Wenn Sexismus einfach nicht aufhören will

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Wenn Sexismus einfach nicht aufhören will

Unsere Gesellschaft hat ein generelles Diskriminierungsproblem. Sexismus ist eines davon. 

„Würdest du Schuhe tragen, wenn du keine Füße hättest?“ Es war weit über Mitternacht. Die Stimmung in dem viel zu engen Lokal gelangte zum Höhepunkt. Die stickig heiße Luft fühlte sich unangenehm in meinen Lungen an. Vor mir stand ein Typ, einen Kopf größer als ich, mit einem Plastikbecher in der Hand. Der billig gestreckte Himbeerspritzer leuchtete rot hindurch. Seine durch den Alkohol glasigen Augen taxierten mich. Ich konnte nicht so schnell schalten, sodass ich ihn nicht ignorierte. Es wäre wahrscheinlich die bessere Reaktion gewesen. Stattdessen antworte ich wie automatisiert. „Nein“, entgegnete ich damals im Alter von circa 17-18 Jahren. Er grinste dreckig. „Warum trägst DU dann einen BH?“

Es sind Aussagen, wie diese, warum ich meine kleinen Brüste hasste. Diese Aussage hat mich ausschließlich darauf reduziert, was sich unter meinem Oberteil versteckte. So wurde meine Unsicherheit gegenüber mir nur weiter verstärkt. Plötzlich hatte ich neben meinem Bauch eine weitere „Problemzone“. Diese „Problemzone“ hatte sogar mehr mit mir als Frau zu tun, als mein Bauch. Wegen ihrer kleinen Größe fühlte ich mich plötzlich weniger weiblich. Heute weiß ich, dass er mich genau deswegen reduziert hat. Nicht weil ich kleine Brüste habe, sondern weil ich eine Frau bin. Und das brachte er damit zum Ausdruck, indem er mein wahrscheinlich (in seinen Augen) weiblichstes Merkmal ins Spiel brachte. Er hätte mich auch auf meine Brüste reduziert, wenn sie groß gewesen wären oder asymmetrisch. Ihm wäre sicherlich ein passender Spruch eingefallen. Die Form meiner Oberweite spielte keine Rolle, als er mich beleidigend angriff. Es ging ihm nur darum, seine patriarchale Macht auszuspielen. Zu zeigen, dass er der große, tolle Mann ist und ich ihm als Frau untergeordnet bin.

Wenn ich heute darüber nachdenke, dann wird mir klar: DAS WAR SEXISMUS! Sexismus in seiner puren Form. Sexismus, wie ich ihn regelmäßig, nein, fast schon täglich erlebe. Auch wenn ich mich damals weniger weiblich fühlte und sich das lange mitgezogen hat, so hat er eigentlich genau das angegriffen: meine Weiblichkeit. Er hat mir gezeigt, dass er keinen Respekt vor mir als Frau hatte. Dass er in mir nichts anderes gesehen hat, als einen weiblichen Körper, den er als Mann bewerten „darf“ – denn das ist seine Freiheit und sein gutes Recht als Mann, gab er mir zu spüren.  

Sexismus an Frauen
Frauen, die Sexismus erleben mussten

Sexismus JEDEN TAG!

Als ich vorhin geschrieben habe, dass ich Sexismus so gut wie jeden Tag erlebe, dann war das nicht übertrieben. Wenn ich sage, dass ich ihn fast jeden Tag an mir selbst erlebe, dann übertreibe ich damit genauso wenig. Es beginnt mit anzüglichen Kommentaren auf meiner Instagram Story. Zeige ich mein Gesicht oder irgendetwas von meinem Körper, kann ich mir sicher sein, dass ich dafür einen sexistischen Kommentar bekomme. Darauf gehe ich nicht ein, obwohl es mich wütend macht. Selbst Flammen, Auberginen, Pfirsich und Wasserspritzer Emojis von fremden Männern machen mich wütend, denn die Message ist klar. Nein, ich bin keine männerhassende Feministin, die sich über die kleinste Kleinigkeit aufregt, aber sobald ich mich durch Handlungen von außen unwohl fühle, weiß ich, dass etwas nicht stimmt und rechtens ist. Natürlich kann man jetzt den Finger auf mich zeigen, mich auslachen und mir vorwerfen, dass ich übertreibe, denn es ist schwierig. Es ist schwierig, herauszufinden, wo Sexismus überhaupt beginnt, wo die Grenze verschwimmt und wie klar man Sexismus überhaupt definieren kann. Und das möchte ich an dieser Stelle gar nicht thematisieren, aber ich finde solche Emojis von fremden Leuten unangebracht. 

