Tag : Liebe

Vertrauensängste Vertrauen

Die Kunst, Vertrauen zu können

Die Kunst, Vertrauen zu können

Normalerweise schließe ich mit einem Blogpost auch ein Thema ab. Aber das Thema Trust Issues hat mich nicht mehr ganz losgelassen. Für mich ist es auch nicht ganz abgeschlossen. Darum habe ich beschlossen, mich weiter mit dem Thema Vertrauen zu beschäftigen.

 

Trust Issues

Nachdem ich meinen Blogpost zum Thema "Trust Issues" online gestellt habe, konnte ich meine Gedankenspirale nicht ganz schließen. Das Thema hat mich weiter beschäftigt. Vielleicht auch deswegen, weil ich mich in meinem ersten Blogpost nicht mit dem Thema per se beschäftigt habe, sondern vielmehr das (in einer verkürzten Form) ausgesprochen habe, was ich zu sagen gehabt hätte. Diese Worte mussten raus, aber es war keine konkrete Auseinandersetzung mit dem Problem.

Vielmehr bin ich gewillt, mich weiterhin intensiver mit dieser Thematik auseinanderzusetzen. Und mit all den Ängsten, die daraus entstanden sind.

Sidenote: ich bin keine Psychologin. Ich habe Psychologie lediglich auf Lehramt studiert. Ich gebe keine Gewähr auf die Richtig- und Vollständigkeit dieser Inhalte.

Trust takes years to build

Seconds to break

And Forever to repair

Bevor ich mich dieser Thematik nun voll und ganz widme, möchte ich an dieser Stelle noch erwähnen, dass ich mich in keine Opferrolle drängen möchte. Genauso wenig möchte ich Vorwürfe hervorrufen, á la „Wie konnten diese Menschen nur…“.

Ich selbst bin bestimmt nicht als Mutter Theresa geboren worden. Fehler habe ich zu genüge gemacht. Auch ich bin mit dem Vertrauen anderen Menschen nicht immer sorgsam umgegangen. Wir alle machen unsere Fehler. Das heißt aber nicht, dass mich meine eigenen Erfahrungen nicht belasten. Trotzdem – es hat mich erkennen lassen, dass vielleicht nicht immer böse Absichten dahinterstecken, wenn ein Mensch mich seelisch verletzt. Die Erlebnisse, von denen ich euch erzählt habe, sind sehr selektiert. Im Laufe meines Lebens gab es immer wieder Konfrontationen und Dinge, die mich sehr verletzt haben. Aber das sind auch die Erlebnisse, die ausgesprochen wurden und unter denen ich einen Cut setzen konnte.

 

Thantophobia

the fear of losing someone you love

Pistanthrophobia

the fear of trusting people due to past experiences with relationships gone bad

Philophobia

the fear of emotional attachment; the fear of being in, or falling in love

Die Angst vor dem Vertrauen?

Wie Vertrauensängste entstehen und warum Vertrauen essentiell ist.

Angst im Allgemeinen entsteht durch eine Kombination vielerlei Faktoren. Sie kann entweder genetisch bedingt sein (Vulnerabilität), durch schwierige Lebensereignisse oder Lernerfahrungen entstehen. Darum gibt es viele verschiedene Arten der Angst. Vertrauens- und Bindungsängste entstehen durch Enttäuschungen, Traumata oder schmerzhaften Erfahrungen wie Fremdgehen. Auch unsere Eltern können Vertrauens- und Bindungsängste bei uns schüren, unabhängig davon, ob wir aktiv, passiv oder gar nicht beteiligt sind: Scheidungen, viel Streit zwischen den Eltern, aber auch Missbrauch, Alkohlabhängigkeit bei Eltern, Gewalt usw. – schwierige Kindheiten enden oft in Pistanthrophobie. Die Kindheit spielt eine entscheidende Rolle. In dieser Entwicklungsphase bilden wir unser Urvertrauen. Doch genauso können schwierige Beziehungen im Jugend- und Erwachsenenalter ein wesentlicher Faktor für Pistanthrophobie sein.

Pistanthrophobie – das ist das Fachwort für die Angst zu Vertrauen. Eine Angst, die wie alle anderen Phobien, ein Hindernis in unserem Leben darstellt. Vertrauen ist ein essentieller Bestandteil unseres Lebens. Zum einen münden Vertrauensängste ganz oft auch in andere Ängste. Dadurch entstehen:

  • Versagensängste
  • Ängste, Nähe zuzulassen
  • Bindungsängste
  • soziale Phobie

Schauen wir uns diese Ängste genauer an. Versagensängste können hinderlich in unserer beruflichen Karriere sein. Bindungsängste und die Angst, Nähe zuzulassen führen dazu, dass wir uns Steine in den Weg legen, jemanden zu finden, den wir lieben. Es führt dazu, dass Partnerschaften nicht eingegangen werden oder wir es überhaupt nicht einmal zulassen, neue Menschen in unser Leben zu lassen.

Meine Bindungsangst wurde schon im letzten Blogpost mehr als deutlich:

"Wie ich es irgendwie vor jedem Date tue, plante ich, nach einer Stunde zu gehen."
Black and white Photography Trust Issues
"Trust Issues"
20. Oktober 2019

Dieser Satz bringt deutlich zum Ausdruck, wie schwer es mir fällt, wirkliche Nähe zuzulassen. Klar, lockere erste Dates haben noch nicht viel mit Nähe und Bindung zu tun. Dennoch bedeutet es eines: man lässt einen Menschen in sein Leben. Für wie lange und ob es nur bei einem Date bleibt ist dabei nicht relevant. Außerdem gibt es da noch das Ungewisse. Wie wird sich das ganze entwickeln? Werden daraus Gefühle entstehen? Auf beiden Seiten? Nichts tut mehr weh, als einseitige Liebe. Genau das schürt Ängste. Natürlich muss man in seinem Leben immer wieder gewisse Risiken eingehen. Das Kennenlernen einer neuen Person ist kein Garant dafür, dass man letzten Endes gleiche oder ähnliche Ziele, Wünsche und Vorstellungen hat. Wir alle kennen den Satz: „Jetzt hatte ich so viel Pech. Darum muss es jetzt einfach einmal klappen.“ Der Satz hat zwar eine positive Message, denn er weist auf Hoffnung hin. Doch negative Erfahrungen in der Vergangenheit garantieren nicht, dass man fortan verschont wird, erneut einen toxischen Menschen kennenzulernen.

Blumen Vertrauensängste Blogpost

Missbrauchtes Vertrauen hat viele Gesichter

Pistanthrophobie ist eine spezifische Angststörung, die eng an unsere Emotionen gekoppelt ist. Daraus können sich weitere spezifischere Ängste ergeben. Wie beispielsweise die Philophobie – die Angst, emotionale Gefühle wie Liebe überhaupt zuzulassen. Solche Unsicherheiten kommen bei mir oft in der Zeit zwischen dem Kennenlernen und der „ich lasse mich emotional auf dich ein“-Entscheidung vor. Zum Glück ist das bei mir keine Phobie, sondern nur eine Unsicherheit. Ich kenne jedoch Menschen, die eine stark ausgeprägte Angst davor haben, sich zu verlieben und alles tun, was in ihrer Macht steht, um emotionale Gefühle vehement von sich fernzuhalten.

