Trauerbewältigung: So habe ich den Tod meines Vaters überwunden

Trauerbewältigung

So habe ich den Tod meines Vaters überwunden

Trauerbewältigung heißt nicht, dass die Trauer verschwunden ist. Momente der Trauer wird es immer geben. Aber man kann damit umgehen. 

Am 18. Juni 2013 habe ich meinen Vater verloren. Es war einer der einschneidendsten Momente in meinem Leben. Meine letzten Worte zu ihm waren: „Tschüss, Papa. Bis morgen.“ Keinen einzigen Gedanken verschwendete ich beim Aussprechen dieser Worte an die Tatsache, dass es kein „bis morgen“ geben würde. Mitten in der Nacht wurde ich geweckt. In unserem Haus stand die Polizei, die uns die Nachricht überbrachte, dass mein Vater im Wald zusammengebrochen und an einem Herzinfarkt verstorben sei.  

Meine erste Reaktion

Es war ein heißer Sommertag. In der Nacht hatte es nicht stark abgekühlt, darum ging ich sehr leicht bekleidet schlafen. Mit einer knappen Schlafshorts und einem BH. Und genau das war auch mein erster Gedanke. Ich fühlte Scham. Scham, wie leicht bekleidet ich vor der Polizei stand. Das waren meine ersten Gedanken und Sorgen. Nicht die Tatsache, dass mir gerade gesagt wurde, dass ich meinen Vater verloren hätte. Ohne zu weinen stürmte ich in mein Zimmer, um mich umzuziehen. Sonst fühlte ich nichts. Nur Scham. Aber keine Trauer. Kein Verlangen zu weinen. 

Heute weiß ich: ich war in einem Schockzustand. Eine vollkommen natürliche Reaktion laut diversen Modellen des Trauerprozesses unterschiedlicher Psychologen, Psychiater oder Theologen. Natürlich verläuft Trauer nicht immer anhand eines Modells, aber diese Modelle (wie z.B. nach Kübler-Ross oder Spiegel) beschreiben einen Trauerweg ziemlich realitätsgetreu. Je mehr ich mich damit beschäftigte, desto mehr wurde mir bewusst, dass ich diese Wege ähnlich gegangen bin. 

Das typische erste Verhalten ist nun einmal der Schock, aber auch das Verleugnen. Das Nicht-Wahr-Haben-Wollen. Und genau das versuchte ich auch: der Realität nicht ins Auge zu blicken. Dass die Polizei mit dieser Nachricht im Gepäck nicht zum Spaß in unserem Wohnzimmer stand, war mir von Anfang an klar. Dennoch fühlte ich mich wie in einem schlechten Traum gefangen. In mir war Leere, alles war taub und irgendwann weinte ich doch. Aber nicht aus der Trauer heraus, sondern weil ich mich von der Trauer und den Tränen der anderen mitreißen ließ.  

 

Das Leben nach dem Tod
Meine Trauerbewältigung nach dem Tod meines Vaters anhand von Erinnerungen

Verleugnung und Nicht-Wahr-Haben-Wollen

Ganz zu Beginn hatte ich nicht den Kopf, in die Trauer hineinzukommen. Zuerst mussten organisatorische Dinge erledigt werden. Ich rief meine damalige Chefin an, um ihr Bescheid zu geben und fuhr mit meiner Mutter zum Bestattungsinstitut, um die Trauerfeier zu organisieren. Ich wollte ihr unbedingt beistehen und aktiv an dem Begräbnis beteiligt sein. Ich wählte den Trauerspruch aus, gab genau vor, was auf dem Partenzettel zu stehen hatte, welches Bild drauf sein musste und dirigierte die Bestatter streng, wie der Ablauf zu sein hatte. Ich bestimmte die Farben des Trauergestecks: rote Rosen und weiße Orchideen, weil mein Vater meiner Mutter jedes Jahr zum Valentinstag einen Orchideenstock geschenkt hat. Dazu dunkelgrüne Schleifen als Symbol für den Wald und als Abschiedslied bestand ich auf ein Lied, zu dem ich mit meinem Papa als kleines Kind bei jedem Fest tanzte, wenn es gespielt wurde. Auch wenn ich mich dabei aktiv zum ersten Mal mit dem Tod meines Vaters beschäftigte, im Grunde genommen wollte ich mich nur von dem Gedanken distanzieren, dass er nie wiederkommen würde und mich ablenken. 

