich, als ich nach diesem Post einen anonymen Kommentar bekam, dass ich sehr kräftige (das war jetzt die nette Umschreibung für das tatsächliche Wort „fett“) Oberschenkel hätte und ich dringend etwas gegen mein „Übergewicht“ tun sollte. Autsch, das saß. Und ja, ich habe geweint. Bitterlich geweint. Ich fühlte mich wie ein Walross. Die Gedanken kreisten ständig um die Zeit davor. Die Zeit, als ich stark untergewichtig war. Es war so, als wäre ich dem nicht würdig, mich als „Ex-Magersüchtige“ zu bezeichnen. Und ich fühlte mich so, als hätte ich verloren. Außerdem hatte der anonyme Kommentar einen Nerv getroffen. Ausgerechnet die Körperpartie wurde kritisiert, die ich neben meinem Bauch als größte Problemzone an meinem Körper ansehe. Die 47 kg leichte Lisa hätte mir wahrscheinlich den Kopf umgedreht, wenn sie mich so, wie ich jetzt aussehe, sehen würde. Ich kenne mein „altes“ Ich und ich weiß, wie ich damals war.

Damals war ich genauso, wie die Krankheit in zahlreichen YouTube Videos personifiziert dargestellt wird. Streng, kritisch, machte mich runter und verabscheute andere, die nicht dem Gewichtsstandard entsprachen, den ich als Ideal angesehen habe (mit Ausnahme meiner Freunde). Ideal war für mich damals nämlich nicht eine schöne, schlanke Figur, die gesund aussah, sondern Figuren, die weit unter dem Normalbereich lagen. Figuren, die jeder normale Mensch eindeutig als anorektisch sehen würde. Das war für mich das Ideal schlechthin und diese Idealvorstellung machte etwas mit mir. Ich wurde hochnäsig, arrogant und gemein. Würde man diese Charaktereigenschaften ebenfalls personifizieren, würde im Endeffekt nur ein hässliches Monster dabei rauskommen. Im Nachhinein betrachtet wird mir deutlich klar, dass nicht die äußere Hülle den Menschen macht, sondern das Innere – der Charakter. Mein damaliger Charakter war nicht schön, wobei ich mich auch fragen muss, ob das tatsächlich meine Charaktereigenschaften waren. Denn hätte man damals noch tiefer gegraben, das innere Schutzschild durchbrochen, wäre man zu einem zerbrechlichen, kleinen Mädchen durchgerungen, das im Endeffekt am Liebsten in Mamas Armen gelegen und geweint hätte. Das brachte mich zum Nachdenken. Wollte ich wirklich wieder so werden?

Nein – ich möchte nicht mehr zurück zu dem, was ich einmal war!!!

Ich begann, eine kleine Liste zu erstellen. Eine Liste, die mir klar vor Augen führen sollte, was die Krankheit mit mir macht, was ich geschafft habe und woran ich an schlechten Tagen denken soll. Punkt 1 (und mit Sicherheit der Wichtigste): Ich habe keine 6 Monate umsonst dafür gekämpft, wieder gesund zu werden. Mittlerweile versuche ich, dass diese anorektischen Gedanken keine Übermacht mehr über mich gewinnen. Es ist schwierig, aber es geht. Ich will mein Leben nicht schon wieder so stark von meinem Gewicht, meinem Aussehen und dem Essen abhängig machen, denn im Endeffekt bezahlt man damit nur einen hohen Preis. Einen Preis, den kein Mensch bezahlen sollte. Ich vergleiche mich zwar gerne mit anderen, aber im Grunde genommen ist es wichtig, dass ich mich so akzeptiere, wie ich bin. Kein Mensch ist perfekt. Es ist schier unmöglich, eine Perfektion zu erreichen und gerade deswegen sollte man dafür auch keine Zeit verschwenden. Das, was wirklich zählt und wichtig ist, sind doch die Menschen, die einen so lieben, wie man ist. Und man macht es diesen Menschen ziemlich schwierig, wenn man sich selbst hasst oder ständig unzufrieden ist. Immer wenn ich an meine Lieben denke, wird mir klar, dass ich kein schlechter Mensch bin. Dass ich gut so bin, wie ich bin. Meine Familie und meine Freunde mögen mich, also kann ich wohl kein so schlechter Mensch sein. Daran denke ich nun oft, wenn ich wieder stark mit mir selbst hadere. Manchmal gibt es sie einfach noch. Diese Tage, an denen man sich nicht im Spiegel anschauen kann/möchte oder die ganzen Fotos für den neuen Blogpost mit PhotoShop so überarbeiten möchte, dass zum Schluss ein makelloses Model dabei rauskommt, unabhängig davon, ob man danach noch seiner selbst ist. Solche Tage sind okay, solange man sich dadurch nicht in einen Strudel hineinziehen oder sich auf irgendeine Art und Weise herunterziehen lässt.

