Tag : Bulimie

Hilft das Kalorienzählen in der Recovery?

Es könnte nicht widersprüchlicher sein. Ich mache eine Recovery, aber zähle Kalorien. Die Hintergründe meiner Entscheidung könnt ihr -HIER- noch einmal nachlesen. Dass eine Essstörungs-Recovery und Kalorienzählen auf den ersten Blick nicht wirklich zusammenpassen, ist klar. Ich möchte auch niemanden ans Herz legen, das Kalorienzählen als dauerhafte Lösung zu betrachten. Selbst ich will nicht mein Leben lang davon abhängig sein. Nur war das Kalorienzählen sozusagen die Lösung und mein letzter Ausweg, wieder mit dem Essen anzufangen. Der erste Schritt in die richtige Richtung.

Gut zwei Monate tracke ich nun meine Kalorien. Tatsächlich hat es mir geholfen, neue Nahrungsquellen für mich zu entdecken. Zur Erinnerung: Ich habe mich wochenlang nur von Milch und Sojamilch ernährt, dadurch leider auch zugenommen, weil ich über meinen Grundumsatz kam, aber dennoch gehungert. Obwohl ich dadurch zugenommen habe und wusste, dass ich mit fester Nahrung dem entgegensteuern könnte, hatte ich urplötzlich Probleme damit, diese auch tatsächlich zu essen.

Seitdem ich tracke, gelingt es mir, meine drei Mahlzeiten am Tag zu mir zu nehmen. In fester Form. Milch trinke ich kaum noch. Mein Kaffeekonsum hat rasant abgenommen. Eine deutliche Verbesserung. Trotzdem bin ich gerade drauf und dran, meine Sichtweisen und Perspektiven zum Thema Kalorienzählen zu verändern. Mit der Zeit gewinnt man mehrere Erkenntnisse. Eine dauerhafte Lösung ist das Tracken nicht. Schon gar nicht, wenn es um eine Essstörungs-Recovery geht.

 

 

Mut fassen und das Problem am Schopf packen

Warum das Kalorienzählen am Beginn einer Recovery sinnvoll ist

Menschen mit einer Essstörung sind Kontrollfreaks. Kontrolle ist etwas, das wir nur sehr schwer aus der Hand geben können. Darum sind besonders Essattacken der absolute Tiefpunkt des Kontrollverlustes, egal ob man nun an Anorexia Subtype Binge-Purge, an Bulimie oder an Binge Eating Disorder leidet. Meine größte Angst vor dem Essen war, dass ich sofort in ein Binge-Purge-Muster zurückfalle, sobald ich wieder feste Nahrung zu mir nehme. Zum Glück ist das vom ersten Tag an nie passiert. Die Planung half mir nicht nur dabei, zu essen, sondern auch nichts wegzulassen. Zumindest am Anfang. Dazu aber gleich mehr.

Von heute auf morgen die Kontrolle aufzugeben, ist schwer. Alleine der Gedanke daran ist ein Hindernis. Ich kann mich nicht von heute auf morgen ändern. Insbesondere weil ich nun seit neun Jahren an der Essstörung leide. Die Motivation, etwas zu ändern war und ist groß. Die Angst, die Kontrolle zu verlieren, war und ist jedoch größer. Gedanken an den Kontrollverlust sind für Essstörungspatienten wahnsinnig schwer auszuhalten, weswegen ich mich am Anfang einer Self-Recovery durchaus für das Kalorienzählen ausspreche.

Ein weiterer Grund: Portionsgrößen einschätzen. Nach wie vor kann ich nicht genau sagen, was eine normale Portion und was zu viel oder zu wenig ist. Es wird jedoch besser, doch am Anfang wäre ich in der Hinsicht besonders hilflos gewesen. Das Tracken alleine reicht dazu jedoch nicht. Nebenbei muss man sich auch schlau machen, was der Körper wirklich braucht.

 

 

Doch Vorsicht: Tracken kann auch ganz schön schief gehen

Verlockende Versuchungen, Bewegungsdrang und starre Fixierung auf Nährwerte

So gut das Tracken für mich zu Beginn funktioniert hat, es gab auch Momente, die suboptimal liefen. Das Tracken hat mich unter anderem ebenso dazu verführt, meine Portionen zu schmälern. Wo kann ich noch mehr einsparen? Das genaue Auflisten der Nährwerte hat mich teilweise sogar in den Wahnsinn getrieben. Ich habe bereits einmal erzählt, dass Kohlehydrate besonders problematisch sind. Sogar problematischer als Fette (die ich nur in Form von reinem Öl und Butter, also „spürbaren“ Fett problematisch finde, aber weniger in Form von Nüssen, Fisch oder Avocados). Da ich Gemüse ebenfalls tracke, dessen Hauptnährstoff meistens Kohlehydrate sind, bekam ich leichte Panikgefühle, als mein Kohlehydratebalken in meiner App immer weiter nach oben schnellte. Das wiederum führte oft dazu, dass ich die Carbs, die wirklich sättigen (wie Getreideprodukte und Kartoffeln etc.) gerne auf ein Mindestmaß reduziert habe.

So wurden die Anteile von sättigenden Lebensmittel wie Couscous, Bulgur oder Kartoffeln immer geringer, der Gemüseanteil jedoch höher. Natürlich ist es gut, wenn man locker auf seine „5 A Day“ kommt und natürlich ist es auch gut, wenn man viel Gemüse isst. Doch es ist nicht gut, hauptsächlich von Gemüse zu leben. In letzter Zeit habe ich auch gemerkt, dass mein Energylevel nach unten gegangen ist. An Tagen, an welchen ich Sport gemacht habe, kam zusätzlich hinzu, dass ich einen richtigen Bewegungsdrang entwickelte. Den Tag darauf konnte man schmeißen, weil ich kaum Energie hatte.

 

 

So soll es nun weitergehen

Welche Steps als nächstes anstehen

So ganz losreißen kann ich mich von dem Kalorienzählen noch nicht. Zwar musste ich mich bei meiner Reise nach Bulgarien damit abfinden, die Kontrolle aus der Hand zu geben und ich habe auch gesehen, dass es klappt, doch zu Hause bin ich an diesem Punkt noch nicht angekommen. Ich habe jedoch für mich beschlossen, dass ich das Tracken von Gemüse langsam aber sicher aufgeben muss. Damit treibe ich meine Kalorien nur unnötig in die Höhe und vermeide Kohlehydrate noch mehr. Hey, es macht keinen Unterschied, ob ich meine Zucchini auf 100 Gramm abwiege oder gleich eine ganze esse. Ich habe auch noch nie erlebt, dass ein Mensch von Gemüse zugenommen hat. Darum möchte ich im nächsten Schritt das Tracken von Gemüse aufgeben.

Außerdem ist es wichtig, mein Energielevel wieder nach oben zu bringen. Die letzten Tage waren geprägt von Müdigkeit und Schwäche. Weil mir Sport wieder so viel Spaß macht, genauso wie das aktive Teilnehmen am Leben, ist es notwendig, verstärkt darauf zu achten. Es ist eben doch schöner, eine energiegeladene junge Frau zu sein, anstatt ein müdes Murmeltier, das nicht aus dem Bett kommt und blass ist.

Darüber hinaus möchte ich mich endlich einer ärztlichen Untersuchung unterziehen. Mich gründlich durchchecken lassen, um alle meine Mängel herauszufinden, damit ich sie gezielt bekämpfen kann. Ich selbst rechne insbesondere mit einem Eisenmangel, darum achte ich schon jetzt darauf, mehr Eisen zu mir zu nehmen.

 

 

Wie es mir ansonsten mit dem Essen geht

Was läuft gut? Was eher schlecht? Und welche neuen Erkenntnisse kamen hinzu?

Frühstück ist die Mahlzeit, die mir am leichtesten fällt. Das Abendessen jene, bei denen ich die meisten Struggles habe. Besonders je später es wird. Das heißt nicht, dass ich nach 14 Uhr nichts mehr esse, was ich in meiner Magersucht getan habe, aber ich esse gerne zu Abend, wenn es noch hell ist. Auch „On the Go“ zu essen ist für mich ein absoluter Horror. Zumindest jetzt noch, da ich mich unwohl und beobachtet fühle. Auf der anderen Seite finde ich es jedoch gut, dass ich mir für das Essen Zeit nehmen will und mich hinsetze, anstatt mir etwas im Gehen runterzustopfen.

Ich versuche wirklich, keine Mahlzeiten auszulassen. Halte ich das Hungergefühl zu lange aufrecht, verfalle ich wieder in eine Art Suchtrausch. Genau das ist auch das Problem an Essstörungen. Man ist täglich mit seiner „Droge“ konfrontiert. Bei mir ist es der Hunger. Dauert er zu lange an, beginne ich das Gefühl langsam zu genießen und es versetzt mich tatsächlich in ein High-Gefühl. Mitunter ein Grund, warum Essstörungen auch so schwer heilbar sind. Und gerade da liegt die Gefahr: Wenn ich Mahlzeiten zu lange weglasse, neige ich dazu, sie ganz wegzulassen und das Muster zu wiederholen.

Zum Glück kann ich auf die Unterstützung meiner Freunde und Familie bauen, die genau wissen, wie wichtig es für mich ist, dass ich all meine Mahlzeiten einhalte. Es ist wirklich rührend, wie sehr sie darauf achten, insbesondere auf diese Pausen. Sind wir den ganzen Tag unterwegs, setzen sie sich auch wirklich mit mir hin und schauen darauf, dass ich was zu Essen bekomme. Ich kann ihnen immer erzählen, wann ich mich besonders schwach fühle und von mir aus essen möchte, ohne das Gefühl zu haben, sie würden mich als Fressmonster betrachten, was ja nun wirklich nicht der Fall ist.

Ohne diesen Support wäre die ganze Sache wesentlich komplexer und schwieriger, darum bin ich froh, dass ich in der Self-Recovery Menschen um mich habe, denen es wirklich darum geht, dass es mir besser geht. Das sehe ich nicht als selbstverständlich an.

 

 

Wie lange ich noch Kalorien zählen möchte

Mein Ziel ist es, dass ich das intuitive Essen wieder erlerne, darum weiß ich, dass es auch einen Zeitpunkt geben wird und muss, an dem ich das Kalorienzählen aufgeben sollte. Dass ich Ambitionen dazu habe, auf die Küchenwaage zu verzichten, habe ich bereits gemerkt. Und ich weiß auch, dass ich Ambitionen dazu habe, das Kalorienzählen ganz zu lassen. Schon oft habe ich positive Erfahrungen gemacht, dass ich nicht sofort zunehme, wenn ich mal keine Kalorien zähle oder „so esse, wie andere auch“. Positive Lernerfahrungen nennen wir so etwas in der Psychologie. Ich darf diese nur nicht aus den Augen lassen oder vergessen.

Der Sport läuft übrigens prima. Ich habe in die regelmäßige Bewegung zurückgefunden. Nur weiß ich, dass ich dazu auch ein gutes Energielevel brauche. Je mehr Energie mein Körper hat, umso länger halte ich durch und umso mehr kann ich auch machen. Ich bin echt froh, dass ich inzwischen ein aktiveres Leben führe. Das hilft mir einerseits zu essen. Andererseits bin ich zuversichtlich, dass es mir auch dabei helfen wird, das Kalorienzählen wieder aufzugeben.

 

Heute vor genau fünf Jahren…

Heute vor genau fünf Jahren wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen, in welchem ich fast ein halbes Jahr lang gegen meine Magersucht angekämpft habe. Heute vor genau fünf Jahren, am 5.10.2012. Unglaublich, wie viel Zeit vergangen ist und dabei kommt es mir so vor, als wäre es erst gestern gewesen. Ich stand mit zwei vollen Koffern vor der Station, verabschiedete mich von meinen Leidensgenossinnen und es fühlte sich ein bisschen nach Wehmut an. Wehmut, weil ich gehen musste und weil ich einen wichtigen Teil von mir gehen lassen musste. Und es fühlte sich gar nicht so toll an. Ich wusste, dass ich nicht geheilt war, dass mein Rückfallsrisiko bei 90% lag und dass ich immer noch Untergewicht hatte. Es machte mir Angst, wieder in die große weite Welt hinausgehen zu müssen, weiterzustudieren, den Alltag wieder aufzunehmen. Das war heute vor genau fünf Jahren. 

 

Heute vor genau fünf Jahren

 

Meine Magersucht und die Zahl 5

Die Zahl Fünf steht anscheinend in einem großen Zusammenhang mit meiner Krankheitsgeschichte. Am 5.2.2009 begann ich mit meiner ersten Diät, die wohl den Grundstein für diese Krankheit gelegt hat. Ich nahm jedoch wieder zu. Allerdings – fast genau zwei Jahre später, am 5.3.2011 begann ich erneut mit einer Diät, die mich in die schlimmste Krankheitsphase meines Lebens rutschen ließ. Am 5.5.2012 hatte ich den schlimmsten Magersuchtstag meines Lebens und exakt fünf Tage später war ich so schwach, dass ich mein Dasein nur noch in einem abgedunkelten Zimmer fristete. Wenige Wochen später, am 25.5.2012, hatte ich meinen Zusammenbruch und ich wurde in die Klinik eingeliefert. Am 5.6. kam ich in eine spezialisierte Klinik und nahm meine Therapie gegen die Magersucht auf. Und am 5.9. wurde ich von meiner damaligen Liebe verlassen und musste einen weiteren Monat in der Klinik bleiben. Doch dann, am 5.10. konnte ich endlich gehen. 

