Tag : Essstörungen

Wie gehe ich mit Rückschläge um?

 

Rückschläge gehören zu einer Anorexie Recovery genauso dazu, wie das vorherige Hungern in der akuten Krankheitsphase. Eine Therapie gegen Magersucht ist kein Spaziergang und bestimmt härter, als die Krankheit selbst. Es kann nicht immer nur vorwärts gehen, doch kein Schritt in Richtung gesunde Zukunft ist ein Schritt zurück. Auch wenn der Weg einmal steinig wird.

 

Rückschläge in der Therapie

Warum sie zur Heilung dazugehören

Ich finde Rückschläge sehr wichtig. Klar, sie schmerzen und sind bestimmt nicht angenehm, aber sie sind Wendepunkte im Leben, an denen wir viel dazulernen können. Manchmal brauchen wir sie sogar, um UNS besser kennenzulernen. Doch ein Rückschlag sollte kein Grund sein, um aufzugeben! Wenn ich meine Rückschläge während der Therapie an den Fingern zusammenzählen müsste, bräuchte ich mehr als nur zwei Hände. Mal stimmte das Gewicht nicht, egal ob ich zugenommen oder sogar abgenommen habe. Als nächstes war ich deprimiert, weil der BMI immer noch unter 17 lag und ich schon wieder nicht zur Sporttherapie zugelassen wurde. Das Sahnehäubchen war immer dieser eklige Kaloriendrink, den ich zu mir nehmen musste, wenn ich mehr als 100 g in der Woche abgenommen hatte.

Rückschläge sind doof, aber da, um sie zu bewältigen, schließlich habe ich es trotzdem geschafft. Das liegt daran, weil ich gelernt habe, diese Rückschläge zu reflektieren und dementsprechend danach besser damit umgehen konnte. Selbstverständlich geht das nicht ganz ohne Masterplan. Und der ist gar nicht so knifflig, wie man vielleicht denken mag.

 

 

Tipp Nummer 1: Rede mit Vertrauenspersonen oder Menschen, die dich verstehen

Wenn du dich gerade in einer stationären Therapie befindest, vereinbare ein Einzelgespräch mit deiner Therapeutin oder deinem Therapeuten. Für mich war das anfangs gar nicht so leicht, denn ich habe bereits verraten, dass mir in der Klinik nie jemand gesagt hat, dass ich die Möglichkeit zu solchen Einzelgesprächen hätte. Diese Möglichkeiten sind aber immer da, selbst wenn dir das am Anfang niemand mitgeteilt hat. Denk einmal genauer darüber nach: Wozu ist deine Therapeutin sonst da? Ich wusste erst gegen Ende meiner Therapie von dieser Möglichkeit, habe sie dann aber ein paar Mal in Anspruch genommen. Glaub mir: Mit deiner Therapeutin oder deinem Therapeuten kannst du über die banalsten Dinge sprechen. Es herrscht Schweigepflicht, also dringen deine Probleme nie nach außen hindurch.

Ansonsten gibt es auch noch die Gruppentherapie. Hattest du einen Rückschlag, sag es. Keiner in der Gruppe wird dich schief anschauen. Im Gegenteil: Nirgendwo sonst herrscht so viel Verständnis, wie hier. Ich weiß, reden ist kein Nonplusultratipp, aber es hilft ungemein, denn so stößt man auf Verständnis und man merkt dadurch selbst, dass der Rückschlag halb so schlimm ist, wie zuvor angenommen. Wichtig ist nur, dass du mit einer Person sprichst, der du vertraust und die dir das Verständnis gegenüber bringt, welches notwendig ist, um mit der Sache besser umzugehen. Wenn du keine Vertrauensperson hast, dann hast du immer noch die Möglichkeit, zu einer Psychologin zu gehen! Nutz es, denn es bringt sich nichts, Sorgen in sich hineinzufressen.

 

Tipp Nummer 2: Setze dich bewusst mit dem Rückschlag auseinander

Egal, ob du dich ärgerst, weil du in der Woche mehr zugenommen hast, als du verkraften kannst oder ob  dir „einfach“ nur das Mittagessen schwer gefallen ist. Nimm dir die Zeit und reflektiert jeden kleinsten Rückschlag. Frage dich selbst, warum dich die Zunahme so fertig macht oder warum du die verdammten Karotten nicht essen konntest. Manchmal drückt der Schuh ganz woanders, als man anfangs geglaubt hat. Gibt es etwas, das dich gerade belastet? Vielleicht erschwert dir das das Essen. Falls ja: Nimm Abstand von der Belastung. Das geht manchmal leichter als man denkt. Wenn dich eine Person belastet, dann schränke vorerst den Kontakt ein. Es muss nicht für immer sein. Finde die Ursache deiner Belastung. Meistens ist es gar nicht das Essen, sondern etwas ganz anderes.

Vielleicht belastet dich auch gerade eine bestimmte Therapie. Wenn du merkst, die Kunsttherapie tut dir gerade nicht gut, dann sag es der Klinikleitung oder dem Oberarzt. Manchmal lassen die ganz gut mit sich reden und geben dir eine Woche Pause. Nur wenn du die Ursachen kennst, kannst du aktiv etwas dagegen unternehmen.

 

 

Tipp Nummer 3: Tagebuch führen

Schreiben reinigt die Seele. Das wissen wir alle. Nicht umsonst schreiben so viele Menschen Tagebuch – selbst Erwachsene. Halte einfach immer fest, wie es dir geht. Vor allem die guten Tage sind wichtig. Wenn es dir schlecht geht, kannst du die Seiten immer wieder aufschlagen. Notiere jeden kleinsten Erfolg. Du wirst ihn ansonsten schneller vergessen, als du denkst, doch dieser kleine Erfolg ist vielleicht der Schlüssel, um aus dem nächsten Tief wieder herauszukommen. Ich habe während meiner Therapie sogar ein Buch geschrieben und das war wohl meine allergrößte Therapie.

Wichtig: Ignoriere schlechte Tage nicht! Natürlich kannst du an schlechten Tagen die Seiten auslassen, doch das sind vielleicht auch die Tage, an denen das Schreiben noch wichtiger wird, als sonst. Nur: Gebe den Rückschlägen keinen allzu großen Raum. Ich weiß, man kann Gefühlen keine Seitenanzahl vorgeben, doch ich habe immer wieder versucht, mich am Riemen zu reißen und das Problem nicht weiter hochzuschaukeln. Denn ansonsten machst du aus einer Mücke einen Elefanten.

Da ich weiß, dass nicht alle Menschen so ambitioniert sind, ein Tagebuch zu schreiben, habe ich eine extra Empfehlung und JA: Das Buch habe ich auch. Ich bekam es von einer Freundin, nachdem ich eingewiesen wurde. Das Tagebuch für gute und schlechte Tage. Es ist ein Tagebuch zum Ausfüllen und Ankreuzen. Du  kannst in dem Tagebuch sogar zeichnen, z.B.: in einem leeren Gesicht deine Stimmung einzeichnen. Ich habe es geliebt und viele andere Patientinnen haben es sich später auch gekauft.

 

…und dann scheint bald wieder die Sonne

Ich weiß: die Tipps erscheinen sehr simpel und bestimmt hast du mit mehr gerechnet, nicht wahr? Aber sie helfen! Ich hätte auch mit Expertentipps und Therapiemethoden aus der Psychologie ankommen können, denn das theoretische Wissen habe ich. Doch bevor ich mit meinem Fachchinesisch ankomme, teile ich lieber die Dinge, die MIR geholfen haben. Auf diesem Wege möchte ich zeigen, dass es auch einmal simpel sein kann und eine Therapie gegen Magersucht an gewissen Punkten gar nicht so komplex sein muss. Gerade bei Magersucht denken sich viele Menschen, Patienten miteingeschlossen, dass man eine Vielzahl an hochpsychologischen Verfahren durchmachen muss, um sich besser zu fühlen. Vollkommener Quatsch! Nur leider vergisst man in Zeiten der Not oftmals die simplen Dinge und darum sollte man sich diese immer wieder ins Gedächtnis rufen!

 

Bilder via unsplash 

 

Meine lange Hungerphase wegen Anorexie

Die Hungerphase

Von Willensstärke, Disziplin bis hin zur vollkommener Selbstzerstörung

Im Laufe meiner Krankheitsgeschichte bekam ich oft die Frage gestellt, wie ich es aushalte, das Hungergefühl zu ertragen. „Also ich könnte nicht so lange nichts essen“, waren die meisten verblüfften Antworten und Selbstaussagen, die ich in dieser Zeit und danach oftmals zu hören bekommen habe. Ja, Hunger tut weh und wir können uns glücklich schätzen, dass wir in einem Land leben, wo es uns so gut geht und jeder, wirklich JEDER Zugang zu Nahrungsmitteln hat. Wir müssen uns nicht jeden Tag die Frage stellen, wie wir den heutigen Tag überleben sollen. 