Das, was ich damit sagen möchte, ist, dass ich immer noch am Kämpfen bin. Dass ich wahrscheinlich nie wieder komplett geheilt sein werde. Aber ich kann damit umgehen. Es ist ein schwerer Weg, aber ich gehe ihn gerne, weil ich weiß, dass es sich lohnt, zu kämpfen. Ich will mein Leben glücklich führen und momentan bin ich wieder auf der richtigen Bahn. Zwar weiß ich, dass die Lebensqualität nie mehr so sein kann, wie vor der Krankheit, aber das heißt nicht, dass man nie wieder glücklich sein kann. Es verändert sich nun mal viel, wenn man einmal drin war und so ganz loslassen wird einem das Ganze mit Sicherheit nicht. Trotzdem sollte man nicht seine Zukunft davon abhängig machen. Schönheit wird nicht von einer Zahl auf der Waage definiert. Man strahlt Schönheit aus, wenn man glücklich ist und jeder Mensch ist auf seine eigene Art und Weise schön. Ich selbst weiß, dass es Wege und Möglichkeiten gibt, mich irgendwann in meinem Körper wohl zu fühlen. Irgendwann werde auch ich vor dem Spiegel stehen und zufrieden mit dem sein, was ich sehe. Dafür muss ich nicht hungern. Ich muss nur die richtige Balance finden: gesunde, normale Ernährung und ein effektives Work-Out. Ja, daran muss ich wirklich noch arbeiten, aber trotzdem stehe ich dem Ganzen positiv gegenüber. Auch wenn ich den absoluten Wohlfühlkörper noch nicht erreicht habe, ich habe etwas ganz anderes erreicht: ich lerne jeden Tag mehr, mich selbst zu lieben und zu akzeptieren. Darum – Magersucht lohnt sich nicht! 

Solltest DU von Anorexia Nervosa oder von einer anderen Essstörung betroffen sein (Bulimie, Binge Eating, Adipositas…) und suchst du jemanden, dem du dich anvertrauen kannst, dann darfst du mir unter cafeaulait.blog@gmail.com schreiben. Natürlich können sich auch Angehörige von Betroffenen bei mir melden. Dass alles streng vertraulich behandelt wird, stellt für mich eine Selbstverständlichkeit dar! 

PS: Bitte nicht böse sein, wenn ich nicht in Windeseile antworten kann. Im Juni ist leider Prüfungszeit, aber gerade bei solchen heiklen Themen bin ich bemüht, schnell zu antworten. 

Zu leicht für diese Welt von Emma Woolf

Bücher können faszinieren! Bücher sind unterhaltsam. Aber vor allem können Bücher berühren. 

Ich kann mich nicht erinnern, dass mich jemals ein Buch so berührt hat. Ein Buch, das ich im Ganzen innerhalb von zwei Tagen verschlungen habe. Bei dem ich nicht aufhören konnte, zu lesen.  Ein Buch, geschrieben von einer Autorin, die ich bei Facebook ausfindig machte, nur um ihr zu schreiben, dass sie mich berührt hat. Ein Buch, das mein Begleiter für die letzten zwei Tage war. Unabhängig davon dass ich eigentlich die Zeit in meinen Lernstoff investieren sollte, als in ein 318 Seiten Buch. Die britische Journalistin Emma Woolf hat es geschafft, mich an ihr Buch „Zu leicht für diese Welt“ zu fesseln. So sehr, dass ich sogar vergaß, dass ich das Lesen beim Busfahren unterlassen sollte, weil mir davon eigentlich immer schlecht wird. So sehr, dass ich Tränen in den Augen hatte. So sehr, dass ich mich an eine Zeit zurückerinnerte, die auch mein Leben stark geprägt hat. Ja, diese Frau spricht mir aus der Seele. Sie teilt meine Gedanken und schreibt im Grunde meine Geschichte nieder. Auf ehrliche Art und Weise erzählt sie aus ihrem Leben, das unter die Haut geht. Nicht nur Menschen, die all das, was sie niederschreibt, nachvollziehen können, sondern auch Menschen, die vorher nicht verstehen konnten, wie es sich anfühlt, wenn man einen schier unendlichen Krieg mit sich selbst führt, obwohl es ein Krieg ist, der nicht in der natürlichen Natur eines Menschen liegt. Emma Woolf schreibt über Magersucht. Eine Krankheit, unter der sie seit Anfang 20 leidet und der sie erst im Alter von 32 Jahren den Kampf ansagte.