Ich glaube nicht an Schicksal, Karma oder anderen Hokus Pokus, aber es ist verrückt, wie diese Zahl mit meiner Krankheit einhergeht. Ich begann langsam, die Zahl Fünf als meine Unglückszahl zu betrachten, doch den Bann, an den ich eigentlich gar nicht glaube, habe ich wohl am 5.7.2017 gebrochen, als ich mein Studium erfolgreich abgeschlossen habe. Und heute, am 5.10. stehe ich da und blicke auf eine schier unglaubliche Zeit zurück. Ich frage mich noch heute, wie ich das geschafft habe. Meine Therapeutin sah mich wiederkommen, doch ich blieb von der Klinik fern. Bis heute. Bis heute bin ich nicht zurück, habe nie wieder eine Therapie aufgenommen, obwohl ich in diesen fünf Jahren drei Rückfälle hatte. Doch aus jedem Rückfall konnte ich mich selbst wieder herausziehen, hatte immer einen Anker, der es möglich gemacht hat. Irgendwie.

 

Heute vor genau fünf Jahren

 

Die Ups and Downs in diesen fünf Jahren

Ich bin dankbar, dass ich in diesen fünf Jahren ein halbwegs normales Leben führen konnte. Dass ich in dieser Zeit gelernt habe, mich selbst zu lieben. Es hat fünf Jahre gedauert. Jetzt bin ich 25 und im Einklang mit mir selbst, trotz kleiner Problemchen, die immer noch mein Gewicht betreffen. Rückfälle gehören zu meinem Leben mit einer unheilbaren Krankheit wohl dazu. Das habe ich gelernt, wobei ich es jetzt nicht mehr darauf ankommen lassen will. Die Magersucht war eine harte Zeit, der Kampf, wieder rauszukommen, noch härter.

Heute habe ich mehr Vertrauen in mich selbst. Downs rufen immer noch Appetitlosigkeit in mir hervor, aber wie gesagt, ich lasse es nicht mehr darauf ankommen. Auch wenn ich jetzt immer noch Gewichtsprobleme habe. Dafür ganz andere, als damals in der Zeit meiner Anorexie. Aber auch hier gibt es gute Nachrichten. Seit drei Wochen habe ich nicht mehr wirklich etwas abgenommen. Ein Anfang. Und mein Körper scheint in seine Balance zurückzufinden. Das ist okay für mich. Hauptsache keine Magersucht mehr. Denn die habe ich vor fünf Jahren im Krankenhaus gelassen. Heute vor genau fünf Jahren habe ich das getan. Nicht für immer, denn sie kam ab und zu auf Besuch, aber ich habe sie hinter mir gelassen. Heute vor genau fünf Jahren.

 

Heute vor genau fünf Jahren Heute vor genau fünf Jahren

Outfitdetails

Hoodie: Levi’s
White Basic: Zalando Essentials
Overknee Tights: H&M
Ankle Boots: Deichmann (Similar)

Red Lipstick: Catrice Long Lasting Lip Pencil „170 Plumplona Olé“

Picture Credits: Miss Getway

 

Life Update #8: Good Vibes

Ich kann es kaum fassen. Mein Uniabschluss liegt nun fast schon zwei Monate zurück und ich blicke auf eine Zeit voller Anstrengung, Tränen, Zweifel, aber auch des Glücks und der Freude, etwas geschafft zu haben, zurück. Diese Zeit war hart für mich, sehr hart. Ich habe mich in ein Terrain gewagt, was für mich unbekannt war. Habe empirisch gearbeitet, eine eigene Forschung geschaukelt und damit gleichzeitig ein Thema, wofür auch gerade eine Dissertation geschrieben wird. Ich bin über meine Fähigkeiten hinausgewachsen, aber es war schwer. So lange habe ich an mir und meinen Fähigkeiten gezweifelt, aber es gab eine ganz bestimmte Sache, die mich immer am Ball bleiben ließ. Tagtäglich habe ich es mir eingeredet und mir so meine Motivation verschafft. Ich habe mir gesagt, dass sich mein Leben von Grund auf verändern wird, wenn ich die Uni abgeschlossen habe. Dass ich ein neues Leben beginnen werde. Glücklich sein werde. Frei. Und es ist eingetreten. Momentan genieße ich mein Leben in vollen Zügen und ich kann eines sagen: Ich bin glücklich. So wahnsinnig glücklich.

 

 

Life Update #8

Good Vibes in August

In den letzten Jahren habe ich viel zurückgesteckt. Vielleicht zu viel. Und vielleicht hätte ich das gar nicht müssen, aber ich gehe mit mir selbst immer sehr streng um. Leider. Ich wünschte mir, ich hätte das Leben vorher auch schon auf die Art und Weise genossen, wie ich es jetzt tue. Aber ich versuche den Gedanken beiseite zu schieben, irgendetwas verpasst zu haben. Denn ich bin jetzt jung. Immer noch. Und ich habe immer noch die Gelegenheit, so viel nachzuholen, was ich früher verpasst habe. Und das ist okay. Das ist mehr als okay. Ich habe meine Erfahrungen früher auf eine andere Weise gemacht. Jetzt ist der Moment gekommen, sie auf eine neue Weise zu machen. Und es fühlt sich gut an. So gut.

 

 

Über mein Bloggerleben, wunderbare Menschen und Bereicherungen

Ich war immer dankbar für all das, was ich durch und mit meinem Blog erleben durfte. Ich durfte neue Länder bereisen, an Presseevents teilnehmen, die Fashion Week in Wien besuchen (dieses Jahr werde ich allerdings absagen) und wunderbare Menschen kennenlernen. Doch momentan läuft alles besser den je. Die wachsende Freundschaft zu Kerstin von Miss Getway ist unter anderem eine Bereicherung, die ich besonders in den letzten Monaten erfahren durfte. Es ist schön, so einen kreativen Kopf kennengelernt zu haben. Eine junge Frau, die eine Leidenschaft mit mir teilt, mit der ich mich auf Anhieb verstanden habe und inzwischen haben wir uns zu einem wunderbaren, eingespielten Team etabliert, welches optimal miteinander harmoniert. Insbesondere euer Lob zu unseren gemeinsamen Zusammenarbeiten zeigen mir, dass wir gemeinsam wunderschöne Projekte auf die Beine stellen.

Momentan habe ich so eine große Freude am Bloggen. Ich kann mir endlich wieder umfassend Zeit nehmen, eure Kommentare zu beantworten und auch Instagram macht langsam wieder mehr Spaß. Darüber hinaus durfte ich seit meinem Uniabschluss an vielen Projekten und Kampagnen mitarbeiten und ich bin einfach dankbar dafür. Dankbar, dass ich diese Leidenschaft habe und dass ich damit auch mein Geld verdienen darf. Das Bloggen ist ein Job, der manchmal ganz schön hart ist und in dem man sich schnell verlieren kann, aber er ist eine Bereicherung. Und ich möchte diese Bereicherung nicht missen. Doch die größte Bereicherung an meinem Bloggerleben sind nicht die Projekte oder Kampagnen, sondern es ist meine Community. IHR. Und ich bin dankbar für jeden einzelnen, der meine Worte liest und sich die Zeit nimmt, mir Feedback zu geben.

 

 

Ernährung/ Essstörung/ Gesundheit/ Gewicht

Obwohl ich vor kurzem eine Kolumne geschrieben habe, in der ich erklärt habe, dass es mir gesundheitlich gut geht, erreichen mich dennoch mehrmals in der Woche Nachrichten zu meinem Gewicht. Ich weiß, dass ich dünner geworden bin und es bei einigen die Alarmglocken schrillen lässt. Ich kann auch verstehen, dass man es mir vielleicht nicht so ganz abkauft, dass alles in Ordnung ist, denn ich bin genauso dünn, wie vor zwei Jahren, als ich einen immensen Rückfall hatte. Aber es geht mir gut. Es geht mir wirklich gut. Noch nie war ich so im Einklang mit mir selbst. Wenn ihr wollt, kann ich dazu aber gerne noch einen eigenen Post verfassen, in welchem ich näher darauf eingehe. Vorab sei gesagt: Es geht mir gut und ich bin gesund. Magersucht ist gerade kein Thema.

 

Reisen

Nachdem ich im Mai auf Ibiza war, ging es im August wieder ans Meer. Ich habe die Zeit mit meiner Familie verbracht. Diese Zeit hat mir gezeigt, wie dankbar ich für all die Menschen sein kann, die mich durchs Leben begleiten. Zugegeben – manchmal war es schon ein bisschen langweilig, aber das liegt daran, weil meine Familie und ich unterschiedliche Vorstellungen von Urlaub haben. Nichtsdestotrotz habe ich die Zeit in Kroatien genossen. Immer wenn ich am Meer bin, fühle ich mich unglaublich inspiriert. Das beste am ganzen Urlaub war, dass ich wieder zum Schreiben gekommen bin. Die Momente beim Sonnenaufgang – nur ich und mein Journal- waren magisch. Aber mehr dazu in einem späteren Post.

Ich kann euch sagen, kaum nach Österreich zurückgekehrt, packt mich schon wieder das Fernweh. Am liebsten würde ich heuer noch einmal verreisen.

 

 

Studium/Arbeit

Inzwischen habe ich es schon überwunden, dass ich dieses Jahr nicht unterrichten werde. Wie ihr wisst, haben mich letztendlich doch ein paar Zweifel geplagt, ob es eine gute Idee ist, mein Praktikum erst ein Jahr nach meinem Abschluss zu machen, aber nun bin ich wieder felsenfest der Meinung, dass es richtig war. Ich genieße mein Leben als Bloggerin in vollen Zügen und habe es mittlerweile auch geschafft, richtige Arbeitstage zu gestalten. Auch ich habe nun mein geregeltes Arbeitsleben und es ist schön, eine Aufgabe im Leben zu haben.

Derzeit bin ich noch am koordinieren und überlegen, wie ich es diesmal mit dem Studium besser klarkomme. So einen Druck wie im Lehramtsstudium möchte ich mir nicht mehr machen. Was geht, das geht und ich bin gespannt, wie mir das neue Studium gefallen wird.

 

Good Vibes

 

Postingwünsche?

Wie immer möchte ich auch auf eure Bedürfnisse und Wünsche eingehen. Wenn ihr Postingwünsche habt, könnt ihr mir diese gerne mitteilen. Ich sprudle momentan vor Kreativität, aber ich möchte natürlich auch, dass ihr voll und ganz auf eure Kosten kommt. Ihr habt spannende Themenimpulse? Dann immer her damit. 

 

Wie gehe ich mit Rückschläge um?

 

Rückschläge gehören zu einer Anorexie Recovery genauso dazu, wie das vorherige Hungern in der akuten Krankheitsphase. Eine Therapie gegen Magersucht ist kein Spaziergang und bestimmt härter, als die Krankheit selbst. Es kann nicht immer nur vorwärts gehen, doch kein Schritt in Richtung gesunde Zukunft ist ein Schritt zurück. Auch wenn der Weg einmal steinig wird.

 

Rückschläge in der Therapie

Warum sie zur Heilung dazugehören

Ich finde Rückschläge sehr wichtig. Klar, sie schmerzen und sind bestimmt nicht angenehm, aber sie sind Wendepunkte im Leben, an denen wir viel dazulernen können. Manchmal brauchen wir sie sogar, um UNS besser kennenzulernen. Doch ein Rückschlag sollte kein Grund sein, um aufzugeben! Wenn ich meine Rückschläge während der Therapie an den Fingern zusammenzählen müsste, bräuchte ich mehr als nur zwei Hände. Mal stimmte das Gewicht nicht, egal ob ich zugenommen oder sogar abgenommen habe. Als nächstes war ich deprimiert, weil der BMI immer noch unter 17 lag und ich schon wieder nicht zur Sporttherapie zugelassen wurde. Das Sahnehäubchen war immer dieser eklige Kaloriendrink, den ich zu mir nehmen musste, wenn ich mehr als 100 g in der Woche abgenommen hatte.

Rückschläge sind doof, aber da, um sie zu bewältigen, schließlich habe ich es trotzdem geschafft. Das liegt daran, weil ich gelernt habe, diese Rückschläge zu reflektieren und dementsprechend danach besser damit umgehen konnte. Selbstverständlich geht das nicht ganz ohne Masterplan. Und der ist gar nicht so knifflig, wie man vielleicht denken mag.

 

 

Tipp Nummer 1: Rede mit Vertrauenspersonen oder Menschen, die dich verstehen

Wenn du dich gerade in einer stationären Therapie befindest, vereinbare ein Einzelgespräch mit deiner Therapeutin oder deinem Therapeuten. Für mich war das anfangs gar nicht so leicht, denn ich habe bereits verraten, dass mir in der Klinik nie jemand gesagt hat, dass ich die Möglichkeit zu solchen Einzelgesprächen hätte. Diese Möglichkeiten sind aber immer da, selbst wenn dir das am Anfang niemand mitgeteilt hat. Denk einmal genauer darüber nach: Wozu ist deine Therapeutin sonst da? Ich wusste erst gegen Ende meiner Therapie von dieser Möglichkeit, habe sie dann aber ein paar Mal in Anspruch genommen. Glaub mir: Mit deiner Therapeutin oder deinem Therapeuten kannst du über die banalsten Dinge sprechen. Es herrscht Schweigepflicht, also dringen deine Probleme nie nach außen hindurch.

