Tag : Binge Eating

Kontrollverlust & der Selbsthass danach

Ich kann keinen klaren Gedanken fassen. Meine Hände zittern. Mein Körper bebt. Ich merke dieses kühle Gefühl. Dieses kühle Gefühl, wie es sich langsam über meine Zunge zieht, meinen Gaumen durchfährt, die Speiseröhre hinabgleitet und es schlussendlich in meinem Magen landet. Ein zuckersüßer Geschmack, der auf der Zunge haften bleibt, beraubt mich um meine Sinne. „Es bleibt bei einem“, sage ich mir. „Es bleibt bei einem.“

Immer wieder merke ich, wie mir diese Wörter durch den Kopf fahren. „Es bleibt bei einem.“ Ich sage es mir sogar vor. Laut und deutlich. So, als ob ich meine eigene Mutter wäre, die mir gerade eine Grenze setzt. Doch es bleibt nicht bei einem. Ich merke, wie sich das Dopamin in meinem Körper ausbreitet. Und mein Körper wird hellhörig. Er will mehr. Viel, viel mehr. Viel mehr, als ich bereit war, ihm zu geben. „Es bleibt bei einem.“ Verzweifelt klammere ich mich an diese Worte. „Es bleibt bei einem.“ Ein Eis und dann war es das. Das Verlangen jedoch wird größer. Was mit einer Kugel Vanilleeis anfing, endet damit, dass ich mich träge auf dem Sofa wälze. Wimmernd vor Schmerzen, die mir so unangenehm gegen die Magenwand drücken. Ich habe die Kontrolle verloren. Schon wieder. 

 

Kontrollverlust

…und der Selbsthass danach

Ich glaube, heute teile ich wohl eine der persönlichsten Momente, die ich in meiner Essstörung je durchlebt habe. Die Momente, für die ich mitunter das meiste Schamepfinden verspüre: Essattacken und der totale Kontrollverlust. 

Hand aufs Herz. Wie sieht das Bild einer klassischen Magersüchtigen aus? Womit assoziiert ihr die Krankheit? Mit eiserner Disziplin, Sport- und Bewegungsdrang und dem restriktiven Verhalten, permanent zu hungern? Falsch! Ich habe euch schon einmal die Subtypen von Magersucht vorgestellt. Fest steht: Insgesamt gibt es zwei verschiedene Typen von Magersucht. Den restriktiven Typus, somit das klassische Bild einer magersüchtigen Person und den Typus Binge/Purge. Die Wahrheit: Nur ein geringfügiger Prozentteil aller an Magersucht erkrankten Personen ist restriktiv. Die meisten leiden unter dem Subtypus Binge/Purge.

 

So auch ich!

 

Ich habe oft beiläufig erwähnt, dass ich im Laufe meiner Krankheit gelegentlich Essattacken hatte. Jedoch bin ich nie näher darauf eingegangen. Warum? Weil ich mich so sehr dafür geschämt habe und mich immer noch dafür schäme. Weil ich es nie ertragen konnte, nicht rein restriktiv zu sein. Restriktiv war ich am Anfang meiner Krankheit. Doch irgendwann konnte ich diese eiserne Disziplin nicht mehr aufrecht erhalten. Ich verfiel in den Typ Binge/Purge. Obwohl ich sehr selten Essattacken hatte, waren sie trotzdem da. Immer wieder kam es im Laufe dieser Krankheit zu hässlichen Fressanfällen, die für mich persönlich eine größere Qual darstellten, als der Hunger, den ich irgendwann eigentlich gar nicht mehr als Qual empfand. Während einer Essattacke gab ich meine Kontrolle auf. Genau das Attribut, was einer anorektischen Person am wichtigsten ist. KONTROLLE.

 

Essattacken in der Magersucht?

Warum kommt es dazu?

Lange Zeit hatte ich nicht den Mut, über diese Phasen meiner Essstörung zu sprechen. Das Warum habe ich anfangs erklärt. Doch nicht nur die Scham spielt eine Rolle, sondern auch große Schuldgefühle. Gestern jedoch habe ich mir Klaras Podcast angehört, in welchem sie von Binge Eating spricht. Auch Kerstin hat gestern in ihrer Instagramstory das Thema angesprochen. Zwei starke Frauen, die ich persönlich bewundernswert finde. Es ist auch wirklich eine starke Sache offen und ehrlich Binge Phasen zuzugeben.

Auch wenn Binge Eating Disorder für mich nichts neues ist, ich habe mich deswegen so sehr geschämt, weil ich immer folgenden Gedanken im Kopf hatte: „Als Anorektiker DARFST du KEINE Essattacken haben!“ – darum habe ich die Krankheit nie einsehen können. Heute weiß ich: Essattacken sind keine Schande. Im Grunde genommen war es eine natürliche Reaktion meines Körpers, denn: ER WOLLTE NUR ÜBERLEBEN!

Seit Urzeiten an haben wir Menschen Instinkte. Wie der Name schon verrät, hat das nichts mit unserem Verstand, rein gar nichts mit unserem rationalen Denken zu tun. Unsere Instinkte bringen uns zu Handlungen, über die wir nicht nachdenken. Instinkte werden sozusagen von unserem Körper gesteuert, nicht von unserem rationalen Individuum. Selbst eine Magersucht ist bei den meisten Betroffenen nicht stark genug, um menschliche Instinkte zu zerstören. Natürlich haben nicht alle Betroffenen Essattacken. Warum die einen sie bekommen und die anderen nicht, kann ich nicht wirklich beantworten. Doch Fakt ist: Kommt es zu Essattacken in einer Magersucht, will der Körper sein Überleben sichern. Er ist verzweifelt und hat Angst, zu sterben.

Ich habe teilweise in extremen Kaloriendefiziten gelebt. Ausgehend von der empfohlenen Tagesmenge von ca. 2.000 Kalorien, hatte ich nach einer Woche oft ein Kaloriendefizit zwischen 7.000 bis 10.000 Kalorien. Summiert man das auf drei Wochen (so lange lagen die Essattacken meistens auseinander) kommt man auf unglaubliche 21.000 bis 30.000 Kalorien. Es wundert mich ehrlich gesagt, dass mein Gehirn nicht öfters ausgeschaltet und meinen Instinkten die Kontrolle übergeben hat.

 

Trotz Essattacken

Die Diagnose Magersucht ändert sich nicht

Essstörungen sind ein komplexes Thema. Laut DSM5 oder ICD-10 müssen diverse Kriterien erfüllt werden, um die jeweilige Diagnose zu erhalten. Davon gibt es Grundvoraussetzungen, die erfüllt werden müssen, sowie verschiedene Symptome aus einer ganzen Symptomliste, die auftreten können. Bei niemanden verläuft eine Essstörung exakt gleich. Dass meine Binge Phasen charakteristisch für eine Magersucht sein können, habe ich erst in meinem Studium begriffen, als ich die Vorlesung „Klinische Psychologie“ besucht habe. Erst da wurde mir bewusst, dass ich trotz Binge Phasen wirklich diese Krankheit hatte und sich meine Diagnose dadurch nie verändert hat.

Zwischen den Essstörungsarten Anorexia Nervosa und Bulimia Nervosa gibt es oftmals nur schmale Unterschiede. Ein Beispiel: Nur weil man gelegentlich in der Magersucht erbricht, ist es keine Bulimie. Darum hatte ich trotz Essattacken nie Bulimie. Es gab zwar Momente, an welchen ich erbrochen habe, aber nicht indem ich mir ganz klassisch den Finger in den Hals gesteckt habe, sondern weil ich so voll war, dass es von selbst ging. Außerdem war die Frequenz meiner Essattacken viel zu selten für eine Bulimie (mind. dreimal die Woche). Zum Glück. Mit meiner Anorexie kam ich zumindest psychisch gut zurecht (ich weiß, ich habe es mir nur eingeredet), aber Bulimie hätte mich wahrscheinlich merklich zerstört.

Die nicht sehr hoch frequentierten Essattacken waren der reinste Albtraum für mich. Ein wahrgewordener Horror. Eine Qual. Wenn ich mir vorstelle, ich hätte diesen Horror mehrmals in der Woche durchleben müssen, wird mir ganz anders. Ich glaube, es hätte mich wesentlich schneller zugrunde gerichtet, als die Anorexie.  

 

Kontrollverlust & der Selbsthass danach

 

Wie fühlt sich eine Essattacke an?

Es ist schwer zu beschreiben, wie sich eine Essattacke anfühlt. Bei mir hat es immer so begonnen, dass ich mir gedacht habe: „Ach ein Eis/Kuchen etc. wird mich nicht gleich dick machen.“ Ich habe dann einfach etwas davon gegessen und dann ist es ausgeartet. Sobald meine Zunge etwas geschmeckt hat, was ich mir sonst immer verboten habe, kam es zu einem totalen Kontrollverlust und ich konnte nicht mehr damit aufhören, bis ich mir irgendwann gedacht habe: „Jetzt ist es auch schon egal.“ Manchmal kamen mir schon während dem Bingen die Tränen vor Verzweiflung, weil ich es stoppen wollte, aber nicht konnte. Ich konnte einfach nicht und habe so lange weitergemacht, bis ich nichts kauen konnte. Und bis es zu diesem Zeitpunkt kam, war ich zuvor schon längst satt.