Tatsache ist: Der menschliche Körper ist dazu konzipiert, lange Zeit ohne Nahrung auszukommen. Bei Flüssigkeit sieht die ganze Sache schon anders aus; im Schnitt überlebt der Mensch maximal drei Tage ohne Wasser. Bei Nahrung sind es zwischen 30-40 Tage. Wenn ich von Nahrung spreche, dann meine ich alles mit Nährwerte und Kalorien. Die Expertin schlechthin bin ich auf diesem Gebiet nicht, aber anders könnte ich mir mein langes Durchhaltevermögen, so traurig es auch ist, nicht erklären.

 

Wie fühlt es sich an, so lange zu hungern?

Ich versuche euch dieses Gefühl anhand von Etappen zu erklären und fasse alles so gut wie möglich zusammen. Abhängig ist das natürlich von der Ausgangssituation. Wenn man sich bewusst zum Hungern entscheidet, um abzunehmen, ist es eine ganz andere Sache, als wenn ein traumatisches Erlebnis dahinter steckt. Ich hoffe, dass von euch nie jemand auf die Idee kommt, bewusst zu hungern, denn das ist eindeutig der falsche Weg zur Sommerfigur und führt schlimmstenfalls auf die Intensivstation. Viele sind sich nicht bewusst, wie schnell das Hungern ausarten kann und in eine vollkommen falsche Richtung führt. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier; er gewöhnt sich auch schnell an das Hungern.

Um euch das ganze zu veranschaulichen, habe ich auch Bilder von mir aus dieser Zeit herausgesucht. Manche davon sind mit dem Smartphone aufgenommen und entsprechen nicht der Qualität, die ihr sonst von mir gewohnt seid. Jedoch sind das wiederum Bilder, die das Ausmaß eindeutiger zeigen.

 

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Ausgangsgewicht
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Nach Woche 1
Woche 2
Nach Woche 2

Die ersten zwei Wochen

Meine Ausgangssituation lag darin, dass mir von einem Moment auf den anderen der Boden von den Füßen weggezogen wurde. Näher werde ich auf dieses Erlebnis nicht eingehen, aber es war etwas, das mir von einem Augenblick auf den anderen den Appetit genommen hat. Ich war wie betäubt, habe nichts mehr gefühlt; so kam es auch, dass ich den Hunger nicht mehr gefühlt habe. Ich fühlte mich leer und verloren. Mich im Stich gelassen. Einfach so. Von heute auf morgen. Darum war die erste Woche für mich so surreal. Hunger war nicht das Thema, denn ich merkte es einfach nicht. Ich merkte nur, dass mir beim Gedanken an Essen schlecht wurde. Innerlich war ich unruhig. Ein bisschen zappelig, wenn man so meinen mag. Diese ganzen Gedanken haben mich nervös, aber auch traurig und wütend gemacht, sodass ich keine Zeit hatte, mir um etwas anderes Gedanken zu machen.

Es erschreckt mich heute noch, wie schnell man wieder in diesen ganzen Teufelskreis hineinkommt. In der zweiten Woche war es mir bewusst, dass ich lange gehungert habe, jedoch habe ich mich irgendwie an die ganze Sache gewöhnt und so traurig das auch klingen mag, es gefiel mir, als ich merkte, wie die Jeans und das Top langsam weiter wurden. Ich war schon lange wieder etwas unzufrieden mit meinem Körper, wäre vor diesem Ereignis jedoch nie auf die Idee gekommen, mich durch hungern wieder zu verschmälern. In dieser Situation sah ich es als einfachen Weg, weil ich mich wieder daran gewöhnt hatte. Aus Neugier begann ich mich wieder zu wiegen. Ich werde keine exakten Zahlen schreiben, weil ich nicht triggern will. Allerdings habe ich versucht, die ganzen Zahlen prozentuell auszurechnen. Ich habe zehn Prozent meines ursprünglichen Gewichts innerhalb von sieben Tagen abgenommen. Aus dem einmaligen Wiegen wurde schnell ein tägliches Wiegen unter einem schier unbeschreiblichen Kontrollzwang. Plötzlich konnte ich nichts mehr zu mir nehmen, bevor ich nicht auf der Waage gestanden habe. Nicht einmal Wasser.

Gegen Ende der ersten Woche versuchte ich jedoch bereits Ersatz zu suchen. So ganz ohne irgendetwas hielt es mein Körper auf Dauer nicht aus. Meine Ernährung beschränkte sich fortan auf Cola Light, Kaugummis und drei Gläser Milch. Selbstverständlich aufgeschäumt, damit ich meinen Körper zu dieser Zeit ordentlich mit Luft füllen konnte. Wenn es ganz schlimm wurde, kaute ich Eiswürfel. An dieser Stelle möchte ich unbedingt noch erwähnen, dass das absolut kein Spaß war und ich so etwas niemanden wünschen würde.

In der zweiten Woche wurde auch meine Mutter langsam auf mein Essverhalten aufmerksam. Bekommt jetzt keinen Schock, dass es ihr erst so spät aufgefallen ist, aber sie ist es gewohnt, dass ich selten mit am Tisch esse und weiß, dass ich oft außerhalb esse oder zu einer anderen Zeit. Wir wohnen zwar im selben Haus, hocken aber nicht 24/7 aufeinander.

 

Hunger Woche 3
Nach Woche 3

Die dritte Woche

Erst in der dritten Woche merkte ich, wie sehr mir diese ganze Sache auf die Substanz geht. Mein Körper zeigte die ersten Anzeichen von Schwäche: Permanente Müdigkeit, schlechte Laune, kaum Kraft. Besonders gemerkt habe ich meine Verfassung, wenn mein Neffe zu Besuch war. S. war zu dieser Zeit neun Monate alt – nicht gerade das einfachste Alter eines Kindes. Zumindest nicht für mich. Ich hatte nicht mehr die Kraft, die Tante für ihn zu sein, die ich vorher war. Ehrlich gesagt war jeder Besuch von ihm mit viel Anstrengung für mich verbunden. Ich hatte nicht die Kraft mit ihm zu toben, zu spielen und auch Spaziergänge gestalteten sich als Herausforderung. Wenn ich jetzt daran zurückdenke, tut es mir unheimlich Leid. Es macht mich wütend, dass nicht einmal seine unschuldigen Rehaugen mein Herz erweichen konnten und ich die Sache zumindest für ihn stoppe.

In dieser Woche kam es auch häufiger zu Streitigkeiten mit meiner Mutter. Meine Freunde redeten bereits auf mich ein, während ich mich auf mich alleine gestellt fühlte und mir einbildete, dass niemand sich die Mühe machen würde, die ganze Sache aus meiner Sicht zu betrachten. Dass mir jeder nur helfen wollte und lediglich die Verzweiflung so ein Verhalten mir gegenüber heraufbeschwor, wurde mir erst im Nachhinein bewusst.

Innerhalb der dritten Woche habe ich 16 % meines Ausgangsgewichtes verloren und war ab diesem Zeitpunkt leicht untergewichtig. Leider -und das bedauere ich heute sehr – hat man zu diesem Zeitpunkt meine Knochen mehr als deutlich gesehen. #nichtschön

 

Woche 4
Nach Woche 4

dWoche 4

 

Die vierte und fünfte Woche

In diesen beiden Wochen ging es mir lediglich darum, bloß nichts zu essen. Ich entwickelte Ängste gegenüber Nahrungsmittel, habe mich aber gleichzeitig umfassend damit beschäftigt. Wollte plötzlich nur noch backen und kochen, nur nicht für mich, sondern für andere. Meine Gedanken kreisten permanent ums Essen und wie ich den Tag am Besten ohne rum bekomme. Da sich mein Körper bereits an diese lange Hungerphase gewöhnt hat, ging das Abnehmen nicht mehr so schnell. Es machte mich wahnsinnig, täglich so geschwächt zu sein, nichts essen zu „dürfen“ (was mir meine Krankheit einredete) und trotzdem nicht weniger zu werden. Lediglich 17 % meines Ausgangsgewichtes habe ich in diesen beiden Wochen noch verloren. Damals war es für mich eine Katastrophe. Ich war lustlos, jedes Treffen mit Freunden fiel mir schwer und ich kämpfte mich durch die Tage und das nur für einen einzigen Prozent Gewichtsabnahme. Dass es damals schon kritisch war – nicht nur von den Gedanken, sondern auch von dem Gewichtsverlust, wird mir erst jetzt wieder deutlich, schließlich befand sich die Abnahme zu diesem Zeitpunkt bereits in einem zweistelligen Bereich und das innerhalb von nur einem Monat.