Ansonsten gibt es auch noch die Gruppentherapie. Hattest du einen Rückschlag, sag es. Keiner in der Gruppe wird dich schief anschauen. Im Gegenteil: Nirgendwo sonst herrscht so viel Verständnis, wie hier. Ich weiß, reden ist kein Nonplusultratipp, aber es hilft ungemein, denn so stößt man auf Verständnis und man merkt dadurch selbst, dass der Rückschlag halb so schlimm ist, wie zuvor angenommen. Wichtig ist nur, dass du mit einer Person sprichst, der du vertraust und die dir das Verständnis gegenüber bringt, welches notwendig ist, um mit der Sache besser umzugehen. Wenn du keine Vertrauensperson hast, dann hast du immer noch die Möglichkeit, zu einer Psychologin zu gehen! Nutz es, denn es bringt sich nichts, Sorgen in sich hineinzufressen.

 

Tipp Nummer 2: Setze dich bewusst mit dem Rückschlag auseinander

Egal, ob du dich ärgerst, weil du in der Woche mehr zugenommen hast, als du verkraften kannst oder ob  dir „einfach“ nur das Mittagessen schwer gefallen ist. Nimm dir die Zeit und reflektiert jeden kleinsten Rückschlag. Frage dich selbst, warum dich die Zunahme so fertig macht oder warum du die verdammten Karotten nicht essen konntest. Manchmal drückt der Schuh ganz woanders, als man anfangs geglaubt hat. Gibt es etwas, das dich gerade belastet? Vielleicht erschwert dir das das Essen. Falls ja: Nimm Abstand von der Belastung. Das geht manchmal leichter als man denkt. Wenn dich eine Person belastet, dann schränke vorerst den Kontakt ein. Es muss nicht für immer sein. Finde die Ursache deiner Belastung. Meistens ist es gar nicht das Essen, sondern etwas ganz anderes.

Vielleicht belastet dich auch gerade eine bestimmte Therapie. Wenn du merkst, die Kunsttherapie tut dir gerade nicht gut, dann sag es der Klinikleitung oder dem Oberarzt. Manchmal lassen die ganz gut mit sich reden und geben dir eine Woche Pause. Nur wenn du die Ursachen kennst, kannst du aktiv etwas dagegen unternehmen.

 

 

Tipp Nummer 3: Tagebuch führen

Schreiben reinigt die Seele. Das wissen wir alle. Nicht umsonst schreiben so viele Menschen Tagebuch – selbst Erwachsene. Halte einfach immer fest, wie es dir geht. Vor allem die guten Tage sind wichtig. Wenn es dir schlecht geht, kannst du die Seiten immer wieder aufschlagen. Notiere jeden kleinsten Erfolg. Du wirst ihn ansonsten schneller vergessen, als du denkst, doch dieser kleine Erfolg ist vielleicht der Schlüssel, um aus dem nächsten Tief wieder herauszukommen. Ich habe während meiner Therapie sogar ein Buch geschrieben und das war wohl meine allergrößte Therapie.

Wichtig: Ignoriere schlechte Tage nicht! Natürlich kannst du an schlechten Tagen die Seiten auslassen, doch das sind vielleicht auch die Tage, an denen das Schreiben noch wichtiger wird, als sonst. Nur: Gebe den Rückschlägen keinen allzu großen Raum. Ich weiß, man kann Gefühlen keine Seitenanzahl vorgeben, doch ich habe immer wieder versucht, mich am Riemen zu reißen und das Problem nicht weiter hochzuschaukeln. Denn ansonsten machst du aus einer Mücke einen Elefanten.

Da ich weiß, dass nicht alle Menschen so ambitioniert sind, ein Tagebuch zu schreiben, habe ich eine extra Empfehlung und JA: Das Buch habe ich auch. Ich bekam es von einer Freundin, nachdem ich eingewiesen wurde. Das Tagebuch für gute und schlechte Tage. Es ist ein Tagebuch zum Ausfüllen und Ankreuzen. Du  kannst in dem Tagebuch sogar zeichnen, z.B.: in einem leeren Gesicht deine Stimmung einzeichnen. Ich habe es geliebt und viele andere Patientinnen haben es sich später auch gekauft.

 

…und dann scheint bald wieder die Sonne

Ich weiß: die Tipps erscheinen sehr simpel und bestimmt hast du mit mehr gerechnet, nicht wahr? Aber sie helfen! Ich hätte auch mit Expertentipps und Therapiemethoden aus der Psychologie ankommen können, denn das theoretische Wissen habe ich. Doch bevor ich mit meinem Fachchinesisch ankomme, teile ich lieber die Dinge, die MIR geholfen haben. Auf diesem Wege möchte ich zeigen, dass es auch einmal simpel sein kann und eine Therapie gegen Magersucht an gewissen Punkten gar nicht so komplex sein muss. Gerade bei Magersucht denken sich viele Menschen, Patienten miteingeschlossen, dass man eine Vielzahl an hochpsychologischen Verfahren durchmachen muss, um sich besser zu fühlen. Vollkommener Quatsch! Nur leider vergisst man in Zeiten der Not oftmals die simplen Dinge und darum sollte man sich diese immer wieder ins Gedächtnis rufen!

 

Bilder via unsplash 

 

I’m more than just a number

 

Neulich wurde ich wieder einmal mit meiner Gewichtszunahme konfrontiert. Auf ziemlich unsanfte Art und Weise wurde mir mitgeteilt, dass ich gut zugelegt hätte. Es ist nicht so, dass ich das selbst nicht auch weiß, nur frage ich mich ernsthaft, warum mein Aussehen, mein Körper und meine Gewichtszunahme so derartig im Mittelpunkt stehen. Warum es so viele Menschen interessiert, ob, wenn und wann mein Gewicht nach oben oder unten schwankt. Warum es mir ständig unter die Nase gerieben wird. Es ist nicht so, dass ich mit einer rosaroten Brille auf meiner Nase herumspaziere und alles durch einen tranceartigen Sternenhaufen sehe, aber im Grunde genommen ist es meine Sache, sodass ich mich ernsthaft frage, warum sich manche Menschen tatsächlich die Mühe machen und sich damit befassen. Gibt es ihnen ein Glücksgefühl, mir meine Gewichtszunahme unter die Nase zu reiben und mir zu verdeutlichen, dass ich nicht mehr bin, als eine äußere Hülle? Eine Zahl? Irgendeine Nummer auf einer Digitalwaage? Für mich ist das nur ein reiner Ego-Orgasmus, den man sich mit solchen Kommentaren selbst beschaffen möchte. Sicher ist mir bewusst, dass dieses Thema bei mir oft im Fokus steht, denn ich schreibe nun mal über meine Erfahrungen mit Essstörungen, Anorexie, Gewichtszu- oder Abnahme, aber diese Zahl, die meine physische Existenz misst, sagt nicht viel über den Menschen dahinter aus.

 

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I’m more than just a number

Hört auf, Menschen auf ihr Aussehen, ihren Körper und ihr Gewicht zu reduzieren!

Bestimmt sind einige der Meinung, dass ich keine Berechtigung hätte, mich darüber aufzuregen. Ich sei selbst schuld, würden sie sagen. Ich lenke dieses Thema selbst auf mich, würde ergänzt werden. Ich beschwöre es quasi hinauf. Nicht wahr? Nein, das tue ich nicht! Warum rede ich so offen über meine frühere Magersucht? Warum rede ich immer noch von einer Essstörung? Warum predige ich ständig vor, dass es wichtig ist, seinen Körper zu lieben? Nicht um den Fokus auf mich zu lenken, nicht um Mitleid aus einem Tiefseeteich voller Empathie zu fischen, sondern weil ich anderen helfen möchte. Ich habe sicherlich kein Helfersyndrom. Zugegeben kann ich auch egoistisch sein, aber nur dann, wenn ich es zwangsläufig sein muss. Nicht um anderen Menschen wehzutun. Ich bin kein reiner Ich-Mensch, aber ich bin ein Mensch, der gelernt hat, auch mal auf sich selbst zu schauen. Doch dieses Thema ist eine Herzensangelegenheit für mich. Weil es ein Grundrecht ist. Ein Recht, das jeder besitzt: Sich selbst zu lieben und anzunehmen. Von anderen akzeptiert zu werden, so wie man ist. 

Klar, es hat mir gefallen, als ich vor nicht noch ganz einem Jahr mit Komplimenten zu meiner schönen Figur überhäuft wurde. Als viele Kommentare sich auf mein Aussehen beriefen und ich es deswegen so genossen habe, weil ich daraus Bewunderung gelesen habe. Dabei habe ich selbst nur in einer Illusion gelebt. Wer hört schon gerne, dass man zugenommen hat? Niemand! Ich gebe es zu: Mich verletzt es heute noch, wenn mir das jemand unter die Nase reibt. Nicht, weil ich nicht damit klarkomme. Nicht, weil ich es selbst nicht einsehe, sondern weil mir dadurch ein bisschen Wert und Würde genommen wird. Weil ich reduziert werde. Auf meinen Körper und auf eine unwichtige Zahl. Es ist ein harter Weg, zu mir selbst zu finden, zu der Akzeptanz und Selbstliebe. Dieser Weg wird durch solche Aussagen massiv gestört. Ich bin nicht hier, um zu jammern, aber ich möchte dazu meine Meinung äußern. Es bringt mich zu zittern, wenn ich damit konfrontiert werde und es versetzt mir einen Stich in meinem Herzen. Ich kann niemanden dazu zwingen, diese Kommentare zu unterlassen, denn ich akzeptiere die Meinungsfreiheit. Nur ich kann nicht ganz verstehen, warum man den Fokus immer auf den Körper lenken muss. Blickt doch hinter den Menschen. Jeder hat sein Talent und kann etwas (oder mehrere Dinge) ganz besonders gut. Die Arbeit sollte wertgeschätzt werden, die Leidenschaft, die sich dahinter verbirgt und nicht ein paar Kilo zu viel oder zu wenig. Genauso steht es auch mit der Herkunft. Denn wäre dieses „nette“ Kommentar nicht schon genug, durfte ich mir auch noch anhören, dass mein Akzent seltsam ist und es, ich zitiere: „scheiße ist, sich das anzuhören“. Ich entschuldige mich nicht für das was und wer ich bin. Ich entschuldige mich nicht für meine Herkunft und meine Gewichtszunahme. Ich bin ich. Ich bin mehr als ein Land und ich bin mehr als eine Zahl!

 

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Meine lange Hungerphase wegen Anorexie

Die Hungerphase

Von Willensstärke, Disziplin bis hin zur vollkommener Selbstzerstörung

Im Laufe meiner Krankheitsgeschichte bekam ich oft die Frage gestellt, wie ich es aushalte, das Hungergefühl zu ertragen. „Also ich könnte nicht so lange nichts essen“, waren die meisten verblüfften Antworten und Selbstaussagen, die ich in dieser Zeit und danach oftmals zu hören bekommen habe. Ja, Hunger tut weh und wir können uns glücklich schätzen, dass wir in einem Land leben, wo es uns so gut geht und jeder, wirklich JEDER Zugang zu Nahrungsmitteln hat. Wir müssen uns nicht jeden Tag die Frage stellen, wie wir den heutigen Tag überleben sollen. 

Tatsache ist: Der menschliche Körper ist dazu konzipiert, lange Zeit ohne Nahrung auszukommen. Bei Flüssigkeit sieht die ganze Sache schon anders aus; im Schnitt überlebt der Mensch maximal drei Tage ohne Wasser. Bei Nahrung sind es zwischen 30-40 Tage. Wenn ich von Nahrung spreche, dann meine ich alles mit Nährwerte und Kalorien. Die Expertin schlechthin bin ich auf diesem Gebiet nicht, aber anders könnte ich mir mein langes Durchhaltevermögen, so traurig es auch ist, nicht erklären.

 

Wie fühlt es sich an, so lange zu hungern?

Ich versuche euch dieses Gefühl anhand von Etappen zu erklären und fasse alles so gut wie möglich zusammen. Abhängig ist das natürlich von der Ausgangssituation. Wenn man sich bewusst zum Hungern entscheidet, um abzunehmen, ist es eine ganz andere Sache, als wenn ein traumatisches Erlebnis dahinter steckt. Ich hoffe, dass von euch nie jemand auf die Idee kommt, bewusst zu hungern, denn das ist eindeutig der falsche Weg zur Sommerfigur und führt schlimmstenfalls auf die Intensivstation. Viele sind sich nicht bewusst, wie schnell das Hungern ausarten kann und in eine vollkommen falsche Richtung führt. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier; er gewöhnt sich auch schnell an das Hungern.

Um euch das ganze zu veranschaulichen, habe ich auch Bilder von mir aus dieser Zeit herausgesucht. Manche davon sind mit dem Smartphone aufgenommen und entsprechen nicht der Qualität, die ihr sonst von mir gewohnt seid. Jedoch sind das wiederum Bilder, die das Ausmaß eindeutiger zeigen.