Ich konnte das Essen nicht wirklich genießen. Man isst einfach. Man isst, isst und isst. Am Anfang noch die Dinge, die man vom Geschmack her mag, danach alles, was verfügbar ist. Und ja, ich habe in diesen Momenten auch Salami, Schinken, Spaghetti Bolognese und Chickenwraps von McDonalds gegessen, obwohl ich sonst kein Fleisch esse. Das heißt, man wirft nicht nur seine Kontrolle über Board, sondern auch seine ethischen Werte, die man vertritt. Ich habe sogar eine Veganerin kennengelernt, die in ihren Binge Phasen ebenso tierische Produkte konsumiert hat.

 

Es wird dir egal. Du isst einfach!

 

Ich habe zu Schokolade gegriffen, obwohl ich sie nicht sonderlich mag, habe Marillenkrapfen verschlungen, obwohl ich Marillenmarmelade hasse – Hauptsache ungesund, fettig und/oder extrem süß. Du willst einfach nur essen. Und ich habe sogar -und dafür schäme ich mich wohl am meisten- meinem Neffen damals den Babyfruchtbrei, die Babykekse und später seine Kinderschokolade und Smarties-Joghurts weggefuttert.

Ich habe diese ganze Esserei nur in Trance erlebt. Je satter ich wurde, umso mehr bekam ich es nicht mehr mit, was ich alles aß. Der erste Essanfall hielt sich noch im Rahmen, doch auch wenn sich die Frequenz ihres Auftretens nie wirklich änderte, so änderte sich doch die Intensität. Das heißt, es wurde immer mehr und mehr. Meistens erreichte ich zwischen 6.000 – 7.000 Kalorien, doch aufgrund dieser tranceartigen Zustände kann ich es nicht konkret sagen, wie viel es wirklich war.

 

Wie fühlt sich das danach an?

Ich glaube, es gibt kein schlimmeres Gefühl, als das danach. Neben Schuldgefühlen und Scham habe ich einen extremen Ekel vor mir selbst entwickelt. Einen riesengroßen Selbsthass. Ich konnte mich im Spiegel nicht mehr ansehen. Mein Bauch spannte, war aufgebläht und ich fühlte mich so widerlich. Widerlich und leer. So leer, dass ich danach oft nicht mehr weinen konnte. Am Tag danach konnte ich kaum aus dem Bett. Ich konnte nur schlafen, schlafen, schlafen. Dadurch habe ich viele Uni-Vorlesungen versäumt. Niemand sollte mich sehen. Es war unmöglich, anderen Menschen unter die Augen zu treten. Ich konnte mich am nächsten Tag nicht mal duschen, weil ich mich selbst nicht einmal nackt sehen konnte. Ich habe mich so sehr vor mir selbst geekelt, mich dann später zu extremen Hochleistungssport gezwungen. Man mag meinen, dass man danach wieder genug Energie hat, aber das war nicht der Fall. Man fühlt sich schwach und träge, so als hätte man einen Kater vom Essen.

Am darauffolgenden Tag konnte ich meistens auch gar nichts essen, bis am zweiten Tag wieder die ganze anorektische Hungerei von vorne losging. So lange, bis mein Verstand irgendwann wieder aussetzte und alles von vorne begann. Erst in der Klinik kam ich von diesen Essanfällen los, doch in den Rückfällen passierte es wieder.

 

Wie werde ich Essattacken los?

Ich bin bestimmt noch nicht so weit, um Tipps gegen Essattacken geben zu können. Dass wir unserem Körper alle Makros und genügend Kalorien, sowie ausreichend Mikronährstoffe zuführen müssen, ist uns allen bekannt. Mehr kann ich euch in der Hinsicht noch nicht mit auf den Weg geben. Aber hört unbedingt mal bei Klaras Podcast rein oder schaut euch das Video von Natacha Ocean an. Zwei inspirierende Frauen, die selbst mit Essattacken Erfahrungen gemacht haben und für sich einen Weg gefunden haben, damit umzugehen.

 


 

Pictures via  Unsplash

 

Meine lange Hungerphase wegen Anorexie

Die Hungerphase

Von Willensstärke, Disziplin bis hin zur vollkommener Selbstzerstörung

Im Laufe meiner Krankheitsgeschichte bekam ich oft die Frage gestellt, wie ich es aushalte, das Hungergefühl zu ertragen. „Also ich könnte nicht so lange nichts essen“, waren die meisten verblüfften Antworten und Selbstaussagen, die ich in dieser Zeit und danach oftmals zu hören bekommen habe. Ja, Hunger tut weh und wir können uns glücklich schätzen, dass wir in einem Land leben, wo es uns so gut geht und jeder, wirklich JEDER Zugang zu Nahrungsmitteln hat. Wir müssen uns nicht jeden Tag die Frage stellen, wie wir den heutigen Tag überleben sollen. 

Tatsache ist: Der menschliche Körper ist dazu konzipiert, lange Zeit ohne Nahrung auszukommen. Bei Flüssigkeit sieht die ganze Sache schon anders aus; im Schnitt überlebt der Mensch maximal drei Tage ohne Wasser. Bei Nahrung sind es zwischen 30-40 Tage. Wenn ich von Nahrung spreche, dann meine ich alles mit Nährwerte und Kalorien. Die Expertin schlechthin bin ich auf diesem Gebiet nicht, aber anders könnte ich mir mein langes Durchhaltevermögen, so traurig es auch ist, nicht erklären.

 

Wie fühlt es sich an, so lange zu hungern?

Ich versuche euch dieses Gefühl anhand von Etappen zu erklären und fasse alles so gut wie möglich zusammen. Abhängig ist das natürlich von der Ausgangssituation. Wenn man sich bewusst zum Hungern entscheidet, um abzunehmen, ist es eine ganz andere Sache, als wenn ein traumatisches Erlebnis dahinter steckt. Ich hoffe, dass von euch nie jemand auf die Idee kommt, bewusst zu hungern, denn das ist eindeutig der falsche Weg zur Sommerfigur und führt schlimmstenfalls auf die Intensivstation. Viele sind sich nicht bewusst, wie schnell das Hungern ausarten kann und in eine vollkommen falsche Richtung führt. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier; er gewöhnt sich auch schnell an das Hungern.

Um euch das ganze zu veranschaulichen, habe ich auch Bilder von mir aus dieser Zeit herausgesucht. Manche davon sind mit dem Smartphone aufgenommen und entsprechen nicht der Qualität, die ihr sonst von mir gewohnt seid. Jedoch sind das wiederum Bilder, die das Ausmaß eindeutiger zeigen.

 

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Ausgangsgewicht
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Nach Woche 1
Woche 2
Nach Woche 2

Die ersten zwei Wochen

Meine Ausgangssituation lag darin, dass mir von einem Moment auf den anderen der Boden von den Füßen weggezogen wurde. Näher werde ich auf dieses Erlebnis nicht eingehen, aber es war etwas, das mir von einem Augenblick auf den anderen den Appetit genommen hat. Ich war wie betäubt, habe nichts mehr gefühlt; so kam es auch, dass ich den Hunger nicht mehr gefühlt habe. Ich fühlte mich leer und verloren. Mich im Stich gelassen. Einfach so. Von heute auf morgen. Darum war die erste Woche für mich so surreal. Hunger war nicht das Thema, denn ich merkte es einfach nicht. Ich merkte nur, dass mir beim Gedanken an Essen schlecht wurde. Innerlich war ich unruhig. Ein bisschen zappelig, wenn man so meinen mag. Diese ganzen Gedanken haben mich nervös, aber auch traurig und wütend gemacht, sodass ich keine Zeit hatte, mir um etwas anderes Gedanken zu machen.

Es erschreckt mich heute noch, wie schnell man wieder in diesen ganzen Teufelskreis hineinkommt. In der zweiten Woche war es mir bewusst, dass ich lange gehungert habe, jedoch habe ich mich irgendwie an die ganze Sache gewöhnt und so traurig das auch klingen mag, es gefiel mir, als ich merkte, wie die Jeans und das Top langsam weiter wurden. Ich war schon lange wieder etwas unzufrieden mit meinem Körper, wäre vor diesem Ereignis jedoch nie auf die Idee gekommen, mich durch hungern wieder zu verschmälern. In dieser Situation sah ich es als einfachen Weg, weil ich mich wieder daran gewöhnt hatte. Aus Neugier begann ich mich wieder zu wiegen. Ich werde keine exakten Zahlen schreiben, weil ich nicht triggern will. Allerdings habe ich versucht, die ganzen Zahlen prozentuell auszurechnen. Ich habe zehn Prozent meines ursprünglichen Gewichts innerhalb von sieben Tagen abgenommen. Aus dem einmaligen Wiegen wurde schnell ein tägliches Wiegen unter einem schier unbeschreiblichen Kontrollzwang. Plötzlich konnte ich nichts mehr zu mir nehmen, bevor ich nicht auf der Waage gestanden habe. Nicht einmal Wasser.

Gegen Ende der ersten Woche versuchte ich jedoch bereits Ersatz zu suchen. So ganz ohne irgendetwas hielt es mein Körper auf Dauer nicht aus. Meine Ernährung beschränkte sich fortan auf Cola Light, Kaugummis und drei Gläser Milch. Selbstverständlich aufgeschäumt, damit ich meinen Körper zu dieser Zeit ordentlich mit Luft füllen konnte. Wenn es ganz schlimm wurde, kaute ich Eiswürfel. An dieser Stelle möchte ich unbedingt noch erwähnen, dass das absolut kein Spaß war und ich so etwas niemanden wünschen würde.