Danach mussten die Partenzettel ausgeteilt werden, um Verwandte, Bekannte und Freunde zu informieren. Ich wurde überschüttet mit Beileidsbekundungen und Umarmungen. Alle weinten, nur ich nicht. Hin und wieder kamen mir Tränen, doch eher wegen der Überforderung. Als ich für einen kurzen Moment alleine im Haus war, lief ich wie eine Verrückte auf und ab. Ich griff mir an den Kopf, atmete schwer, stützte mich vor dem Spiegel ab und redete mir selbst ein, dass das alles nur ein schlechter Traum sei. Ich war überfordert und weinte.   

Verzweiflung und "als ich es begriffen habe"

Die Zeit vor dem Begräbnis war weiterhin überfordernd. Ständig kamen irgendwelche Leute vorbei, um ihr Beileid zu bekunden. Ich fühlte mich wie ein Stein. Manchmal kamen mir sogar abstruse Gedanken, ich sei herzlos. Darum wollte ich mich zum Weinen zwingen, doch genau dann ging es nicht. Nur in klaren Momenten, als Menschen in meiner Nähe waren, die ich wirklich um mich haben wollte, konnte ich hin und wieder weinen. Zu dieser Zeit zeigte sich auch, WER meine wirklichen Freunde waren. Damals gingen nämlich auch Freundschaften zu Brüche, weil sie mich im Stich gelassen haben und es mich -auch wenn ich noch nicht bereit dazu war, den Tod meines Vaters zu begreifen- unfassbar enttäuscht hat. Aber auf die meisten konnte ich mich verlassen. 

Und dann stand eine wichtige Frage im Raum, mit der ich mich früher oder später befassen musste: möchte ich meinen Vater noch ein letztes Mal sehen? Ich entschied mich dafür, denn ich war langsam verzweifelt, dass ich es immer noch nicht in meinen Kopf reinbekam. Meine Mutter redete sicherheitshalber noch auf mich ein. Sie fragte, ob ich ihn nicht lieber so in Erinnerung behalten möchte, wie er zu Lebzeiten war. Sie machte sich Sorgen, dass der Anblick seines leblosen Körpers die letzte Erinnerung sein würde, die mir an ihm bleibt und diese all die anderen Erinnerungen überschatten könnte. Allerdings drängte sich mich nicht dazu, es sein zu lassen. Sie überließ die Entscheidung ganz mir. Ich blieb dabei. 

Eine Woche nachdem er verstorben war, durften wir ihn zu Gesicht bekommen. Ich spürte die Anspannung in der Luft, gleichzeitig die Angst, dass ich nun vor vollendeten Tatsachen stehen werde und es akzeptieren muss. Aber ich hielt immer noch an meinem Entschluss fest. Im ersten Moment sollte meine Mutter mit ihren Sorgen recht behalten. Als ich den Raum betrat, in dem er aufgebahrt war und ich einen ersten verstohlenen Blick in den Sarg riskierte, war das wie ein Stich mitten ins Herz. „DAS IST NICHT MEIN VATER!“, war mein erster Gedanke. Der leblose Körper, der da lag, das versteinerte Gesicht – dieser Mensch sah nicht aus, wie mein Vater. Vor mir lag ein vollkommen Fremder. An der Stelle möchte ich erwähnen, dass Verstorbene nach Eintritt der Leichenstarre immer „ein bisschen anders“ aussehen können. 