 

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Ausgangsgewicht
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Nach Woche 1
Woche 2
Nach Woche 2

Die ersten zwei Wochen

Meine Ausgangssituation lag darin, dass mir von einem Moment auf den anderen der Boden von den Füßen weggezogen wurde. Näher werde ich auf dieses Erlebnis nicht eingehen, aber es war etwas, das mir von einem Augenblick auf den anderen den Appetit genommen hat. Ich war wie betäubt, habe nichts mehr gefühlt; so kam es auch, dass ich den Hunger nicht mehr gefühlt habe. Ich fühlte mich leer und verloren. Mich im Stich gelassen. Einfach so. Von heute auf morgen. Darum war die erste Woche für mich so surreal. Hunger war nicht das Thema, denn ich merkte es einfach nicht. Ich merkte nur, dass mir beim Gedanken an Essen schlecht wurde. Innerlich war ich unruhig. Ein bisschen zappelig, wenn man so meinen mag. Diese ganzen Gedanken haben mich nervös, aber auch traurig und wütend gemacht, sodass ich keine Zeit hatte, mir um etwas anderes Gedanken zu machen.

Es erschreckt mich heute noch, wie schnell man wieder in diesen ganzen Teufelskreis hineinkommt. In der zweiten Woche war es mir bewusst, dass ich lange gehungert habe, jedoch habe ich mich irgendwie an die ganze Sache gewöhnt und so traurig das auch klingen mag, es gefiel mir, als ich merkte, wie die Jeans und das Top langsam weiter wurden. Ich war schon lange wieder etwas unzufrieden mit meinem Körper, wäre vor diesem Ereignis jedoch nie auf die Idee gekommen, mich durch hungern wieder zu verschmälern. In dieser Situation sah ich es als einfachen Weg, weil ich mich wieder daran gewöhnt hatte. Aus Neugier begann ich mich wieder zu wiegen. Ich werde keine exakten Zahlen schreiben, weil ich nicht triggern will. Allerdings habe ich versucht, die ganzen Zahlen prozentuell auszurechnen. Ich habe zehn Prozent meines ursprünglichen Gewichts innerhalb von sieben Tagen abgenommen. Aus dem einmaligen Wiegen wurde schnell ein tägliches Wiegen unter einem schier unbeschreiblichen Kontrollzwang. Plötzlich konnte ich nichts mehr zu mir nehmen, bevor ich nicht auf der Waage gestanden habe. Nicht einmal Wasser.

Gegen Ende der ersten Woche versuchte ich jedoch bereits Ersatz zu suchen. So ganz ohne irgendetwas hielt es mein Körper auf Dauer nicht aus. Meine Ernährung beschränkte sich fortan auf Cola Light, Kaugummis und drei Gläser Milch. Selbstverständlich aufgeschäumt, damit ich meinen Körper zu dieser Zeit ordentlich mit Luft füllen konnte. Wenn es ganz schlimm wurde, kaute ich Eiswürfel. An dieser Stelle möchte ich unbedingt noch erwähnen, dass das absolut kein Spaß war und ich so etwas niemanden wünschen würde.

In der zweiten Woche wurde auch meine Mutter langsam auf mein Essverhalten aufmerksam. Bekommt jetzt keinen Schock, dass es ihr erst so spät aufgefallen ist, aber sie ist es gewohnt, dass ich selten mit am Tisch esse und weiß, dass ich oft außerhalb esse oder zu einer anderen Zeit. Wir wohnen zwar im selben Haus, hocken aber nicht 24/7 aufeinander.

 

Hunger Woche 3
Nach Woche 3

Die dritte Woche

Erst in der dritten Woche merkte ich, wie sehr mir diese ganze Sache auf die Substanz geht. Mein Körper zeigte die ersten Anzeichen von Schwäche: Permanente Müdigkeit, schlechte Laune, kaum Kraft. Besonders gemerkt habe ich meine Verfassung, wenn mein Neffe zu Besuch war. S. war zu dieser Zeit neun Monate alt – nicht gerade das einfachste Alter eines Kindes. Zumindest nicht für mich. Ich hatte nicht mehr die Kraft, die Tante für ihn zu sein, die ich vorher war. Ehrlich gesagt war jeder Besuch von ihm mit viel Anstrengung für mich verbunden. Ich hatte nicht die Kraft mit ihm zu toben, zu spielen und auch Spaziergänge gestalteten sich als Herausforderung. Wenn ich jetzt daran zurückdenke, tut es mir unheimlich Leid. Es macht mich wütend, dass nicht einmal seine unschuldigen Rehaugen mein Herz erweichen konnten und ich die Sache zumindest für ihn stoppe.

In dieser Woche kam es auch häufiger zu Streitigkeiten mit meiner Mutter. Meine Freunde redeten bereits auf mich ein, während ich mich auf mich alleine gestellt fühlte und mir einbildete, dass niemand sich die Mühe machen würde, die ganze Sache aus meiner Sicht zu betrachten. Dass mir jeder nur helfen wollte und lediglich die Verzweiflung so ein Verhalten mir gegenüber heraufbeschwor, wurde mir erst im Nachhinein bewusst.

Innerhalb der dritten Woche habe ich 16 % meines Ausgangsgewichtes verloren und war ab diesem Zeitpunkt leicht untergewichtig. Leider -und das bedauere ich heute sehr – hat man zu diesem Zeitpunkt meine Knochen mehr als deutlich gesehen. #nichtschön

 

Woche 4
Nach Woche 4

dWoche 4

 

Die vierte und fünfte Woche

In diesen beiden Wochen ging es mir lediglich darum, bloß nichts zu essen. Ich entwickelte Ängste gegenüber Nahrungsmittel, habe mich aber gleichzeitig umfassend damit beschäftigt. Wollte plötzlich nur noch backen und kochen, nur nicht für mich, sondern für andere. Meine Gedanken kreisten permanent ums Essen und wie ich den Tag am Besten ohne rum bekomme. Da sich mein Körper bereits an diese lange Hungerphase gewöhnt hat, ging das Abnehmen nicht mehr so schnell. Es machte mich wahnsinnig, täglich so geschwächt zu sein, nichts essen zu „dürfen“ (was mir meine Krankheit einredete) und trotzdem nicht weniger zu werden. Lediglich 17 % meines Ausgangsgewichtes habe ich in diesen beiden Wochen noch verloren. Damals war es für mich eine Katastrophe. Ich war lustlos, jedes Treffen mit Freunden fiel mir schwer und ich kämpfte mich durch die Tage und das nur für einen einzigen Prozent Gewichtsabnahme. Dass es damals schon kritisch war – nicht nur von den Gedanken, sondern auch von dem Gewichtsverlust, wird mir erst jetzt wieder deutlich, schließlich befand sich die Abnahme zu diesem Zeitpunkt bereits in einem zweistelligen Bereich und das innerhalb von nur einem Monat.

Ab da kann ich euch auch keine Bilder mehr von einem blanken Bauch zeigen, denn das wäre für mich bereits zu viel des Guten und ich habe immer im Hinterkopf, dass auch leicht beeinflussbare Menschen auf diese Seite kommen könnten. Abgesehen davon schäme ich mich dafür, dass ich so ausgesehen habe. Ja, das tue ich, denn das ist alles andere, als schön. Es ist erschreckend und es tut mir in der Seele weh, dass ich das meinem Körper und mir angetan habe – zum dritten Mal. Leider wage ich es nicht auszuschließen, dass es immer und immer wieder passieren kann. Aber ich gebe mein Bestes, um dagegen anzukämpfen.

 

Tag 37

Ich kann mich an keinen Tag in meinem Leben erinnern, an welchem ich so emotional fertig war, wie nach 37 Tagen ohne feste Nahrung. Ich war nur noch eine äußere Hülle meiner selbst, habe zwar noch prächtig funktioniert, aber so wirklich gut ging es mir zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Die Fassade habe ich aufrecht zu erhalten versucht, doch vor meiner Mutter ist sie gebröckelt. Sie hat irgendetwas Harmloses zu mir gesagt, nichts schlimmes, doch ich habe diese Worte zu persönlich genommen und weiß nur, dass ich in Tränen ausgebrochen bin. Wir beide haben danach lange geredet. Geendet hat der Tag damit, dass wir essen gegangen sind. Nach 37 Tagen hatte ich den Hunger beendet. Vorerst. Es war nicht das Ende vom Spuk. An diesem Tag machte ich übrigens erneut Bekanntschaft mit meinem schlechten Gewissen, das ich nach meinem Klinikaufenthalt nicht mehr in so stark ausgeprägter Form hatte. Ich hatte komplett vergessen, wie es sich anfühlt. Für mich war es wie eine Art Schockkonfrontation.

 

Sep Hungerphase
Mitte September

So ging es danach weiter

Wer denkt, ich hätte ab diesem Zeitpunkt wieder die volle Kontrolle über mich gehabt und das Hungern beendet, der irrt. Es ging so weiter, dass es erneut zu extrem langen Hungerperioden kam – meistens in einem zweiwöchigen Intervall, diesen ich dann (meistens geplant) unterbrochen habe – jedoch nur für einen Tag. Gegen Ende September waren 25 % meines Ausgangsgewichtes futsch. Innerhalb von zwei Monaten habe ich somit ein Viertel von meinem Gewicht verloren, was bei meiner Größe und dem Ausgangsgewicht enorm ist. So machte ich bis ca. Mitte Dezember weiter. Danach kam ich in die Binge-Purging-Phase. Essattacken traten damals immer häufiger auf, bis ich endlich aufgewacht bin und erkannt habe, dass ich die Kontrolle verloren habe und endlich etwas dagegen tun muss.

 

Körperliche Folgen

Thinspiration? Skinny is beautiful? Skinny is perfection? Wer das immer noch so sieht, den kann ich gerne eines Besseren belehren. Meine körperlichen Folgen sind weitreichend und alles andere als schön. Ich hatte:

  • Haarausfall (ca. nach 2 Wochen)
  • Blaue Fingernägel (ca. nach 1 1/2 Wochen)
  • Augenringe, die nicht mehr weggingen, egal wie viel ich geschlafen habe und ich habe viel geschlafen zu der Zeit, weil keine Energie
  • Trockene Haut (die ich aber mit Kokosöl zum Glück ganz gut in den Griff bekommen habe)
  • Blaue Flecken durch kleinste Berührungen (mhm… sehr schön #ironie)
  • KEINEN straffen Bauch (nein, Hungern führt nicht zu einem Flatbelly á la Alina von SizeZero)
  • Eine nicht enden wollende Müdigkeit und permanente Kopfschmerzen
  • Einen Blähbauch durch zu viel Cola Light und aufgeschäumter Milch
  • Eiskalte Finger und Zehen, die bereits so kalt waren, dass ich sie manchmal nicht mehr gespürt habe
  • Schüttelfrost
  • Schwindelanfälle
  • Oft einen trockenen Mund und nach dem Aufstehen eine raue Zunge
  • Ein Katergefühl nach dem Aufstehen
  • Schlafstörungen
  • Keine Kondition und ich bekam teilweise sogar schwer Luft

Wie ihr seht: Freiwilliges hungern lohnt sich nicht. 

 

Beitragsbild via unsplash.com

 

Mein aktuelles Ernährungsverhalten

Mein aktuelles Ernährungsverhalten

Über neue Erkenntnisse und den Weg, eine Routine zu finden

Vielleicht ist es euch aufgefallen, dass ich in diesem Monat noch keine „Fear Food Wins“ vom letzten Monat online gestellt habe. Diese Kapazitäten meines Blogs möchte ich lieber für etwas anderes nutzen, denn mir ist aufgefallen, dass der März doch ganz gut funktioniert hat. Ich habe wenig über Ängste vor Kalorien und bestimmten Nahrungsmittel nachgedacht, sondern zum ersten Mal seit langem bezüglich der Ernährung auch wieder zu leben begonnen. Zudem bin ich wieder um eine Erkenntnis reicher. Eine Erkenntnis, die mir wahrlich die Augen geöffnet hat. Eine Erkenntnis, die notwendig war. Ich schätze, ich kann von einem gut gesetzten Schritt in die richtige Richtung sprechen.

Die wichtigste Erkenntnis meinerseits war, dass ich langsam eine Regelmäßigkeit in mein Ernährungsverhalten bringen muss. Es ist nicht normal, einige Tage lang zu hungern und dann wieder eine Essattacke zu erleiden. Jeder Mensch mit einem gesunden Essverhalten isst täglich. Nicht einmal die Woche und auch nicht nur vier Mal im Monat. Schlanke Menschen essen täglich. Man muss essen, um gesund, fit und schlank zu bleiben. Dabei geht es nicht um abgemagert dünn, sondern um gesund schlank. Zwar geht mir dieser Fitnesswahn zum Teil doch ziemlich auf die Nerven, aber ich glaube, an dem Slogan „fit is the new skinny“ ist etwas dran. Sicher, ich kann mich nicht mit den Federn schmücken, ich wäre eine ehrgeizige Sportskanone. Das bin ich (noch) nicht. Aber ich kann mir über diese Erkenntnis auf die Schultern klopfen, denn für mich war es sehr schwierig, mir das einzugestehen. Ohne Routine im Essen wird es nichts mit dem sportlichen, gesunden und fitten Leben. Ich muss essen. Täglich. Routiniert.

 

Gib deinem Körper das zurück, was er ist!