In der zweiten Woche wurde auch meine Mutter langsam auf mein Essverhalten aufmerksam. Bekommt jetzt keinen Schock, dass es ihr erst so spät aufgefallen ist, aber sie ist es gewohnt, dass ich selten mit am Tisch esse und weiß, dass ich oft außerhalb esse oder zu einer anderen Zeit. Wir wohnen zwar im selben Haus, hocken aber nicht 24/7 aufeinander.

 

Hunger Woche 3
Nach Woche 3

Die dritte Woche

Erst in der dritten Woche merkte ich, wie sehr mir diese ganze Sache auf die Substanz geht. Mein Körper zeigte die ersten Anzeichen von Schwäche: Permanente Müdigkeit, schlechte Laune, kaum Kraft. Besonders gemerkt habe ich meine Verfassung, wenn mein Neffe zu Besuch war. S. war zu dieser Zeit neun Monate alt – nicht gerade das einfachste Alter eines Kindes. Zumindest nicht für mich. Ich hatte nicht mehr die Kraft, die Tante für ihn zu sein, die ich vorher war. Ehrlich gesagt war jeder Besuch von ihm mit viel Anstrengung für mich verbunden. Ich hatte nicht die Kraft mit ihm zu toben, zu spielen und auch Spaziergänge gestalteten sich als Herausforderung. Wenn ich jetzt daran zurückdenke, tut es mir unheimlich Leid. Es macht mich wütend, dass nicht einmal seine unschuldigen Rehaugen mein Herz erweichen konnten und ich die Sache zumindest für ihn stoppe.

In dieser Woche kam es auch häufiger zu Streitigkeiten mit meiner Mutter. Meine Freunde redeten bereits auf mich ein, während ich mich auf mich alleine gestellt fühlte und mir einbildete, dass niemand sich die Mühe machen würde, die ganze Sache aus meiner Sicht zu betrachten. Dass mir jeder nur helfen wollte und lediglich die Verzweiflung so ein Verhalten mir gegenüber heraufbeschwor, wurde mir erst im Nachhinein bewusst.

Innerhalb der dritten Woche habe ich 16 % meines Ausgangsgewichtes verloren und war ab diesem Zeitpunkt leicht untergewichtig. Leider -und das bedauere ich heute sehr – hat man zu diesem Zeitpunkt meine Knochen mehr als deutlich gesehen. #nichtschön

 

Woche 4
Nach Woche 4

dWoche 4

 

Die vierte und fünfte Woche

In diesen beiden Wochen ging es mir lediglich darum, bloß nichts zu essen. Ich entwickelte Ängste gegenüber Nahrungsmittel, habe mich aber gleichzeitig umfassend damit beschäftigt. Wollte plötzlich nur noch backen und kochen, nur nicht für mich, sondern für andere. Meine Gedanken kreisten permanent ums Essen und wie ich den Tag am Besten ohne rum bekomme. Da sich mein Körper bereits an diese lange Hungerphase gewöhnt hat, ging das Abnehmen nicht mehr so schnell. Es machte mich wahnsinnig, täglich so geschwächt zu sein, nichts essen zu „dürfen“ (was mir meine Krankheit einredete) und trotzdem nicht weniger zu werden. Lediglich 17 % meines Ausgangsgewichtes habe ich in diesen beiden Wochen noch verloren. Damals war es für mich eine Katastrophe. Ich war lustlos, jedes Treffen mit Freunden fiel mir schwer und ich kämpfte mich durch die Tage und das nur für einen einzigen Prozent Gewichtsabnahme. Dass es damals schon kritisch war – nicht nur von den Gedanken, sondern auch von dem Gewichtsverlust, wird mir erst jetzt wieder deutlich, schließlich befand sich die Abnahme zu diesem Zeitpunkt bereits in einem zweistelligen Bereich und das innerhalb von nur einem Monat.

Ab da kann ich euch auch keine Bilder mehr von einem blanken Bauch zeigen, denn das wäre für mich bereits zu viel des Guten und ich habe immer im Hinterkopf, dass auch leicht beeinflussbare Menschen auf diese Seite kommen könnten. Abgesehen davon schäme ich mich dafür, dass ich so ausgesehen habe. Ja, das tue ich, denn das ist alles andere, als schön. Es ist erschreckend und es tut mir in der Seele weh, dass ich das meinem Körper und mir angetan habe – zum dritten Mal. Leider wage ich es nicht auszuschließen, dass es immer und immer wieder passieren kann. Aber ich gebe mein Bestes, um dagegen anzukämpfen.

 

Tag 37

Ich kann mich an keinen Tag in meinem Leben erinnern, an welchem ich so emotional fertig war, wie nach 37 Tagen ohne feste Nahrung. Ich war nur noch eine äußere Hülle meiner selbst, habe zwar noch prächtig funktioniert, aber so wirklich gut ging es mir zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Die Fassade habe ich aufrecht zu erhalten versucht, doch vor meiner Mutter ist sie gebröckelt. Sie hat irgendetwas Harmloses zu mir gesagt, nichts schlimmes, doch ich habe diese Worte zu persönlich genommen und weiß nur, dass ich in Tränen ausgebrochen bin. Wir beide haben danach lange geredet. Geendet hat der Tag damit, dass wir essen gegangen sind. Nach 37 Tagen hatte ich den Hunger beendet. Vorerst. Es war nicht das Ende vom Spuk. An diesem Tag machte ich übrigens erneut Bekanntschaft mit meinem schlechten Gewissen, das ich nach meinem Klinikaufenthalt nicht mehr in so stark ausgeprägter Form hatte. Ich hatte komplett vergessen, wie es sich anfühlt. Für mich war es wie eine Art Schockkonfrontation.

 

Sep Hungerphase
Mitte September

So ging es danach weiter

Wer denkt, ich hätte ab diesem Zeitpunkt wieder die volle Kontrolle über mich gehabt und das Hungern beendet, der irrt. Es ging so weiter, dass es erneut zu extrem langen Hungerperioden kam – meistens in einem zweiwöchigen Intervall, diesen ich dann (meistens geplant) unterbrochen habe – jedoch nur für einen Tag. Gegen Ende September waren 25 % meines Ausgangsgewichtes futsch. Innerhalb von zwei Monaten habe ich somit ein Viertel von meinem Gewicht verloren, was bei meiner Größe und dem Ausgangsgewicht enorm ist. So machte ich bis ca. Mitte Dezember weiter. Danach kam ich in die Binge-Purging-Phase. Essattacken traten damals immer häufiger auf, bis ich endlich aufgewacht bin und erkannt habe, dass ich die Kontrolle verloren habe und endlich etwas dagegen tun muss.

 

Körperliche Folgen

Thinspiration? Skinny is beautiful? Skinny is perfection? Wer das immer noch so sieht, den kann ich gerne eines Besseren belehren. Meine körperlichen Folgen sind weitreichend und alles andere als schön. Ich hatte:

  • Haarausfall (ca. nach 2 Wochen)
  • Blaue Fingernägel (ca. nach 1 1/2 Wochen)
  • Augenringe, die nicht mehr weggingen, egal wie viel ich geschlafen habe und ich habe viel geschlafen zu der Zeit, weil keine Energie
  • Trockene Haut (die ich aber mit Kokosöl zum Glück ganz gut in den Griff bekommen habe)
  • Blaue Flecken durch kleinste Berührungen (mhm… sehr schön #ironie)
  • KEINEN straffen Bauch (nein, Hungern führt nicht zu einem Flatbelly á la Alina von SizeZero)
  • Eine nicht enden wollende Müdigkeit und permanente Kopfschmerzen
  • Einen Blähbauch durch zu viel Cola Light und aufgeschäumter Milch
  • Eiskalte Finger und Zehen, die bereits so kalt waren, dass ich sie manchmal nicht mehr gespürt habe
  • Schüttelfrost
  • Schwindelanfälle
  • Oft einen trockenen Mund und nach dem Aufstehen eine raue Zunge
  • Ein Katergefühl nach dem Aufstehen
  • Schlafstörungen
  • Keine Kondition und ich bekam teilweise sogar schwer Luft

Wie ihr seht: Freiwilliges hungern lohnt sich nicht. 

 

Beitragsbild via unsplash.com

 

Magersucht und ihre Subtypen

Magersucht und ihre Subtypen

Von restriktiv bis hin zu Binge-Eating/Purging

In meinem letzten Post über Magersucht habe ich euch bereits erzählt, dass es zwei unterschiedliche Subtypen der Krankheit gibt, von denen ich euch heute erzählen möchte. Ich werde diesen Post auch nutzen, um euch etwas von meinem Krankheitsverlauf beginnend ab Sommer 2015 bis jetzt zu erzählen.

 

Magersucht

In Österreich leiden ca. 2500 Mädchen zwischen 15-20 Jahren an einer ausgeprägten Magersucht. Im Schnitt kommen 600 Neuerkrankungen jährlich dazu. Um die Diagnose Magersucht stellen zu können, muss laut ICD-10 das Gewicht 15% unter dem Normalgewicht liegen bzw. einen BMI von 17,5 aufweisen. Der Body Mass Index besitzt jedoch keine starke Aussagekraft, weil er beispielsweise genetisch bedingtes Untergewicht nicht berücksichtigt. Außerdem gibt es weitere Kriterien, um eine Magersucht zu diagnostizieren. Beispielsweise bei einem beabsichtigt herbeigeführten Gewichtsverlust von mehr als 30% des Ausgangsgewichts, was theoretisch bedeutet, dass man auch im Normal- oder Übergewicht anorektisch sein kann. Ein weiteres Kennzeichen für Magersucht ist ein rascher Gewichtsverlust innerhalb von 3 Monaten.

