Tag : Poetry Slam

I Wish I Was Brave Enough To Love You

Eine zaghafte Berührung, die immer fordernder wurde. Seine Arme um mich geschlungen. Und er sah mich an. Einschlägig. Intensiv. Er musterte mich mit seinen stahlgrauen Augen. Sie waren so wundervoll. Zu wundervoll, um mich nicht darin zu verlieren. Zu wundervoll, um dennoch hineinzuschauen.

Ich wusste nicht ganz genau, was er mir gerade offenbarte. Aber ich hatte es im Gefühl. Dieser Blick. Sein Blick. Sein Blick brachte mich in ein Bedrängnis. Ich fühlte mich unwohl, als er seine Arme immer fester um meinen Körper schlang. Mir stockte der Atem. Er hielt mich fest. Seine Berührungen wurden noch fordernder. Zu fordernd. Er hielt mich fest. So fest, wie mich schon lange keiner mehr festhielt. Und ich wusste: Er meinte es liebevoll. Er wollte mir signalisieren, dass ich nicht gehen sollte. Aber ich konnte nicht. Konnte es nicht ertragen. Nicht ertragen, wie fest er mich gefangen hielt. Er hielt mich fest. So fest. Physisch. Psychisch. Nicht nur mit seinen Armen, sondern auch mit seinen Augen. Seinen stahlgrauen Augen. Sie waren so wundervoll. Zu wundervoll, um mich nicht darin zu verlieren. Zu wundervoll, um dennoch hineinzuschauen.

In meinem Inneren brodelte es. Mein Atem stockte. Immer mehr. Die Luft blieb mir weg. Weggeschnürt. Es gab keine Möglichkeit zu atmen. Denn er hielt mich immer fester. Und ich wusste nun in vollster Klarheit, was er wollte. Zumindest gestand ich es mir jetzt ein. Und es machte mir Angst. Große Angst. Ich hatte das Gefühl, mich von ihm losreißen zu müssen. Besser jetzt, als nie. Diese Augen machten es nicht besser. Seine stahlgrauen Augen. Sie waren wundervoll. Zu wundervoll, um mich nicht darin zu verlieren. Zu wundervoll, um dennoch hineinzuschauen.

Ich musste Reisaus nehmen. Besser jetzt, als nie. Besser an einem Zeitpunkt, an dem ich noch flüchten konnte. Flüchten, bevor es zu spät wäre. Ich wusste, was er wollte. Ich spürte es. Er signalisierte mir, dass da mehr war. Viel mehr. Von seiner Seite aus. Und ich mochte ihn. Ich mochte ihn sogar sehr. Aber -und das wünschte ich mir wirklich- ich konnte ihn nicht lieben. Ich war nicht mutig genug. Ich wollte es, aber war nicht mutig genug. „I’m sorry“, flüsterte ich bruchstückhaft:

What we had was beautiful
I didn’t want to wreck it all
Every Day I think about the truth.
And I wish I was – I wish I was
Brave enough to love you*

Und ich ging. Riss mich von dieser festen, fordernden Berührung los. Schenkte seinen stahlgrauen Augen keine Beachtung mehr. Diese Augen. Dieser einschlägige Blick. Dieser einschlägige Blick der wundervollsten stahlgrauen Augen, die ich je in meinem Leben gesehen habe. Sie waren so wundervoll. Zu wundervoll, um mich nicht darin zu verlieren. Zu wundervoll, um dennoch hineinzuschauen. Denn ich verdiente es nicht. Ich verdiente diesen Anblick nicht. Diesen Anblick in diese wundervollen, atemberaubend schönen stahlgrauen Augen. Weil mir der Mut fehlte. Weil ich nicht mutig genug war, um ihn zu lieben und gehen musste, bevor mir eine sich aufwallende Panikattacke die Luft weg schnürte.

Ich hörte ihn nur noch ein „Why“ wispern, doch ich reagierte nicht. Ich ging. Weil ich nicht mutig genug war, um ihn zu lieben.

 

I wish I was brave enough to love you

*Das englische Zitat wurde aus diesem Song entnommen und stammt nicht von mir. 