Eigentlich muss ich mich gar nicht wundern, warum ich in letzter Zeit ziemlich viel zugenommen habe. Die BP-Phase war gravierend. Sie hat sichtliche Spuren hinterlassen und der Ausgang dieser Phase war vorhersehbar. Hier könnt ihr übrigens noch einmal nachlesen, was es mit den unterschiedlichen Phasen einer Anorexie auf sich hat. Nichtsdestotrotz möchte ich mich nicht durch diese Zunahme unterkriegen lassen. Klar, die Gefahr bestand (und besteht womöglich immer noch), dass mich diese Ängste und die schlechten Gefühle, die ich durch die Zunahme hatte, wieder zum Hungern verleiten. Aber ich frage mich: Ist es das überhaupt wert? Nein! Viel zu oft habe ich es schon erlebt. Hungern, radikal und extrem abmagern, in die BP-Phase rutschen, zunehmen und sich schlecht fühlen. Quasi nach dem Motto: Starving-Losing-Binging-Gaining and Repeat. Ich habe mir viele Gedanken gemacht. Mich gefragt, wie ich leben möchte. Dabei kam ich zu folgendem Conclusio: Ich will aus diesem Strudel ausbrechen. Ein gesundes und normales Leben führen. Doch das wichtigste unter all diesen Wünschen: Ich möchte mich selbst lieben. Mich selbst akzeptieren, wie ich bin. Ich möchte das sein, was ich bin. Ich möchte meinem Körper die Form geben, für die er bestimmt ist. Die mit einer normalen Ernährung zu meiner Ursprungsform führt. In die Form, für die mein Körper geschaffen ist. Sport ist dabei noch gar nicht miteinbezogen. Man sieht immer besser aus, wenn man definierter ist. Das hat mit Schlanksein gar nichts zu tun.

 

Meine ersten Schritte in die richtigen Richtung

Ja, die Zunahme hat mir im Herzen wehgetan. Ich konnte es nicht steuern und ich wünschte mir, ich hätte es niemals passieren lassen. Aber es musste so kommen, denn in einer Essstörung steuert man nicht mehr. Man wird gesteuert. Leider ist das die bittere Wahrheit, mit der ich klarkommen muss. Jede/r Betroffene hat die Kontrolle verloren. Auch diejenige, denen es gelingt, immer spindeldürr zu bleiben. Auswirkungen sind -wie ich es bereits des Öfteren erklärt habe- unterschiedlich. Mich hat es eben auf diese Art und Weise getroffen. Wichtig war, dass ich meine Muster erkenne. Ich weiß, dass ich zwar lange ohne Nahrung auskomme. Dass ich wirklich länger hungern kann, als meine beiden Hände Finger haben. Aber genauso weiß ich, dass es Phasen gibt, an denen ich schwach bin. Egal, ob es das Hungern oder eine Essattacke ist, es passiert MIT mir. Nicht ich steuere es. Ich muss es zwangsläufig mit mir geschehen lassen. Schlussendlich führt all das zu Selbstzweifel, über die ich vor kurzem in diesem Post gesprochen habe. 

Was muss ich also tun, um dem entgegenzuwirken? Ganz genau! Ich darf nicht mehr hungern. Auch wenn mich das Hungern episodisch megadünn macht, es führt auch dazu, dass ich wieder Attacken bekomme. Attacken, in denen alles außer Kontrolle gerät. Die mich wieder zunehmen und noch schlechter fühlen lassen. Fakt ist: Ich war nie glücklich mit meiner Figur. Weder in den spindeldürren Phasen, noch in den Phasen, in denen ich richtig „chubby“ wurde. Weil ich das nicht mehr durchmachen möchte, brauche ich diese Routine. Darum versuche ich täglich, zu essen. Immer mit der Angst im Hinterkopf, es könnte ausarten oder ich könnte mich davor fürchten, noch mehr zuzunehmen. Ich weiß, dass ich da durch muss. Dass ich eine Routine finden muss. Dass meine Ernährung nur dann gesund ist, wenn sie regelmäßig ist. Dass ich nicht dick werde, wenn ich meinem Körper das zuführe, was er braucht. Sondern dass er in seine Ursprungsform, die Form, für die er geschaffen ist, zurückkehrt. Ich muss mir klar werden: Kein Mensch ist von Natur aus dick, wenn er sich gesund und richtig ernährt.

 

Was bisher geschah

Ich kann mich an meine letzte Essattacke nicht mehr erinnern. Sie muss somit schon etwas länger her sein.  Trotzdem habe ich mich in letzter Zeit nicht durch eine besonders gesunde Ernährung ausgezeichnet. Ich bin dem verfallen, was ich mir so lange verboten habe. Habe es nicht mehr kontrolliert. Es geriet sozusagen noch mehr außer Kontrolle. Ich sah mich im Spiegel an und war nicht mehr glücklich. Kurzzeitig dachte ich ans Hungern. Doch dann fasste ich mich an der Nase und fragte mich ernsthaft, ob dadurch alles gut werden würde. Nein, es ist nicht der richtige Weg. Es ist wie ein Durchlauf, der sich immer wiederholt. Ich wollte mein Schicksal nicht besiegeln. Ich will ausbrechen. Die Repeattaste endlich ausschalten. Vor etwa zwei Wochen habe ich nun angefangen, sehr auf meine Ernährung zu achten. Ich habe mir geschworen, es gibt keine Verbote. Verbote führen nur zu einer Ausartung der Extraklasse. Nur esse ich Dinge, von denen ich fürchte, es könnte eine Essattacke geben, nur dann, wenn ich mit jemanden zusammen bin.

Ich esse nun sehr viel Gemüse und andere gesunde Lebensmittel. Meine einseitige Milchschaumernährung gehört fast der Vergangenheit an. Ich pumpe meinen Magen nicht mehr mit Luft auf. Noch vor zwei Wochen bekam ich mein Dirndl fast nicht mehr zu. Heute habe ich es wieder probiert. Es geht problemlos zu. Klar, wenn der Körper mit solchen Mengen auf einmal kämpfen muss, bläht er sich auf (auch wenn das Hungern ein paar Tage gedauert hat). Das hält sehr lange an und man nimmt zu. Langsam geht auch mein Mondgesicht zurück – in seine Ursprungsform. Ich werde wieder aktiver, bin motivierter und nicht mehr so antriebslos. Meine Haare gehen mir zwar nach wie vor aus und es sind weiterhin dickere Strähnen, aber ich muss mir dessen klar sein, dass mein Körper Zeit braucht.

Langsam bekomme ich wieder ein Gefühl für meinen Hunger und das Sättigungsgefühl. Ich merke, wann mein Körper wirklich etwas braucht und wann er nur einen Gusto hat. Wenn ich im Cravingzustand bin, denke ich an Lebensmittel, auf die ich aktuell nicht gerade Lust habe. So mache ich mir bewusst, dass mein Körper momentan keine Nahrung möchte und er nichts braucht.

 

Bin ich nun geheilt? Oder auf dem besten Wege geheilt zu werden?

Ich würde nicht davon sprechen, dass ich geheilt bin. Ich werde immer damit zu kämpfen haben. Aber ich glaube, dass ich langsam den Umgang damit finde, nach dem ich schon so lange gesucht habe. Ich distanziere mich vor Behauptungen, dass ich nie wieder ins Hungern gerate. Das kann schneller passieren, als man denkt. Vor allem weiß ich, wie ich auf Liebeskummer oder Verluste, sowie Stress reagiere. Aber ich lasse es nicht mehr darauf ankommen. Ich bleibe stark! Denn Mädels und Jungs: Wir verdienen nur das Beste. Wir verdienen es, glücklich zu sein. Wir verdienen es unseren Körper zu schätzen und zu lieben. Wir brauchen Mut und Kampfgeist. Und diese zwei Dinge stecken in allen von uns! Nur nicht aufgeben.

 

Meine Therapie gegen Magersucht

Meine Therapie gegen Magersucht

Meine Erfahrungen und Erlebnisse

 

Achtung! Es wird ein langer Post. Darum danke ich jedem, der sich die Zeit nimmt, ihn durchzulesen.

 

„Ich habe wieder darüber nachgedacht, eine Therapie zu machen“, habe ich vorletzten Freitag zu meinen Freunden gesagt. Vielleicht sprach die große Dose Bier aus mir, vielleicht habe ich das auch nur gesagt, weil ich wieder einmal einen megasentimentalen Moment hatte. Eigentlich habe ich mich immer vehement gegen eine zweite Therapie gewehrt. Zu tief sitzen die Wunden der Ersten. Ich bin durch die Hölle gegangen. Gleichzeitig betitle ich sie oft als eine der schönsten Zeiten meines Lebens. Je mehr ich darüber nachdenke, umso mehr frage ich mich: War es das überhaupt? Ich zweifle daran. Wenn es so schön war, dann frage ich mich, warum ich jetzt nicht mehr dazu bereit bin, eine weitere Therapie zu wagen? Liegt es daran, weil ich momentan wieder ziemlich viel zugenommen habe und nicht mehr zu dünn bin? Habe ich etwa Angst davor, mich so vor anderen Betroffen zu präsentieren, die wie die „klassischen Magersüchtigen“ aussehen? Womöglich rede ich mich auch immer raus. Ich habe doch keine Zeit dafür. Das Studium geht vor. Ich habe ohnehin schon so viel Zeit mit der ersten Therapie „vergeudet“. Ja, vergeudet, denn gebracht hat sie letztendlich nichts! Dank meiner Krankheit werde ich mit meinem Studium erst ein oder zwei Semester später fertig. Ich will endlich ausziehen! Das geht nur mit einem Abschluss und einem geregelten Job in der Schule. Oder sehe ich die Zeit nur deswegen als schön an, weil ich unglaublich liebe Menschen kennengelernt habe, die mir innerhalb kürzester Zeit ans Herz gewachsen sind? Wahrscheinlich war ich die ganze Zeit blind. Doch je mehr der Kontakt verblasst ist, umso klarer sehe ich die Situation jetzt. Knapp vier Jahre danach reflektiere ich die Zeit immer noch. Momentan mehr denn je.

 

Es war ein steiniger Weg…

…aber er war notwendig

Ich möchte meine Therapie in keinem schlechten Licht darstellen. Heute weiß ich, dass sie damals notwendig war. Vielleicht bin ich überdramatisch, wenn ich sage, dass ich ohne diese Therapie heute wahrscheinlich nicht mehr da wäre. Zu dem Zeitpunkt, es war im Mai 2012, war ich in einer unglaublich schlechten Verfassung. Zu meinem starken Untergewicht kamen Depressionen hinzu. Üblich bei einer Essstörung. Im Grunde genommen habe ich nur noch existiert. Keine Freude mehr im Leben verspürt. Bin nur noch meinem Alltag nachgegangen. Habe versucht, meine Verpflichtungen zu erfüllen und irgendwie über den Tag zu kommen. Ich möchte nicht zu sehr ins Detail gehen, wie meine Therapie begonnen hat. Ich möchte nur so viel sagen, dass ich nach einem Zusammenbruch in der Intensivstation aufgewacht bin. Dort wurde mir zum ersten Mal klar, was ich meiner Familie, meinen Freunden und mir damit antue. Wie viele Freunde ich damit verloren habe. Obwohl ich mich noch nicht dazu bereit fühlte, spürte ich, dass es richtig war, etwas dagegen zu unternehmen. Nicht mir zuliebe, sondern viel eher meiner Familie und meinen Freunden zuliebe. Dadurch habe ich alte Freunde zurückgewonnen, aber leider auch etwas verloren. Vor meiner Therapie habe ich mich mit jemanden getroffen, in dem ich mich während meines Krankenhausaufenthaltes verliebt habe, nachdem er mich das erste Mal besuchte. Er hat mir versprochen, mir beizustehen und gesagt, dass wir das gemeinsam überstehen werden. Danach hielten wir viel telefonischen Kontakt, bis er mir damals gegen Ende meiner Therapie plötzlich geschrieben hat, dass er jemand anderes kennengelernt hätte. Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals darüber spreche. Davon wissen nur sehr wenige. Jetzt erzähle ich es der Öffentlichkeit. Schon verrückt. Womöglich ist das auch ein Grund, was mich davor abschreckt, es noch einmal zu probieren. Angst vor dem Verlassen werden. Dabei weiß ich ganz genau, dass mich mein jetziges Umfeld NIE im Stich lassen würde. ER hat es damals getan und ja, es tat weh. Es tat verdammt weh. Sogar heute noch tut es weh, wenn ich darüber nachdenke. Er war der Erste, bei dem sich eine Beziehung richtig angefühlt hat. So kann man sich täuschen. Allerdings habe ich mir lange Zeit selbst die Schuld gegeben, warum all das in die Brüche ging. Trotzdem habe ich nicht aufgegeben. Auch nicht nach diesem Schlag ins Gesicht. Heute denke ich mir nur: „Fuck you!“, wenn ich an ihn denke und bin froh, es durchgezogen zu haben. Zwar war die Überredungskunst einiger Freunde notwendig, aber ich habe in den sauren Apfel gebissen. Das ist alles, was zählt.