Ab da kann ich euch auch keine Bilder mehr von einem blanken Bauch zeigen, denn das wäre für mich bereits zu viel des Guten und ich habe immer im Hinterkopf, dass auch leicht beeinflussbare Menschen auf diese Seite kommen könnten. Abgesehen davon schäme ich mich dafür, dass ich so ausgesehen habe. Ja, das tue ich, denn das ist alles andere, als schön. Es ist erschreckend und es tut mir in der Seele weh, dass ich das meinem Körper und mir angetan habe – zum dritten Mal. Leider wage ich es nicht auszuschließen, dass es immer und immer wieder passieren kann. Aber ich gebe mein Bestes, um dagegen anzukämpfen.

 

Tag 37

Ich kann mich an keinen Tag in meinem Leben erinnern, an welchem ich so emotional fertig war, wie nach 37 Tagen ohne feste Nahrung. Ich war nur noch eine äußere Hülle meiner selbst, habe zwar noch prächtig funktioniert, aber so wirklich gut ging es mir zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Die Fassade habe ich aufrecht zu erhalten versucht, doch vor meiner Mutter ist sie gebröckelt. Sie hat irgendetwas Harmloses zu mir gesagt, nichts schlimmes, doch ich habe diese Worte zu persönlich genommen und weiß nur, dass ich in Tränen ausgebrochen bin. Wir beide haben danach lange geredet. Geendet hat der Tag damit, dass wir essen gegangen sind. Nach 37 Tagen hatte ich den Hunger beendet. Vorerst. Es war nicht das Ende vom Spuk. An diesem Tag machte ich übrigens erneut Bekanntschaft mit meinem schlechten Gewissen, das ich nach meinem Klinikaufenthalt nicht mehr in so stark ausgeprägter Form hatte. Ich hatte komplett vergessen, wie es sich anfühlt. Für mich war es wie eine Art Schockkonfrontation.

 

Sep Hungerphase
Mitte September

So ging es danach weiter

Wer denkt, ich hätte ab diesem Zeitpunkt wieder die volle Kontrolle über mich gehabt und das Hungern beendet, der irrt. Es ging so weiter, dass es erneut zu extrem langen Hungerperioden kam – meistens in einem zweiwöchigen Intervall, diesen ich dann (meistens geplant) unterbrochen habe – jedoch nur für einen Tag. Gegen Ende September waren 25 % meines Ausgangsgewichtes futsch. Innerhalb von zwei Monaten habe ich somit ein Viertel von meinem Gewicht verloren, was bei meiner Größe und dem Ausgangsgewicht enorm ist. So machte ich bis ca. Mitte Dezember weiter. Danach kam ich in die Binge-Purging-Phase. Essattacken traten damals immer häufiger auf, bis ich endlich aufgewacht bin und erkannt habe, dass ich die Kontrolle verloren habe und endlich etwas dagegen tun muss.

 

Körperliche Folgen

Thinspiration? Skinny is beautiful? Skinny is perfection? Wer das immer noch so sieht, den kann ich gerne eines Besseren belehren. Meine körperlichen Folgen sind weitreichend und alles andere als schön. Ich hatte:

  • Haarausfall (ca. nach 2 Wochen)
  • Blaue Fingernägel (ca. nach 1 1/2 Wochen)
  • Augenringe, die nicht mehr weggingen, egal wie viel ich geschlafen habe und ich habe viel geschlafen zu der Zeit, weil keine Energie
  • Trockene Haut (die ich aber mit Kokosöl zum Glück ganz gut in den Griff bekommen habe)
  • Blaue Flecken durch kleinste Berührungen (mhm… sehr schön #ironie)
  • KEINEN straffen Bauch (nein, Hungern führt nicht zu einem Flatbelly á la Alina von SizeZero)
  • Eine nicht enden wollende Müdigkeit und permanente Kopfschmerzen
  • Einen Blähbauch durch zu viel Cola Light und aufgeschäumter Milch
  • Eiskalte Finger und Zehen, die bereits so kalt waren, dass ich sie manchmal nicht mehr gespürt habe
  • Schüttelfrost
  • Schwindelanfälle
  • Oft einen trockenen Mund und nach dem Aufstehen eine raue Zunge
  • Ein Katergefühl nach dem Aufstehen
  • Schlafstörungen
  • Keine Kondition und ich bekam teilweise sogar schwer Luft

Wie ihr seht: Freiwilliges hungern lohnt sich nicht. 

 

Beitragsbild via unsplash.com

 

Fear Food Wins: January #1

Fear Food Wins

January #1

In einen meiner Anorexieposts habe ich euch etwas über Fear Food und Fear Food Wins erzählt. Obwohl der Januar kein leichter Monat war und ich mich in der BP-Phase befunden habe, gab es auch Tage, die ganz gut funktioniert haben. Mit Sicherheit kann ich mich nicht mit Ruhm bekleckern, aber es gab durchaus Tage, die nicht in einem reinen Desaster geendet haben oder vollkommen restriktiv waren. Ich habe mich auch bewusst für „Fear Food“ entschieden, weil ich mir selbst beweisen wollte, dass es auch anders geht und dass der Konsum von Fear Food nicht zwangsläufig zu einer Essattacke führen muss. Meine großen Ziele: Essen nicht mehr als Fear Food zu sehen und Essen keinen so großen Stellenwert in meinem Leben mehr geben! Essen soll normal sein und nichts, was mich stolz machen soll. 

Ich weiß, dass ich etwas ganz Normales im Leben momentan stark glorifiziere. Essen besitzt in meinem Leben einen großen Stellenwert. Es ist nicht so, dass man mit einer Essstörung Essen verabscheut. Ich persönlich liebe ästhetische Foodbilder & Foodstyling. Ich fotografiere es gerne, richte es mit Vorlieben an und koche mit Freuden. Nur mit dem selber essen hapert es. In einer Essstörung setzt man sich sehr stark mit Lebensmittel auseinander. Man analysiert, vergleicht und man spricht positiv davon. Man könnte sich wirklich den ganzen Tag damit beschäftigen. Man zählt auf, was man mag und was einem gut schmeckt. Die Umsetzung in der Praxis ist jedoch oftmals problematisch. Doch Essen soll nicht nur da sein, um es anzusehen, es zu kochen und zu fotografieren.

Mit den Fear Food Wins habe ich eine Möglichkeit gefunden, wieder zu einen meiner Wurzeln zurückzukehren. Der Foodfotografie und das Teilen von Rezepten. Ich möchte schließlich nichts auf diesem Blog zeigen, was ich nicht selbst gegessen habe und wovon ich nicht überzeugt bin. Jetzt würde es mir so heuchlerisch vorkommen, wenn ich so tun würde, als ob. Das ist nicht Sinn der Sache. Für die meisten von euch mögen dies ganz normale Portionen sein. Ein ganz normales, simples Mittagessen. Für mich waren es teilweise Dinge, mit denen ich gehadert habe. Bei denen ich lange darüber nachgedacht habe (besonders bei der Schokolade). Dinge, die mir ein schlechtes Gewissen beschert haben. Aber Dinge, die sein mussten, um wieder zu einer Normalität zurückzukehren.

Ich erkläre euch auch, was an den bestimmten Gerichten für mich ein Fear Food ist und wie ich mich danach gefühlt habe. Es waren im Übrigen auch deswegen Fear Food Wins, weil es zu keinem BP-Verhalten geführt hat. Nicht nur das Essen alleine ist der Win, sondern die Tatsache, dass es in keinem Desaster geendet hat. Ich brauche kein Lob dafür, das ich was gegessen habe. Ich habe es zum Beispiel immer gehasst, wenn meine Mutter mich gelobt hat oder mir jemand damals im Krankenhaus gesagt hat, wie „gut ich das gemacht habe“. Trotzdem will ich kleine Erfolge dokumentieren, festhalten und mit euch teilen. Um zu zeigen, das man kämpfen kann. Das es möglich ist. Und für mich. Um meine kleinen Erfolge zu visualisieren.

 

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Fischfilet

mit Macadamiakruste, sautiertem Gemüse und Süßkartoffelsticks

Fear Food weil: Macadamia, Butter und Brösel (Paniermehl)

Gewissensbarometer: Mittel. Ich habe einfach versucht, alles auszublenden und mich nicht zu sehr auf diese Mahlzeit zu fokussieren.

