Turbo Freundschaften: Können sie halten?

Turbo Freundschaften

Können sie halten?

Eine Freundschaft ist ein langwieriger Prozess. Es dauert, bis sich Vertrauen aufbaut. Können Turbo Freundschaften daher funktionieren?

Vor einem Jahr fiel mir eine Instagram Story einer jungen Frau auf. Sie folgte mir schon lange Zeit, zeigte sich immer aktiv, likte meine Bilder und schaute meine Stories. Solche Menschen fallen mir auf. Darum nehme ich mir oft Zeit, um die Profile anzusehen, die sich bei mir besonders aktiv zeigen. Denn diese Menschen bleiben im Gedächtnis. Ich besuchte ihr Profil. Ihre Inhalte fand ich ansprechend. Sie wirkte sympathisch. Darum folgte ich ihr. Deswegen entging mir diese eine Story von ihr auch nicht. Die junge Frau erzählte von ihrem Struggle, sich momentan wenig kreativ zu fühlen. Mir ging es zu dieser Zeit genauso. Da sie in der gleichen Stadt wie ich wohnt, schrieb ich sie an. Wir verabredeten uns auf ein kreatives Work Date in einem Grazer Coffeeshop. Gearbeitet wurde eher weniger, stattdessen verquatschten wir uns und philosophierten über unsere Lebensgeschichte. So haben sich Lena und ich kennenglernt.

Turbo Freundschaften
Turbo Freundschaften

Freundschaft vs. Bekanntschaft

Was ist der Unterschied?

Dieses Treffen ist noch nicht einmal ein Jahr her. Inzwischen sind Lena und ich gute Freundinnen geworden. Wir tauschen uns regelmäßig aus, helfen uns gegenseitig bei unseren Bildern, tüfteln Ideen gemeinsam aus, philosophieren aber auch über unsere Struggles und halten regen Kontakt über WhatsApp, wenn wir uns einmal nicht sehen. Mit unserem „Glorious Dezember“ Adventskalender haben wir sogar schon ein gemeinsames Projekt umgesetzt. Unsere sozialen Interaktionen beschränken sich nicht auf Instagram oder unserem Bloggerleben. Wir reden zwar oft über unseren Beruf, weil es ein Teil unseres Lebens ist und wir uns austauschen, aber unsere Konversationen bestehen aus wesentlich mehreren Inhalten, die über den Tellerrand hinausgehen. Darum habe ich Lena innerhalb kürzester Zeit als Freundin bezeichnet. Es ging sehr schnell zwischen uns. Wir kannten uns noch nicht einmal ein halbes Jahr, als wir unsere erste gemeinsame Reise antraten.

Normalerweise brauche ich mehr Zeit, um eine Person als Freund oder Freundin zu bezeichnen. Turbo Freundschaften, also Freundschaften, die sich schnell bilden, exisitieren in meinem sozialen Konstrukt nicht. Gerade in der Bloggerwelt habe ich Schwierigkeiten, Freundschaften aufzubauen. Ich kenne nur vier Menschen aus dieser Sphäre, die ich wirklich zu meinem Freundeskreis zähle und als Freundin bezeichnen würde. Das klingt so, als würde ich mich mit den anderen Mädels nicht verstehen. Im Gegenteil. Ich finde es gut, dass ein respektvolles Miteinander herrscht, man sich auf Events freundlich grüßt oder nett plaudert. Aber Freunde sind für mich die Personen, mit denen ich über alles rede: über mein Liebesleben (das ich aus der Öffentlichkeit überwiegend raushalte oder dem ich zumindest kein Gesicht mittels einer Person gebe), meine Jugendsünden, meine innersten Sorgen und Ängste, meine Zweifel, wenn ich mich nicht so gut fühle, es aber mal ausnahmsweise nicht auf Instagram teilen möchte, usw.