Womit ich jedoch öfter hadere ist die Thantophobie. Thantophobie ist die Angst, jemanden zu verlieren, den man liebt und bezieht sich eigentlich auf die Angst vor dem Tod (eigener oder der Tod einer geliebten Person). Ich kam mit dem Thema „Tod“ schon sehr früh in Berührung, darum war ich bereits in jungen Jahren mit Verlustängsten konfrontiert. Aber auch in Beziehungen zeigte sich dieses Muster nach und nach. Früher war es rein auf das Thema „Tod“ bezogen, was sich heute definitiv verändert hat, nachdem ich meine erste Trennung erlebt habe. Inzwischen haben sich Verlustängste bei mir ebenso auf zwischenmenschlicher Ebene manifestiert:

"Ich ertappte mich oft dabei, wie ich zu meinen Freunden sagte: „Ich will nicht, dass es endet.“ Ich hatte Angst, dass es endet."

Mit Veränderungen tue ich mir oft schwer. Inzwischen arbeite ich daran, Veränderungen als neue Chancen zu sehen. Doch wenn ich jemanden wirklich gern mag, werde ich mit einer ganz bestimmten Veränderung wohl nie klar kommen: wenn es endet bzw. nicht von meiner Seite aus vollster Überzeugung beendet wurde. Lasse ich mich auf jemanden ein, dann habe ich es eigentlich bereits geschafft, die Pistanthrophobie abzubauen. Nur wenn es einmal nicht so gut läuft, entstehen bei mir Verlustängste. Es tut weh, Menschen zu verlieren, die man gerne hat und davor habe ich auch Angst.

Atelophobia

the fear of not being good enough

Athazagoraphobia

the fear of forgetting, being forgotten or ignored, or being replaced

Dystychiphobia

the fear of hurting someone

Bin ich gut genug?

Das Vertrauen in sich selbst

Liegt es an mir, wenn es endet? Bin ich schuld, weil ich nicht gut genug bin? Ich muss so oder so sein, dann bekomme ich schon das, was ich will (Beziehung, Liebe, Freundschaft). Ich habe mich oft selbst gequält, um bestimmten Idealen zu entsprechen, die ich nie im Leben erreichen kann. Oft auch nur deswegen, weil ich mir eingebildet habe, irgendwann zu genügen, wenn ich nur „so“ wäre, wie ich geglaubt habe, sein zu müssen. Das soll nicht heißen, dass meine Magersucht oder meine Essstörung per se darauf fundieren. Es stecken immer noch tiefgreifendere Trigger dahinter, aber es ist kein Geheimnis, dass Liebeskummer und zerbrochene Freundschaften meine Trigger-Faktoren Nummer 1 waren und sind.

Ist die Beziehung oder die Freundschaft zerbrochen, bereitet es mir oft Sorgen, nun plötzlich ersetzt zu werden. Besonders dann, wenn noch Gefühle im Spiel sind und ich noch nicht abgeschlossen habe.

"Denn du warst gut darin, mich zu ersetzen. Mich links liegen zu lassen, wenn ein anderes Mädchen cooler war als ich. Das hast du oft gemacht. Ziemlich oft sogar."

Ist diese Angst ausgeprägt, nennt man sie Athazagoraphobie. Es ist Weißgott nicht schön, wenn man im Leben des anderen nur noch eine unbedeutende bzw. gar keine Rolle mehr spielt. Insbesondere dann, wenn man noch Hoffnung auf ein Happy End hat. Besonders weh tut es auch, wenn man das Gefühl hat, ersetzt zu werden, z.B. mit einer neuen besten Freundin oder einem/einer neuen Partner/in. Als mein Ex-Freund plötzlich eine neue Freundin hatte, war das für mich besonders schlimm, weil ich einfach noch keinen Cut unter diese Beziehung setzen konnte bzw. weil er mich auch wegen ihr verlassen hat. 

Blumen Vertrauensängste Blogpost

Wie kann ich meine Ängste abbauen?

Und wieder vertrauen?

Ich bin gerade selbst dabei, Strategien zu entwickeln, meine Vertrauensängste zu bewältigen. Ein gesundes Misstrauen ist meiner Meinung nach wichtig. Man sollte nicht immer sofort blind vertrauen, sondern auch kritisch sein. Warum ich nun endlich an diesem Probelm arbeiten möchte, fundiert darauf, dass ich mein Leben davon nicht mehr beeinflussen lassen möchte. Es hemmt mich in zwischenmenschlichen Beziehungen. Zwar gibt es genügend Menschen, denen ich vertraue (sogar blind), aber gerade beim Thema Liebe und Partnerschaft steht mir die Pistanthrophobie im Weg. Dabei ist es das gar nicht wert, dass die toxischen Menschen aus meiner Vergangenheit mein Leben derart beeinflussen. Ich bin diejenige, die mein Leben beeinflussen soll, nicht andere.

Im Übrigen möchte ich an dieser Stelle noch einmal erwähnen, dass ich nicht alle der aufgezählten Phobien habe. Sie sind lediglich in einer abgeschwächteren Form in meinem Leben präsent, aber nicht phobisch. Ich denke, all das sind Ängste, die wir alle kennen – und das ist auch kein Wunder. Denn mit negativen Ereignissen, falschen Freunden und Liebeskummer werden wir alle im Laufe unseres Lebens konfrontiert. Genau deswegen ist es so wichtig, jede Chance zu ergreifen, um mit solchen Geschichten abzuschließen. Der Face-to-Face Kontakt ist dafür immer noch die nachhaltigste Lösung von allen. Verpasst diese Chance nicht, denn es führt nur dazu, dass ihr eure Trust Issues füttert und es letztendlich in eine Pisanthrophobie mündet. Als studierte Psychologielehrerin weiß ich jedoch, dass Ängste dazu da sind, um sie zu überwinden. Genau das möchte ich jetzt angehen. Ich beschäftige mich schon länger mit Strategien zur Bewältigung von Pistanthrophobie. Das heißt, das Thema ist auf diesem Blog noch nicht durchgekaut und wird fortgesetzt. Stay tuned!

Ich muss dann mal alleine sein…

Ich muss dann mal alleine sein.

03.01.2019 – an diesem Tag schrieb ich auf Instagram:

Mehr als drei Monate sind seit meinem Umzug vergangen. Ich habe mir ein vollkommen eigenes Leben aufgebaut und jetzt ist es auch an der Zeit, mehr darüber zu sagen. Irgendwie ist mir vor meinem Umzug alles zu viel geworden. Ich habe Dinge erlebt, die mich völlig aus der Bahn geworfen haben und sie doch hinter einem Lächeln versteckt. Wenn du wieder lernen musst, neu zu vertrauen, musst du einen Weg finden, wie du das irgendwann wieder schaffen kannst. Ich wusste, was mir dabei helfen würde: alleine zu sein.