 

Photography by Miss Getaway

 

Auf ein Single Date mit Poreč

Wenn die frische Meeresbrise mir um die Haare weht und ich das Salz des Ozeans auf meinen Lippen schmecke, es sogar spüre, dann habe ich das Gefühl, meine Arme ausbreiten zu können, um diesen Moment voll und ganz zu genießen. Ich habe das Gefühl, ich kann ihn auskosten. Diesen Moment. So lange. So unendlich lange.

Ich halte inne, beobachte den Wellengang und fühle mich angekommen. Angekommen und das, obwohl ich in einem fremden Land bin. Aber ich fühle mich angekommen. Habe zu mir selbst gefunden. Diese Leichtigkeit -ich kann sie nicht mit Worten beschreiben- ist das Gefühl, was mich momentan so glücklich macht. Und manchmal läuft mir eine Träne über die Wangen, weil ich es nicht glauben kann. Nicht glauben kann, dass dieser Moment gekommen ist. Dieser Moment, in welchem ich mit mir im Reinen bin. Bedingungslos. Dieser Moment, in welchem es gar nicht notwendig ist, dass irgendwelche Bedingungen erfüllt werden müssen. Ich habe so viel dazu gelernt. Gelernt, dass das Leben Schattenseiten hat, aber das gute Tage und gute Momente keine Mythos sind. Für diese Erkenntnis bin ich unendlich dankbar. Sie hat mir die Augen geöffnet. Früher war es so, als wäre ich einer dieser Höhlenmenschen aus Platons Höhlengleichnis gewesen. Aber ich habe mich aus dieser dunklen, kalten Höhle gewagt. Nach draußen, wo das Licht auf mich wartete. Es hat mich geblendet. Es hat mich lange geblendet. Unendlich lange. Doch als mein Blick sich klärte, war ich wach. Hellwach. Und ich sah sie. All diese Schönheit, die ich früher nicht erkannt habe.

 


 

 

Volim te, Hrvatska

Zuerst war ich einsam…

Wenn ich auf Reisen bin, dann meistens nicht alleine. Und das ist schön, denn ich teile die Momente gerne. All diese Erfahrungen und Erlebnisse, die ich in einem fremden Land bzw. einer fremden Stadt sammeln darf. Es ist schön, diese Momente gemeinsam genießen zu können. Sie gemeinsam auskosten zu können. Jedoch -und diesen Luxus, diese Freiheit nehme ich mir immer- ich muss auch mal alleine sein. Ich muss die Momente für mich alleine genießen können. Ein fremdes Land, eine fremde Stadt alleine kennenlernen. Meistens stehe ich dafür extra früher aus, streife durch die Straßen oder Strände, genieße den Sonnenaufgang und beobachte, wie die Stille, die Ruhe, die Einsamkeit langsam zum Leben erwacht. Wie das bunte Treiben beginnt und ihren Lauf nimmt. Ich brauche diese Momente. Einfach für mich. Ich muss für mich Erfahrungen und Erlebnisse sammeln, die ich nur mit mir selbst teilen kann.

Poreč auf eigene Faust zu erkundigen, war nicht geplant. Ich stehle mir diese Momente eigentlich immer morgens. Und Poreč wollte ich mit jemanden teilen. Mit meinen Lieben teilen. Ich wollte Poreč nicht alleine kennenlernen und doch habe ich es getan, weil ich niemanden dazu überreden konnte, diesen Moment mit mir zu teilen. Und das ist okay. Ich habe mich in der kroatischen Stadt einsam gefühlt. Ein bisschen verloren. Habe beobachtet und gesehen, dass ich so ziemlich die einzige war, die alleine durch die Straßen und Gassen streifte. Alleinsein ist ein Gefühl, mit dem ich gut umgehen kann. Einsamkeit nicht. Denn Einsamkeit ist etwas anderes, als Alleinsein. Alleinsein brauche ich, manchmal zumindest, Einsamkeit nicht.