Meine Freunde sind auch in mein Familienleben involviert. Sie wissen, wie Sebastian und Sophie aktuell aussehen (wenn ich Bilder teile, auf denen ihr Gesicht zu sehen ist, kann man stark davon ausgehen, dass sie sich inzwischen verändert haben), was die beiden schon alles können, wenn es Höhen oder Tiefen gibt. Sie kennen meine ganze Anorexiegeschichte. Auch die Details, die ich mir in der Onlinewelt vorbehalte, weil ich sie nicht teilen kann oder will. Kurzum gesagt, sie wissen quasi alles von mir. Das sind Dinge, die ich mit Bekannten oder auf Instagram nicht in dem Ausmaß teilen würde. Auch wenn ich sehr offen bin und viel privates preisgebe.

Turbo Freundschaften

Falsche Fuffziger

Erhöhen Turbo Freundschaften die Gefahr, ausgenutzt zu werden?

Ich bin eigentlich ein sehr umgänglicher Mensch. Vielleicht ein bisschen zu harmoniebedürftig. Doch mit anderen komme ich gut klar. Zwar bin ich neuen Menschen gegenüber schüchtern und es fällt mir schwer, auf andere zuzugehen, aber wenn ich mit jemanden ins Gespräch komme, dann ist das oft eine sympathische Unterhaltung. Einige Freundinnen von mir haben mich in meiner Jugendzeit immer davor gewarnt, augenutzt zu werden, weil ich laut meinen Freundinnen einfach zu jedem nett war. Ja, das stimmt. Und manchmal bin ich deswegen wirklich auf die Schnauze gefallen. Meine langjährigen Freundinnen haben mich immer vorgewarnt. Das veranlasste mich auch dazu, den Begriff „Freundschaft“ zu überdenken oder besser gesagt zu zerdenken. Erhöhen Turbo Freundschaften die Gefahr, ausgenutzt zu werden? Dieser Gedanke schoss mir immer wieder in den Kopf.

Ich habe gelernt, dass man mit dem Begriff „Freundschaft“ vorsichtig umgehen muss und ich von Turbo Freundschaften Abstand halten sollte. Na ja, in der Jugendzeit ist es nun mal prestigeträchtig, viele Freunde zu haben. Es ist ein normales menschliches Bedürfnis, sich nach Anerkennung und Zuneigung zu sehnen. Heute weiß ich, dass ich in einem kleinen Freundeskreis genug Zuneigung bekomme und nicht mit einer Schar von zig tausend Freunden glänzen muss.

Seitdem habe ich mir immer Zeit gelassen, Freundschaften einen Raum zur Entwicklung zu geben. Ich habe damit aufgehört, Menschen, die mir sympathisch waren, innerhalb kürzester Zeit als Freund oder Freundin zu bezeichnen. Inzwischen habe ich begriffen, dass es auch in einer Freundschaft auf die Qualität und nicht auf die Quantität ankommt. Doch bei meiner Freundin Lena oder oder auch bei Genie (die zweite Bloggerin aus meinem Freundeskreis) wurde es dann doch eine Turbo Freundschaft. Aber sie hält.

 

Turbo Freundschaften können funktionieren

Dass sich daraus so schnell Freundschaften entwickeln, hätte ich nie gedacht. Besonders ich – jemand, dem Vertrauensängste bekannt sind. Manchmal passt es einfach doch. Turbo Freundschaften können definitiv funktionieren. Wichtig ist, dass man nicht blauäugig an die Sache herangeht, sondern auf die eigene Intuition hört. Ich bin mir ziemlich sicher, dass im Erwachsenenalter meine Menschenkenntnis wesentlich besser ist, als zu meiner Jugendzeit. Ob man auf einer Wellenlänge schwimmt, merkt man schnell, wenn man sich selbst gut kennt.

Dennoch werde ich mir weiterhin viel Zeit nehmen, wenn es darum geht, neue Freundschaften aufzubauen. Ich bin nicht auf der Suche danach, aber ab und zu tritt dann doch wieder jemand neues ins Leben. Und wenn man dazu bestimmt ist, Weggefährten zu sein, dann wird es auch soweit kommen.

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