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Magersucht und ihre Subtypen

Magersucht und ihre Subtypen

Von restriktiv bis hin zu Binge-Eating/Purging

In meinem letzten Post über Magersucht habe ich euch bereits erzählt, dass es zwei unterschiedliche Subtypen der Krankheit gibt, von denen ich euch heute erzählen möchte. Ich werde diesen Post auch nutzen, um euch etwas von meinem Krankheitsverlauf beginnend ab Sommer 2015 bis jetzt zu erzählen.

 

Magersucht

In Österreich leiden ca. 2500 Mädchen zwischen 15-20 Jahren an einer ausgeprägten Magersucht. Im Schnitt kommen 600 Neuerkrankungen jährlich dazu. Um die Diagnose Magersucht stellen zu können, muss laut ICD-10 das Gewicht 15% unter dem Normalgewicht liegen bzw. einen BMI von 17,5 aufweisen. Der Body Mass Index besitzt jedoch keine starke Aussagekraft, weil er beispielsweise genetisch bedingtes Untergewicht nicht berücksichtigt. Außerdem gibt es weitere Kriterien, um eine Magersucht zu diagnostizieren. Beispielsweise bei einem beabsichtigt herbeigeführten Gewichtsverlust von mehr als 30% des Ausgangsgewichts, was theoretisch bedeutet, dass man auch im Normal- oder Übergewicht anorektisch sein kann. Ein weiteres Kennzeichen für Magersucht ist ein rascher Gewichtsverlust innerhalb von 3 Monaten.

Magersucht verläuft nicht bei jedem Betroffenen gleich. Prinzipiell unterscheidet man zwischen zwei Subtypen: Restriktiver Subtyp Binge-Eating/Purging Subtyp. 

 

Subtyp: Restriktiv

Der restriktive Typ ist jener Typus, den man sich unter einer „klassischen Magersüchtigen“ vorstellt. Die Nahrungsaufnahme wird vehement verweigert, man zählt Kalorien und eine bestimmte Kaloriengrenze darf nicht überstiegen werden. Zusätzlich werden nur Nahrungsmittel konsumiert, die als „safe“ angesehen werden, sprich kalorien- und fettarme Produkte, Low-Sugar- und Low-Carb-Produkte und Gemüse. Obst ist oftmals problematisch wegen des hohen Fruchtzuckeranteils, wird aber auch in geringen Mengen gegessen. Aber auch hier zeigen sich oftmals abnorme Verhaltensmuster. Beispielsweise essen viele einen Apfel nur geschält, weil die Schale „zu viele“ Kalorien hat.

Im restriktiven Typus gibt es keine Essattacken und man setzt auch auf keine Purging-Maßnahmen für die Gewichtsreduktion, wie Erbrechen oder die Einnahme von Abführmittel. Übermäßig sportliche Betätigung kann jedoch eine Begleiterschein des restriktiven Typus sein, sofern man noch die Kraft dazu hat oder sich zumindest einbildet, man hätte sie.

 

Meine restriktive Phase

Meine restriktiven Phasen habe ich für gewöhnlich in den wärmeren Jahreszeiten. Die letzten zwei Jahre nach meiner Therapie blieb ich davor verschont, doch alles hat sich im letzten Jahr verändert. Im Sommer 2015 war meine restriktive Phase sehr stark ausgeprägt, wo ich jegliche Nahrungsmittelaufnahme vehement verweigert habe. Das heißt, dass ich wenige Wochen lang wirklich gar nichts zu mir genommen habe, außer laktosefreie Milch, Cola light, zuckerfreie Energydrinks, Kaugummis und Zigaretten. Mein Energielevel war auf Ultralow programmiert und ich wundere mich selbst, dass ich zu dieser Zeit die Kraft hatte, zu bloggen oder so viel mit meinen Freunden zu unternehmen. Zu dieser Zeit habe ich auch sehr viel geschlafen. Untertags meistens noch zwei oder drei Stunden. Ein Glück, dass Ferien waren.

Ein so langer Nahrungsmittelentzug geht auch stark auf die Psyche. Irgendwann gegen Ende August war ich mit meinen Nerven vollkommen am Ende, sodass nur ein Wort genügte, um mich aus der Fassung zu bringen. Ich weiß noch ganz genau, dass Mama Lait etwas zu mir gesagt hat, was nicht böse gemeint war, für mich jedoch wie ein Vorwurf klang. Das Resultat war ein Tränenausbruch. Der Tag hat damit geendet, dass Mama und ich etwas essen gegangen sind. Dieser Tag war wohl wichtig, denn nach und nach sind kleine Verbesserungen eingetreten. Von September bis Mitte Dezember war es etwas besser. Wir waren Frühstücken, in Triest habe ich mich nach langer Diskussion immer zum Essen überreden lassen und ich war auch auf dem Street-Food-Market und habe mir dort den Tag nicht von dieser dummen Krankheit versauen lassen. Trotzdem waren die meisten Tage restriktiv, bis an den Weihnachtsfeiertagen die Binge-Eating/Purging-Phase (BP-Phase) begonnen hat.