Alleine zu sein bedeutet nicht, einsam zu sein. Alleine sein zu können bedeutet, dass du irgendwann mit dir selbst zurechtkommst. Dass du von niemanden abhängig bist, dass du auch mit dem Verlassen und Verlassenwerden zurechtkommst, dass du dich abgrenzen und eine Weile alleine sein kannst. Ich musste in erster Linie mit mir selbst zurechtkommen. Wieder die Liebe zu mir selbst entdecken und mir meinen Wert für mich selbst zurück erkämpfen. Dazu musste ich weg. In eine andere Stadt. In eine eigene Wohnung. Alleine. Alleine einen Neuanfang wagen, aber immer mit dem Wissen, dass ich auf viel Unterstützung zählen kann. Und es hat sich gelohnt. Es hat mir gut getan. Ich habe in Graz ein wunderbares Umfeld, schon etliche neue Leute kennengelernt und ich blühe gerade auf. Ich bin ständig unterwegs, viel in der Stadt und ich lerne mein neues Zuhause kennen. Gemeinsam und alleine. Ich bin froh, dass ich diese Erfahrung mit dem „alleine leben“ mache, denn genau das hat mir geholfen, mich nicht mehr einsam und verloren zu fühlen.

(c) Instagram: mycafeaulait

Einsam sein

Es sind Worte mit Bedeutung. Worte, die ich mit Bedacht gewählt habe. Worte, über die ich lange nachgedacht habe. Ich wollte damit etwas sagen. Mit Bedacht gewählt sind die Worte deswegen, weil ich nicht wusste, wie ich mich ausdrücken sollte. Persönliche Worte auf Instagram sind oftmals schwierig. Sie werden vielleicht nicht von jedem gelesen, aber diese Worte hier sind nun da, weil ich eine Message hatte. Und diese Message wollte ich nach Außen tragen. Wenn sie auch nur einen Menschen erreichen, einen Menschen, der sie wirklich liest und den ich damit berühren kann, dann habe ich mein Ziel erreicht. Auch in einer oberflächlichen Welt wie Instagram, von der ich ebenso -und das streite ich nicht ab- ein Teil bin.

Manchmal habe ich eben mehr zu sagen, als „hey guys, what’s up bla bla bla.“ Und manchmal reize ich den begrenzten Platz meiner Caption auch aus, um diese Worte in die Welt hinaus zu tragen. Diesmal ging es um das Alleinsein. Um das Alleinsein, das mich von meinem einsam sein befreit hat.

Wenn ich so zurückblicke – vor nicht allzu langer Zeit – da habe ich mich einsam gefühlt. Einsam, obwohl ich tagtäglich mit einer Vielzahl von Menschen in einen sozialen Kontakt stand. Ich saß in der Uni, neben mir meine netten Studienkollegen und ich fühlte mich einsam. Ich spielte mit meinem Neffen, der mir jedes Mal ein Lächeln auf die Lippen zaubert, doch ich fühlte mich einsam. Meine Freunde und ich saßen in der Bar bei schummrigen Licht und Cocktails, doch ich fühlte mich einsam.

Ja, es ist noch gar nicht so lange her, da lernte ich wirklich, was einsam sein bedeutet. Ich lernte die Einsamkeit mit all ihren Facetten kennen, obwohl ich nicht alleine war. Du kannst in den Armen der Person liegen, für die du mehr empfindest und es fühlt sich plötzlich so leer an. Du begegnest im Bus unzähligen neuen Gesichtern, manche verwickeln dich vielleicht in Gespräche, doch es fühlt sich so leer an. Du beginnst damit, wieder mehr zu daten, doch es füllt nicht deine Leere und du verlierst auch kein Wort darüber, weil es dir peinlich ist, dass du nichts mehr fühlen kannst. Du lernst im Coffeeshop einen netten Jus-Studenten kennen, der dir einen Kaffee spendiert, weil er sich „vorgedrängelt“ hat, kommst mit ihm ins Gespräch, aber es fühlt sich trotzdem so leer an. Einsam eben. Da begriff ich. Einsam kann man sich auch fühlen, wenn man nicht alleine ist.

Ein Cut und ein Fehler

Alleine sein und einsam sein, das sind zwei Komponente, die immer wieder als eins gesehen werden, die aber so unterschiedlich sind wie Tag und Nacht. Alleine sein ist nicht gleich einsam sein. Es hat eine andere Bedeutung. Und ich wusste: ich musste von den Gefühlen der Einsamkeit loskommen. Das war mir schon lange bewusst, doch ich wusste nicht, wie ich es schaffen sollte. Wie sollte ich diese Gefühle überhaupt loswerden, wenn ich ständig unter Menschen war und mich trotzdem so verloren fühlte? Es war ein Cut notwendig.

Eigentlich brauchte ich diesen Cut zum ersten Mal nach meiner Diplomprüfung. Zu dieser Zeit war mir alles zu viel. Ich wollte verreisen. Alleine. Ich wusste, dass ich nach all den Monaten der Lernerei für mich sein musste. Dass ich mich abkapseln musste, nachdem ich für meine Diplomarbeit mit unzähligen Menschen zu tun hatte. Dass ich mich abkapseln musste, nachdem ich im Laufe meiner Studienzeit mit einer noch viel größeren Anzahl an Menschen zu tun hatte. Doch dann kam alles anders.

Wie es so ist, wurden meine Pläne durchkreuzt. Ich lernte neue Leute kennen, stürzte mich von einem Abenteuer in das andere, ging auf Events, datete mich, fuhr mit der Familie in den Urlaub – alles Erlebnisse, die sehr schön waren, nur ich selbst blieb auf der Strecke. Es führte dazu, dass ich mich wieder in die Essstörung hievte, dass ich mich erneut Stück für Stück in das Gefühl der Leere hineinmanövrierte. Und das, was mir wahrscheinlich geholfen hätte, meine Leere zu durchbrechen, das Alleinsein, das habe ich nicht mehr beachtet. Ein Fehler.

Alleine sein

Der Cut kam. Ein Jahr später als geplant, aber er kam. Zwar bin ich immer noch nicht alleine verreist oder war für mich alleine in der Natur auf irgendeiner einsamen Berghütte (was ich nach meiner Diplomprüfung eigentlich tun wollte), aber ich habe den Cut gewagt. Der Cut ist derjenige, dass ich nun mit niemanden eine Beziehung führe, außer mit mir selbst. Ich bin in eine eigene Wohnung gezogen. Alleine. Weil ich das brauchte. Und Gott sei Dank habe ich das getan. Stück für Stück finde ich nun wieder zu mir selbst. Ich lerne, alleine mit meinen Ängsten umzugehen. So bin ich nicht mehr von irgendjemanden abhängig. Ich lerne, das Erwachsenenleben alleine zu managen. Ohne toxische Menschen in meiner Umgebung, von denen ich mich viel zu lange abhängig gemacht habe. Und dieses Alleinsein fühlt sich alles andere als einsam an.