 

So war die Therapie

Meine Station

First: Ich werde die Klinik nicht namentlich nennen, in welcher ich Patientin war. Das liegt nicht daran, weil ich mich dafür schäme, sondern weil ich nicht weiß, ob ich zunehmend positiv darüber sprechen kann. Es ist mir nicht peinlich zu sagen, dass es sich hierbei um eine psychiatrische Klinik gehandelt hat. Im Grunde genommen sollte das logisch sein, denn eine Essstörung ist -BINGO- eine Krankheit, die sich im Kopf abspielt. Dementsprechend wird sie auch in solchen Kliniken behandelt. Wir hatten damals sogar eine eigene Gruppe, die nur aus Patienten mit Essstörungen bestand. Auf der Station befanden sich noch Menschen mit Depressionen oder Burnout, aber keine, die unter noch schlimmeren Krankheiten litten, wie beispielsweise Schizophrenie. Auch andere Patienten mit Suchterkrankungen, wie Alkoholismus oder Drogenabhängigkeit, waren in unserer Station nicht vorhanden, obwohl man eine Essstörung durchaus als solche einstufen könnte. Sie heißen umgangssprachlich schließlich nicht umsonst MagerSUCHT, Ess-Brech-SUCHT oder EssSUCHT. Nur unterscheidet sich unser „Entzug“ dann doch sehr stark von den anderen. Somit war unsere Station recht angenehm, was nicht heißen soll, dass ich Probleme mit Menschen mit „schwierigeren“ psychischen Erkrankungen habe. Ich käme nicht einmal im Traum darauf, Menschen zu klassifizieren. Jeder, der unter einer Erkrankung leidet, egal ob psychisch oder physisch, trägt eine große Last mit sich. Nur stelle ich es mir schwierig vor, damit umzugehen, wenn ich tagtäglich damit konfrontiert gewesen wäre. Dadurch, dass ich Psychologie studiere, weiß ich zumindest theoretisch, wie sich beispielsweise ein Drogenentzug äußert. Ich hätte es psychisch wahrscheinlich nicht ausgehalten, diesem Leidensweg Tag für Tag ausgesetzt zu sein. Zudem habe ich in der ersten Klinik eine Frau kennengelernt, die einen kalten Morphiumentzug gemacht hat. Es war kein schöner Anblick, sie leiden sehen zu müssen.

 

Mein erster Tag

Mein erster Tag in der Klinik hinterließ bereits prägende Spuren. Ich bekam den Alltag einer Psychiatrie faustdick mit. Beispielsweise mit schreienden Patienten, Polizeiaufgebot und einer Patientin, die mich die ganze Zeit umarmen wollte und mir nachlief, als ich auf einer bestimmten Station auf meine Einweisung wartete. Leider befindet sich die Anmeldung genau in jenem Gebäude, in welchem mitunter schwierigere Fälle eingeliefert wurden. Am Liebsten hätte ich zu meinem Vater gesagt, dass er mich sofort wieder mit nach Hause nehmen sollte, denn durch diese verschiedenen Szenen wurde ich wahnsinnig abgeschreckt. Ich wollte nicht hierbleiben.

Die Einweisung verlief an und für sich ganz kurz. Ich wurde in ein Praxiszimmer gelotst, wo ich gemessen und gewogen wurde. In meiner ersten Klinik habe ich bereits einige Kilos zugenommen. Bei meiner Entlassung aus der ersten Klinik wog ich um die 50 kg. In der zweiten Klinik war es beim Wiegen etwas weniger, aber mehr als früher. Natürlich war ich megaunglücklich über diese Gewichtszunahme, sodass ich mich selbst nicht kontrollieren konnte und erstmals einen tiefen Seufzer ausstieß. Die behandelte Ärztin zeichnete sich nicht gerade durch Freundlichkeit aus, sondern ermahnte mich, dass ich nicht so eine Szene machen sollte wegen meinem Gewicht. Obwohl ich das meines Wissens nicht getan habe. Danach wurde ich augenblicklich ins kalte Wasser geschmissen. Ich sollte mich in den Speiseraum setzen und etwas essen. Durch Vorgespräche wusste ich bereits, dass dienstags Wiegetag war. Meine Einweisung war an einem Montag. Dadurch, dass ich mein Gewicht schon kannte und ich unglaubliche Ängste ausstand, am nächsten Morgen noch mehr zu wiegen, wollte ich selbstverständlich nichts mehr essen. Da hatte ich die Rechnung allerdings ohne die Stationsschwester gemacht. Sie blieb so lange bei mir, bis ich den letzten Bissen dieser verdammten Kürbislasagne aufgegessen hatte. Es klingt vielleicht übertrieben, aber für mich waren es Höllenqualen, die ich Bissen für Bissen ausstand.

Nachdem die ganze Prozedur überstanden war, wurde ich auf mein Zimmer gebracht. Dort traf ich das erste Mädchen, welches ebenfalls und sichtbar unter Magersucht litt. Am Anfang erschien sie mir suspekt, ein bisschen spooky, doch sie wurde in der Klinik zu meiner wichtigsten Vertrauten und wir hielten auch nach unserer Therapie Kontakt, der mittlerweile bedauerlicherweise abgebrochen ist. Sie hatte auch nicht gerade den besten ersten Eindruck von mir und erzählte mir später, dass sie mich für eine Tussi hielt, als ich mein Nail Care Paket auspackte und  begann, mir vor ihr meine Nägel zu machen. Allerdings haben wir uns im Laufe der Therapie kennengelernt und sind zu einer richtigen Einheit zusammengewachsen.

 

Die Mahlzeiten

Die ersten Tage fielen mir unglaublich schwer. Ich musste mich erst einfinden und mit all dem zurechtkommen. Ich musste bei allen Mahlzeiten brav anwesend sein und mitessen. Dadurch erhöhte sich die Kalorienangabe, die ich tagtäglich zu mir genommen habe, ohne dass ich es selbst auf irgendeine Art und Weise steuern konnte. Zusätzlich musste ich hochkalorische Flüssignahrung trinken. Es waren etwa um die 1500 Kalorien mehr, die ich von heute auf morgen zu mir nehmen musste bzw. sollte, um zuzunehmen. Freiheiten hatten wir beim Abendessen. Die letzte bzw. vorletzte Mahlzeit des Tages nahmen wir gemeinsam mit „Nicht-Essstörungspatienten“ ein – eine optimale Voraussetzung fürs Schummeln. Unsere Tabletts wurden oft kontrolliert, um die eingenommene Essensmenge abzuschätzen. Wer weniger aß, musste am Abend noch eine Jause essen. Ich habe OFT mein ganzes Essen einem anderen Patienten gegeben. Man findet schnell seine Verbündeten. Anfangs habe ich viel in Servietten eingewickelt und dann schnell weggeschmissen. Das ist bereits ein Aspekt, den ich kritisiere. Generell wurde uns beim Essen nie wirklich eine Richtung vorgegeben. Bezüglich der Menge hatten wir oft Freiheiten, sodass ich anfangs nach wie vor zum Frühstück nur ein Naturjoghurt und einen Apfel aß. Auch zu Mittag durften wir uns so viel ( oder besser gesagt so wenig ) auf den Teller laden, wie wir wollten. Nur bei der Flüssignahrung waren sie happig. Die musste ausgetrunken werden. Ich frage mich, warum man nicht mehr Unterstützung bekommt, da man gerade dabei ist, sich eine normale Ernährung anzueignen. Besonders am Anfang hätte ich gerne eine Richtung gehabt. Freiheiten kann man nach und nach geben, aber nicht zu Beginn. Natürlich habe ich diese Freiheit ausgenutzt. Natürlich habe ich meine Kalorien so niedrig wie möglich gehalten. Natürlich habe ich nur Gemüse gegessen oder Joghurt. Im Grunde konnte ich so weitermachen, wie zuvor. Ich verstehe die ganzen Widersprüche nicht. Entweder man wurde mit Argusaugen kontrolliert und beobachtet, oder man konnte tun und lassen, was man wollte. Besonders sauer wurde ich oftmals durch Aussagen der Ernährungstherapeutin. Sie schob meine Abneigung gegenüber Marillen oder Vollfetttopfen auf meine Essstörung, was absoluter Quatsch ist. Auch vor meiner Krankheit hätte ich mich geweigert, selbstgemachte Marillenmarmelade zu essen. Ich hasse Marillen seit jeher, genauso wie Halb- oder Vollfetttopfen. Ich mag kein bröseliges Milchzeugs, darum habe ich bereits als Kind nur Magertopfen gegessen. Ich empfand es als ungerecht, dass sie meine persönlichen Präferenzen mit meiner Essstörung in Zusammenhang brachte. Sie kennt mich nicht. Woher soll sie wissen, dass sie Recht hatte? Ich lasse mir nicht gerne Dinge unterstellen, die nicht so sind.

 

Therapien gegen Essstörungen müssen reformiert werden

Ich habe mich bereits genau über weitere Therapiemöglichkeiten informiert. Aber keine sagt mir wirklich zu. Zumindest keine, die in der Nähe ist. Therapien gegen Essstörungen müssen reformiert werden. Es kann wohl nicht wahr sein, dass man ständig Gruppentherapien hat, aber nie die Möglichkeit zu einem Einzelgespräch bekommt. Darum muss man sich selbst kümmern – was ich lange Zeit nicht wusste. Es hat mir niemand gesagt, darum hatte ich meine erste Einzeltherapie erst gegen Ende meines Krankenhausaufenthaltes. Zuvor musste ich mir ständig die Probleme von anderen in der Gruppe anhören. Es kann helfen, aber es kann auch enorm runterziehen. Vor allem, wenn gewisse Patienten ständig das Wort an sich reißen und man kaum die Möglichkeit hat, zu sprechen. Darüber hinaus gibt es so viele intime Sachen, die man nicht vor aller Menschheit ausplaudern möchte. Das geht nicht einfach so. Klar, man unterstützt sich gegenseitig, aber eine gewisse Distanz ist notwendig, um die ganze Krankheit und die Probleme, die davor und dadurch entstanden sind, aufzuarbeiten.

Ich habe lange überlegt, ob ich darüber sprechen soll. Ich will niemanden beeinflussen, nun keine Therapie zu machen. Es gibt durchaus wunderbare Therapieangebote und für viele Menschen, die unter Essstörungen leiden, ist dies notwendig. Ich würde mir nur wünschen, dass allen voran der Staat auch auf diese Krankheiten achtet. Dass endlich etwas dagegen unternommen wird. Dass das Gesundheitssystem besser aufgebaut wird und dass Rücksicht auf diese Krankheiten genommen wird. Mir ist klar, dass es andere, vielleicht sogar schlimmere Krankheiten gibt und es ist schwierig, es jedem gerecht zu machen. Doch in unserer Gesellschaft rutschen immer mehr Menschen, allen voran junge Mädchen, in diese furchtbare Krankheit. Es fehlt der Aufklärungsbedarf und es fehlen die Optionen, ein besseres Selbstwertgefühl aufzubauen. Das beginnt bereits in der Schule. Mein Psychologieunterricht war zum Kotzen. Über Magersucht wurden wir nur wenig aufgeklärt und das, obwohl wir eine reine Mädchenklasse waren. Die Schule wurde ohnehin überwiegend von Mädchen besucht, deswegen sollten gerade hier Essstörungen, wie auch andere Tabuthemen (u.a. Depressionen, Borderline usw.) gut besprochen werden.

 

Coming next: Mein Therapieablauf

Da dieser Post wirklich zu lang werden würde (obwohl er ohnehin bereits eine exorbitante Länge aufweist), werde ich einen gesonderten Post zu meinen Therapieabläufen schreiben.

 

Picture taken by Alex

 

Magersucht und ihre Subtypen

Magersucht und ihre Subtypen

Von restriktiv bis hin zu Binge-Eating/Purging

In meinem letzten Post über Magersucht habe ich euch bereits erzählt, dass es zwei unterschiedliche Subtypen der Krankheit gibt, von denen ich euch heute erzählen möchte. Ich werde diesen Post auch nutzen, um euch etwas von meinem Krankheitsverlauf beginnend ab Sommer 2015 bis jetzt zu erzählen.

 

Magersucht

In Österreich leiden ca. 2500 Mädchen zwischen 15-20 Jahren an einer ausgeprägten Magersucht. Im Schnitt kommen 600 Neuerkrankungen jährlich dazu. Um die Diagnose Magersucht stellen zu können, muss laut ICD-10 das Gewicht 15% unter dem Normalgewicht liegen bzw. einen BMI von 17,5 aufweisen. Der Body Mass Index besitzt jedoch keine starke Aussagekraft, weil er beispielsweise genetisch bedingtes Untergewicht nicht berücksichtigt. Außerdem gibt es weitere Kriterien, um eine Magersucht zu diagnostizieren. Beispielsweise bei einem beabsichtigt herbeigeführten Gewichtsverlust von mehr als 30% des Ausgangsgewichts, was theoretisch bedeutet, dass man auch im Normal- oder Übergewicht anorektisch sein kann. Ein weiteres Kennzeichen für Magersucht ist ein rascher Gewichtsverlust innerhalb von 3 Monaten.

Magersucht verläuft nicht bei jedem Betroffenen gleich. Prinzipiell unterscheidet man zwischen zwei Subtypen: Restriktiver Subtyp Binge-Eating/Purging Subtyp. 

 

Subtyp: Restriktiv

Der restriktive Typ ist jener Typus, den man sich unter einer „klassischen Magersüchtigen“ vorstellt. Die Nahrungsaufnahme wird vehement verweigert, man zählt Kalorien und eine bestimmte Kaloriengrenze darf nicht überstiegen werden. Zusätzlich werden nur Nahrungsmittel konsumiert, die als „safe“ angesehen werden, sprich kalorien- und fettarme Produkte, Low-Sugar- und Low-Carb-Produkte und Gemüse. Obst ist oftmals problematisch wegen des hohen Fruchtzuckeranteils, wird aber auch in geringen Mengen gegessen. Aber auch hier zeigen sich oftmals abnorme Verhaltensmuster. Beispielsweise essen viele einen Apfel nur geschält, weil die Schale „zu viele“ Kalorien hat.