Magersucht verläuft nicht bei jedem Betroffenen gleich. Prinzipiell unterscheidet man zwischen zwei Subtypen: Restriktiver Subtyp Binge-Eating/Purging Subtyp. 

 

Subtyp: Restriktiv

Der restriktive Typ ist jener Typus, den man sich unter einer „klassischen Magersüchtigen“ vorstellt. Die Nahrungsaufnahme wird vehement verweigert, man zählt Kalorien und eine bestimmte Kaloriengrenze darf nicht überstiegen werden. Zusätzlich werden nur Nahrungsmittel konsumiert, die als „safe“ angesehen werden, sprich kalorien- und fettarme Produkte, Low-Sugar- und Low-Carb-Produkte und Gemüse. Obst ist oftmals problematisch wegen des hohen Fruchtzuckeranteils, wird aber auch in geringen Mengen gegessen. Aber auch hier zeigen sich oftmals abnorme Verhaltensmuster. Beispielsweise essen viele einen Apfel nur geschält, weil die Schale „zu viele“ Kalorien hat.

Im restriktiven Typus gibt es keine Essattacken und man setzt auch auf keine Purging-Maßnahmen für die Gewichtsreduktion, wie Erbrechen oder die Einnahme von Abführmittel. Übermäßig sportliche Betätigung kann jedoch eine Begleiterschein des restriktiven Typus sein, sofern man noch die Kraft dazu hat oder sich zumindest einbildet, man hätte sie.

 

Meine restriktive Phase

Meine restriktiven Phasen habe ich für gewöhnlich in den wärmeren Jahreszeiten. Die letzten zwei Jahre nach meiner Therapie blieb ich davor verschont, doch alles hat sich im letzten Jahr verändert. Im Sommer 2015 war meine restriktive Phase sehr stark ausgeprägt, wo ich jegliche Nahrungsmittelaufnahme vehement verweigert habe. Das heißt, dass ich wenige Wochen lang wirklich gar nichts zu mir genommen habe, außer laktosefreie Milch, Cola light, zuckerfreie Energydrinks, Kaugummis und Zigaretten. Mein Energielevel war auf Ultralow programmiert und ich wundere mich selbst, dass ich zu dieser Zeit die Kraft hatte, zu bloggen oder so viel mit meinen Freunden zu unternehmen. Zu dieser Zeit habe ich auch sehr viel geschlafen. Untertags meistens noch zwei oder drei Stunden. Ein Glück, dass Ferien waren.

Ein so langer Nahrungsmittelentzug geht auch stark auf die Psyche. Irgendwann gegen Ende August war ich mit meinen Nerven vollkommen am Ende, sodass nur ein Wort genügte, um mich aus der Fassung zu bringen. Ich weiß noch ganz genau, dass Mama Lait etwas zu mir gesagt hat, was nicht böse gemeint war, für mich jedoch wie ein Vorwurf klang. Das Resultat war ein Tränenausbruch. Der Tag hat damit geendet, dass Mama und ich etwas essen gegangen sind. Dieser Tag war wohl wichtig, denn nach und nach sind kleine Verbesserungen eingetreten. Von September bis Mitte Dezember war es etwas besser. Wir waren Frühstücken, in Triest habe ich mich nach langer Diskussion immer zum Essen überreden lassen und ich war auch auf dem Street-Food-Market und habe mir dort den Tag nicht von dieser dummen Krankheit versauen lassen. Trotzdem waren die meisten Tage restriktiv, bis an den Weihnachtsfeiertagen die Binge-Eating/Purging-Phase (BP-Phase) begonnen hat.

 

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Quelle: Gratisography

 

Subtyp: Binge-Eating/Purging

Es ist schwierig, in einer Anorexie dauerhaft restriktiv zu bleiben. Irgendwann hält es der Körper nicht mehr aus und holt sich das zurück, was er braucht und was ihm so lange verwehrt wurde. Da kann man sich auch noch so sehr dagegen wehren. Irgendwann steuert man nicht mehr selbst, sondern man wird gesteuert. Obwohl viele Menschen Magersucht immer mit einer strikten Nahrungsverweigerung assoziieren, leiden sehr viele unter diesem Subtyp oder -wie es bei mir ist- episodisch unter diesem Subtyp. Unter Binge-Eating/Purging versteht man jenen Typus, in welchem während einer bestimmten Episode der Anorexia nervosa häufiger Essattacken auftreten. Nach diesen Essattacken zeigen Betroffene häufig ein „Purging“-Verhalten. Das heißt: selbstinduziertes Erbrechen und/oder Missbrauch von Laxanzien und/oder Diuretika. Diuretika sind Arzneimittel, die eine erhöhte Wasserausscheidung bewirken. Rezeptfrei sind sie zum Glück nicht erhältlich.

Der Unterschied zu einer Bulimie liegt darin, dass die Essattacken nicht so häufig auftreten. Manche bleiben während der gesamten Krankheit in diesem Typus, manchmal ist es auch nur episodisch und nicht auf Dauer.

 

Meine BP-Phase

Während den Weihnachtsfeiertagen hat es mich leider ein bisschen erwischt. BP-Phasen treten bei mir in den kalten Jahreszeiten auf. Erklären, warum das so ist, kann ich nicht. Ich schätze, es hat etwas damit zu tun, weil mein Körper in der Kälte die Nährstoffe dringender den je benötigt. Für mich persönlich ist die BP-Phase wesentlich schlimmer, schwieriger und unerträglicher, als die restriktive Phase. Essattacken sind anstrengend. Besonders schlimm ist es, weil man nichts dagegen machen kann. Sie tauchen eben auf. So eine Attacke kann den ganzen Tag andauern. Manche „wachen“ aus diesem Delirium zwar auf und belassen es nach einiger Zeit, aber eben nicht alle.

Essattacken können durch bestimmte Nahrungsmittel ausgelöst werden, manchmal kommen sie auch einfach so. Natürlich nehmen viele in dieser Phase zu, dazu zähle auch ich. Man sieht zwar in der BP-Phase oftmals gesünder aus und nach Außen hin wirkt es so, als wäre die Essstörung überwunden, doch dem ist nicht so. Vielleicht fühlt man sich, trotz der Anstrengung in dieser Phase, körperlich besser, weil der Körper Nahrung bekommt, aber der seelische Schmerz ist für mich persönlich in der BP-Phase wesentlich größer. Es ist oftmals unerträglich, sich im Spiegel ansehen zu müssen, vor allem nachdem „es“ wieder passiert ist. Genau deswegen ist auch der Satz „Du siehst wieder viel besser aus“ unangebracht. Und genau deswegen habe ich diesen Satz in die Liste der Sätze erwähnt, die man nicht zu einem Menschen sagen sollte, der unter einer Essstörung leidet. Man kann nie wissen, in welcher Phase sich ein Betroffener gerade befindet. Eine Gewichtszunahme bedeutet nicht, dass die Essstörung überwunden oder geheilt ist. Sie kann auch eine BP-Phase bedeuten.

Detailliert möchte ich meine BP-Phase nicht schildern. Ich kann nur so viel dazu sagen, dass es seit den Weihnachtsfeiertagen bis Mitte Januar etwa einmal in der Woche vorgekommen ist. Für mich ist es eines der schlimmsten Gefühle, doch so langsam ist die Phase am Abklingen. Ich kann im Januar auch einige Erfolge verbuchen, die ich euch am Sonntag zeigen werde. Ich bin wirklich froh, dass die Phase am Abklingen ist und ich hoffe, dass nun nicht wieder der Übergang in eine restriktive Phase folgt. Momentan versuche ich mich wieder darauf zu fokussieren, eine gesündere Beziehung zum Essen aufzubauen, auch wenn es schwierig ist. Aber ich habe zum Glück Menschen an meiner Seite, die mich unterstützen und für mich da sind.

 

Subtypen
Quelle: Kamboompics

 

Last but not least

Diesen Post möchte ich mit Worten und Zeilen beenden, die mir persönlich am Herzen liegen. Trotz dieser Krankheit bin ich nicht unglücklich. Auch wenn es mich „erwischt“ hat, kann ich von mir selbst behaupten, dass das noch lange kein Grund ist, mein Leben als sinnlos abzustempeln. Eine Essstörung ist eine große Herausforderung, aber ich merke, wie ich jeden Tag daran wachse und stärker werde. Nicht, weil ich dazu in der Lage bin, mich und meinen Körper zu steuern, diszipliniert bin oder ähnliches. Sondern, weil ich die Kraft habe, weiterzumachen. Nicht aufzugeben! Auch in einer BP-Phase, die doch sehr viel Kraft und Nerven kostet. Das würde ich nie schaffen, hätte ich nicht meine Lieben um mich. Darum: Gebt nicht auf! Das Leben ist lebenswert! Trotz Schicksalsschläge, trotz Krankheiten, trotz Tiefpunkte! Jeder Mensch ist dazu gemacht, ein Kämpfer zu sein!