Ich bin nicht zu einem Eigenbrötler mutiert, treffe mich nach wie vor mit meinen wichtigsten Freunden und habe auch nach wie vor mit vielen Menschen zu tun, doch es fühlt sich nicht mehr leer an. Es fühlt sich befreiend an. Ob es daran liegt, dass ich mich im Laufe der letzten Monate von toxischen Menschen entfernt habe? Kann gut sein, doch erst der Umzug in eine neue Stadt war sozusagen die Befreiung, auch wenn sie noch nicht ganz vollzogen ist. Aber das kommt noch. Und es wird auch noch kommen, dass ich wieder lerne, anderen Menschen zu vertrauen. Dass ich andere Menschen wieder in mein Leben lasse. Bis ich soweit bin, führe ich die Beziehung mit mir selbst gerne weiter. Alleine. Und das fühlt sich großartig an.

I hold onto my free will a lil while longer

„Das weltweite Phänomen erlebt seinen Höhepunkt“ – so ähnlich wurde der Filmrelease des finalen Teiles von Fifty Shades of Grey beworben. Der sanfte Sadomasoaufreger ging in die alles entscheidende Runde. Zum letzten Mal konnten wir die zugegeben etwas fragwürdige Liebesgeschichte des Selfmade-Milliardärs und BDSM-Anhängers Christian Grey und seiner Anastasia auf der Kinoleinwand verfolgen. Da ich die letzten beiden Teile gesehen hatte, war es natürlich ein Muss im Zuge eines Mädelsabends ins Kino zu tingeln, um eine etwas anspruchslose Handlung mit diversen Sexszenen über mich ergehen zu lassen. Trotz seiner leeren Handlung mag ich die Filme. Sie erfordern keine großartige Aufmerksamkeit. Gerade, wenn man sein Hirn nicht ganz eingeschaltet hat, ist es immer einfach die Handlung zu verfolgen. Selbst wenn die Geschichte alles andere als oscarreif ist, so brachte mich der Film ins Grübeln.

Im Laufe der drei Teile konnte man beobachten, wie sich die beiden Hauptcharaktere verändern. Ana, das einstige Unschuldslamm ist zu einer Frau mutiert, die sich im finalen Teil nun nach anfänglicher Geziertheit hingebungsvoll den etwas gewöhnungsbedürftigen Vorlieben ihres Liebhabers, Pardon Ehemanns, hingibt. Sie lässt nun alles mit sich machen, wovor sie sich im ersten Teil gesträubt hat. Dinge, die ihr Angst bescherten. Dinge, die sie in ein Unbehagen stürzten. Die Angst vor dem Unbekannten. Aber auch die Angst, Erfahrungen zu machen, die nicht zu ihr passen. Die Angst, viele Grenzen zu überschreiten. Ihre persönlichen Grenzen.

 

free will

 

Über Grenzen gehen

…ohne seinen freien Willen aufzugeben

Grenzen zu überschreiten, muss nichts schlechtes sein. Sex ist eine Entdeckungsreise, die nie zu Ende geht. Manchmal muss man sich auf die Dinge einlassen, es zulassen, sich fallen lassen und vielleicht sogar Prinzipien über Board werfen – aber nur, wenn man es auch wirklich will und man bereit dazu ist. Grenzen zu überschreiten ist manchmal notwendig, um sich selbst und seine eigenen Vorlieben kennenzulernen. Oder auch dann, um zu hundert Prozent herauszufinden, womit man überhaupt nicht klarkommt. Doch über seine eigenen Grenzen gehen sollte man auch nur dann, wenn man es wirklich will und bereit dazu ist. Nicht, weil man das Gefühl hat, man müsste seinem (Sexual)-Partner einen Gefallen tun.

Einen Gefallen tun. Hand aufs Herz. Wie viele Frauen und vor allem junge Mädels lassen sich zu Praktiken und Handlungen überreden, mit denen sie sich nicht wohl fühlen, nur weil sie Angst davor haben, ihren Partner zu verlieren? Das führt mich wieder zurück zu Fifty Shades of Grey. Wollte Ana diese Spielchen wirklich spielen oder tat sie es nur, weil sie ihrem Christian mit Haut und Haaren verfallen war? Weil sie wusste, dass sie ihn nur damit glücklich machen konnte. Sie ihm nur damit die vollendete Befriedigung schenken konnte. Sexueller Frust ist Gift für jede Beziehung. Jede/r will auf ihre/seine Kosten kommen. Doch das bedeutet auch, dass man dazu bereit sein muss, Kompromisse einzugehen. Kompromisse frei nach dem Motto: Selbst entscheiden dürfen, akzeptieren, nicht zwingen, aber auch probieren und Dinge zulassen. Die Angst existiert ja meistens im Kopf – sagt auch Mr. Grey.

 

I think I hold onto my free will a lil while longer

Diesen Satz spricht Ana im ersten Teil der BDSM-Triologie aus. „Nein Danke, ich denke, ich behalten meinen freien Willen noch für eine Weile.“ Und das ist genau dieser Satz, der sie verraten hat. Der gezeigt hat, dass sie ES später mit sich machen lässt. Nicht, weil sie es will. Sondern weil er es will. Weil er derjenige ist, der dadurch seine sexuellen Höhepunkte erlebt und nicht sie.

Ich weiß, es ist nur ein Film. Ein Film, der einen großen Interpretationsfreiraum lässt. Es kann durchaus vorkommen, dass man Vorlieben für sich entdeckt, wovon man am Anfang überhaupt nicht überzeugt war. Auch ich habe schon viel über mich gelernt. Weil ich dazu bereit war, über meine eigenen Grenzen hinauszugehen. Freiwillig. Genauso habe ich mich aber auch überreden lassen. Nämlich zu dem Zeitpunkt, als ich in sexueller Hinsicht noch wenig Erfahrungen gesammelt hatte. Genau das hat auch dazu geführt, dass ich für sehr lange Zeit verschlossen war. Über meine eigenen Grenzen zu gehen, war für mich ein Ding der Unmöglichkeit. 

Es hat lange gedauert, bis ich diese Enttäuschungen und schlechten Erfahrungen verdaut habe. Lange Zeit fiel es mir schwer, meine eigenen sexuellen Vorlieben zu entdecken. Ich traute mich auch nicht, über meine Komfortzone hinauszugehen, weil ich mich einst überreden lassen habe. Weil ich meinen freien Willen aufgegeben habe, nur um jemanden einen Gefallen zu tun, der es überhaupt nicht wert war.