Im restriktiven Typus gibt es keine Essattacken und man setzt auch auf keine Purging-Maßnahmen für die Gewichtsreduktion, wie Erbrechen oder die Einnahme von Abführmittel. Übermäßig sportliche Betätigung kann jedoch eine Begleiterschein des restriktiven Typus sein, sofern man noch die Kraft dazu hat oder sich zumindest einbildet, man hätte sie.

 

Meine restriktive Phase

Meine restriktiven Phasen habe ich für gewöhnlich in den wärmeren Jahreszeiten. Die letzten zwei Jahre nach meiner Therapie blieb ich davor verschont, doch alles hat sich im letzten Jahr verändert. Im Sommer 2015 war meine restriktive Phase sehr stark ausgeprägt, wo ich jegliche Nahrungsmittelaufnahme vehement verweigert habe. Das heißt, dass ich wenige Wochen lang wirklich gar nichts zu mir genommen habe, außer laktosefreie Milch, Cola light, zuckerfreie Energydrinks, Kaugummis und Zigaretten. Mein Energielevel war auf Ultralow programmiert und ich wundere mich selbst, dass ich zu dieser Zeit die Kraft hatte, zu bloggen oder so viel mit meinen Freunden zu unternehmen. Zu dieser Zeit habe ich auch sehr viel geschlafen. Untertags meistens noch zwei oder drei Stunden. Ein Glück, dass Ferien waren.

Ein so langer Nahrungsmittelentzug geht auch stark auf die Psyche. Irgendwann gegen Ende August war ich mit meinen Nerven vollkommen am Ende, sodass nur ein Wort genügte, um mich aus der Fassung zu bringen. Ich weiß noch ganz genau, dass Mama Lait etwas zu mir gesagt hat, was nicht böse gemeint war, für mich jedoch wie ein Vorwurf klang. Das Resultat war ein Tränenausbruch. Der Tag hat damit geendet, dass Mama und ich etwas essen gegangen sind. Dieser Tag war wohl wichtig, denn nach und nach sind kleine Verbesserungen eingetreten. Von September bis Mitte Dezember war es etwas besser. Wir waren Frühstücken, in Triest habe ich mich nach langer Diskussion immer zum Essen überreden lassen und ich war auch auf dem Street-Food-Market und habe mir dort den Tag nicht von dieser dummen Krankheit versauen lassen. Trotzdem waren die meisten Tage restriktiv, bis an den Weihnachtsfeiertagen die Binge-Eating/Purging-Phase (BP-Phase) begonnen hat.

 

Food
Quelle: Gratisography

 

Subtyp: Binge-Eating/Purging

Es ist schwierig, in einer Anorexie dauerhaft restriktiv zu bleiben. Irgendwann hält es der Körper nicht mehr aus und holt sich das zurück, was er braucht und was ihm so lange verwehrt wurde. Da kann man sich auch noch so sehr dagegen wehren. Irgendwann steuert man nicht mehr selbst, sondern man wird gesteuert. Obwohl viele Menschen Magersucht immer mit einer strikten Nahrungsverweigerung assoziieren, leiden sehr viele unter diesem Subtyp oder -wie es bei mir ist- episodisch unter diesem Subtyp. Unter Binge-Eating/Purging versteht man jenen Typus, in welchem während einer bestimmten Episode der Anorexia nervosa häufiger Essattacken auftreten. Nach diesen Essattacken zeigen Betroffene häufig ein „Purging“-Verhalten. Das heißt: selbstinduziertes Erbrechen und/oder Missbrauch von Laxanzien und/oder Diuretika. Diuretika sind Arzneimittel, die eine erhöhte Wasserausscheidung bewirken. Rezeptfrei sind sie zum Glück nicht erhältlich.

Der Unterschied zu einer Bulimie liegt darin, dass die Essattacken nicht so häufig auftreten. Manche bleiben während der gesamten Krankheit in diesem Typus, manchmal ist es auch nur episodisch und nicht auf Dauer.

 

Meine BP-Phase

Während den Weihnachtsfeiertagen hat es mich leider ein bisschen erwischt. BP-Phasen treten bei mir in den kalten Jahreszeiten auf. Erklären, warum das so ist, kann ich nicht. Ich schätze, es hat etwas damit zu tun, weil mein Körper in der Kälte die Nährstoffe dringender den je benötigt. Für mich persönlich ist die BP-Phase wesentlich schlimmer, schwieriger und unerträglicher, als die restriktive Phase. Essattacken sind anstrengend. Besonders schlimm ist es, weil man nichts dagegen machen kann. Sie tauchen eben auf. So eine Attacke kann den ganzen Tag andauern. Manche „wachen“ aus diesem Delirium zwar auf und belassen es nach einiger Zeit, aber eben nicht alle.

Essattacken können durch bestimmte Nahrungsmittel ausgelöst werden, manchmal kommen sie auch einfach so. Natürlich nehmen viele in dieser Phase zu, dazu zähle auch ich. Man sieht zwar in der BP-Phase oftmals gesünder aus und nach Außen hin wirkt es so, als wäre die Essstörung überwunden, doch dem ist nicht so. Vielleicht fühlt man sich, trotz der Anstrengung in dieser Phase, körperlich besser, weil der Körper Nahrung bekommt, aber der seelische Schmerz ist für mich persönlich in der BP-Phase wesentlich größer. Es ist oftmals unerträglich, sich im Spiegel ansehen zu müssen, vor allem nachdem „es“ wieder passiert ist. Genau deswegen ist auch der Satz „Du siehst wieder viel besser aus“ unangebracht. Und genau deswegen habe ich diesen Satz in die Liste der Sätze erwähnt, die man nicht zu einem Menschen sagen sollte, der unter einer Essstörung leidet. Man kann nie wissen, in welcher Phase sich ein Betroffener gerade befindet. Eine Gewichtszunahme bedeutet nicht, dass die Essstörung überwunden oder geheilt ist. Sie kann auch eine BP-Phase bedeuten.

Detailliert möchte ich meine BP-Phase nicht schildern. Ich kann nur so viel dazu sagen, dass es seit den Weihnachtsfeiertagen bis Mitte Januar etwa einmal in der Woche vorgekommen ist. Für mich ist es eines der schlimmsten Gefühle, doch so langsam ist die Phase am Abklingen. Ich kann im Januar auch einige Erfolge verbuchen, die ich euch am Sonntag zeigen werde. Ich bin wirklich froh, dass die Phase am Abklingen ist und ich hoffe, dass nun nicht wieder der Übergang in eine restriktive Phase folgt. Momentan versuche ich mich wieder darauf zu fokussieren, eine gesündere Beziehung zum Essen aufzubauen, auch wenn es schwierig ist. Aber ich habe zum Glück Menschen an meiner Seite, die mich unterstützen und für mich da sind.

 

Subtypen
Quelle: Kamboompics

 

Last but not least

Diesen Post möchte ich mit Worten und Zeilen beenden, die mir persönlich am Herzen liegen. Trotz dieser Krankheit bin ich nicht unglücklich. Auch wenn es mich „erwischt“ hat, kann ich von mir selbst behaupten, dass das noch lange kein Grund ist, mein Leben als sinnlos abzustempeln. Eine Essstörung ist eine große Herausforderung, aber ich merke, wie ich jeden Tag daran wachse und stärker werde. Nicht, weil ich dazu in der Lage bin, mich und meinen Körper zu steuern, diszipliniert bin oder ähnliches. Sondern, weil ich die Kraft habe, weiterzumachen. Nicht aufzugeben! Auch in einer BP-Phase, die doch sehr viel Kraft und Nerven kostet. Das würde ich nie schaffen, hätte ich nicht meine Lieben um mich. Darum: Gebt nicht auf! Das Leben ist lebenswert! Trotz Schicksalsschläge, trotz Krankheiten, trotz Tiefpunkte! Jeder Mensch ist dazu gemacht, ein Kämpfer zu sein!

 

Bilder von Gratisography und Kaboompics

6 Things you shouldn’t say to an anorexic

6 Things you shouldn’t say to an anorexic

…or to someone who has (beaten) an eating disorder

Oftmals werde ich gefragt, wie man richtig mit einem Menschen umgeht, der unter einer Essstörung leidet. Wenn eine nahestehende Person oder gar man selbst betroffen ist, ist man plötzlich mit Ausnahmesituationen konfrontiert. Menschen mit Essstörungen ziehen sich zurück, lassen niemanden mehr an sich heran und reagieren extrem empfindlich auf das, was man zu ihnen sagt. Mit verletzenden Aussagen wurde ich auch stets konfrontiert. Einerseits kann ich gut verstehen, dass Angehörigen oft die Worte fehlen und sie nicht wissen, was sie sagen können. Andererseits sollte man sich doch Gedanken machen. Es ist gar nicht so einfach, die richtigen Worte zu finden. Manchmal frage ich mich auch: gibt es die überhaupt? Das ist schwierig, denn meistens weiß ich selbst gerade nicht, was ich will. Eines steht jedoch fest: schönreden muss man gar nichts! Aber es gibt diverse Floskeln, die man doch lieber vermeiden sollte. Dazu gehören nicht nur unangebrachte Aussagen, wie „Iss einfach was.“, sondern auch diverse Ratschläge, egal wie gut gemeint sie auch sein mögen. Menschen, die sich ihrer Essstörung bewusst sind und sich den Problemen stellen (wollen), wissen ganz genau, was sie besser machen können. Tatsache: sie können es oftmals nicht umsetzen! 

 

Anorexic

 

1.) „Warum isst du nicht einfach gesund und treibst genügend Sport?“

STOP! Wenn ich diese Aussage noch einmal hören muss, kann ich nicht garantieren, die Beherrschung zu bewahren. Für mich persönlich ist nämlich genau das die Idealvorstellung, wie ich leben möchte. Ich schätze, vielen Menschen mit einer Essstörung geht es genauso! Wir wollen diesen gesunden Lebensstil haben. Wir wollen gesund und normal essen können! Und wir wollen Sport machen! Es ist der Inbegriff vom normalen Leben. Und wir sehnen uns nach diesem normalen Leben. Wenn es so einfach gehen würde, würden wir es alle tun und die Welt wäre befreit von Anorexie, Bulimie, Binge Eating, EDNOS (Eating Disorder Not Otherwise Specified) usw. Um es verständlicher zu erklären. Dieser Satz ist vergleichbar, wie wenn man zu einem Menschen mit Depressionen sagen würde: „Hör auf zu weinen, lache und sei einfach glücklich.“ Glaubt ihr, das geht so leicht? Na also!

Betroffene einer Essstörung haben oft tiefverwurzelte Ängste gegenüber (bestimmten) Nahrungsmitteln. Dazu zählen auch gesunde Lebensmittel. Ich zum Beispiel hatte immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich eine kleine Handvoll Mandeln oder eine halbe Avocado gegessen habe. Aufgrund meines breitgefächerten Wissens über Ernährung, weiß ich zwar, dass es sich hierbei um gesunde Lebensmittel handelt, die in gesunden Portionen konsumiert wurden, aber gleichzeitig handelt es sich auch um fettreiche Nahrungsmittel. Gesunde Fette hin oder her. Die gibt es im Kopf einer Magersüchtigen nicht! Fett ist schlecht! Egal, ob gesättigte oder ungesättigte Fettsäuren. Sicher weiß ich auch, dass sich diese Nahrungsmittel in gesunden Portionen mit der Kombination Sport positiv auf meinen Körper auswirken können. Genauso weiß ich, dass ich mit einer gesunden Ernährung und Sport niemals Figurprobleme hätte.

Wenn ich so einen Satz an den Kopf geknallt bekomme, fühle ich mich einerseits tief verletzt. So ein Satz glänzt nicht mit Einfühlsamkeit. Andererseits löst dieser Satz ein Gefühl der Schwäche in mir aus. Mir wird suggeriert, dass es andere auch schaffen und ich es gefälligst auch schaffen sollte. Dass es nicht so einfach ist, wird von dem Sprecher nicht wahrgenommen. Er denkt womöglich, dass wir nur unseren Lebensstil auf diese Art und Weise ändern müssen und schon wäre die Sache schön vom Tisch. Wenn es nur so leicht wäre. Im Endeffekt können wir nichts dafür, dass wir uns so verhalten. Eine Essstörung ist eine psychische Störung. Ein Satz, den ich auf einem anderen Blog gelesen habe, bringt es hierbei gut auf den Punkt:

 

There is something going on in the chemistry of the brain that makes them behave like that

 

2.) „So dünn siehst du gar nicht aus!“

Autsch! Magersucht oder generell Essstörungen werden gleich mit extremen Untergewicht verglichen. Wenn man mich momentan so ansieht, würde man mir auch nicht ansehen, dass ich immer noch mit dieser Krankheit kämpfe. Verwerft also die antiquierte Vorstellung, dass der „typische“ Essstörungspatient eine dünne, ausgemergelte Frau im Teenageralter ist. Sogar Menschen mit Übergewicht oder Normalgewicht, sowie „nur“ leichtem Untergewicht können unter einer Essstörung leiden. Emma Woolf, eine Buchautorin und Journalistin, selbst jahrelang betroffen von einer schwerwiegenden Magersucht, beschreibt es in ihrem Buch „Zu leicht für diese Welt“ sehr gut:

 

Ich kenne eine Frau, die 120 kg wiegt und trotzdem noch magersüchtig ist. Sie hat ihr altes Gewicht (und noch viel mehr), wieder zugenommen und das bedeutet nach streng medizinischen Kriterien, dass sie nicht mehr anorektisch ist. Aber genau da liegt das Problem: mental hat sie diese Krankheit nie überwunden

– Emma Woolf in „Zu leicht für diese Welt“ –

 

Leider verwenden viele Ärzte nach wie vor den BMI als Schlüssel für eine Diagnose. Doch die Ärzte sind das geringste Problem. Ich kann mich noch an meinen ersten Krankenhausaufenthalt erinnern. So als wäre es gestern gewesen. Ich musste mir tatsächlich von einer anderen Patientin anhören, dass ich eigentlich gar nicht so dünn bin und sie nicht verstehen könnte, warum ich wegen einer Essstörung stationär im Krankenhaus liege. Nebenbei bemerkt litt die Dame selbst unter keiner Essstörung und ich hatte damals um die 51 kg. Die Dame hat mich aber ganz unverschämt auf 60 kg geschätzt – ohne, dass ich sie überhaupt danach gefragt habe. Das war ein Stich in mein Herz und ich weiß, ich könnte es jetzt jederzeit wieder hören, weil ich von meinem tiefsten Gewicht doch wieder weiter entfernt bin, als es noch Anfang Dezember der Fall war. Dieser Satz ist nicht nur wenig einfühlsam, sondern auch gefährlich. Insbesondere in der Welt von anorektischen Patienten gibt es kein zu dünn. Wird einem mit so einem Satz zusätzlich suggeriert, dass man von einem nie zu erreichenden „zu dünn“ noch meilenweit entfernt ist, könnt ihr euch nur zu gut vorstellen, was dieser Satz bewirken kann. Bingo! Ein noch restriktiveres Essverhalten verbunden mit einer weiteren Gewichtsabnahme. Nach dieser unfreundlichen Aussage vor drei Jahren von meiner Zimmergenossin habe ich übrigens innerhalb einer Woche 4 kg verloren. Ich wollte zwar keine Zahlen erwähnen, aber ich schätze, die knallharte Realität ist der drastischste Weg, um einem die Auswirkungen solcher Sätze ins Bewusstsein zu rufen.