 

Bilder von Gratisography und Kaboompics

6 Things you shouldn’t say to an anorexic

6 Things you shouldn’t say to an anorexic

…or to someone who has (beaten) an eating disorder

Oftmals werde ich gefragt, wie man richtig mit einem Menschen umgeht, der unter einer Essstörung leidet. Wenn eine nahestehende Person oder gar man selbst betroffen ist, ist man plötzlich mit Ausnahmesituationen konfrontiert. Menschen mit Essstörungen ziehen sich zurück, lassen niemanden mehr an sich heran und reagieren extrem empfindlich auf das, was man zu ihnen sagt. Mit verletzenden Aussagen wurde ich auch stets konfrontiert. Einerseits kann ich gut verstehen, dass Angehörigen oft die Worte fehlen und sie nicht wissen, was sie sagen können. Andererseits sollte man sich doch Gedanken machen. Es ist gar nicht so einfach, die richtigen Worte zu finden. Manchmal frage ich mich auch: gibt es die überhaupt? Das ist schwierig, denn meistens weiß ich selbst gerade nicht, was ich will. Eines steht jedoch fest: schönreden muss man gar nichts! Aber es gibt diverse Floskeln, die man doch lieber vermeiden sollte. Dazu gehören nicht nur unangebrachte Aussagen, wie „Iss einfach was.“, sondern auch diverse Ratschläge, egal wie gut gemeint sie auch sein mögen. Menschen, die sich ihrer Essstörung bewusst sind und sich den Problemen stellen (wollen), wissen ganz genau, was sie besser machen können. Tatsache: sie können es oftmals nicht umsetzen! 

 

Anorexic

 

1.) „Warum isst du nicht einfach gesund und treibst genügend Sport?“

STOP! Wenn ich diese Aussage noch einmal hören muss, kann ich nicht garantieren, die Beherrschung zu bewahren. Für mich persönlich ist nämlich genau das die Idealvorstellung, wie ich leben möchte. Ich schätze, vielen Menschen mit einer Essstörung geht es genauso! Wir wollen diesen gesunden Lebensstil haben. Wir wollen gesund und normal essen können! Und wir wollen Sport machen! Es ist der Inbegriff vom normalen Leben. Und wir sehnen uns nach diesem normalen Leben. Wenn es so einfach gehen würde, würden wir es alle tun und die Welt wäre befreit von Anorexie, Bulimie, Binge Eating, EDNOS (Eating Disorder Not Otherwise Specified) usw. Um es verständlicher zu erklären. Dieser Satz ist vergleichbar, wie wenn man zu einem Menschen mit Depressionen sagen würde: „Hör auf zu weinen, lache und sei einfach glücklich.“ Glaubt ihr, das geht so leicht? Na also!

Betroffene einer Essstörung haben oft tiefverwurzelte Ängste gegenüber (bestimmten) Nahrungsmitteln. Dazu zählen auch gesunde Lebensmittel. Ich zum Beispiel hatte immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich eine kleine Handvoll Mandeln oder eine halbe Avocado gegessen habe. Aufgrund meines breitgefächerten Wissens über Ernährung, weiß ich zwar, dass es sich hierbei um gesunde Lebensmittel handelt, die in gesunden Portionen konsumiert wurden, aber gleichzeitig handelt es sich auch um fettreiche Nahrungsmittel. Gesunde Fette hin oder her. Die gibt es im Kopf einer Magersüchtigen nicht! Fett ist schlecht! Egal, ob gesättigte oder ungesättigte Fettsäuren. Sicher weiß ich auch, dass sich diese Nahrungsmittel in gesunden Portionen mit der Kombination Sport positiv auf meinen Körper auswirken können. Genauso weiß ich, dass ich mit einer gesunden Ernährung und Sport niemals Figurprobleme hätte.

Wenn ich so einen Satz an den Kopf geknallt bekomme, fühle ich mich einerseits tief verletzt. So ein Satz glänzt nicht mit Einfühlsamkeit. Andererseits löst dieser Satz ein Gefühl der Schwäche in mir aus. Mir wird suggeriert, dass es andere auch schaffen und ich es gefälligst auch schaffen sollte. Dass es nicht so einfach ist, wird von dem Sprecher nicht wahrgenommen. Er denkt womöglich, dass wir nur unseren Lebensstil auf diese Art und Weise ändern müssen und schon wäre die Sache schön vom Tisch. Wenn es nur so leicht wäre. Im Endeffekt können wir nichts dafür, dass wir uns so verhalten. Eine Essstörung ist eine psychische Störung. Ein Satz, den ich auf einem anderen Blog gelesen habe, bringt es hierbei gut auf den Punkt:

 

There is something going on in the chemistry of the brain that makes them behave like that

 

2.) „So dünn siehst du gar nicht aus!“

Autsch! Magersucht oder generell Essstörungen werden gleich mit extremen Untergewicht verglichen. Wenn man mich momentan so ansieht, würde man mir auch nicht ansehen, dass ich immer noch mit dieser Krankheit kämpfe. Verwerft also die antiquierte Vorstellung, dass der „typische“ Essstörungspatient eine dünne, ausgemergelte Frau im Teenageralter ist. Sogar Menschen mit Übergewicht oder Normalgewicht, sowie „nur“ leichtem Untergewicht können unter einer Essstörung leiden. Emma Woolf, eine Buchautorin und Journalistin, selbst jahrelang betroffen von einer schwerwiegenden Magersucht, beschreibt es in ihrem Buch „Zu leicht für diese Welt“ sehr gut:

 

Ich kenne eine Frau, die 120 kg wiegt und trotzdem noch magersüchtig ist. Sie hat ihr altes Gewicht (und noch viel mehr), wieder zugenommen und das bedeutet nach streng medizinischen Kriterien, dass sie nicht mehr anorektisch ist. Aber genau da liegt das Problem: mental hat sie diese Krankheit nie überwunden

– Emma Woolf in „Zu leicht für diese Welt“ –

 

Leider verwenden viele Ärzte nach wie vor den BMI als Schlüssel für eine Diagnose. Doch die Ärzte sind das geringste Problem. Ich kann mich noch an meinen ersten Krankenhausaufenthalt erinnern. So als wäre es gestern gewesen. Ich musste mir tatsächlich von einer anderen Patientin anhören, dass ich eigentlich gar nicht so dünn bin und sie nicht verstehen könnte, warum ich wegen einer Essstörung stationär im Krankenhaus liege. Nebenbei bemerkt litt die Dame selbst unter keiner Essstörung und ich hatte damals um die 51 kg. Die Dame hat mich aber ganz unverschämt auf 60 kg geschätzt – ohne, dass ich sie überhaupt danach gefragt habe. Das war ein Stich in mein Herz und ich weiß, ich könnte es jetzt jederzeit wieder hören, weil ich von meinem tiefsten Gewicht doch wieder weiter entfernt bin, als es noch Anfang Dezember der Fall war. Dieser Satz ist nicht nur wenig einfühlsam, sondern auch gefährlich. Insbesondere in der Welt von anorektischen Patienten gibt es kein zu dünn. Wird einem mit so einem Satz zusätzlich suggeriert, dass man von einem nie zu erreichenden „zu dünn“ noch meilenweit entfernt ist, könnt ihr euch nur zu gut vorstellen, was dieser Satz bewirken kann. Bingo! Ein noch restriktiveres Essverhalten verbunden mit einer weiteren Gewichtsabnahme. Nach dieser unfreundlichen Aussage vor drei Jahren von meiner Zimmergenossin habe ich übrigens innerhalb einer Woche 4 kg verloren. Ich wollte zwar keine Zahlen erwähnen, aber ich schätze, die knallharte Realität ist der drastischste Weg, um einem die Auswirkungen solcher Sätze ins Bewusstsein zu rufen.

 

3.) „Iss‘ doch einfach was.“

Der Anfangssatz! Der böse Satz, den ich am Anfang dieses Posts angesprochen habe. „Iss‘ was.“ bzw. „Ich kann nicht verstehen, was so schwer daran sein soll, einfach zu essen.“ Ich habe diese Sätze gehört. Es sind womöglich auch die Sätze, die ich mir am Meisten anhören durfte. Wäre es so leicht, sich einfach an den Tisch zu setzen, einfach das zu essen, was vor einem steht, dann gäbe es keine Essstörungen auf dieser Welt. Am Besten wir tun das alles noch ungeplant und die Sache ist im wahrsten Sinne des Wortes gegessen. Ein Beispiel: Heute Morgen erzählte mir meine Mutter, dass es morgen anlässlich des Feiertages Raclette gibt und was ich denn gerne haben möchte. Erste Reaktion: Schnappatmung. Das war nicht geplant! Jetzt sitze ich unsicher in meinem Zimmer, tippe diesen Post und mache mir Gedanken, wie ich mich am Leichtesten aus der Affäre ziehen kann. Ihr merkt einfach, der Satz „Iss‘ doch einfach“ ist so sinnlos, als wenn man versuchen würde, am Nordpol Pinguine ausfindig zu machen.