Tapfer fasste ich mich und wollte „durchhalten“. Also riskierte ich einen zweiten Blick. Ich legte meine Hand auf seine und erschauderte. Er war eiskalt. So kalt, dass die Kälte sogar noch durch seinen Anzug, den er trug, durchsickerte. Diese Kälte fühlte sich so fremd an. So anders. Nicht wie kalte Winterhände. Nicht wie durch Wasser abgekühlte Hände. Und diese Kälte passte nicht zu ihm. Papa war ein Mensch, der zu Lebzeiten voller Wärme war, auch wenn er das nicht immer zeigte. Nun war von dieser Wärme nichts mehr da. Es machte mir Angst. Ich kniff die Augen zusammen und beschloss, ihn nun ins Gesicht zu schauen, drängte mich selbst dazu, es endlich verstehen zu können und dann passierte etwas. Etwas, mit dem ich nicht mehr gerechnet hatte und all die Angst wich. Die Angst, dass das nun wirklich das letzte Bild von ihm sein würde, was in meinem Kopf existiert. 

Ich sah ihn an, in sein Gesicht und plötzlich erkannte ich ihn wieder. Seine Züge. Langsam dämmerte es mir, dass das nun wirklich die Realität ist. Dass er von uns gegangen ist. Ich richtete einzelne Worte an ihn. Endlich stiegen mir die Tränen der echten Trauer in die Augen. Und ich weinte. Und ich sah ihn an. Ganz lange. Es war befreiend. 

Dann erkannte ich seinen friedlichen Gesichtsausdruck. Ich weiß nicht, ob ich es mir eingebildet habe, aber in seinen Zügen spiegelte sich ein kleines Lächeln wieder. Papa lächelte. Und dann wusste ich, dass er nicht leiden musste. Dass es schnell ging. Ich wusste, dass er glücklich war, als er gehen musste. Er durfte dort sterben, wo er am liebsten war. Im Wald. 

Auch wenn das ein eigentlich trauriger Moment war, in diesem Moment hing für mich Frieden und Glück in der Luft. Ich freute mich für ihn, dass er so würdevoll gehen durfte. Auch wenn ich ihn gerne noch „hierbehalten“ hätte. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er auch noch gerne geblieben wäre. Aber leiden musste er nicht. Er durfte, so komisch das auch klingen mag, einen angenehmen Tod sterben. Da wusste ich: ich habe es verstanden. Und ich werde es akzeptieren und weitermachen können. Auch wenn ich noch nicht wusste, wie und auch wenn nicht wusste, wann das sein würde, aber es würde passieren. 

Meine Trauerbewältigung nach dem Tod meines Vaters anhand von Erinnerungen
Das Leben nach dem Tod

Das Begräbnis

Als ich den Tod meines Vaters näher an mich heranließ, konnte ich auch mit der Trauerarbeit beginnen. In dem Moment fand ich es gut, dass ich damit schon vor dem Begräbnis beginnen konnte. Doch bei dem Begräbnis war alles wieder wie vor dem Moment, als ich mich von meinem Vater verabschiedet habe. Insgesamt kamen über 700 Menschen zum Begräbnis. Ich war überfordert mit der Masse an Menschen, den vielen Beleidsbekundungen und wieder konnte ich nicht weinen. Manche Menschen schmissen sich mir sogar um den Hals, obwohl ich nur Menschen, die mir wirklich nahestanden, umarmen wollte. Ich ließ es zu. Erstarrte dabei aber mehr und konnte einfach nicht weinen. Deswegen fühlte ich mich schlecht und hatte Schuldgefühle. Ich sagte meiner Mutter, wie schlecht und schuldig ich mich fühle, dass ich nicht weinen konnte. Ich machte mir Gedanken, was die Leute über mich denken würden. Ob sie mich als herzlose Tochter verurteilen würden. Doch meine Mutter war in diesem Moment der Fels in meiner Brandung und versicherte mir, dass ich keine Schuldgefühle zu haben bräuchte. 