 

Food
Quelle: Gratisography

 

Subtyp: Binge-Eating/Purging

Es ist schwierig, in einer Anorexie dauerhaft restriktiv zu bleiben. Irgendwann hält es der Körper nicht mehr aus und holt sich das zurück, was er braucht und was ihm so lange verwehrt wurde. Da kann man sich auch noch so sehr dagegen wehren. Irgendwann steuert man nicht mehr selbst, sondern man wird gesteuert. Obwohl viele Menschen Magersucht immer mit einer strikten Nahrungsverweigerung assoziieren, leiden sehr viele unter diesem Subtyp oder -wie es bei mir ist- episodisch unter diesem Subtyp. Unter Binge-Eating/Purging versteht man jenen Typus, in welchem während einer bestimmten Episode der Anorexia nervosa häufiger Essattacken auftreten. Nach diesen Essattacken zeigen Betroffene häufig ein „Purging“-Verhalten. Das heißt: selbstinduziertes Erbrechen und/oder Missbrauch von Laxanzien und/oder Diuretika. Diuretika sind Arzneimittel, die eine erhöhte Wasserausscheidung bewirken. Rezeptfrei sind sie zum Glück nicht erhältlich.

Der Unterschied zu einer Bulimie liegt darin, dass die Essattacken nicht so häufig auftreten. Manche bleiben während der gesamten Krankheit in diesem Typus, manchmal ist es auch nur episodisch und nicht auf Dauer.

 

Meine BP-Phase

Während den Weihnachtsfeiertagen hat es mich leider ein bisschen erwischt. BP-Phasen treten bei mir in den kalten Jahreszeiten auf. Erklären, warum das so ist, kann ich nicht. Ich schätze, es hat etwas damit zu tun, weil mein Körper in der Kälte die Nährstoffe dringender den je benötigt. Für mich persönlich ist die BP-Phase wesentlich schlimmer, schwieriger und unerträglicher, als die restriktive Phase. Essattacken sind anstrengend. Besonders schlimm ist es, weil man nichts dagegen machen kann. Sie tauchen eben auf. So eine Attacke kann den ganzen Tag andauern. Manche „wachen“ aus diesem Delirium zwar auf und belassen es nach einiger Zeit, aber eben nicht alle.

Essattacken können durch bestimmte Nahrungsmittel ausgelöst werden, manchmal kommen sie auch einfach so. Natürlich nehmen viele in dieser Phase zu, dazu zähle auch ich. Man sieht zwar in der BP-Phase oftmals gesünder aus und nach Außen hin wirkt es so, als wäre die Essstörung überwunden, doch dem ist nicht so. Vielleicht fühlt man sich, trotz der Anstrengung in dieser Phase, körperlich besser, weil der Körper Nahrung bekommt, aber der seelische Schmerz ist für mich persönlich in der BP-Phase wesentlich größer. Es ist oftmals unerträglich, sich im Spiegel ansehen zu müssen, vor allem nachdem „es“ wieder passiert ist. Genau deswegen ist auch der Satz „Du siehst wieder viel besser aus“ unangebracht. Und genau deswegen habe ich diesen Satz in die Liste der Sätze erwähnt, die man nicht zu einem Menschen sagen sollte, der unter einer Essstörung leidet. Man kann nie wissen, in welcher Phase sich ein Betroffener gerade befindet. Eine Gewichtszunahme bedeutet nicht, dass die Essstörung überwunden oder geheilt ist. Sie kann auch eine BP-Phase bedeuten.

Detailliert möchte ich meine BP-Phase nicht schildern. Ich kann nur so viel dazu sagen, dass es seit den Weihnachtsfeiertagen bis Mitte Januar etwa einmal in der Woche vorgekommen ist. Für mich ist es eines der schlimmsten Gefühle, doch so langsam ist die Phase am Abklingen. Ich kann im Januar auch einige Erfolge verbuchen, die ich euch am Sonntag zeigen werde. Ich bin wirklich froh, dass die Phase am Abklingen ist und ich hoffe, dass nun nicht wieder der Übergang in eine restriktive Phase folgt. Momentan versuche ich mich wieder darauf zu fokussieren, eine gesündere Beziehung zum Essen aufzubauen, auch wenn es schwierig ist. Aber ich habe zum Glück Menschen an meiner Seite, die mich unterstützen und für mich da sind.

 

Subtypen
Quelle: Kamboompics

 

Last but not least

Diesen Post möchte ich mit Worten und Zeilen beenden, die mir persönlich am Herzen liegen. Trotz dieser Krankheit bin ich nicht unglücklich. Auch wenn es mich „erwischt“ hat, kann ich von mir selbst behaupten, dass das noch lange kein Grund ist, mein Leben als sinnlos abzustempeln. Eine Essstörung ist eine große Herausforderung, aber ich merke, wie ich jeden Tag daran wachse und stärker werde. Nicht, weil ich dazu in der Lage bin, mich und meinen Körper zu steuern, diszipliniert bin oder ähnliches. Sondern, weil ich die Kraft habe, weiterzumachen. Nicht aufzugeben! Auch in einer BP-Phase, die doch sehr viel Kraft und Nerven kostet. Das würde ich nie schaffen, hätte ich nicht meine Lieben um mich. Darum: Gebt nicht auf! Das Leben ist lebenswert! Trotz Schicksalsschläge, trotz Krankheiten, trotz Tiefpunkte! Jeder Mensch ist dazu gemacht, ein Kämpfer zu sein!

 

Bilder von Gratisography und Kaboompics