 

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Pralinen

Fear Food weil: Schokolade, buttrige Füllungen

Gewissensbarometer: Das schlechte Gewissen war „over the stars“. Vielleicht war es keine gute Idee, direkt nach dem Mittagessen noch etwas Süßes zu essen, weil ich ohnehin ein bisschen gehadert habe. Aber warum soll ich mir von der Krankheit alles verderben lassen?

 

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Avocado Toast

mit Feigen-Ziegenkäse, Käse, Spiegelei und Wedges

Fear Food weil: (weißes) Toastbroat, Avocados, Käse und Kartoffeln.

Dazu wird es auch das Rezept geben.

Gewissensbarometer: Ich fühlte mich danach ganz okay und habe versucht, mich anschließend auf das Lernen zu konzentrieren.

 

January Fear Food Wins

 

Sushi

Fear Food weil: weißer Reis, Sesam

Zugegeben, die Portion ist nicht wirklich groß. Ich saß lange vor dem Teller, habe ihn angestarrt, mir dann aber gedacht, das es wohl nicht wahr sein kann, dass ich gerade am Überlegen bin, ob ich mein Lieblingsessen essen soll/darf/kann. No chance to Anorexia! Letztendlich hat es doch funktioniert und es war wirklich gut. Mein letztes Sushi hatte ich irgendwann gegen Ende Oktober. Remember the big Sushi Plate auf Instagram? Da habe ich weniger geschafft, als auf diesem Teller drauf ist. Den Rest durfte ein Freund von mir verputzen. Wenn ich so daran zurückdenke, macht mich das ein bisschen traurig und ich merke, wie sehr mich diese Krankheit einnimmt. Die alte Lisa hätte sich wahrscheinlich ein Sushiröllchen nach dem anderen reingeschaufelt, sodass meine Freunde vielleicht ein oder zwei Röllchen erwischt hätten.

Gewissensbarometer: Ein schlechtes Gewissen war kaum vorhanden. Die Portion war schließlich mehr als Mini und mehr Snack als eine vernünftige Mahlzeit.

 

Unpictured

Ansonsten war ich noch zweimal mit meinem besten Freund einen Burger essen. Irgendwie geschieht es mir leichter, wenn ich mit jemanden zusammen esse, den ich vertraue. Da geht es meistens auch ziemlich unproblematisch. Ich denke nicht lange nach, sondern esse einfach. Bei fremden Menschen fällt es mir immer ein bisschen schwerer. Das sollte nicht mein Leben bestimmen.

 

Habt ihr noch Fragen?

Wollt ihr noch mehr zu dem Thema „Essstörungen“ erfahren. Habt ihr konkrete Fragen? Dann könnt ihr das gerne HIER tun. Wollt ihr über etwas bestimmtes Bescheid wissen? Lasst es mich wissen. Ich richte diese Posts gerne nach euren Interessen aus.

Magersucht und ihre Subtypen

Magersucht und ihre Subtypen

Von restriktiv bis hin zu Binge-Eating/Purging

In meinem letzten Post über Magersucht habe ich euch bereits erzählt, dass es zwei unterschiedliche Subtypen der Krankheit gibt, von denen ich euch heute erzählen möchte. Ich werde diesen Post auch nutzen, um euch etwas von meinem Krankheitsverlauf beginnend ab Sommer 2015 bis jetzt zu erzählen.

 

Magersucht

In Österreich leiden ca. 2500 Mädchen zwischen 15-20 Jahren an einer ausgeprägten Magersucht. Im Schnitt kommen 600 Neuerkrankungen jährlich dazu. Um die Diagnose Magersucht stellen zu können, muss laut ICD-10 das Gewicht 15% unter dem Normalgewicht liegen bzw. einen BMI von 17,5 aufweisen. Der Body Mass Index besitzt jedoch keine starke Aussagekraft, weil er beispielsweise genetisch bedingtes Untergewicht nicht berücksichtigt. Außerdem gibt es weitere Kriterien, um eine Magersucht zu diagnostizieren. Beispielsweise bei einem beabsichtigt herbeigeführten Gewichtsverlust von mehr als 30% des Ausgangsgewichts, was theoretisch bedeutet, dass man auch im Normal- oder Übergewicht anorektisch sein kann. Ein weiteres Kennzeichen für Magersucht ist ein rascher Gewichtsverlust innerhalb von 3 Monaten.

Magersucht verläuft nicht bei jedem Betroffenen gleich. Prinzipiell unterscheidet man zwischen zwei Subtypen: Restriktiver Subtyp Binge-Eating/Purging Subtyp. 

 

Subtyp: Restriktiv

Der restriktive Typ ist jener Typus, den man sich unter einer „klassischen Magersüchtigen“ vorstellt. Die Nahrungsaufnahme wird vehement verweigert, man zählt Kalorien und eine bestimmte Kaloriengrenze darf nicht überstiegen werden. Zusätzlich werden nur Nahrungsmittel konsumiert, die als „safe“ angesehen werden, sprich kalorien- und fettarme Produkte, Low-Sugar- und Low-Carb-Produkte und Gemüse. Obst ist oftmals problematisch wegen des hohen Fruchtzuckeranteils, wird aber auch in geringen Mengen gegessen. Aber auch hier zeigen sich oftmals abnorme Verhaltensmuster. Beispielsweise essen viele einen Apfel nur geschält, weil die Schale „zu viele“ Kalorien hat.

Im restriktiven Typus gibt es keine Essattacken und man setzt auch auf keine Purging-Maßnahmen für die Gewichtsreduktion, wie Erbrechen oder die Einnahme von Abführmittel. Übermäßig sportliche Betätigung kann jedoch eine Begleiterschein des restriktiven Typus sein, sofern man noch die Kraft dazu hat oder sich zumindest einbildet, man hätte sie.

 

Meine restriktive Phase

Meine restriktiven Phasen habe ich für gewöhnlich in den wärmeren Jahreszeiten. Die letzten zwei Jahre nach meiner Therapie blieb ich davor verschont, doch alles hat sich im letzten Jahr verändert. Im Sommer 2015 war meine restriktive Phase sehr stark ausgeprägt, wo ich jegliche Nahrungsmittelaufnahme vehement verweigert habe. Das heißt, dass ich wenige Wochen lang wirklich gar nichts zu mir genommen habe, außer laktosefreie Milch, Cola light, zuckerfreie Energydrinks, Kaugummis und Zigaretten. Mein Energielevel war auf Ultralow programmiert und ich wundere mich selbst, dass ich zu dieser Zeit die Kraft hatte, zu bloggen oder so viel mit meinen Freunden zu unternehmen. Zu dieser Zeit habe ich auch sehr viel geschlafen. Untertags meistens noch zwei oder drei Stunden. Ein Glück, dass Ferien waren.

Ein so langer Nahrungsmittelentzug geht auch stark auf die Psyche. Irgendwann gegen Ende August war ich mit meinen Nerven vollkommen am Ende, sodass nur ein Wort genügte, um mich aus der Fassung zu bringen. Ich weiß noch ganz genau, dass Mama Lait etwas zu mir gesagt hat, was nicht böse gemeint war, für mich jedoch wie ein Vorwurf klang. Das Resultat war ein Tränenausbruch. Der Tag hat damit geendet, dass Mama und ich etwas essen gegangen sind. Dieser Tag war wohl wichtig, denn nach und nach sind kleine Verbesserungen eingetreten. Von September bis Mitte Dezember war es etwas besser. Wir waren Frühstücken, in Triest habe ich mich nach langer Diskussion immer zum Essen überreden lassen und ich war auch auf dem Street-Food-Market und habe mir dort den Tag nicht von dieser dummen Krankheit versauen lassen. Trotzdem waren die meisten Tage restriktiv, bis an den Weihnachtsfeiertagen die Binge-Eating/Purging-Phase (BP-Phase) begonnen hat.

 

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Quelle: Gratisography

 

Subtyp: Binge-Eating/Purging

Es ist schwierig, in einer Anorexie dauerhaft restriktiv zu bleiben. Irgendwann hält es der Körper nicht mehr aus und holt sich das zurück, was er braucht und was ihm so lange verwehrt wurde. Da kann man sich auch noch so sehr dagegen wehren. Irgendwann steuert man nicht mehr selbst, sondern man wird gesteuert. Obwohl viele Menschen Magersucht immer mit einer strikten Nahrungsverweigerung assoziieren, leiden sehr viele unter diesem Subtyp oder -wie es bei mir ist- episodisch unter diesem Subtyp. Unter Binge-Eating/Purging versteht man jenen Typus, in welchem während einer bestimmten Episode der Anorexia nervosa häufiger Essattacken auftreten. Nach diesen Essattacken zeigen Betroffene häufig ein „Purging“-Verhalten. Das heißt: selbstinduziertes Erbrechen und/oder Missbrauch von Laxanzien und/oder Diuretika. Diuretika sind Arzneimittel, die eine erhöhte Wasserausscheidung bewirken. Rezeptfrei sind sie zum Glück nicht erhältlich.

