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Warum ich meine Ernährung nicht mehr labeln möchte

Du bist, was du isst?

Warum ich meine Ernährung nicht mehr labeln möchte!

Kaum ein Thema ist persönlicher, als die eigene Ernährung. Vegan, vegetarisch, flexitarisch oder wahlloser Allesesser - wir können den Faden endlos weiterspinnen. Unterschiedliche Ernährungsformen gibt es viele. Inzwischen definieren und identifizieren wir uns immer mehr mit und über unsere Ernährung. Doch ich möchte das nicht mehr!

Ernährung ist kein Label, sondern essentiell

Ich bin nicht die Ausnahme von der Regel. Waren der Lunch oder das Abendessen vegan, habe ich es selbst in meiner Story hervorgehoben. Habe ich hingegen Milchprodukte konsumiert, wurde das nicht allzu groß kommentiert. Nicht aus Scham oder weil es heutzutage gut ankommt, keine Milch mehr zu konsumieren. Eher habe ich es unterbewusst nicht getan. Was sollte ich es auch großartig kommentieren? Gegenfrage! Warum soll ich im Vergleich dazu ein veganes Gericht großartig als solches labeln?

Stellt sich nun die Frage, warum ich mein veganes Mittagessen als solches deklariert habe, mein „lediglich“ vegetarisches Abendessen aber nicht. Weil vegane Ernährung gut ankommt? Vielleicht. Weil ich selbst (inzwischen wieder) hauptsächlich plantbased esse? I don’t know. Weil man sich heutzutage irgendwie labeln muss, wenn es um die Ernährung geht? Kann gut sein. Heutzutage finden wir viele unterschiedliche Wege, um uns selbst zu definieren, auszudrücken oder auszuleben. Sei es Kleidung, sei es der Musikgeschmack oder eben Ernährung. Vielleicht habe ich mir den Drang auferlegt, ich müsse das auch. Ich müsse mich auch durch eine Ernährungsform labeln und mich dazu bekennen. Quasi ein Statement nach der Essstörung, um allein zu zeigen, dass meine Beziehung zu Lebensmitteln gesünder geworden ist. Truth to be told: nicht das Kleid, das ich trage, macht meine Persönlichkeit aus. Mein Musikgeschmack verrät nicht, wer ich wirklich bin. Und meine Ernährung macht mich weder zu einem schlechteren, noch zu einem besseren Menschen.

Für mich besitzt Nahrung einen hohen Stellenwert. Nicht nur, weil sie lebensnotwendig ist, sondern weil Nahrung bereits in meiner Kindheit eine wichtige Rolle gespielt hat. Sei es zur Kompensation negativer Gefühle, sei es im Bezug auf gesellschaftliche oder optische Aspekte. Genuss steht inzwischen wieder im Fokus, meistens aber immer noch der Hauptaspekt, warum wir Menschen essen: weil wir nur so überleben können.

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Du bist, was du isst! Wirklich?

Dieser Beitrag lässt Freiraum zur Missinterpretation. Schon klar. Ich habe überhaupt kein Problem, wenn eine Person Ernährung auf ihrem Social Media Account thematisiert. Auch nicht, wie und was die Person isst, schließlich teile ich auch selbst mein Essen, plaudere gerne über Essen, fotografiere Essen mit Leidenschaft usw. Sollte es ein wichtiger Teil von einem Branding eines Bloggers, aber auch ein Themenschwerpunkt eines privaten Accounts sein, dann stört mich das herzlich wenig, wenn die Ernährungsform (vegan, vegetarisch, flexitarisch – was auch immer) eine große Rolle spielt und als solche angepriesen wird. Es stört mich auch nicht, wenn man den Hashtag #vegan benutzt, um beispielsweise ein tolles veganes Restaurant zu empfehlen. Alles schön. Alles gut. Mir geht es einzig und alleine darum, mir selbst keinen Druck bezüglich meiner eigenen Ernährungsform aufzuerlegen. Ernährung ist ein persönliches Thema. Ich habe keine Lust, dass mir jemand in dieses persönliche Thema reingrätscht. Es geht nur mich etwas an. Gleichzeitig weiß ich, dass ich selbst nich perfekt bin. Ich möchte mir keinen Stress mit Verboten oder Regeln machen. Darüber hinaus habe ich oft das Gefühl, dass der Hashtag #vegan ausgenutzt wird, weil er gut ankommt. Wenn ich sehe, dass dieser Hashtag in Kombination mit anderen Sustainability Hashtags von einem Blogger oder Influencer ausgenutzt wird, nur um so mehr Reichweite zu ergattern, in der nächsten Story aber das Billigfleisch aus dem Discounter oder die akutell nicht saisonalen Blaubeeren in Plastikverpackung gezeigt werden, dann möchte ich mich selbst lieber davor distanzieren.