Um ehrlich zu sein: am Begräbnistag hätte ich eigentlich nur meine Familie und meine Freunde um mich haben wollen. Aber mein Vater war sehr beliebt und ich konnte es auch niemanden verbieten, zum Begräbnis zu kommen. Schließlich haben wir es nicht im engsten Familienkreis geplant. An der Stelle kann ich euch aber nur ans Herz legen: wenn ihr die Entscheidungsfreiheit habt und euch eine Verabschiedung im engsten Familienkreis lieber wäre, dann macht das, solange ihr den Wunsch des Verstorbenen akzeptiert. Es ist egal, was die anderen darüber sagen oder ob sie sich aufregen, aber ein Verstorbener ist mehrere Tage aufgebahrt, sodass jeder die Möglichkeit hat, auch davor Abschied zu nehmen. Könnte ich die Zeit zurückdrehen, würde ich auf eine kleinere Trauerfeier bestehen. Wenn ich zurückdenke, war das für mich ein traumatischer Tag. Andererseits war ich trotzdem gerührt zu sehen, wie viele Menschen meinen Vater wertschätzten. Darum versuche ich diesem Gedanken mehr Raum zu geben, denn das hat durchaus auch etwas Positives für mich. 

Trotzdem bin ich froh, dass es für uns Familienmitglieder noch eine privatere Verabschiedung gab. Mein Vater wurde eingeäschert und die Urnenbeisetzung fand dann wirklich im engsten Familienkreis statt. Das war für mich unfassbar wichtig, denn erst da hatte ich das Gefühl, dass ich meinen Vater endgültig verabschieden konnte.  

Wie sich die Trauer auf mich ausgewirkt hat

Wie ihr wisst, habe ich mit einer Essstörung zu kämpfen. Essen spielte auch in dieser Zeit eine große Rolle für mich. Wer denkt, ich wäre wieder in die Magersucht zurückgerutscht, der irrt allerdings. Ich habe mich nach dem Tod von meinem Vater sehr leer gefühlt. Im Grunde genommen konnte ich gar nichts mehr fühlen, selbst den Hunger nicht. Das hat mich in den Wahnsinn getrieben, weil ich um jeden Preis wieder irgendetwas fühlen wollte. Das Sättigungsgefühl war quasi das einzige, das ich spürte. So entwickelte sich meine Essstörung erstmalig, aber auch einmalig in die andere Richtung. In diese Phase bin ich übrigens nie wieder zurückgekommen und war somit eine Ausnahme. Zu der Zeit nahm ich sogar viel zu und erreichte später auch mein Höchstgewicht damit, nachdem ich kurzzeitig wieder in die Hungerphase zurückgerutscht bin. Grundsätzlich war die Essstörung verbunden mit der Trauer ein ganzes Jahr lang sehr komplex und generell hat mein gesamtes Essverhalten verrückt gespielt. 

Ansonsten war ich verschlossener als sonst. Hatte manchmal auch richtige emotionale Ausbrüche und war wahnsinnig empfindlich. Nur ein falsches Wort hätte eine Explosion der Gefühle in mir auslösen können, die aber mehr automatisiert stattgefunden hat, als gewollt. Mein Verhalten zu dieser Zeit ist für mich wirklich sehr schwer zu beschreiben. Prinzipiell nahm ich mir vieles viel zu schnell und zu leicht zu Herzen und interpretierte die kleinste Kleinigkeit oft als Ablehnung. Oft hatte ich ein schlechtes Gewissen – vor allem dann, wenn ich wieder am „normalen“ Leben teilnahm. Irgendwie wollte ich es mir auch verbieten, dass ich wieder Glücksmomente hatte oder generell Spaß. Dabei stellte ich mir sehr oft die Fragen, ob ich das auch darf. Ob das okay ist. 

Wie ich die Trauer überwunden habe

Nachdem ich einmal meine Trauer stark unterdrückte (nach dem Tod meines Großvaters), wusste ich jedoch, dass ich diesen Fehler kein zweites Mal wiederholen durfte. Darum sammelte ich mich und versuchte, mich mit meiner Trauer intensiv auseinanderzusetzen. 