Der Unterschied zu einer Bulimie liegt darin, dass die Essattacken nicht so häufig auftreten. Manche bleiben während der gesamten Krankheit in diesem Typus, manchmal ist es auch nur episodisch und nicht auf Dauer.

 

Meine BP-Phase

Während den Weihnachtsfeiertagen hat es mich leider ein bisschen erwischt. BP-Phasen treten bei mir in den kalten Jahreszeiten auf. Erklären, warum das so ist, kann ich nicht. Ich schätze, es hat etwas damit zu tun, weil mein Körper in der Kälte die Nährstoffe dringender den je benötigt. Für mich persönlich ist die BP-Phase wesentlich schlimmer, schwieriger und unerträglicher, als die restriktive Phase. Essattacken sind anstrengend. Besonders schlimm ist es, weil man nichts dagegen machen kann. Sie tauchen eben auf. So eine Attacke kann den ganzen Tag andauern. Manche „wachen“ aus diesem Delirium zwar auf und belassen es nach einiger Zeit, aber eben nicht alle.

Essattacken können durch bestimmte Nahrungsmittel ausgelöst werden, manchmal kommen sie auch einfach so. Natürlich nehmen viele in dieser Phase zu, dazu zähle auch ich. Man sieht zwar in der BP-Phase oftmals gesünder aus und nach Außen hin wirkt es so, als wäre die Essstörung überwunden, doch dem ist nicht so. Vielleicht fühlt man sich, trotz der Anstrengung in dieser Phase, körperlich besser, weil der Körper Nahrung bekommt, aber der seelische Schmerz ist für mich persönlich in der BP-Phase wesentlich größer. Es ist oftmals unerträglich, sich im Spiegel ansehen zu müssen, vor allem nachdem „es“ wieder passiert ist. Genau deswegen ist auch der Satz „Du siehst wieder viel besser aus“ unangebracht. Und genau deswegen habe ich diesen Satz in die Liste der Sätze erwähnt, die man nicht zu einem Menschen sagen sollte, der unter einer Essstörung leidet. Man kann nie wissen, in welcher Phase sich ein Betroffener gerade befindet. Eine Gewichtszunahme bedeutet nicht, dass die Essstörung überwunden oder geheilt ist. Sie kann auch eine BP-Phase bedeuten.

Detailliert möchte ich meine BP-Phase nicht schildern. Ich kann nur so viel dazu sagen, dass es seit den Weihnachtsfeiertagen bis Mitte Januar etwa einmal in der Woche vorgekommen ist. Für mich ist es eines der schlimmsten Gefühle, doch so langsam ist die Phase am Abklingen. Ich kann im Januar auch einige Erfolge verbuchen, die ich euch am Sonntag zeigen werde. Ich bin wirklich froh, dass die Phase am Abklingen ist und ich hoffe, dass nun nicht wieder der Übergang in eine restriktive Phase folgt. Momentan versuche ich mich wieder darauf zu fokussieren, eine gesündere Beziehung zum Essen aufzubauen, auch wenn es schwierig ist. Aber ich habe zum Glück Menschen an meiner Seite, die mich unterstützen und für mich da sind.

 

Subtypen
Quelle: Kamboompics

 

Last but not least

Diesen Post möchte ich mit Worten und Zeilen beenden, die mir persönlich am Herzen liegen. Trotz dieser Krankheit bin ich nicht unglücklich. Auch wenn es mich „erwischt“ hat, kann ich von mir selbst behaupten, dass das noch lange kein Grund ist, mein Leben als sinnlos abzustempeln. Eine Essstörung ist eine große Herausforderung, aber ich merke, wie ich jeden Tag daran wachse und stärker werde. Nicht, weil ich dazu in der Lage bin, mich und meinen Körper zu steuern, diszipliniert bin oder ähnliches. Sondern, weil ich die Kraft habe, weiterzumachen. Nicht aufzugeben! Auch in einer BP-Phase, die doch sehr viel Kraft und Nerven kostet. Das würde ich nie schaffen, hätte ich nicht meine Lieben um mich. Darum: Gebt nicht auf! Das Leben ist lebenswert! Trotz Schicksalsschläge, trotz Krankheiten, trotz Tiefpunkte! Jeder Mensch ist dazu gemacht, ein Kämpfer zu sein!

 

Bilder von Gratisography und Kaboompics

6 Things you shouldn’t say to an anorexic

6 Things you shouldn’t say to an anorexic

…or to someone who has (beaten) an eating disorder

Oftmals werde ich gefragt, wie man richtig mit einem Menschen umgeht, der unter einer Essstörung leidet. Wenn eine nahestehende Person oder gar man selbst betroffen ist, ist man plötzlich mit Ausnahmesituationen konfrontiert. Menschen mit Essstörungen ziehen sich zurück, lassen niemanden mehr an sich heran und reagieren extrem empfindlich auf das, was man zu ihnen sagt. Mit verletzenden Aussagen wurde ich auch stets konfrontiert. Einerseits kann ich gut verstehen, dass Angehörigen oft die Worte fehlen und sie nicht wissen, was sie sagen können. Andererseits sollte man sich doch Gedanken machen. Es ist gar nicht so einfach, die richtigen Worte zu finden. Manchmal frage ich mich auch: gibt es die überhaupt? Das ist schwierig, denn meistens weiß ich selbst gerade nicht, was ich will. Eines steht jedoch fest: schönreden muss man gar nichts! Aber es gibt diverse Floskeln, die man doch lieber vermeiden sollte. Dazu gehören nicht nur unangebrachte Aussagen, wie „Iss einfach was.“, sondern auch diverse Ratschläge, egal wie gut gemeint sie auch sein mögen. Menschen, die sich ihrer Essstörung bewusst sind und sich den Problemen stellen (wollen), wissen ganz genau, was sie besser machen können. Tatsache: sie können es oftmals nicht umsetzen! 

 

Anorexic

 

1.) „Warum isst du nicht einfach gesund und treibst genügend Sport?“

STOP! Wenn ich diese Aussage noch einmal hören muss, kann ich nicht garantieren, die Beherrschung zu bewahren. Für mich persönlich ist nämlich genau das die Idealvorstellung, wie ich leben möchte. Ich schätze, vielen Menschen mit einer Essstörung geht es genauso! Wir wollen diesen gesunden Lebensstil haben. Wir wollen gesund und normal essen können! Und wir wollen Sport machen! Es ist der Inbegriff vom normalen Leben. Und wir sehnen uns nach diesem normalen Leben. Wenn es so einfach gehen würde, würden wir es alle tun und die Welt wäre befreit von Anorexie, Bulimie, Binge Eating, EDNOS (Eating Disorder Not Otherwise Specified) usw. Um es verständlicher zu erklären. Dieser Satz ist vergleichbar, wie wenn man zu einem Menschen mit Depressionen sagen würde: „Hör auf zu weinen, lache und sei einfach glücklich.“ Glaubt ihr, das geht so leicht? Na also!

Betroffene einer Essstörung haben oft tiefverwurzelte Ängste gegenüber (bestimmten) Nahrungsmitteln. Dazu zählen auch gesunde Lebensmittel. Ich zum Beispiel hatte immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich eine kleine Handvoll Mandeln oder eine halbe Avocado gegessen habe. Aufgrund meines breitgefächerten Wissens über Ernährung, weiß ich zwar, dass es sich hierbei um gesunde Lebensmittel handelt, die in gesunden Portionen konsumiert wurden, aber gleichzeitig handelt es sich auch um fettreiche Nahrungsmittel. Gesunde Fette hin oder her. Die gibt es im Kopf einer Magersüchtigen nicht! Fett ist schlecht! Egal, ob gesättigte oder ungesättigte Fettsäuren. Sicher weiß ich auch, dass sich diese Nahrungsmittel in gesunden Portionen mit der Kombination Sport positiv auf meinen Körper auswirken können. Genauso weiß ich, dass ich mit einer gesunden Ernährung und Sport niemals Figurprobleme hätte.