Last but not least möchte ich mich nicht über Menschen stellen, die beispielsweise nicht vegan essen. Meine eigene Ernährungsform macht mich, wie schon erwähnt, nicht schlechter oder besser. Somit habe ich gleichzeitig meine Ernährungsform verraten, die ich nun seit einiger Zeit verfolge. Wobei – ist das überhaupt meine Ernährungsform? Schwer zu sagen. Ich selbst sehe mich nicht als vegan und werde mich nie als Veganer labeln. Weil ich es nicht bin. Weil ich weiß, dass ich manchmal vegetarisch essen werde. Oder dass ich manchmal auf Veranstaltungen gehe, auf welche es keine veganen Alternativen geben wird. Auch weil ich als Besuch die Gastgeber nicht mit meinen Sonderwünschen nerven möchte. Weil unterwegs vielleicht auch mal keine vegane Alternative in greifbarer Nähe sein wird, die mir schmeckt, ich aber Hunger habe. Weil ich in Italien Lust auf echtes Gelato habe oder ich auch die nicht vegane Geburtstagstorte probieren möchte. Oder weil ich veganen Käse furchtbar finde und ich eventuell mal Hunger auf Pizza habe. Letztens habe ich auch eine Packung Zimtcornflakes in meinem Küchenschrank (siehe Foto) gefunden – ich bin Team Anti Food Waste. Bevor ich noch essbare Lebensmittel wegschmeiße, esse ich sie  – selbst wenn sie nicht in mein Ernährungskonzept passen. Worauf ich jedoch dauerhaft verzichten möchte, ist Milch (also in ihrer Rohform) und weiterhin natürlich komplett auf Fleisch. 

Ohne mich jetzt schon wieder labeln zu wollen, hier ein paar Worte, wie ich mich aktuell ernähre. Hauptsächlich ernähre ich mich pflanzlich, verzeihe es mir aber, wenn ich es einmal nicht tue. Ich tue es nicht überwiegend aus Überzeugung, sondern wegen körperlichen Beschwerden, die durch meine vorherige Ernährung verursacht wurden. Ich tue es auch aufgrund klimatischer Bedingungen oder um der Massentierhaltung den Kampf anzusagen. Hinsichtlich der Klimadebatte, aber auch der Gesundheit zuliebe und selbst im Bezug auf Massentierhaltung bin ich überzeugt davon, dass ein drastischer Rückgang des Konsums von tierischen Produkten bereits zu einer deutlichen Verbesserung beitragen kann – auch wenn man nicht zu 100 Prozent vegan lebt. 

Disclaimer

Dieser Beitrag bedeutet nicht, dass ich nicht mehr über das Thema Ernährung schreiben werde. Ich werde weiterhin darüber schreiben, mein Essen posten (egal, ob es vegan oder mal nicht vegan ist), euch Restaurants empfehlen und eventuell wieder ein paar Rezepte teilen. Ich werde nur meiner Ernährung nicht mehr labeln. Ich bin weder vegan, vegetarisch, frutarisch, flexitarisch noch pescetarisch oder Allesesser. Meine Ernährung basiert auf einem pflanzlichen Grundkonzept, zwingt mich aber zu nichts und erlaubt je nach Situation vegetarische Alternativen.