 

3.) „Iss‘ doch einfach was.“

Der Anfangssatz! Der böse Satz, den ich am Anfang dieses Posts angesprochen habe. „Iss‘ was.“ bzw. „Ich kann nicht verstehen, was so schwer daran sein soll, einfach zu essen.“ Ich habe diese Sätze gehört. Es sind womöglich auch die Sätze, die ich mir am Meisten anhören durfte. Wäre es so leicht, sich einfach an den Tisch zu setzen, einfach das zu essen, was vor einem steht, dann gäbe es keine Essstörungen auf dieser Welt. Am Besten wir tun das alles noch ungeplant und die Sache ist im wahrsten Sinne des Wortes gegessen. Ein Beispiel: Heute Morgen erzählte mir meine Mutter, dass es morgen anlässlich des Feiertages Raclette gibt und was ich denn gerne haben möchte. Erste Reaktion: Schnappatmung. Das war nicht geplant! Jetzt sitze ich unsicher in meinem Zimmer, tippe diesen Post und mache mir Gedanken, wie ich mich am Leichtesten aus der Affäre ziehen kann. Ihr merkt einfach, der Satz „Iss‘ doch einfach“ ist so sinnlos, als wenn man versuchen würde, am Nordpol Pinguine ausfindig zu machen.

Im Grunde genommen haben solche Sätze auch nicht die Wirkung, die man sich vielleicht erwünscht. Werde ich damit konfrontiert, mache ich komplett zu und möchte danach erst recht nichts essen. Außerdem ist es unglaublich verletzend. Gerade wenn eine nahestehende Person diesen Satz fallen lässt. So geschehen auch vor kurzem an einer Lehrveranstaltung an der Uni. Es ist nicht schön, wenn während der Gruppenarbeit plötzlich dieses Thema fällt und man anschließend diesen Satz vor allen anderen an den Kopf geworfen bekommt. Sicher, Menschen ohne Essstörung können es nicht verstehen, dass man nicht einfach isst, wenn man Hunger hat. Ich erinnere mich auch an die Reise nach Prag zurück, wo wir in einem Burgerlokal waren. Der Ablauf: Alle haben die leckeren Burger, Wraps und Rippchen, die ihnen aufgetischt wurden, genossen. Ich saß mit meiner Cola light in der Runde und hätte mir an dieser Stelle nichts sehnlicher gewünscht, das auch zu können. Aber es ging einfach nicht. Obwohl ich mich an meinem Geburtstag zusammenreißen konnte, wirklich das aß, worauf ich Lust hatte, fielen mir die anderen Tage besonders schwer. Das Suchen und Finden von Ausreden, warum man gerade „keinen Hunger“ hat, war im Übrigen fast genauso anstrengend, wie die Gewaltmärsche unseres Professors durch die Stadt.

 

Anorexia

 

4.) „Heute hast du aber viel gegessen.“

Wie ich das eine oder andere Mal bereits erwähnt habe, ist es möglich, von dieser Krankheit weitgehend „geheilt“ zu werden. Eine vollständige Heilung wird zwar nie mehr möglich sein, aber man kann damit wieder ein normales Leben führen. Man kann auch wieder essen und man kann auch viel essen, wenn man Lust darauf hat. Es kommt immer drauf an, wie weit die Therapie fortgeschritten ist und welche Erfolge man bereits erzielen konnte.

Weihnachten, Silvester, Geburtstage und Co. sind die typischen Anlässe, wo gerne einmal mehr aufgetischt wird. Und ja, auch Menschen mit Essstörungen (in erster Linie Magersucht) können dort kräftig zulangen. Menschen, die weiterhin an Bulimie leiden oder an Magersucht mit dem Subtyp Binge-Purging erkrankt sind, wovon im Übrigen knapp die Hälfte aller Magersüchtigen betroffen sind, laufen an solchen Situationen der Gefahr, eine Heißhungerattacke zu erleiden. Da kann es ganz schnell nebensächlich werden, dass da noch andere Leute am Tisch sitzen. Wobei – in der Gegenwart von anderen Menschen reißen sich Betroffene meiner Erfahrung nach auch oft zusammen und essen bewusst weniger. Nichtsdestotrotz – wir gehen davon aus, dass dem nicht der Fall ist, sondern dass einfach viel gegessen wird. Es ist schlicht und ergreifend unverschämt, das Essverhalten einer anderen Person zu dokumentieren. Ideal ist es, das Essen gar nicht zu dokumentieren. Auch nicht zu loben. Essen ist ein Grundbedürfnis, welches gestillt werden soll und das müssen Essstörungspatienten lernen. Essen sollte nicht belohnt werden, sondern als Genuss angesehen werden und eine Sache, die der Mensch braucht, um zu überleben.

Wenn man „brav gegessen“ hat, fallen auch gerne Lobgesänge. Schlimmer als ein Lob ist jedoch in der Tat dieser Satz: „Heute hast du aber viel gegessen.“ Man muss es gar nicht vorwurfsvoll meinen, aber in unseren Ohren klingt es nach einem Vorwurf. Geht in euch. Egal, um was für eine Art von Vorwurf es sich handelt, aber wie fühlen sich andere Menschen, wenn sie damit konfrontiert werden? Schlecht? Schuldig? Unwürdig? Ekelhaft? Ja – das sind nur wenige der negativen Gefühle, die auftauchen können. Jedes subjektive Empfinden ist anders, aber solche Sätze bringen uns nur dazu, wieder restriktiver zu werden.

 

5.) „Jetzt siehst du viel besser aus, als vorher.“

Diesen Satz habe ich vor allem nach meiner stationären Therapie am Häufigsten gehört. Eigentlich geht es da weiter, wo es vorher aufgehört hat, nur in einer anderen Richtung. Aussehen und Essen werden wieder viel zu sehr in den Fokus gestellt. Ich tat mir mit solchen Sätzen unheimlich schwer, denn einerseits bedeutete der Satz für mich, dass ich vorher hässlich war und andererseits ist es ein Gefühl des Versagens. Ich verglich besser aussehen lange mit dem Fettsein. Für mich suggerierten diese Sätze allen voran eines: „Toll, jetzt bist du wieder so dick, wie vorher.“ Unabhängig davon, ob man sich immer noch im leichten Untergewicht befand oder nicht. Es tut weh, wenn das „neue Ich“ mit dem „alten Ich“ verglichen wird. Leidet man einmal unter einer Essstörung, wird sie immer ein Teil vom Leben der Betroffenen sein, doch gerade nach einer stationären Therapie, die zumindest in der Gewichtszunahme erfolgreich war, möchte man damit abschließen. Es ist wenig hilfreich, wenn man von seiner Umgebung weiterhin mit damals konfrontiert wird. Wer man war. Wie man aussah. Wie man auf andere wirkte. Das ist irrelevant, schließlich hat man die Therapie geschafft. Ich sage nicht, dass man so einer Person keine Komplimente mehr machen darf. Ganz im Gegenteil. Auch bezüglich des Aussehens hören (ehemalige) Betroffene gerne Komplimente. Nur sollte man aufpassen, wie man sie formuliert, wenn man das Bedürfnis hat, ein Kompliment auszuteilen. Ich will niemanden etwas vorschreiben, doch Vergleiche mit früher sind Fehl am Platz. Am besten solche Wörter wie „jetzt“, „als früher“ oder „damals“ vermeiden, sondern sich auf die Gegenwart beziehen. Beispiel: „Du siehst heute sehr hübsch aus.“ anstatt „Jetzt siehst du endlich wieder hübsch aus, im Gegensatz zu vorher.“ 

 

6.) „Weißt du überhaupt, was du uns damit antust?“

Natürlich leiden Angehörige. Sie leiden sogar oftmals mehr, als die betroffene Person selbst. Auch ich weiß es, wie es ist, Freunde mit Essstörungen zu haben. Im Krankenhaus habe ich beispielsweise ein Mädchen kennengelernt, welches womöglich bis heute nicht geheilt ist. Wir haben leider keinen Kontakt mehr. Ich bin jetzt in einem Alter, wo mich andere nicht mehr triggern können. Sehr wohl habe ich trotzdem mitgelitten. Vor allem, als ich wieder auf dem Weg der Besserung war. Es tut wirklich weh, geliebte Menschen leiden zu sehen. Man möchte so gerne helfen und irgendwann ist man selbst so verzweifelt, dass man im Affekt Dinge sagt, die man nicht so meint. Fällt dann der Satz: „Weißt du überhaupt, was du uns damit antust?“ ist sowieso Sense. Selbstverständlich wissen wir es. Wir würden alles dafür geben, um unsere Lieben nicht so sehr verletzen zu müssen. Mir wäre es auch lieber, wenn sich meine Mama nicht mehr so viele Gedanken um mich machen müsste. Ich merke oft, dass es ihr schwer fällt. Auch nach acht Jahren weiß sie nicht, wie sie damit umgehen soll, obwohl sie es eigentlich schon gewöhnt sein müsste. Die Verzweiflung bringt einem oft dazu, Dinge zu sagen, die man nicht so meint. Nur diesen Satz sollte man mit Vorsicht genießen. Es führt nur dazu, dass sich die betroffene Person noch schuldiger fühlt, ohne aber etwas an der Gesamtsituation ändern zu können.

Darüber hinaus machen viele Betroffene nach solchen Sätzen erst Recht zu und lassen niemanden mehr an sich heran. Ich denke, das wünscht sich kein Angehöriger.

 

Anorexia2

 

Wir wollen keine Sonderbehandlungen

Auch wenn dieser, nennen wir es, kleiner Guide danach klingen mag. Eine Sonderbehandlung wollen wir nicht. Wir sind trotzdem ganz normale Menschen. Im Grunde genommen wollen wir in der Gesellschaft gar nicht auffallen, obwohl viele Betroffene dies unbewusst tun. Gerade jene, die sehr untergewichtig oder aufgrund von Binge Eating sehr übergewichtig sind. Im Endeffekt wollen wir nur so behandelt werden, wie andere auch. Jedoch sind wir sensibler. Wir reagieren auf harmlose Sätze anders, als andere und sind dadurch schneller verletzt und eingeschüchtert. Darum wünschen wir uns auch, dass unsere Umgebung sensibler und verständnisvoller auf uns reagiert.

 

Anorexic 2

 

Was hilft am Besten?

Ablenkung! Werden wir nicht ständig mit unserer Krankheit konfrontiert, fühlen wir uns unterstützt. Selbst wenn wir oft kühl wirken, niemanden an uns heranlassen, so wünschen wir uns einfach nur eine starke Schulter zum Anlehnen. Jemand, der uns auf andere Gedanken bringt und der für uns da ist. Der nicht ständig Essen zum Thema und uns Vorwürfe macht. Der nicht ständig sagt, wir sind schuld, dass es der ganzen Familie oder den Freunden schlecht geht, weil man DAS mit sich macht.

Wenn wir diese Unterstützung erfahren, abgelenkt werden, dann fällt es leichter, nach vorne zu schauen. Jedenfalls ergeht es mir so. Zumindest hat es sich bereits ausgezahlt. Positive Auswirkungen haben sich gezeigt, denn im Dezember gelang es mir erstmalig, auch mal spontan mit jemanden etwas Essen zu gehen (Danke Alex). Früher hätte ich das ohne längere Planung nie geschafft. Und es gelang mir auch, zwei Tage hintereinander zu essen (Nochmal Danke Alex). Das habe ich seit Juli nicht mehr geschafft. Eine positive, verständnisvolle und sensible Unterstützung ist also sehr viel wert, um wieder in eine andere Richtung zu gehen.