Im Grunde genommen haben solche Sätze auch nicht die Wirkung, die man sich vielleicht erwünscht. Werde ich damit konfrontiert, mache ich komplett zu und möchte danach erst recht nichts essen. Außerdem ist es unglaublich verletzend. Gerade wenn eine nahestehende Person diesen Satz fallen lässt. So geschehen auch vor kurzem an einer Lehrveranstaltung an der Uni. Es ist nicht schön, wenn während der Gruppenarbeit plötzlich dieses Thema fällt und man anschließend diesen Satz vor allen anderen an den Kopf geworfen bekommt. Sicher, Menschen ohne Essstörung können es nicht verstehen, dass man nicht einfach isst, wenn man Hunger hat. Ich erinnere mich auch an die Reise nach Prag zurück, wo wir in einem Burgerlokal waren. Der Ablauf: Alle haben die leckeren Burger, Wraps und Rippchen, die ihnen aufgetischt wurden, genossen. Ich saß mit meiner Cola light in der Runde und hätte mir an dieser Stelle nichts sehnlicher gewünscht, das auch zu können. Aber es ging einfach nicht. Obwohl ich mich an meinem Geburtstag zusammenreißen konnte, wirklich das aß, worauf ich Lust hatte, fielen mir die anderen Tage besonders schwer. Das Suchen und Finden von Ausreden, warum man gerade „keinen Hunger“ hat, war im Übrigen fast genauso anstrengend, wie die Gewaltmärsche unseres Professors durch die Stadt.

 

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4.) „Heute hast du aber viel gegessen.“

Wie ich das eine oder andere Mal bereits erwähnt habe, ist es möglich, von dieser Krankheit weitgehend „geheilt“ zu werden. Eine vollständige Heilung wird zwar nie mehr möglich sein, aber man kann damit wieder ein normales Leben führen. Man kann auch wieder essen und man kann auch viel essen, wenn man Lust darauf hat. Es kommt immer drauf an, wie weit die Therapie fortgeschritten ist und welche Erfolge man bereits erzielen konnte.

Weihnachten, Silvester, Geburtstage und Co. sind die typischen Anlässe, wo gerne einmal mehr aufgetischt wird. Und ja, auch Menschen mit Essstörungen (in erster Linie Magersucht) können dort kräftig zulangen. Menschen, die weiterhin an Bulimie leiden oder an Magersucht mit dem Subtyp Binge-Purging erkrankt sind, wovon im Übrigen knapp die Hälfte aller Magersüchtigen betroffen sind, laufen an solchen Situationen der Gefahr, eine Heißhungerattacke zu erleiden. Da kann es ganz schnell nebensächlich werden, dass da noch andere Leute am Tisch sitzen. Wobei – in der Gegenwart von anderen Menschen reißen sich Betroffene meiner Erfahrung nach auch oft zusammen und essen bewusst weniger. Nichtsdestotrotz – wir gehen davon aus, dass dem nicht der Fall ist, sondern dass einfach viel gegessen wird. Es ist schlicht und ergreifend unverschämt, das Essverhalten einer anderen Person zu dokumentieren. Ideal ist es, das Essen gar nicht zu dokumentieren. Auch nicht zu loben. Essen ist ein Grundbedürfnis, welches gestillt werden soll und das müssen Essstörungspatienten lernen. Essen sollte nicht belohnt werden, sondern als Genuss angesehen werden und eine Sache, die der Mensch braucht, um zu überleben.

Wenn man „brav gegessen“ hat, fallen auch gerne Lobgesänge. Schlimmer als ein Lob ist jedoch in der Tat dieser Satz: „Heute hast du aber viel gegessen.“ Man muss es gar nicht vorwurfsvoll meinen, aber in unseren Ohren klingt es nach einem Vorwurf. Geht in euch. Egal, um was für eine Art von Vorwurf es sich handelt, aber wie fühlen sich andere Menschen, wenn sie damit konfrontiert werden? Schlecht? Schuldig? Unwürdig? Ekelhaft? Ja – das sind nur wenige der negativen Gefühle, die auftauchen können. Jedes subjektive Empfinden ist anders, aber solche Sätze bringen uns nur dazu, wieder restriktiver zu werden.

 

5.) „Jetzt siehst du viel besser aus, als vorher.“

Diesen Satz habe ich vor allem nach meiner stationären Therapie am Häufigsten gehört. Eigentlich geht es da weiter, wo es vorher aufgehört hat, nur in einer anderen Richtung. Aussehen und Essen werden wieder viel zu sehr in den Fokus gestellt. Ich tat mir mit solchen Sätzen unheimlich schwer, denn einerseits bedeutete der Satz für mich, dass ich vorher hässlich war und andererseits ist es ein Gefühl des Versagens. Ich verglich besser aussehen lange mit dem Fettsein. Für mich suggerierten diese Sätze allen voran eines: „Toll, jetzt bist du wieder so dick, wie vorher.“ Unabhängig davon, ob man sich immer noch im leichten Untergewicht befand oder nicht. Es tut weh, wenn das „neue Ich“ mit dem „alten Ich“ verglichen wird. Leidet man einmal unter einer Essstörung, wird sie immer ein Teil vom Leben der Betroffenen sein, doch gerade nach einer stationären Therapie, die zumindest in der Gewichtszunahme erfolgreich war, möchte man damit abschließen. Es ist wenig hilfreich, wenn man von seiner Umgebung weiterhin mit damals konfrontiert wird. Wer man war. Wie man aussah. Wie man auf andere wirkte. Das ist irrelevant, schließlich hat man die Therapie geschafft. Ich sage nicht, dass man so einer Person keine Komplimente mehr machen darf. Ganz im Gegenteil. Auch bezüglich des Aussehens hören (ehemalige) Betroffene gerne Komplimente. Nur sollte man aufpassen, wie man sie formuliert, wenn man das Bedürfnis hat, ein Kompliment auszuteilen. Ich will niemanden etwas vorschreiben, doch Vergleiche mit früher sind Fehl am Platz. Am besten solche Wörter wie „jetzt“, „als früher“ oder „damals“ vermeiden, sondern sich auf die Gegenwart beziehen. Beispiel: „Du siehst heute sehr hübsch aus.“ anstatt „Jetzt siehst du endlich wieder hübsch aus, im Gegensatz zu vorher.“ 

 

6.) „Weißt du überhaupt, was du uns damit antust?“

Natürlich leiden Angehörige. Sie leiden sogar oftmals mehr, als die betroffene Person selbst. Auch ich weiß es, wie es ist, Freunde mit Essstörungen zu haben. Im Krankenhaus habe ich beispielsweise ein Mädchen kennengelernt, welches womöglich bis heute nicht geheilt ist. Wir haben leider keinen Kontakt mehr. Ich bin jetzt in einem Alter, wo mich andere nicht mehr triggern können. Sehr wohl habe ich trotzdem mitgelitten. Vor allem, als ich wieder auf dem Weg der Besserung war. Es tut wirklich weh, geliebte Menschen leiden zu sehen. Man möchte so gerne helfen und irgendwann ist man selbst so verzweifelt, dass man im Affekt Dinge sagt, die man nicht so meint. Fällt dann der Satz: „Weißt du überhaupt, was du uns damit antust?“ ist sowieso Sense. Selbstverständlich wissen wir es. Wir würden alles dafür geben, um unsere Lieben nicht so sehr verletzen zu müssen. Mir wäre es auch lieber, wenn sich meine Mama nicht mehr so viele Gedanken um mich machen müsste. Ich merke oft, dass es ihr schwer fällt. Auch nach acht Jahren weiß sie nicht, wie sie damit umgehen soll, obwohl sie es eigentlich schon gewöhnt sein müsste. Die Verzweiflung bringt einem oft dazu, Dinge zu sagen, die man nicht so meint. Nur diesen Satz sollte man mit Vorsicht genießen. Es führt nur dazu, dass sich die betroffene Person noch schuldiger fühlt, ohne aber etwas an der Gesamtsituation ändern zu können.

Darüber hinaus machen viele Betroffene nach solchen Sätzen erst Recht zu und lassen niemanden mehr an sich heran. Ich denke, das wünscht sich kein Angehöriger.

 

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Wir wollen keine Sonderbehandlungen

Auch wenn dieser, nennen wir es, kleiner Guide danach klingen mag. Eine Sonderbehandlung wollen wir nicht. Wir sind trotzdem ganz normale Menschen. Im Grunde genommen wollen wir in der Gesellschaft gar nicht auffallen, obwohl viele Betroffene dies unbewusst tun. Gerade jene, die sehr untergewichtig oder aufgrund von Binge Eating sehr übergewichtig sind. Im Endeffekt wollen wir nur so behandelt werden, wie andere auch. Jedoch sind wir sensibler. Wir reagieren auf harmlose Sätze anders, als andere und sind dadurch schneller verletzt und eingeschüchtert. Darum wünschen wir uns auch, dass unsere Umgebung sensibler und verständnisvoller auf uns reagiert.

 

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Was hilft am Besten?

Ablenkung! Werden wir nicht ständig mit unserer Krankheit konfrontiert, fühlen wir uns unterstützt. Selbst wenn wir oft kühl wirken, niemanden an uns heranlassen, so wünschen wir uns einfach nur eine starke Schulter zum Anlehnen. Jemand, der uns auf andere Gedanken bringt und der für uns da ist. Der nicht ständig Essen zum Thema und uns Vorwürfe macht. Der nicht ständig sagt, wir sind schuld, dass es der ganzen Familie oder den Freunden schlecht geht, weil man DAS mit sich macht.