Durch Social Media ist die Wahrscheinlichkeit, Sexismus jeden Tag zu erleben, extrem hoch. Aber nicht nur Social Media ist das Epizentrum für Sexismus. Denn ich erlebe Sexismus auch auf der Straße mehrmals die Woche. Durch Corona hat der Street-Sexism für mich zwar tendenziell abgenommen, aber seitdem ich wieder unter Leuten bin, häufen sie sich. Erst diese Woche passierte es, was mir tief unter die Haut ging. Ich bin blöde Sprüche gewöhnt, ich bin es gewöhnt, wenn Autos langsamer an mir vorbei fahren, ich angehupt oder angegafft werde. Aber noch nie hat jemand zu mir gesagt: „Eeeh Bitch, deine Lippen sind zum *das Verb möchte ich zensiert halten* gemacht.“ – Und das auf offener Straße am helllichten Tag. 

...es passiert immer wieder - auch von Frauen

Sexismus ist ein großes Problem unserer Gesellschaft. Erst vor wenigen Wochen machten Joko und Klaas in ihrer „Ausstellung“ namens „Männerwelten“ darauf aufmerksam. Sexismus zu erleben, ist jedes Mal aufs Neue unangenehm. 

Vielleicht fragt man sich als Mann an dieser Stelle: „Ja, was darf ich denn jetzt noch, wenn sich Frauen über jede Annäherung aufregen?“ Ich glaube, zu der angemessenen Antwort gelangt jeder, der imstande ist, zu denken und nachzudenken. Es heißt nicht, dass es Männern nicht mehr erlaubt sei, Frauen anzusprechen oder sie auf einen Drink einzuladen, aber es gibt ein Adjektiv, welches sich „respektvoll“ nennt. Ein respektvolles Kennenlernen ist keine „Angriff“ aus dem Auto heraus, sondern ein nettes Ansprechen ohne eine Frau auf ihr Äußeres zu reduzieren. Ohne Berührung, ohne dreckiges Grinsen, ohne Spitznamen, wie „Puppi“, „Weibi“ oder „Baby.“ Wildfremde Frauen vom Auto heraus anzuhupen, sodass ihr das Smartphone fast aus den Händen gleitet, ist genauso daneben, wie langsamer vorbeizufahren und auf die Frau zu stieren. 

Und wie ich oben gesagt habe: ich bin keine männerhassende Emanze, aber ich lebe emanzipiert und vertrete feministische Werte. In der Hinsicht ist es wichtig, reflektiert zu denken und den Tatsachen ins Auge zu blicken. Nicht nur Männer sind die Übeltäter, auch Frauen können durch sexistischen Äußerungen Negativität hervorrufen. Mir selbst wurde nicht nur von Männern Sexismus gegenüber gebracht, sondern auch von Frauen. Sogar eine Frau, die Pädagogin ist und als Lehrerin die Aufgabe hat, Kindern und Jugendliche tolerante Werte zu vermitteln, hat mich sexistisch degradiert. Frauen können genauso sexistisch gegenüber Männern sein, was sich unter anderem auch durch vollkommen unangebrachte Anmachsprüche oder durch das ungefragte antasten des Sixpacks äußern kann. Das waren jetzt natürlich nur Beispiele, die mir auf die Schnelle eingefallen sind. 

Ich denke, beim Thema Sexismus dürfen wir kein Geschlecht ausnehmen. Mir selbst fällt natürlich der Sexismus gegenüber Frauen verstärkter auf, weil ich selbst eine Frau bin und diesen auch als Frau zu spüren bekomme. 

Stop the sexism and stop discriminate people

Ich bin immer noch der Überzeugung, dass wir mit Aufklärung, Erziehung und Bildung einen wesentlichen Beitrag dazu leisten können, um Sexismus zu minimieren. Dass er ganz weggeht, bezweifle ich, aber in eine richtige Richtung können wir durchaus gehen. Niemand muss es einfach so hinnehmen, wenn sie/er Sexismus erfährt und ich spreche dabei bewusst von allen Geschlechtern. Es erfordert Mut, diese unangenehmen Themen zur Sprache zu bringen, doch nur wenn Stimmen erhoben werden, können wir auf das Problem aufmerksam machen und zum Umdenken anregen. 

Sexismus ist natürlich nur ein Teilbereich der ganzen Diskriminierungsschiene. Unsere Gesellschaft hat ein generelles Diskrimierungsproblem. Doch es fühlt sich so an, als wäre 2020 ein Jahr der Aufklärung, wo Diskriminierung in allen Facetten endlich zur Sprache gebracht wird. Das wollte ich als Abschlusswort zu diesem Beitrag unbedingt noch erwähnen. 

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