Wenn ich so einen Satz an den Kopf geknallt bekomme, fühle ich mich einerseits tief verletzt. So ein Satz glänzt nicht mit Einfühlsamkeit. Andererseits löst dieser Satz ein Gefühl der Schwäche in mir aus. Mir wird suggeriert, dass es andere auch schaffen und ich es gefälligst auch schaffen sollte. Dass es nicht so einfach ist, wird von dem Sprecher nicht wahrgenommen. Er denkt womöglich, dass wir nur unseren Lebensstil auf diese Art und Weise ändern müssen und schon wäre die Sache schön vom Tisch. Wenn es nur so leicht wäre. Im Endeffekt können wir nichts dafür, dass wir uns so verhalten. Eine Essstörung ist eine psychische Störung. Ein Satz, den ich auf einem anderen Blog gelesen habe, bringt es hierbei gut auf den Punkt:

 

There is something going on in the chemistry of the brain that makes them behave like that

 

2.) „So dünn siehst du gar nicht aus!“

Autsch! Magersucht oder generell Essstörungen werden gleich mit extremen Untergewicht verglichen. Wenn man mich momentan so ansieht, würde man mir auch nicht ansehen, dass ich immer noch mit dieser Krankheit kämpfe. Verwerft also die antiquierte Vorstellung, dass der „typische“ Essstörungspatient eine dünne, ausgemergelte Frau im Teenageralter ist. Sogar Menschen mit Übergewicht oder Normalgewicht, sowie „nur“ leichtem Untergewicht können unter einer Essstörung leiden. Emma Woolf, eine Buchautorin und Journalistin, selbst jahrelang betroffen von einer schwerwiegenden Magersucht, beschreibt es in ihrem Buch „Zu leicht für diese Welt“ sehr gut:

 

Ich kenne eine Frau, die 120 kg wiegt und trotzdem noch magersüchtig ist. Sie hat ihr altes Gewicht (und noch viel mehr), wieder zugenommen und das bedeutet nach streng medizinischen Kriterien, dass sie nicht mehr anorektisch ist. Aber genau da liegt das Problem: mental hat sie diese Krankheit nie überwunden

– Emma Woolf in „Zu leicht für diese Welt“ –

 

Leider verwenden viele Ärzte nach wie vor den BMI als Schlüssel für eine Diagnose. Doch die Ärzte sind das geringste Problem. Ich kann mich noch an meinen ersten Krankenhausaufenthalt erinnern. So als wäre es gestern gewesen. Ich musste mir tatsächlich von einer anderen Patientin anhören, dass ich eigentlich gar nicht so dünn bin und sie nicht verstehen könnte, warum ich wegen einer Essstörung stationär im Krankenhaus liege. Nebenbei bemerkt litt die Dame selbst unter keiner Essstörung und ich hatte damals um die 51 kg. Die Dame hat mich aber ganz unverschämt auf 60 kg geschätzt – ohne, dass ich sie überhaupt danach gefragt habe. Das war ein Stich in mein Herz und ich weiß, ich könnte es jetzt jederzeit wieder hören, weil ich von meinem tiefsten Gewicht doch wieder weiter entfernt bin, als es noch Anfang Dezember der Fall war. Dieser Satz ist nicht nur wenig einfühlsam, sondern auch gefährlich. Insbesondere in der Welt von anorektischen Patienten gibt es kein zu dünn. Wird einem mit so einem Satz zusätzlich suggeriert, dass man von einem nie zu erreichenden „zu dünn“ noch meilenweit entfernt ist, könnt ihr euch nur zu gut vorstellen, was dieser Satz bewirken kann. Bingo! Ein noch restriktiveres Essverhalten verbunden mit einer weiteren Gewichtsabnahme. Nach dieser unfreundlichen Aussage vor drei Jahren von meiner Zimmergenossin habe ich übrigens innerhalb einer Woche 4 kg verloren. Ich wollte zwar keine Zahlen erwähnen, aber ich schätze, die knallharte Realität ist der drastischste Weg, um einem die Auswirkungen solcher Sätze ins Bewusstsein zu rufen.

 

3.) „Iss‘ doch einfach was.“

Der Anfangssatz! Der böse Satz, den ich am Anfang dieses Posts angesprochen habe. „Iss‘ was.“ bzw. „Ich kann nicht verstehen, was so schwer daran sein soll, einfach zu essen.“ Ich habe diese Sätze gehört. Es sind womöglich auch die Sätze, die ich mir am Meisten anhören durfte. Wäre es so leicht, sich einfach an den Tisch zu setzen, einfach das zu essen, was vor einem steht, dann gäbe es keine Essstörungen auf dieser Welt. Am Besten wir tun das alles noch ungeplant und die Sache ist im wahrsten Sinne des Wortes gegessen. Ein Beispiel: Heute Morgen erzählte mir meine Mutter, dass es morgen anlässlich des Feiertages Raclette gibt und was ich denn gerne haben möchte. Erste Reaktion: Schnappatmung. Das war nicht geplant! Jetzt sitze ich unsicher in meinem Zimmer, tippe diesen Post und mache mir Gedanken, wie ich mich am Leichtesten aus der Affäre ziehen kann. Ihr merkt einfach, der Satz „Iss‘ doch einfach“ ist so sinnlos, als wenn man versuchen würde, am Nordpol Pinguine ausfindig zu machen.

Im Grunde genommen haben solche Sätze auch nicht die Wirkung, die man sich vielleicht erwünscht. Werde ich damit konfrontiert, mache ich komplett zu und möchte danach erst recht nichts essen. Außerdem ist es unglaublich verletzend. Gerade wenn eine nahestehende Person diesen Satz fallen lässt. So geschehen auch vor kurzem an einer Lehrveranstaltung an der Uni. Es ist nicht schön, wenn während der Gruppenarbeit plötzlich dieses Thema fällt und man anschließend diesen Satz vor allen anderen an den Kopf geworfen bekommt. Sicher, Menschen ohne Essstörung können es nicht verstehen, dass man nicht einfach isst, wenn man Hunger hat. Ich erinnere mich auch an die Reise nach Prag zurück, wo wir in einem Burgerlokal waren. Der Ablauf: Alle haben die leckeren Burger, Wraps und Rippchen, die ihnen aufgetischt wurden, genossen. Ich saß mit meiner Cola light in der Runde und hätte mir an dieser Stelle nichts sehnlicher gewünscht, das auch zu können. Aber es ging einfach nicht. Obwohl ich mich an meinem Geburtstag zusammenreißen konnte, wirklich das aß, worauf ich Lust hatte, fielen mir die anderen Tage besonders schwer. Das Suchen und Finden von Ausreden, warum man gerade „keinen Hunger“ hat, war im Übrigen fast genauso anstrengend, wie die Gewaltmärsche unseres Professors durch die Stadt.

 

Anorexia

 

4.) „Heute hast du aber viel gegessen.“

Wie ich das eine oder andere Mal bereits erwähnt habe, ist es möglich, von dieser Krankheit weitgehend „geheilt“ zu werden. Eine vollständige Heilung wird zwar nie mehr möglich sein, aber man kann damit wieder ein normales Leben führen. Man kann auch wieder essen und man kann auch viel essen, wenn man Lust darauf hat. Es kommt immer drauf an, wie weit die Therapie fortgeschritten ist und welche Erfolge man bereits erzielen konnte.

Weihnachten, Silvester, Geburtstage und Co. sind die typischen Anlässe, wo gerne einmal mehr aufgetischt wird. Und ja, auch Menschen mit Essstörungen (in erster Linie Magersucht) können dort kräftig zulangen. Menschen, die weiterhin an Bulimie leiden oder an Magersucht mit dem Subtyp Binge-Purging erkrankt sind, wovon im Übrigen knapp die Hälfte aller Magersüchtigen betroffen sind, laufen an solchen Situationen der Gefahr, eine Heißhungerattacke zu erleiden. Da kann es ganz schnell nebensächlich werden, dass da noch andere Leute am Tisch sitzen. Wobei – in der Gegenwart von anderen Menschen reißen sich Betroffene meiner Erfahrung nach auch oft zusammen und essen bewusst weniger. Nichtsdestotrotz – wir gehen davon aus, dass dem nicht der Fall ist, sondern dass einfach viel gegessen wird. Es ist schlicht und ergreifend unverschämt, das Essverhalten einer anderen Person zu dokumentieren. Ideal ist es, das Essen gar nicht zu dokumentieren. Auch nicht zu loben. Essen ist ein Grundbedürfnis, welches gestillt werden soll und das müssen Essstörungspatienten lernen. Essen sollte nicht belohnt werden, sondern als Genuss angesehen werden und eine Sache, die der Mensch braucht, um zu überleben.