Diese Hintergrundgeschichte hat mein Sexualleben lange Zeit stark geprägt. Es war eine Zeit voller Naivität. Eine Zeit, in der ich offensichtliche Anzeichen noch nicht deuten konnte. Ich merkte nicht, wann es nur um Sex ging und wann echte Gefühle dahinter steckten. In dieser Zeit hatte ich noch nicht das realistische Denken, das ich heute habe. Damals gehörten Sex, Beziehung und Liebe für mich automatisch zusammen. Das ist heute per se nicht mehr der Fall. Ich bin in einem Zeitalter angekommen, in dem Sex ohne Beziehung für mich genauso okay ist, wie Sex in einer Beziehung.

 

Du entscheidest für dich, nicht dein Partner!

Die Führung aus der Hand zu geben, kann zu prickelnden Erfahrungen führen. Doch keiner hat das Recht Entscheidungen für dich zu treffen, mit denen du nicht klarkommst. Niemand muss im Schlafzimmer oder wo auch immer Dinge mit sich machen lassen, die man nicht möchte. Auch wenn es die andere Seite will und man genau weiß, dass man ihn/sie damit glücklich macht. Doch ist es das wert, seinen freien Willen aufzugeben?

Tue niemanden aus Liebe einen Gefallen. Schon gar nicht, wenn du dir nicht zu hundert Prozent sicher bist, dass es ihm/ihr nur um Sex geht, dir aber nicht. Lass dich darauf ein, über Grenzen zu gehen, aber nur dann, wenn du dir vollkommen sicher bist, dass DU es willst. Denn: Du bist niemanden etwas schuldig. Sage nein, wenn du nein sagen willst. Sage ja, wenn du bereit dazu bist. Nehme es nicht hin, wenn dein Nein nicht akzeptiert wird, denn auch das musste ich schon einmal hautnah erleben. Sei dir so viel wert, dass du nach deinen Prinzipien handelst. DU entscheidest. Für dich! Wir leben in keiner Pornowelt, in welcher die Frau immer wollen und der Mann immer können muss.

 

Es ist dein freier Wille, den du um keinen Preis der Welt hergeben musst.

 

 

I Wish I Was Brave Enough To Love You

Eine zaghafte Berührung, die immer fordernder wurde. Seine Arme um mich geschlungen. Und er sah mich an. Einschlägig. Intensiv. Er musterte mich mit seinen stahlgrauen Augen. Sie waren so wundervoll. Zu wundervoll, um mich nicht darin zu verlieren. Zu wundervoll, um dennoch hineinzuschauen.

Ich wusste nicht ganz genau, was er mir gerade offenbarte. Aber ich hatte es im Gefühl. Dieser Blick. Sein Blick. Sein Blick brachte mich in ein Bedrängnis. Ich fühlte mich unwohl, als er seine Arme immer fester um meinen Körper schlang. Mir stockte der Atem. Er hielt mich fest. Seine Berührungen wurden noch fordernder. Zu fordernd. Er hielt mich fest. So fest, wie mich schon lange keiner mehr festhielt. Und ich wusste: Er meinte es liebevoll. Er wollte mir signalisieren, dass ich nicht gehen sollte. Aber ich konnte nicht. Konnte es nicht ertragen. Nicht ertragen, wie fest er mich gefangen hielt. Er hielt mich fest. So fest. Physisch. Psychisch. Nicht nur mit seinen Armen, sondern auch mit seinen Augen. Seinen stahlgrauen Augen. Sie waren so wundervoll. Zu wundervoll, um mich nicht darin zu verlieren. Zu wundervoll, um dennoch hineinzuschauen.

In meinem Inneren brodelte es. Mein Atem stockte. Immer mehr. Die Luft blieb mir weg. Weggeschnürt. Es gab keine Möglichkeit zu atmen. Denn er hielt mich immer fester. Und ich wusste nun in vollster Klarheit, was er wollte. Zumindest gestand ich es mir jetzt ein. Und es machte mir Angst. Große Angst. Ich hatte das Gefühl, mich von ihm losreißen zu müssen. Besser jetzt, als nie. Diese Augen machten es nicht besser. Seine stahlgrauen Augen. Sie waren wundervoll. Zu wundervoll, um mich nicht darin zu verlieren. Zu wundervoll, um dennoch hineinzuschauen.

Ich musste Reisaus nehmen. Besser jetzt, als nie. Besser an einem Zeitpunkt, an dem ich noch flüchten konnte. Flüchten, bevor es zu spät wäre. Ich wusste, was er wollte. Ich spürte es. Er signalisierte mir, dass da mehr war. Viel mehr. Von seiner Seite aus. Und ich mochte ihn. Ich mochte ihn sogar sehr. Aber -und das wünschte ich mir wirklich- ich konnte ihn nicht lieben. Ich war nicht mutig genug. Ich wollte es, aber war nicht mutig genug. „I’m sorry“, flüsterte ich bruchstückhaft:

What we had was beautiful
I didn’t want to wreck it all
Every Day I think about the truth.
And I wish I was – I wish I was
Brave enough to love you*

Und ich ging. Riss mich von dieser festen, fordernden Berührung los. Schenkte seinen stahlgrauen Augen keine Beachtung mehr. Diese Augen. Dieser einschlägige Blick. Dieser einschlägige Blick der wundervollsten stahlgrauen Augen, die ich je in meinem Leben gesehen habe. Sie waren so wundervoll. Zu wundervoll, um mich nicht darin zu verlieren. Zu wundervoll, um dennoch hineinzuschauen. Denn ich verdiente es nicht. Ich verdiente diesen Anblick nicht. Diesen Anblick in diese wundervollen, atemberaubend schönen stahlgrauen Augen. Weil mir der Mut fehlte. Weil ich nicht mutig genug war, um ihn zu lieben und gehen musste, bevor mir eine sich aufwallende Panikattacke die Luft weg schnürte.

Ich hörte ihn nur noch ein „Why“ wispern, doch ich reagierte nicht. Ich ging. Weil ich nicht mutig genug war, um ihn zu lieben.

 

I wish I was brave enough to love you

*Das englische Zitat wurde aus diesem Song entnommen und stammt nicht von mir. 


 

Photography by Miss Getaway

 

Why is it so hard to talk about…?

…Sex. Dieses Wort habe ich in meinem Titel bewusst weggelassen, denn genau das soll der Titel suggerieren. Warum ist es so schwer, über Sex zu sprechen? Ich möchte euch ein kurzes Szenario vorstellen, dass sich genau vor einer Woche an meinem Institut abgespielt hat.


Ein karger Seminarraum. Dutzende Augen auf mich gerichtet. Die strengen Blicke meiner Professoren mustern mich. Hinter mir eine Power Point Präsentation mit anzüglichen Bildern. Diese habe ich nicht etwa von speziell dafür gedachten Pornowebsiten, sondern von Instagram. Ganz normale Hashtags habe ich dafür benutzt, wie etwa #beachlife, #overknees und #fitspiration. Auf dem ersten Hinhören nichts anzügliches. Nichts was man sofort mit Sex in Verbindung bringen würde. Aber das ist genau das Thema, worüber ich nun schon seit einer halben Stunde rede. Sex. Ich reden über Sex. Und zwar nicht deswegen, weil ich die Katholisch-Theologische Fakultät aufmischen möchte, sondern weil es das Thema ist: Pornification. 