In erster Linie hatte ich starken familiären Halt und Freunde, die mich auffingen. Wann immer ich jemanden zum Reden brauchte, war wer da. Meine Freunde unterstützten mich zu dieser Zeit, so gut sie konnten. Wir haben viel über meinen Vater geredet und in alten Zeiten geschwelgt. Lustige Geschichten oder über ihn als Menschen geredet. Dabei erkannte ich, wie viele schöne Erinnerungen übrig geblieben sind. Ich habe gelacht, aber auch geweint und meine Freunde akzeptierten jegliche Emotion, die ich nach außen trug. Sie lachten mit mir, als ich über eine lustige Geschichte lachte und sie trösteten mich, wenn ich weinte. Rückhalt ist in dieser Zeit extrem wichtig, aber auch Rückzug. Manchmal musste ich alleine sein und das haben sie genauso akzeptiert. Sie haben versucht, mich abzulenken, aber mich nicht dazu genötigt. Das gab mir oft das Gefühl, dass ich trotz eines Verlustes nicht alleine dastehe und es genügend Menschen gibt, die mich auffangen. 

Ich verbrachte auch viel Zeit in der Natur und ging wandern. Auch das viele draußen sein half mir. 

Außerdem habe ich mir bewusst Zeit geschaffen, in der ich an meinen Vater denken konnte. Und diese Zeit brauchte ich für mich. Ich habe damit angefangen, Fotos zu sortieren und ein Fotoalbum erstellt. Das Album besteht nicht nur aus Bildern, sondern auch aus Texten und Gefühlen, die ich auf Papier gebracht habe. Ich habe versucht, zu malen und das Album schön zu gestalten. Es gab mir das Gefühl, dass ich immer noch etwas für meinen Vater tun konnte. Ich schrieb Briefe an ihn und als die Urne beigesetzt wurde, besuchte ich oft sein Grab. Irgendwann habe ich dann auch damit angefangen, am Grab „mit ihm zu reden.“ Ich habe erzählt, wie es mir im Studium geht, welche Sorgen ich habe – das gab mir das Gefühl, dass er immer noch irgendwie an meinem Leben teilhaben konnte. 

Da mein Vater Mitte/Ende Juni verstorben ist, habe ich die Uni zu diesem Zeitpunkt auf Eis gelegt. Für eine Prüfung habe ich mich aufgerafft, die ich allerdings nicht bestand. Ich hatte somit den ganzen Sommer Zeit, mit der Situation zurechtzukommen. Natürlich ist mir bewusst, dass diesen „Luxus“ nicht jeder hat, vor allem Berufstätige. Nebenbei habe ich jedoch in einem Café gejobbt. Auch wenn mir die ersten Schichten nach dem Tod meines Vater schwerfielen, so war ich mit der Zeit froh über die Ablenkung, die ich hatte. Ich finde es wichtig, dass man den Alltag nicht aufgibt. Natürlich braucht man anfangs etwas Zeit und Ruhe, aber nach zwei Wochen versuchte ich langsam wieder in den Arbeitsalltag zu kommen. Im Herbst war ich dann auch wieder bereit für die Uni und ich konnte weitermachen.

Nachdem ich immer mehr Akzeptanz gespürt habe, habe ich versucht, neue Perspektiven zu finden. Mir neue Ziele zu formulieren, weil ich wusste, dass es auch im Sinne meines Vaters gewesen wäre, mein Leben wieder aufzunehmen. Er hat das Leben geliebt und ich weiß, dass er sich für mich das gleiche wünscht. Viele solcher Gedanken waren unfassbar wichtig für mich. Ich merkte, dass ich in einer glücklichen Position war. Ich hatte einen Vater, der sich immer für mich interessiert hat. Einen Vater, der mich von Anfang an wollte, obwohl ich nicht so ganz geplant war. Mein Vater hat mich von Tag eins geliebt und sich um mich gekümmert. Viele andere da draußen erleben das nicht und ich durfte es. Für mich war es wichtig, Gedanken neu zu formulieren. Und es war mir wichtig, dankbar anstatt undankbar zu sein. Sicher hätte ich mir immer wieder einreden können, wie unfair es ist, dass ich mit 21 meinen Vater verloren habe. ABER ich durfte 21 Jahre einen Vater haben, der da war. Und genau das zählt.   