Wenn man „brav gegessen“ hat, fallen auch gerne Lobgesänge. Schlimmer als ein Lob ist jedoch in der Tat dieser Satz: „Heute hast du aber viel gegessen.“ Man muss es gar nicht vorwurfsvoll meinen, aber in unseren Ohren klingt es nach einem Vorwurf. Geht in euch. Egal, um was für eine Art von Vorwurf es sich handelt, aber wie fühlen sich andere Menschen, wenn sie damit konfrontiert werden? Schlecht? Schuldig? Unwürdig? Ekelhaft? Ja – das sind nur wenige der negativen Gefühle, die auftauchen können. Jedes subjektive Empfinden ist anders, aber solche Sätze bringen uns nur dazu, wieder restriktiver zu werden.

 

5.) „Jetzt siehst du viel besser aus, als vorher.“

Diesen Satz habe ich vor allem nach meiner stationären Therapie am Häufigsten gehört. Eigentlich geht es da weiter, wo es vorher aufgehört hat, nur in einer anderen Richtung. Aussehen und Essen werden wieder viel zu sehr in den Fokus gestellt. Ich tat mir mit solchen Sätzen unheimlich schwer, denn einerseits bedeutete der Satz für mich, dass ich vorher hässlich war und andererseits ist es ein Gefühl des Versagens. Ich verglich besser aussehen lange mit dem Fettsein. Für mich suggerierten diese Sätze allen voran eines: „Toll, jetzt bist du wieder so dick, wie vorher.“ Unabhängig davon, ob man sich immer noch im leichten Untergewicht befand oder nicht. Es tut weh, wenn das „neue Ich“ mit dem „alten Ich“ verglichen wird. Leidet man einmal unter einer Essstörung, wird sie immer ein Teil vom Leben der Betroffenen sein, doch gerade nach einer stationären Therapie, die zumindest in der Gewichtszunahme erfolgreich war, möchte man damit abschließen. Es ist wenig hilfreich, wenn man von seiner Umgebung weiterhin mit damals konfrontiert wird. Wer man war. Wie man aussah. Wie man auf andere wirkte. Das ist irrelevant, schließlich hat man die Therapie geschafft. Ich sage nicht, dass man so einer Person keine Komplimente mehr machen darf. Ganz im Gegenteil. Auch bezüglich des Aussehens hören (ehemalige) Betroffene gerne Komplimente. Nur sollte man aufpassen, wie man sie formuliert, wenn man das Bedürfnis hat, ein Kompliment auszuteilen. Ich will niemanden etwas vorschreiben, doch Vergleiche mit früher sind Fehl am Platz. Am besten solche Wörter wie „jetzt“, „als früher“ oder „damals“ vermeiden, sondern sich auf die Gegenwart beziehen. Beispiel: „Du siehst heute sehr hübsch aus.“ anstatt „Jetzt siehst du endlich wieder hübsch aus, im Gegensatz zu vorher.“ 

 

6.) „Weißt du überhaupt, was du uns damit antust?“

Natürlich leiden Angehörige. Sie leiden sogar oftmals mehr, als die betroffene Person selbst. Auch ich weiß es, wie es ist, Freunde mit Essstörungen zu haben. Im Krankenhaus habe ich beispielsweise ein Mädchen kennengelernt, welches womöglich bis heute nicht geheilt ist. Wir haben leider keinen Kontakt mehr. Ich bin jetzt in einem Alter, wo mich andere nicht mehr triggern können. Sehr wohl habe ich trotzdem mitgelitten. Vor allem, als ich wieder auf dem Weg der Besserung war. Es tut wirklich weh, geliebte Menschen leiden zu sehen. Man möchte so gerne helfen und irgendwann ist man selbst so verzweifelt, dass man im Affekt Dinge sagt, die man nicht so meint. Fällt dann der Satz: „Weißt du überhaupt, was du uns damit antust?“ ist sowieso Sense. Selbstverständlich wissen wir es. Wir würden alles dafür geben, um unsere Lieben nicht so sehr verletzen zu müssen. Mir wäre es auch lieber, wenn sich meine Mama nicht mehr so viele Gedanken um mich machen müsste. Ich merke oft, dass es ihr schwer fällt. Auch nach acht Jahren weiß sie nicht, wie sie damit umgehen soll, obwohl sie es eigentlich schon gewöhnt sein müsste. Die Verzweiflung bringt einem oft dazu, Dinge zu sagen, die man nicht so meint. Nur diesen Satz sollte man mit Vorsicht genießen. Es führt nur dazu, dass sich die betroffene Person noch schuldiger fühlt, ohne aber etwas an der Gesamtsituation ändern zu können.

Darüber hinaus machen viele Betroffene nach solchen Sätzen erst Recht zu und lassen niemanden mehr an sich heran. Ich denke, das wünscht sich kein Angehöriger.

 

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Wir wollen keine Sonderbehandlungen

Auch wenn dieser, nennen wir es, kleiner Guide danach klingen mag. Eine Sonderbehandlung wollen wir nicht. Wir sind trotzdem ganz normale Menschen. Im Grunde genommen wollen wir in der Gesellschaft gar nicht auffallen, obwohl viele Betroffene dies unbewusst tun. Gerade jene, die sehr untergewichtig oder aufgrund von Binge Eating sehr übergewichtig sind. Im Endeffekt wollen wir nur so behandelt werden, wie andere auch. Jedoch sind wir sensibler. Wir reagieren auf harmlose Sätze anders, als andere und sind dadurch schneller verletzt und eingeschüchtert. Darum wünschen wir uns auch, dass unsere Umgebung sensibler und verständnisvoller auf uns reagiert.

 

Anorexic 2

 

Was hilft am Besten?

Ablenkung! Werden wir nicht ständig mit unserer Krankheit konfrontiert, fühlen wir uns unterstützt. Selbst wenn wir oft kühl wirken, niemanden an uns heranlassen, so wünschen wir uns einfach nur eine starke Schulter zum Anlehnen. Jemand, der uns auf andere Gedanken bringt und der für uns da ist. Der nicht ständig Essen zum Thema und uns Vorwürfe macht. Der nicht ständig sagt, wir sind schuld, dass es der ganzen Familie oder den Freunden schlecht geht, weil man DAS mit sich macht.

Wenn wir diese Unterstützung erfahren, abgelenkt werden, dann fällt es leichter, nach vorne zu schauen. Jedenfalls ergeht es mir so. Zumindest hat es sich bereits ausgezahlt. Positive Auswirkungen haben sich gezeigt, denn im Dezember gelang es mir erstmalig, auch mal spontan mit jemanden etwas Essen zu gehen (Danke Alex). Früher hätte ich das ohne längere Planung nie geschafft. Und es gelang mir auch, zwei Tage hintereinander zu essen (Nochmal Danke Alex). Das habe ich seit Juli nicht mehr geschafft. Eine positive, verständnisvolle und sensible Unterstützung ist also sehr viel wert, um wieder in eine andere Richtung zu gehen.

Federleicht – Living with Anorexia

Hallo ihr Lieben!

Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich diesen Post überhaupt online stellen soll oder nicht, denn dieses Thema, worüber ich heute schreibe, ist hochsensibel, besonders für mich. Schlussendlich habe ich mich dann doch dazu entschieden. Der Grund, warum ich das mache, ist nicht, dass ich Aufmerksamkeit möchte oder ich auf irgendeiner Weise stolz drauf bin. Ich will den Menschen zeigen, wie es ist, Magersucht zu haben und über meine Erfahrungen sprechen. Eigentlich hätte ich diesen Post nie online gestellt, doch heute habe ich ein Mädchen in der Stadt gesehen, das mich doch sehr erschrocken hat und ich finde es so unfassbar traurig, wie viele Menschen heutzutage bereits unter einer Essstörung leiden. Ich will den Leuten, vor allem den leicht beeinflussbaren Mädchen, die Augen öffnen und Menschen, die nicht nachvollziehen können, wie es ist, Magersucht zu haben, zeigen, wie wir uns fühlen. Abgesehen davon ist diese Krankheit ein Teil von mir und alle, die mich länger kennen, sei es gut oder schlecht, wissen von meinem Problem. Kein Wunder! Es ist nicht zu übersehen, wenn man von 67 kg auf 47 abmagert.

Begonnen hat bei mir alles mit 17 Jahren, allerdings habe ich mich dann wieder gefangen und konnte mein Gewicht zwei Jahre lang stabil halten. Doch mit 19 begann dann die richtige Krankheit. Innerhalb von drei Monaten nahm ich gute 20 kg ab und je weniger ich wurde, umso dicker fühlte ich mich.