Wenn wir diese Unterstützung erfahren, abgelenkt werden, dann fällt es leichter, nach vorne zu schauen. Jedenfalls ergeht es mir so. Zumindest hat es sich bereits ausgezahlt. Positive Auswirkungen haben sich gezeigt, denn im Dezember gelang es mir erstmalig, auch mal spontan mit jemanden etwas Essen zu gehen (Danke Alex). Früher hätte ich das ohne längere Planung nie geschafft. Und es gelang mir auch, zwei Tage hintereinander zu essen (Nochmal Danke Alex). Das habe ich seit Juli nicht mehr geschafft. Eine positive, verständnisvolle und sensible Unterstützung ist also sehr viel wert, um wieder in eine andere Richtung zu gehen.

Living withOUT Anorexia (Update)

Vor nicht einmal ganz drei Jahren habe ich euch einen tiefen Einblick in die wohl persönlichste Geschichte meines Lebens gegeben. Ein Thema, mit dem ich lange gehadert habe und ob ich es überhaupt auf irgendeine Weise online stellen sollte. Ich entschied mich damals dafür. Ich kann offen damit umgehen, denn etwas, das für eine sehr lange Zeit meines Lebens ein Teil von mir war, kann man nicht einfach so totschweigen. Außerdem habe ich mir das Ziel gesetzt, dadurch anderen Betroffenen und Angehörigen zu helfen. Das Ziel wäre für mich bereits erreicht gewesen, wenn ich nur einer Person damit geholfen hätte, aber was ich nach dem Post im Oktober 2012 für Resonanzen bekommen hatte, war für mich einfach nur überwältigend. Sehr viele Betroffene und auch Angehörige haben es sich zum Anlass genommen, mir zu schreiben. Bis zum Anfang des Jahres bekam ich ab und an noch ein paar E-Mails, die sich auf dieses Thema bezogen. Jetzt hat sich das allmählich eingestellt. Kontakt halte ich diesbezüglich zu keinem mehr, da sich einfach alles im Sand verlaufen hat. Dennoch wünsche ich jedem, der sich bei mir gemeldet hat, alles erdenklich Gute. Ich hoffe, dass es allen mittlerweile gut oder zumindest besser geht. -HIER- habt ihr übrigens die Möglichkeit, den Post von damals zu lesen. Stilistisch gesehen nicht gerade ein literarisches Meisterwerk, aber es beschreibt die damalige Gefühlslage ganz gut.

Heute soll es sich aber nicht mehr um die Zeit damals drehen und wie es war, sie zu erleben. Es geht viel mehr darum, euch zu erzählen, wie es mir heute, drei Jahre nach meiner Therapie geht. Wie ich die Zeit danach durchlebt habe, welche Schwierigkeiten es noch für mich gab und die Frage, ob ich heute glücklich bin und ganz ohne diese Last leben kann.

Ich weiß gar nicht so richtig, wo und wie ich überhaupt anfangen soll. Ihr könnt euch schon einmal darauf einstellen, dass dieser Post etwas länger wird, denn drei Jahre sind eine verdammt lange Zeit und natürlich ist in dieser Zeit sehr viel passiert. Ich würde sagen, wir reisen etwas in der Zeit umher und starten bei meinem Neubeginn. Die Zeit, als ich das Krankenhaus verlassen durfte, in dem ich insgesamt fast sechs Monate „lebte“. (Anm.: In dem Post „Federleicht“ steht 4 Monate. Über 4 Monate lang verbrachte ich in der zweiten Klinik. Die restliche Zeit bezieht sich auf eine andere Klinik, in der ich zuvor war.)

Die Zeit nach der Therapie verlief sehr blauäugig. Ich war optimistisch. Seeeehr optimistisch. Vielleicht sogar ZU optimistisch. Auch wenn in mir stets die unerträgliche Zahl meines neugewonnenen Gewichts schwebte, was damals etwa 55 kg ausmachten (von 47 auf 55 innerhalb von 6 Monaten – für mich enorm und ein großer Schritt), so fühlte ich mich auf irgendeine Art und Weise ein bisschen wie „Wonder Woman“. Ich gegen den Rest der Welt. Ich gegen die Krankheit. Ich habe sie besiegt. Ana, wie ich (und zig andere Betroffene) sie nannte(n), war zwar noch auf irgendeine Art und Weise präsent, aber sie war drauf und dran vollkommen aus meinem Leben zu verschwinden. Zumindest glaubte ich das. Dass sie nie verschwunden ist, weiß ich heute, knapp drei Jahre später, wesentlich besser. Ich kann mich immer noch sehr gut an die letzten Worte, die meine Therapeutin mir auf den Weg mitgegeben hat, erinnern. Damals sagte sie zu mir: „Lisa, wir werden uns wieder sehen. Ich wünschte, unter anderen Umständen. Aber das wird wohl nicht passieren.“ Was sie mir da so durch die Blume mitteilte, war im Endeffekt ein philosophisch zusammenkonstruierter Satz, der ins Normalodeutsche übersetzt folgendes bedeutet: „Bis zum nächsten stationären Therapieaufenthalt in xx Wochen mit xx weniger Kilos.“ Sprich – sie rechnete fest damit, dass ich trotz „Fastnormalgewicht“ (bei meiner Größe entsprechen 55 kg immer noch dem Untergewicht) wiederkommen würde und ich alles andere, als geheilt war.

Auch wenn der Krankenhausaufenthalt sehr viele schöne Erinnerungen mit sich bringt (ja, ehrlich!) und ich mich in den Räumlichkeiten oft in Sicherheit wog, beschützt von der Außenwelt, so stand für mich gleich fest, dass ich nie wieder zurück möchte. Während ich dafür kämpfte, mein Leben wieder in geregelte Bahnen zu lenken, verpasste ich auch einiges. Von den zwei Tagen im bewusstlosen Zustand auf der Intensivstation einmal ganz zu schweigen. Der 23. und 24. Mai 2012 sind vollkommen ausradiert. Es ist so, als würde es diese Tage in meinem Leben gar nicht geben. Das schmerzt mir am meisten, denn es ist verlorene Zeit, die ich nicht wirklich leben konnte. Zurückgeben kann mir diese Zeit niemand. Ich muss damit leben, dass diese zwei Tage in meinem Leben fehlen, aber was sind schon zwei Tage?Der frech umschriebene Satz meiner Therapeutin tat sein Übriges. Für mich stand fest: „Nein, du wirst mich NIE wieder sehen! Zumindest nicht als Patientin.“ Und ich habe es geschafft – bis heute.

Ehrlich gesagt habe ich es sogar „besser“ geschafft, als mir lieb war. Ich nahm noch mehr zu. Viel mehr. Am Ende war es so viel, dass ich mich nicht einmal mehr traute, mich zu wiegen. Bis heute weiß ich die Zahl nicht, aber ich kann euch sagen, dass ich ganz schön proper beisammen war und so langsam tatsächlich in die Breite ging, Hamsterbäckchen bekam und ordentlich Speck mit mir rumschleppte. Das war für mich die Katastrophe schlechthin! Erst als mir selbst richtig bewusst wurde, dass ich allen Anschein nach sogar mehr geworden bin, als ich es vor der Krankheit war, machte es Klick. Wie konnte ich mich nur so gehen lassen? Ich glaube, vor einem Jahr habe ich den dicksten Zeitpunkt meines Lebens erreicht. Fotos von damals existieren kaum und ich glaube nicht, dass ich den Anblick meiner Selbst hierbei ertragen könnte. Das Gefühl, das ich damals hatte, ist sehr schwer zu beschreiben. Irgendwie fühlte ich mich, als hätte ich versagt. Anas Stimme wurde dann selbstverständlich wieder ein bisschen lauter. Sie hat mich ordentlich ausgeschimpft und mir eingeredet, ich sei hässlich. Und genauso fühlte ich mich auch. Wie konnte ich es nur zulassen, mich bezüglich der Ernährung und des Sports nur so gehen zu lassen? Der alten Lisa sah das ganz und gar nicht ähnlich. Ich war sauer. Sauer auf mich selbst! Und so langsam begann ich, mich wieder zu hassen. Der Hass kochte empor, weil ich es zuließ, mich so gehen zu lassen, nicht auf mein Gewicht oder den Sport achtete und nun so aussah, wie ich damals aussah. Aber der Hass befand sich auch auf einer ganz anderen Seite: Ich hasste mich selbst, dass ich mein Leben wieder so sehr von Aussehen, Gewicht und Essen abhängig machte, anstatt es zu genießen. Wie auch schon damals in der wildesten Magersucht, wo ich nur noch abgemagerte 47 kg bei 1.73 m Körpergröße auf die Waage brachte.