Ich deute auf ein Bild hinter mir. Das Mädchen ist hochgeschlossen angezogen: Rollkragenpullover und eine olivgrüne Jacke. Klingt harmlos. Unschuldig. Man stellt sich ein braves Mädchen vor, wenn man die Beschreibung liest. Das mag sie vielleicht auch sein, doch das Bild ist sexualisiert. Warum? Sie mag zwar hochgeschlossen angezogen sein, aber der Rollkragenpullover hat fast die exakt gleiche Farbe wie ihre helle Haut und inmitten des Bildes springen mir ihre weiblichen Argumente deutlich entgegen. Der Rollkragenpullover, eng anliegend, betont ihre Brüste. Die Farbe suggeriert Nacktheit. 

Ich frage in die Runde: „Warum habe ich das Bild wohl ausgewählt?“ Keine Antwort. „Verdammt“, denke ich mir und gerate ins Stottern. Natürlich muss ich mich nun erklären. Erklären, warum ich das Bild gewählt habe. Und plötzlich fiel es mir total schwer, es zu sagen. Der Grund, warum ich das Bild gewählt habe, waren ihre großen Brüste, die dem Bild dieses gewisse Etwas an Sex verleihen. Ich hätte mir nie gedacht, dass es mir so schwer fallen würde. Vielleicht liegt es daran, weil mich die Blicke meiner Professoren streng mustern oder an der Tatsache, dass ich nicht unwissenschaftlich wirken will. Ich will mich wissenschaftlich ausdrücken, kompetent wirken und dann soll ich „wegen ihren großen Brüsten“ sagen? Verzweifelt suche ich nach Worten, bis ich plötzlich ein paar Wortfetzen rausstottere: „Wegen… ihren… weiblichen… Attributen.“ Und dabei schlucke ich einen Kloß hinunter und werde rot. Es ist mir unangenehm. Wirklich unangenehm. 


 

 

Why is it so hard to talk about Sex?

Diese Szene hat sich tatsächlich in dieser Form abgespielt. Die Präsentation lief trotzdem gut und meine Professoren hielten mich auch nicht für inkompetent. Im Gegenteil: Man gratulierte meiner Seminarpartnerin und mir sogar dazu, dass wir uns getraut haben, über das Thema zu sprechen. Über Sex zu reden. Dabei verließ mich genau in dieser Situation der Mut, über Sex zu reden, geschweige denn das Wort nur in den Mund zu nehmen. Und diese Schwierigkeiten hatte ich auch früher, als ich jünger war. Inzwischen habe ich viele Hemmungen abgelegt. Es fällt mir eigentlich leichter, darüber zu reden. Das hat lange gedauert, darum verstand ich auch nicht, warum mich ausgerechnet in einem wissenschaftlichen Setting die Hemmungen gepackt haben, über Sex, Lust oder gar über bestimmte Körperregionen zu sprechen.

Sex ist immer noch ein Tabuthema. Dabei finde ich es wirklich wichtig, offen darüber zu sprechen. Ich bin mir sicher, viele vertreten die Ansicht, dass Sex die natürlichste Sache der Welt ist. Auf der einen Seite mag das stimmen. Menschen haben einen natürlichen Fortpflanzungstrieb und wollen nicht, dass die eigene Art ausstirbt. Doch Sexualität, so wie wir sie heute kennen, ist nicht ausschließlich natürlich. Vielmehr ist Sexualität in dieser pornifizierten Welt ein soziales Konstrukt. Etwas von Menschen geschaffenes und alles, was der Mensch schafft, ist per se nichts Natürliches. Ich denke, gerade deswegen ist es schwierig, darüber zu sprechen. Vielleicht weil man Angst hat, in der Gesellschaft abgelehnt zu werden, wenn man offener mit seiner Sexualität umgeht. Tatsache ist jedoch: Sie gehört in unser aller Leben dazu.

Wir Menschen haben Bedürfnisse, die sich fernab von unserem Fortpflanzungstrieb (die natürliche Seite von Sex) bewegen und wir wollen, dass diese Bedürfnisse befriedigt werden. Doch wir alle haben andere Vorstellungen davon und wünschen uns nicht das Gleiche. Es gibt Dinge, die wir ablehnen oder schlichtweg nicht mögen. Dinge, die uns unangenehm sind. Doch damit die Dinge, die wir mögen, passieren und andere nicht vorkommen, ist es wichtig, über Sex zu sprechen. Insbesondere in einer Partnerschaft oder zumindest in einer „Beziehung“, die sich rein um Sex dreht. Es bleibt jedem selbst überlassen, wie er seine Sexualität auslebt.

 

 

Ist es Verwerflich, über Sex zu sprechen?

Ich selbst würde meine Bettgeschichten nie nach Außen tragen, denn in der Hinsicht ist es mir wichtig, Diskretion zu bewahren. Aber wenn jemand gerne seine Bedtimestories vor jedem ausplaudert, dann bitte. Auch das sollte Akzeptanz finden. Es sollte nicht mehr als verwerflich gelten, darüber zu sprechen. Man kann durchaus den Mut hervorbringen, darüber zu reden. Und man sollte darüber sprechen dürfen. Damit meine ich per se nicht die Geschichten, die sich zu Hause im Schlafzimmer abspielen und welche Spielchen man mit dem Partner letzte Nacht getrieben hat, sondern Sex in einer Form, die in die Öffentlichkeit passt und nicht zur Erregung öffentlichen Ärgernisses führt.

Gerade in der Schule merkt man bei den Unterstufenkids, dass sie ins Kichern kommen, wenn der/die LehrerIn das Wort „Sex“ in den Mund nimmt. Ein deutliches Zeichen dafür, dass das Thema Sexualität immer noch ein solches ist, welches uns die Schamröte ins Gesicht schießen lässt.

Es gehört, wie gesagt, in unser aller Leben dazu. Genau darum ist es wichtig, über Themen, die damit in Verbindung gebracht werden, zu sprechen. Unter anderem über Verhütung, aber auch über die Gesellschaft, die immer mehr pornifiziert und sexualisiert ist. Darunter fällt beispielsweise das Phänomen „Sex Sells.“ Pornification ist etwas, das sich in unserer Gesellschaft mit der Zeit stark etabliert hat und eigentlich wird es eher mit etwas Negativem assoziiert. Dabei muss es das doch gar nicht. Ich persönlich finde es nicht verwerflich, wenn man offener mit seiner Sexualität umgeht, egal in welcher Form. Sei es durch Dessousbilder, Themen wie die persönliche Verhütung oder generell Kolumnen über Liebe und Sexualität. Ich denke, wir sind in einem Jahrhundert angekommen, in welchem Sex nicht mehr als Tabuthema gelten sollte. 

 

 

Tell me what you want…

Trotzdem: Ich kann es verstehen, wenn man öffentlich nicht über dieses Thema sprechen möchte. Nicht, weil es einem unangenehm ist, sondern einfach, weil man schlichtweg kein Interesse daran hat. Am wichtigsten finde ich es jedoch immer noch, dass man zumindest in einer Beziehung darüber reden kann, ohne sich unwohl zu fühlen.