Angefangen habe ich so, indem ich immer weniger und extrem gesund und kalorienarm gegessen habe und viel Sport machte. Am Ende bin ich dann nur noch bei einem fettarmen Naturjoghurt und einer Scheibe Ananas am Tag angekommen. Schön fühlte ich mich dann nicht mehr, aber dennoch dick. Der Grund, warum ich das getan habe, war einfach der, dass ich mich zu dick fühlte, doch mit der Zeit merkte ich, dass Magersucht einfach mehr ist, als nur der pure Drang, dünn zu sein.

Die körperlichen Nebenwirkungen ließen auch nicht lange auf sich warten. Mir war ständig schwindlig. Immer wenn ich aufstand, wurde mir schwarz vor Augen, ich war stets mies gelaunt, blass, bekam seltsame Lanugobehaarung, meine Fingernägel waren blau, mein Blutdruck dramatisch niedrig, meine Beine und Hände schliefen ständig ein und ich fror selbst im Sommer. Mein Schlafoutfit bestand aus einem normalen Tanktop, einem dünnen Longshirt, einem dicken Pulli, einem Poncho, einer dünnen Strumpfhose, einer dicken Strumpfhose, einer Jogginghose und dicken Wollsocken. Ich konnte nicht einmal mehr vernünftig die Treppen steigen und auch meine Katze konnte ich nicht mehr tragen. Wenn sie auf mir lag, tat es sogar höllisch weh, wenn sie sich an meinen Hüftknochen abstieß, dabei habe ich immer so gerne mit meinem Kater gekuschelt. Beim Schlafen musste ich auch immer drauf achten, dass kein Körperteil auf einem anderen lag, denn es war schier unangenehm, wenn sich meine Knochen berührten. Ihr könnt euch vorstellen, dass das nicht gerade einen erholsamen Schlaf mit sich bringt. Ständig träumte ich von irgendwelchen Nahrungsmittel, der Waage, abgemagerten und ausgemergelten Körpern usw. Irgendwann kamen dann auch schreckliche Albträume hinzu und ich spürte ständig mein Herz schlagen, egal wie niedrig mein Puls war.

Meine Konzentration war total im Arsch, dennoch funktionierte ich wunderbar und entwickelte einen Hang für den Perfektionismus. So habe ich auch meine Matura mit gutem Erfolg abgeschlossen, obwohl ich sonst eher eine durchschnittliche Schülerin war und den Unterricht während der Essstörung eher damit verbracht habe, meine Mahlzeiten zu planen. In meinem Kalender standen keine Schularbeiten- und Testtermine, sondern wie viel ich gegessen habe, wie viel Kalorien alles hat und wie viel ich verbraucht habe. In Mathe war ich nie gut, aber hierfür entwickelte ich ein perfektes System, das ich bis heute immernoch perfekt beherrsche. So kenne ich die Kalorienzahl von unglaublich vielen Lebensmittel in- und auswendig.

Also gut, meine Matura hatte ich in der Tasche, aber meine Maturareise konnte ich trotzdem nicht genießen. Ich habe sogar die Waage zu dieser Reise mitgenommen und wäre fast durchgedreht, als ich gemerkt habe, das sie bei der Hinreise zu Bruch ging, aber sie funktionierte trotzdem irgendwie. Zu diesem Zeitpunkt wog ich 47 kg und wollte immer noch abnehmen, auch wenn man schon jeden einzelnen Knochen sah. Komischerweise sah ich sie nicht. Ich hätte mir nie gedacht, dass sich die Selbstwahrnehmung so verzerren kann, aber ich wurde eines besseren belehrt.

Zunehmend isolierte ich mich, versuchte aber trotzdem, weiter auszugehen, doch Spaß hatte ich keinen mehr. Es war auch nicht so schön, wenn man ständig, auch bei sengender Hitze, gefroren hat. Jeder, der mich berührt hat, war erschrocken, wie kalt ich war. Meine restliche Freizeit verbrachte ich im Supermarkt oder Internet, indem ich mir Nahrungsmittel ansah und mir die Kalorienangaben einprägte. Ich frage mich und euch: IST DAS LEBEN? Ständig wurde ich angesprochen. Ich hingegen sah mein Problem immer noch nicht ein. Bis zu dem Tag, an dem ich einen epileptischen Anfall erlitt und ins Krankenhaus kam. Von da an begann ich meine Therapie und konnte sie mit einem Gewicht von 54 kg verlassen, was bei meiner Größe von 1.73 m zwar immer noch wenig ist, aber nicht mehr im lebensbedrohlichen Bereich liegt. Ich selbst fühl mich gar nicht wohl und bin irgendwie todunglücklich, für mich ist das immernoch zu viel, doch im Grunde weiß ich, dass 54 kg besser sind, als 47. Wie soll ich sonst die Uni schaffen?

Nun bin ich seit 2 Wochen wieder zu Hause. In der Klinik habe ich insgesamt 4 Monate verbracht. Ganz übern Berg bin ich sicher noch nicht, aber es hat sich einiges wesentlich verbessert. Die Liste meiner verbotenen Nahrungsmittel ist geschrumpft, ich esse auch wieder Brot oder mal ein Kipferl zum Frühstück, beim Kochen kann ich wieder Öl verwenden, wenn auch nur wenig und ich habe meine alten Freunde, die ich durch die Krankheit verloren habe, wiederbekommen. Natürlich ist es noch schwierig. Jeder Tag ist ein Kampf und es vergeht keiner, ohne dass ich mir nicht über meinen Körper oder dem Gewicht Gedanken mache, aber ich habe gelernt, damit umzugehen und dass das Leben nicht nur aus diesen Komponenten besteht.

Ich habe wieder Freude am Leben. Am Ende war jedes Lachen oder glückliche Gesicht ohnehin nur aufgesetzt. Man entwickelt so eine Art Fassade, die einem vor der Wahrheit schützt. Heute gehe ich wieder gerne raus und unternehme verschiedene Aktivitäten. Ich habe so viele Dinge gelernt und ich konnte endlich mein Buch schreiben. Außerdem habe ich viele Fähigkeiten und Talente an mir entdeckt. Ich habe gelernt, dass ich mehr bin, als nur eine äußere Hülle.

Ich bereue keine Sekunde, die ich in der Klinik verbracht habe und rate jedem Mädchen mit einer Essstörung, sich helfen zu lassen. Klar, das ist leichter gesagt, als getan, aber Magersucht macht NICHT glücklich. Sie gaukelt uns eine Illusion vor. In Wahrheit ist man nur Gefangener ist einem Knochengerüst, das man als ekelhafte Hülle mit widerlichen Fettpolstern ansieht. Ganz ehrlich, will man so leben? Na ja, von Leben kann man da auch gar nicht mehr sprechen. Man existiert, sonst nichts.

Angehörige von Betroffenen rate ich, dass man mal in Ruhe das Gespräch sucht. Das Thema ist wirklich hochsensibel und es bringt sich nichts, wenn man eine/m Betroffene/n zu einer Therapie oder noch schlimmer, zum Essen zwingt. Man muss mit dieser Thematik einfühlsam umgehen. Auch verletzende Kommentare á la „Sieh dich mal an, wie dünn du bist. Das ist hässlich.“ sollte man unterlassen. Ist man Angehöriger, finde ich es ratsam, wenn man sich von Beratungsstellen informieren lässt. Die können einem oft weiterhelfen.

Und was für magersüchtige Personen ganz schlimm ist und ich auch in der Klinik oft erlebt habe, ist, wenn man Kommentare ablässt, wie: „Du schaust eh nicht mehr magersüchtig aus, passt eh.“ Das ruft ein Unwohlsein hervor. Am Besten ist es, die betroffene Person überhaupt nicht auf den Körper ansprechen, sondern einfach sachlich über dieses Thema sprechen.

Ich weiß, dass dieser Post sehr viel Kritik hervorrufen kann, aber es ist mir wichtig, dass dieses Thema nicht mehr totgeschwiegen wird. Heutzutage ist diese Krankheit ein großes Problem in unserer Gesellschaft. Natürlich sind die ganzen Medien nicht ganz unschuldig, wenn sie ständig perfekte Frauenkörpern auf Reklametafeln zeigen, aber wie ich schon erwähnt habe: Magersucht ist viel mehr, als der Wunsch, schlank und schön zu sein. Irgendwann ist man so tief drin, dass man eigentlich nur mehr den Wunsch hat, zu verschwinden.
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