 

Was ich euch mitgeben möchte

Vielleicht habt ihr hier Strategien erwartet, wie man Trauer gezielt überwinden kann und seid jetzt ein bisschen enttäuscht, dass ich euch „nichts“ effektiveres erzählen konnte. Doch Trauer ist individuell. Jeder von uns erlebt Trauer anders und daher sollte man sich auch nicht nach einem Leitfaden richten, der dir erzählt, wie DU deine Trauer los wirst. Vielleicht ist das eine düstere Prognose, aber die Trauer geht nie ganz weg. Man lernt, damit umzugehen. Bei mir gibt es heute noch Momente, an denen ich meinen Vater vermisse und ich immer noch Phasen durchlebe, die ich kurz nach seinem Tod hatte. Besonders Momente, die eigentlich glücklich sind, sind für mich bittersüß und mit Schmerz verbunden. Ich wünschte mir so sehr, dass mein Vater seine beiden Enkelkinder kennenlernen hätte können. Bei meiner Sponsion musste ich wegschauen, als andere Absolventen von ihren Vätern umarmt wurden. Oder die Hochzeit meiner Schwester. Das sind die typischen Momente und Tage, an denen die Gedanken an Papa sehr präsent sind. 

Doch meine Kernaussage aus diesem ganzen Wortgefecht ist eine ganz klare: nur wer Trauer annimmt, kann auch den Umgang mit ihr lernen. Und dieser wichtige, oder besser gesagt wichtigste Schritt ist ebenso der schwerste. Die erste Phase, nämlich die der Verleugnung und des „Nicht-Wahr-Haben-Wollens“ ist im Großen und Ganzen eine Sicherheitsbubble. Man hat Angst, diese Blase verlassen zu müssen. Denn der Gedanke, dass man sich danach wirklich mit dem Tod auseinandersetzen muss, ist intrinsisch. Das heißt, sie steckt in uns drin und ist von Anfang an da, auch wenn wir sie vielleicht nicht mitbekommen. Aber wenn diese Phase überwunden wurde, dann ist man bereit, die Trauer anzunehmen. Man kann den Trauerprozess auf sich wirken lassen. Dabei kann ich euch nur ans Herz legen: hört auf eure innere Stimme. Lasst die Emotionen raus, wenn sie rausmüssen, aber zwingt euch nicht dazu zu weinen, nur weil ihr denkt, es wird von euch erwartet. In einer Trauerzeit sollte der gesellschaftliche Druck keine Rolle spielen. Trauer kann auch ohne ein Heulkonzert stattfinden. Wie gesagt, wir alle reagieren anders auf Trauer und du darfst deinen individuellen Weg auch zulassen. 

Ich habe für mich nämlich gemerkt: verlässt man die erste Phase der Trauer und nimmt diese an, dann ist die Wahrscheinlichkeit, mit der Trauer irgendwann umgehen zu können, extrem hoch. Wenn man nicht weiterkommt, spricht auch nichts gegen eine Trauerbegleitung oder professionelle Hilfe. Eines darf man dabei nicht vergessen: MAN DARF WEITERMACHEN. MAN DARF WEITERLEBEN. 

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2 Comments

  1. Schöner Artikel und gut geschrieben. Ich habe auch meinen Papa verloren und kann deine Gefühle sehr sehr gut nachvollziehen. Wichtig ist wirklich dass man sich Zeit lässt und sich zu nichts zwingt. Ich wünsche dir alles Gute und hoffe, du kannst dich immer an die schönen Momente mit deinem Vater erinnern, die hoffentlich irgendwann den bitteren Stich des Verlusts verlieren. Grüsse Lilly

    • Liebe Lilly,

      das tut mir wirklich sehr, sehr Leid für dich. Ich hoffe, du hast bereits viel Kraft sammeln können und kannst inzwischen mit dem Verlust (besser) umgehen. Ja, absolut, das sehe ich wirklich genauso wie du. Ich wünsche dir das gleiche, liebe Lilly. Dankeschön für deine lieben und aufmunternden Worte.

      Liebe Grüße
      Lisa

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