Bei meinem Exfreund fiel es mir wahnsinnig schwer, obwohl Kommunikation in der Hinsicht wirklich notwendig gewesen wäre. Vielleicht hätte es sogar unsere Beziehung gerettet, aber das sind nur Spekulationen, an welchen ich mich nicht festsetzen möchte. Mit der Zeit lernte ich, dass es okay ist, darüber zu sprechen. Nein, es ist sogar gut, denn nur so hat man die Möglichkeit, wirklich zu 100% auf seinen Partner einzugehen und vice versa. Gerade in einer Partnerschaft ist Sexualität ein wesentlicher Bestandteil. Nicht das wichtigste, aber doch sehr wichtig.

Man muss nicht gleich zur Sexkolumnistin á la Carrie Bradshaw mutieren, aber zumindest in einer Partnerschaft sollte man sich frei fühlen, darüber zu reden. Kommunikation ist wichtig, insbesondere in einer gesunden Beziehung, denn nur dadurch könnt ihr euch vieles ersparen, das ihr nicht mögt und nur dadurch könnt ihr entdecken, was euch gefällt.

 

Why is it so hard to talk about

Outfitdetails| Blazer: Vero Moda| Skirt: Zara| Shoes: Humanic| Tights: Calzedonia| Bag: Shootbags

 

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Naked Stories: Wie viel Haut darf ich zeigen?

 

 

Generation Beziehungsunfähig

Generation Beziehungsunfähig – Alles Ausrede oder was?

 

Ihr Lieben!

Da es momentan aufgrund der gegebenen Umstände doch sehr ruhig auf meinem Blog ist, habe ich mir Verstärkung mit ins Boot geholt. Meine liebe Freundin Nicole von Grazermadl hat mir tatkräftig unter die Arme gegriffen und bereichert heute meinen Blog mit einer ganz persönlichen Kolumne: Generation Beziehungsunfähig – Alles Ausrede oder was? 

Vielen Dank an dieser Stelle an Nicole. Schaut auch unbedingt bei ihr vorbei. Ihr Blog Grazermadl ist am Ende dieses Beitrages verlinkt. Nun wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen.

 

MICHAEL NASTS BUCH “GENERATION BEZIEHUNGSUNFÄHIG”
REGT ZUM UMDENKEN AN!

Mittlwerweile sind es fast 170.000 Likes, 178 Kommentare und weit über 7.500 Shares. So viel Resonanz hat Michael Nasts Blogbeitrag über uns Mittdreißiger für das Online-Magazin Im Gegenteil seit seiner Veröffentlichung vor einem Jahr erhalten. Seit 15. Februar 2016 ist nun auch sein Buch zu diesem Thema erschienen. Ich stolperte nur zufällig über den Artikel, aber die Überschrift fesselte mich sofort, als wärs die Schlagzeile schlechthin:

 

Generation Beziehungsunfähig”

 

Klatsch, ich fühlte mich sofort angesprochen.

Und tatsächlich, Michael Nast hatte mich schon bei seinem ersten Absatz:

Es gibt immer mal wieder Momente, in denen ich mich frage, wie mein Leben aussehen würde, wenn ich an bestimmten Punkten meines Lebens andere Entscheidungen getroffen hätte. Es sind diese „Was wäre, wenn“-Momente, in denen ich mir mich in einer anderen Version meines Lebens vorstelle […]

Denn klar, diese Momente gibt es auch bei mir in letzter Zeit immer häufiger. Ich bin ja schließlich auch so ein Thirty-something. Da hat man schon einige gescheiterte Beziehungen hinter sich. Hauptsächlich sind es in meinem Fall aber die oft endlos scheinenden und sich immer länger ausdehnenden Singlephasen zwischen den jeweiligen Beziehungen die mir diese “was wäre wenn” Momente verschaffen. Ich frage mich oft, wieso ich mir immer weniger Zeit für diesen ganzen “Beziehungskram” nehme und mich immer häufiger in meine Projekte vergrabe, anstatt mich, keine Ahnung, zum Beispiel auf ein Date zu begeben? Habe ich womöglich schon resigniert? Nimmt mich mein Projekt “Selbstoptimierung” so sehr in Anspruch, dass mir einfach die Zeit fehlt um mich auch noch intensiv mit jemand anderen auseinanderzusetzen? Habe ich mich bereits im Club der Beziehungsunfähigen eingeschrieben und es vor lauter “so much to do” nicht einmal bemerkt? Michael Nast erklärt dieses neumodische Phänomen jedenfalls damit, dass wir in der heutigen Zeit alle einer Idealvorstellung hinsichtlich uns selbst, dem Job und dem Partner hinterherjagen. Ein Idealbild dass es so natürlich nicht geben kann.

Wir wissen, dass alles noch viel besser werden kann. Bis es perfekt ist. Das Problem mit dem Perfekten ist allerdings, das man diesen Zustand nie erreicht.”(M. Nast, Generation Beziehungsunfähig, Seite 75)

Da hat er mich ertappt. Ich gestehe, auch ich dachte früher oft (und tu es heute noch ab und an) “Da kommt bestimmt was Besseres…” Während unsere Eltern noch Beruf und Familie strikt voneinander trennten, sind wir heute auf der Suche nach unserer wahren Berufung. Unser Job soll unsere Talente und privaten Interessen widerspiegeln, die Grenzen zwischen Beruf und Privatem verschmelzen demnach immer mehr. Aber der Selbstverwirklichungsprozess verschlingt nicht nur enorm viel unserer Zeit, sondern verlangt auch unsere ganze Leidenschaft von uns ab. Der dazugehörige Partner – bzw. Nummer Zwei auf unserer Prioritätenliste – soll dann idealerweise in diese Weltanschauung reinpassen, sie verstehen (Kann leider heißen: Begreif doch, ich habe keinen Nerv auch hier noch unnötig viel Leidenschaft und Energie reinzupulvern. Aber ich brauch dich, damit du mir die nötige Energie für meine Projekte lieferst) oder gar selber leben (Heißt oft: Ein Partner, der selber an seinem “Ich-Projekt” arbeitet. Gemeinsame private Überschneidungen werden hier zumeist etwas leichtsinnig als Partnerschaft deklariert) Ich war einmal so frei, das Beziehungsdilemma unserer Generation etwas überspitzt darzustellen, aber im Endeffekt läuft alles darauf hinaus, dass wir Mittdreißiger uns oft auch noch für zu jung halten, um ernsthafte beständige Bindungen aufzubauen. Denn aufbauen steht für Einsatzbereitschaft, Interesse, Engagement, aufeinander einlassen und eben Zeit. Und etwas mit jemandem aufbauen, kann man doch später auch noch. Da kommt wieder Michael Nasts Buch ins Spiel, der hat dazu nämlich folgenden alarmierenden Satz parat:

“Wenn man sich jünger fühlt, als man ist, und auch das entsprechende Leben führt, beginnt einen irgendwann der Körper mit einer gewissen Konsequenz an sein physisches Alter zu erinnern.” (M. Nast, Generation Beziehungsunfähig, Seite 109)

Klingt einleuchtend oder? Denn genau das ist es, was ich mir schon länger denke. Glauben wir denn wirklich alle dass wir ewig Zeit hätten? Denn nein, die haben wir eben nicht. Wir müssen deshalb auch nicht gleich hergehen und die oder den Erstbeste/n heiraten. Oder unliebsame Brotjobs ausüben, nur um unsere Familien zu ernähren. Denn ja, wir dürfen auch gerne einer Berufung nachgehen und gleichzeitig glückliche Beziehungen führen, aber verflixt nochmal, wir sind doch jetzt langsam wirklich alt genug um Kompromisse einzugehen und die richtige Balance zwischen unseren Selbstverwirklichungsprozessen und unserern Beziehungen zu finden. Ich will es zumindest glauben, denke allmählich um und bin da ganz bei Michael Nast wenn er von “inflationär gestellten Eigendiagnosen” spricht und meint, dass Beziehungsunfähigkeit für viele nur als Ausrede dient, um den einfacheren (eingleisigen) Weg zu gehen.

Nicole Grabenwarter 
www.grazermadl.at

<< das Buch gibt’s hier zu kaufen >>

© Bild: Toa Heftiba (via unsplash)

Graz und die Liebe by Nicole Huber

Graz und die Liebe

Gefühlvoll den Moment einfangen

Titelbild_FB

Es ist bereits einige Zeit her, als ich meinen Facebook Account durchstöberte und an einer ganz besonderen Seite hängen geblieben bin. Einer Seite mit viel Liebe zur Ästhetik, Kunst und Kreativität. Verliebte Paare und gefühlvolle Momente, eingefangen in einem Pixelmeer, welches die schönen Augenblicke des Lebens zeigt. Graz und die Liebe – ein Projekt mit Gefühl.

 

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Das Gesicht hinter „Graz und die Liebe“

Graz und die Liebe ist ein liebevolles Projekt, welches von der gebürtigen Grazerin Nicole Huber ins Leben gerufen wurde. Die 36-jährige Informationsdesignerin begann bereits sehr früh damit, sich mit der Fotografie auseinanderzusetzen. Womöglich hat Nicole ihre kreative Ader von ihren Eltern geerbt, die beide eine künstlerische Ausbildung genossen haben und einen Löwenanteil dazu beitrugen, dass sie von Kindesbeinen an in die Welt der Kunst, Ästhetik und Kreativität eintauchen durfte. Im zarten Alter von 13 Jahren kratzte sich Nicole ihr hart erspartes Geld zusammen und kaufte sich ihre allererste Spiegelreflexkamera – damals noch analog. „PhotoShop und Co. gab es damals noch nicht. Ich habe mir ein ganzes Sortiment an Filtern zusammengekauft, die man vor die Linse schrauben konnte, um spezielle Effekte zu erzielen.“ Obwohl es heutzutage unvorstellbar ist, dass die Fotografie damals wesentlich aufwändiger war, als in unserem digitalen Zeitalter, in welchem wir heute leben, hat es Nicole geliebt. „Der Funfaktor war groß.“ 

 

nicole_huber

 

Die puristische Chaotin liebt die Einfachheit und klare Linien. Dass ihre Fotos nicht viel Schnickschnack brauchen, beweist Nicole mit jedem einzelnen ihrer Bilder. Die klaren Linien spiegeln sich in jeder Aufnahme wider. Dennoch gelingt es ihr, viel Liebe in jedes einzelne Bild zu bringen. Nicole hat ein Auge für den Moment, denn sie gibt den Paaren, die sie fotografiert, ihren nötigen Freiraum. Sie hält nichts von vielen Anweisungen, es ist die Authentizität, die ihr am Herzen liegt.

Am wichtigsten ist mir, dass sich die Paare wohl fühlen, denn nur wer sich wohl fühlt, strahlt das auch auf den Fotos aus – und das sieht man.

Diese Art und Weise zu fotografieren ist Nicoles Kraftquelle. Die Fotografie gibt ihr unheimlich viel Energie und lässt sie alles, was drumherum geschieht, vergessen. „Aber das Schönste ist wohl die Freude der Paare über gelungene Fotos.“ 

 

liebe

Eine Herzensangelegenheit

Als ich auf Nicoles Projekt aufmerksam wurde, war ich besonders neugierig, wie sie auf diese zauberhafte Idee gekommen ist. Dahinter steckt tatsächlich ein trauriges Ereignis, welches sich Ende Juni in der Grazer Innenstadt abgespielt hat. Aber das, was Nicole mit ihrem Projekt „Graz und die Liebe“ erreichen möchte, ist wunderschön. Die Mutter eines zweijährigen Sohnes will dem aktuell vorherrschenden Hass entgegenwirken, all die negativen Gefühle beiseite schieben und ein bisschen Licht und Freude in die Sozialen Netzwerke bringen. Nicole will Positives verbreiten und trübsinnige Stimmungen vergessen lassen.

Die Liebe überstrahlt alles an negativen Gefühlen und sollte viel mehr Raum in unserem Leben einnehmen. Da sind Fotos von Liebenden kleine Lichter, die einem den Tag erhellen. Vielleicht kann dem einen oder anderen damit die negativen Gedanken etwas vertrieben werden.

Mittlerweile hat Nicole bereits einige Paare vor die Linse bekommen. Für das Projekt waren es konkret 5 Paare, darunter auch ein Hochzeitspaar. Eine zeitliche Grenze hat sie sich für das Projekt nicht gesetzt. Da Nicole aber bereits sehr viele Herzen mit ihren Shootings erobern konnte, trudeln nun die ersten bezahlten Anfragen bei der gebürtigen Grazerin ein, weswegen sie mit dem Gedanken spielt, die Fotografie zu ihrem Nebenberuf zu machen.

 

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Gefühlvoll und magisch

Nicole fotografiert im Übrigen nicht nur Paare. Auch wenn hierauf ihr Augenmerk liegt, so fängt die Grazerin genauso gerne gefühlvolle Momente von Menschen ein. Eines ist wichtig: die Fotos sollen eine Strahlkraft haben, die nur durch Authentizität eingefangen werden kann. Ich selbst bin mir sicher, dass das auch nur dann gelingen kann, wenn man das Herz am rechten Fleck hat und selbst von viel Liebe umgeben ist. Und das ist Nicole. Seit über acht Jahren ist sie mit ihrem Lebensgefährten zusammen. Gemeinsam haben die beiden einen kleinen Sohn, in den die liebenswerte Chaotin ganz vernarrt ist.

Wenn ihr nun selbst neugierig geworden seid, schaut doch unbedingt einmal auf Nicoles Facebookseite.

 

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(c) Fotos by Nicole Huber