Emma Woolf hat nicht das verloren, was der Großteil von Menschen, insbesondere Mädchen, die unter einer Essstörung leiden, verlieren. Ihre Kindheit und ihre Jugend. Unbeschwert konnte sie diese Zeit genießen. Sie genoss ein stabiles familiäres Umfeld und besuchte eine der teuersten Privatschulen Londons. Es ist nicht so, dass nur Menschen, die eine schwere Kindheit durchlebten, eine Essstörung entwickeln oder die einfach nur dünn sein wollen. Es kann genauso Menschen treffen, die im Grunde all dieses nicht durchgemacht haben. Und genau zu so einer Person zähle ich Emma. Denn auch wenn sie nicht direkt durch so einen Wunsch oder Drang magersüchtig wurde, so entwickelte sich die Krankheit doch in eine Richtung, in der sich dünn sein für sie plötzlich großartig anfühlte.

Die Lebensgefährliche Leichtigkeit des Seins. „Nichts schmeckt so gut, wie sich dünn sein anfühlt.“ Dieser Ausspruch von Kate Moss war jahrelang Emma Woolfs Lebensmotto. Erst im Alter von 32 Jahren erkannte sie: Stimmt nicht, Schokolade schmeckt besser. Sie nahm die bislang größte Herausforderung ihres Lebens an und stellte sich endlich ihrer Magersucht. Offen und berührend erzählt sie ihre Geschichte über die große Liebe und das Gesundwerden. Ihre lebensbejahenden Worte machen anderen Betroffenen Mut, ebenfalls in den grünen Bereich der Waageskala zurückzufinden.

Die Autorin ist mir bereits seit längerer Zeit bekannt. Ich kennen sie aus der britischen Channel 4 Show „Supersize vs. Superskinny“, in der es unter anderem um das Ernährungsverhalten der Briten, verrückte Diäten und Essstörungen ging (wer neugierig ist, findet alle Videos der Show auf YouTube). Auch wenn es eine Zeit ist, die ich hinter mich gelassen habe, so konnte ich trotzdem nicht daran vorbeikommen, als ich das Buch von ihr entdeckte. Ich habe es mir gekauft und zehn Minuten später saß ich auf der Parkbank. Ich schmökerte mich durch die Seiten und merkte, dass ich mich sehr gut in Emma hineinversetzen kann. Vom Alter her trennen uns zwar gute 12 Jahre, aber sie fühlte oft genauso, wie ich mich damals fühlte. Teilweise sind auch noch Gedanken vertreten, die ich bis heute manchmal immer noch habe. Es gab zwar eine „Zeit danach“, in der ich mir einige Kilos wieder angefuttert hatte, aber das heißt noch lange nicht, dass man mit Normalgewicht nicht mehr magersüchtig ist. Ich weiß, es klingt absurd, aber Emma bringt es mit einigen Zeilen ganz am Anfang des Buches auf den Punkt.

Der Schlüssel im Kampf gegen Anorexia ist die Gewichtszunahme, nicht wahr? Falsch, falsch, falsch. Die Krankheit ist in meinem Kopf, nicht auf der Waage oder in den Maßen meines Körpers. Wann ich in diesem Buch Gewicht erwähne -von mir gewonnenes oder verlorenes-, wenn ich davon spreche, wie viel wir alle wiegen sollten, von normalen oder anormalen BMI, dann sollte immer Folgendes klar sein: Anorexie ist eine psychische Erkrankung. Gewichtszunahme bedeutet natürlich Heilung in physischer Hinsicht, aber gegen die Krankheit an sich richtet sie nichts aus. Sie glauben mir nicht? Ich kenne eine Frau, die 120 kg wiegt und trotzdem noch magersüchtig ist. Sie hat ihr altes Gewicht (und noch viel mehr) wieder zugenommen, und das bedeutet streng nach medizinischen Kriterien, dass sie nicht mehr anorektisch ist. Aber genau da liegt das Problem: Mental hat sie die Krankheit nie überwunden.

Ein sehr emotionales Buch und ein guter Begleiter für Betroffene und Angehörige. Vor allem würde ich das Buch denjenigen ans Herz legen, die selbst bereit sind und den Kampf gegen ihre Magersucht aufnehmen wollen. Ich wünschte mir wirklich, ich hätte damals, als ich in der Klinik war, dieses Buch gehabt. Ich bin mir sicher, es hätte mir geholfen und mich bestärkt, wenn ich wieder einmal schwache Momente hatte. Ich habe es zwar auch ohne geschafft, dennoch bin ich froh, dass ich es jetzt entdeckt habe und mich wieder in eine Zeit hineinversetzen konnte, die mein Leben geprägt und mich stärker gemacht hat.

Positiv finde ich auch, dass dieses Buch alles andere als triggernd ist. Nein, das ist es nicht (und leider ist das oft bei vielen solchen Büchern der Fall). Es ist das Gegenteil davon. Es ist inspirierend, ermutigend und berührend. Ein tolles, sehr empfehlenswertes Buch.