Als es *Klick* gemacht hatte (Ende August 2014), hatte es leider nicht richtig *Klick* gemacht. Es folgten Hungerkuren und meine Ernährung bestand überwiegend aus dosenweise Energy Drinks Sugarfree, die ich in Rekordzeit leerte. Tray für Tray (ein Tray hat 24 Dosen btw., das sind 180 Kalorien pro Tray). Ab und an „gönnte“ ich meinem Körper einen „Cheat Day“, denn auf Dauer hätte ich das bestimmt nicht ausgehalten, so ganz ohne feste Nahrung zu leben, obwohl ich doch schon einen kleinen Rekord aufgestellt habe, auf den ich im Nachhinein betrachtet ganz und gar nicht stolz bin, darum verrate ich nicht, wie lange ich tatsächlich ohne fest Nahrung ausgekommen bin. Dieser Post hier soll nicht triggernd sein, obwohl ich auch gar nicht weiß, wie so etwas überhaupt dazu anspornen sollte, genau das gleiche zu tun, denn mein Körper hat sich gerächt. Bitterlich gerächt. Die Haare fielen mir aus, aber nicht nur ein paar einzelne Härchen, sondern büschelweise. Morgens wachte ich neben Haarballen auf und auch in meiner gesamten Umgebung, in der ich mich aufhielt, hinterließ ich DNA-Spuren. Ganz besonders erschrocken habe ich mich einmal nach einem Unitag. Der Seminarraum war während der gesamten Lehrveranstaltung abgedunkelt (wegen PowerPoint-Folien). Als das Licht wieder anging, war die Tastatur meines MacBooks voll mit blonden Haaren. Innerhalb von anderthalb Stunden ist mir gut eine Hand voll Haare ausgegangen. Warum ich zu der Zeit nicht vollkommen bis aufs Skelett abgemagert bin, liegt wohl an meiner Liebe zu Kaffee mit mehr Milch als Koffein. Auf diese Art und Weise bekam mein Körper seine ganzen Kalorien, aber wir wissen wohl alle, dass eine einseitige Ernährung nicht gut für uns ist, oder? Wobei – kann man hier noch von Ernährung sprechen? Wohl kaum.

So, wie sich die ganze Sache entwickelte, machte es den Anschein, als hätte meine Therapeutin doch recht behalten, mich irgendwann wieder in der Klinik als Patientin zu treffen. Die Magersucht schlang ihre bösen Fäden wieder um mich und hatte mich um Haaresbreite bald wieder in ihren Fängen. Mental war ich sowieso bereits wieder höchst anorektisch. Gefangen in einem Strudel, der mich schier wahnsinnig machte. Die Gedanken kreisten wieder permanent ums Essen und um mein Gewicht. Ich sah mich im Spiegel an und hätte ihn am Liebsten einschlagen können. Anfang des Jahres war das ganz besonders schlimm. Es kostete mich sogar ein bisschen Überwindung, Bilder von mir selbst auf meinem Blog zu stellen. Ganz besonders traurig war ich, als ich nach diesem Post einen anonymen Kommentar bekam, dass ich sehr kräftige (das war jetzt die nette Umschreibung für das tatsächliche Wort „fett“) Oberschenkel hätte und ich dringend etwas gegen mein „Übergewicht“ tun sollte. Autsch, das saß. Und ja, ich habe geweint. Bitterlich geweint. Ich fühlte mich wie ein Walross. Die Gedanken kreisten ständig um die Zeit davor. Die Zeit, als ich stark untergewichtig war. Es war so, als wäre ich dem nicht würdig, mich als „Ex-Magersüchtige“ zu bezeichnen. Und ich fühlte mich so, als hätte ich verloren. Außerdem hatte der anonyme Kommentar einen Nerv getroffen. Ausgerechnet die Körperpartie wurde kritisiert, die ich neben meinem Bauch als größte Problemzone an meinem Körper ansehe. Die 47 kg leichte Lisa hätte mir wahrscheinlich den Kopf umgedreht, wenn sie mich so, wie ich jetzt aussehe, sehen würde. Ich kenne mein „altes“ Ich und ich weiß, wie ich damals war.

Damals war ich genauso, wie die Krankheit in zahlreichen YouTube Videos personifiziert dargestellt wird. Streng, kritisch, machte mich runter und verabscheute andere, die nicht dem Gewichtsstandard entsprachen, den ich als Ideal angesehen habe (mit Ausnahme meiner Freunde). Ideal war für mich damals nämlich nicht eine schöne, schlanke Figur, die gesund aussah, sondern Figuren, die weit unter dem Normalbereich lagen. Figuren, die jeder normale Mensch eindeutig als anorektisch sehen würde. Das war für mich das Ideal schlechthin und diese Idealvorstellung machte etwas mit mir. Ich wurde hochnäsig, arrogant und gemein. Würde man diese Charaktereigenschaften ebenfalls personifizieren, würde im Endeffekt nur ein hässliches Monster dabei rauskommen. Im Nachhinein betrachtet wird mir deutlich klar, dass nicht die äußere Hülle den Menschen macht, sondern das Innere – der Charakter. Mein damaliger Charakter war nicht schön, wobei ich mich auch fragen muss, ob das tatsächlich meine Charaktereigenschaften waren. Denn hätte man damals noch tiefer gegraben, das innere Schutzschild durchbrochen, wäre man zu einem zerbrechlichen, kleinen Mädchen durchgerungen, das im Endeffekt am Liebsten in Mamas Armen gelegen und geweint hätte. Das brachte mich zum Nachdenken. Wollte ich wirklich wieder so werden?

Nein – ich möchte nicht mehr zurück zu dem, was ich einmal war!!!

Ich begann, eine kleine Liste zu erstellen. Eine Liste, die mir klar vor Augen führen sollte, was die Krankheit mit mir macht, was ich geschafft habe und woran ich an schlechten Tagen denken soll. Punkt 1 (und mit Sicherheit der Wichtigste): Ich habe keine 6 Monate umsonst dafür gekämpft, wieder gesund zu werden. Mittlerweile versuche ich, dass diese anorektischen Gedanken keine Übermacht mehr über mich gewinnen. Es ist schwierig, aber es geht. Ich will mein Leben nicht schon wieder so stark von meinem Gewicht, meinem Aussehen und dem Essen abhängig machen, denn im Endeffekt bezahlt man damit nur einen hohen Preis. Einen Preis, den kein Mensch bezahlen sollte. Ich vergleiche mich zwar gerne mit anderen, aber im Grunde genommen ist es wichtig, dass ich mich so akzeptiere, wie ich bin. Kein Mensch ist perfekt. Es ist schier unmöglich, eine Perfektion zu erreichen und gerade deswegen sollte man dafür auch keine Zeit verschwenden. Das, was wirklich zählt und wichtig ist, sind doch die Menschen, die einen so lieben, wie man ist. Und man macht es diesen Menschen ziemlich schwierig, wenn man sich selbst hasst oder ständig unzufrieden ist. Immer wenn ich an meine Lieben denke, wird mir klar, dass ich kein schlechter Mensch bin. Dass ich gut so bin, wie ich bin. Meine Familie und meine Freunde mögen mich, also kann ich wohl kein so schlechter Mensch sein. Daran denke ich nun oft, wenn ich wieder stark mit mir selbst hadere. Manchmal gibt es sie einfach noch. Diese Tage, an denen man sich nicht im Spiegel anschauen kann/möchte oder die ganzen Fotos für den neuen Blogpost mit PhotoShop so überarbeiten möchte, dass zum Schluss ein makelloses Model dabei rauskommt, unabhängig davon, ob man danach noch seiner selbst ist. Solche Tage sind okay, solange man sich dadurch nicht in einen Strudel hineinziehen oder sich auf irgendeine Art und Weise herunterziehen lässt.

Das, was ich damit sagen möchte, ist, dass ich immer noch am Kämpfen bin. Dass ich wahrscheinlich nie wieder komplett geheilt sein werde. Aber ich kann damit umgehen. Es ist ein schwerer Weg, aber ich gehe ihn gerne, weil ich weiß, dass es sich lohnt, zu kämpfen. Ich will mein Leben glücklich führen und momentan bin ich wieder auf der richtigen Bahn. Zwar weiß ich, dass die Lebensqualität nie mehr so sein kann, wie vor der Krankheit, aber das heißt nicht, dass man nie wieder glücklich sein kann. Es verändert sich nun mal viel, wenn man einmal drin war und so ganz loslassen wird einem das Ganze mit Sicherheit nicht. Trotzdem sollte man nicht seine Zukunft davon abhängig machen. Schönheit wird nicht von einer Zahl auf der Waage definiert. Man strahlt Schönheit aus, wenn man glücklich ist und jeder Mensch ist auf seine eigene Art und Weise schön. Ich selbst weiß, dass es Wege und Möglichkeiten gibt, mich irgendwann in meinem Körper wohl zu fühlen. Irgendwann werde auch ich vor dem Spiegel stehen und zufrieden mit dem sein, was ich sehe. Dafür muss ich nicht hungern. Ich muss nur die richtige Balance finden: gesunde, normale Ernährung und ein effektives Work-Out. Ja, daran muss ich wirklich noch arbeiten, aber trotzdem stehe ich dem Ganzen positiv gegenüber. Auch wenn ich den absoluten Wohlfühlkörper noch nicht erreicht habe, ich habe etwas ganz anderes erreicht: ich lerne jeden Tag mehr, mich selbst zu lieben und zu akzeptieren. Darum – Magersucht lohnt sich nicht! 

Solltest DU von Anorexia Nervosa oder von einer anderen Essstörung betroffen sein (Bulimie, Binge Eating, Adipositas…) und suchst du jemanden, dem du dich anvertrauen kannst, dann darfst du mir unter cafeaulait.blog@gmail.com schreiben. Natürlich können sich auch Angehörige von Betroffenen bei mir melden. Dass alles streng vertraulich behandelt wird, stellt für mich eine Selbstverständlichkeit dar! 

PS: Bitte nicht böse sein, wenn ich nicht in Windeseile antworten kann. Im Juni ist leider Prüfungszeit, aber gerade bei solchen heiklen Themen bin ich bemüht, schnell zu antworten.