 

 

…und dann nur noch alleine

Ich habe da jemand kennengelernt und dieser jemand heißt Poreč

Doch ich habe mich gesammelt, mir eingeredet, dass ich jetzt hier bin. Dass ich den Moment zählen lassen muss und nicht die Einsamkeit. Habe mich angestrengt bemüht, die Einsamkeit von mir wegzudrängen. Ich habe Poreč um ein Date gebeten, um nicht einsam zu sein. Und Poreč hat ja gesagt. Zumindest hatte ich das Gefühl, denn plötzlich entdeckte ich all die Schönheiten dieser malerischen Altstadt. Bin durch die Gassen flaniert, habe fotografiert und Poreč hat mich einfach gelassen. Mich gelassen, seine Schönheit einzufangen. Wir haben gemeinsam diesen Moment festgehalten, obwohl ich alleine war. Und weil man diese Momente nicht mit Worten beschreiben kann, möchte ich es zumindest in Bildern versuchen.

 


Poreč und ich hatten ein Date…

…und es war wunderschön

Mehr als das. Es war perfekt!


 

 


 

Mehr Single Dates mit einer Stadt

Triest

 

Das Glück kann man nicht festhalten.

Gestern, als du so neben mir saßt – ich weiß auch nicht warum – konnte ich meine Augen nicht von dir lassen. Es war nicht so, als hätte ich dich angestarrt, oder dich von oben bis unten gemustert. Ich habe dich nicht mit meinen Augen gelöchert. Ich wollte dich nur ansehen. Ansehen.
Still.
Schweigsam.
Ansehen, ohne etwas zu sagen. Ohne ein Wort, einen Laut, ohne irgendetwas, was meine Lippen hätte verlassen können. Ansehen, ich wollte dich nur ansehen, dich nicht mit meinen Augen ausziehen. Mein Blick, ich konnte ihn nicht von dir wegnehmen. Und dir war es nicht unangenehm. Du hast die Augen gespürt. Den scharfsinnig Blick. Du hast gemerkt, dass ich dich nicht loslassen kann. Dass ich auf dich aufpasse. Dich bewache. Und trotzdem – dir war mein Blick nicht unangenehm. Du hast mich auch angesehen.
Lange.
Scharfsinnig.
Schwerelos.

Ein Lächeln fuhr mir über die Lippen und ich musste kurz meine Augen schließen. Du hast mich berührt. Ganz leicht. Hast mir über den Arm gestreichelt und mich irgendwie ganz fest gehalten, auch wenn es nur eine federleichte Berührung war. Und so zaghaft. Ich musste weiterlächeln. Konnte nicht damit aufhören. Konnte meine Mundwinkel nicht nach unten fallen lassen. Ich lächelte einfach nur. Denn ich fühlte mich anders. Irgendwie befreit. So locker. Leicht. Wie auf Wolken gebettet. Schwerelos. Und es zieht mich immer weiter nach oben. Weit hinauf. So weit. Und ich schmunzelnde, weil es sich gut anfühlte. So unendlich gut.

Ich grub meine Füße in mein kühles Bettlaken und senkte meinen Blick. Es fühlt sich alles so leicht an. So locker. So unbeschwert. Denn das Leben ist schön. „Das Leben ist schön!“, schreie ich innerlich laut. Doch vor dir ist es so leise. Denn ich sage es nicht in lauten Worten. Ich sage es still. Innerlich. Ich sage es nur mir und nicht dir. Aber du spürst es. Manchmal gibt es nicht die richtigen Worte, die man ansprechen kann. Auch nicht für das Glück, das man empfindet. Und ich bin glücklich. So wie es jetzt ist. Und das ist nicht oft so. Das war bis jetzt eigentlich nie so. Einfach die Arme ausstrecken, frei sein. Es ist pures Glück, welches mir durch die Venen fährt und doch… – es mischt sich ein Gefühl dazu, ich kann es nicht beschreiben. Aber ich kenne es. Ich kenne es zu gut. Es ist Angst. Leichte Angst, dass dieser Moment nicht anhält, denn das Glück kann man nicht festhalten.

Gestern hast du neben mir gesessen und ich habe dich gemustert. Gemustert, obwohl du unsichtbar bist. Doch dieses Gefühl, dieses Gefühl von purem Glück ist momentan so greifbar, dass ich dich mustern kann. Auch wenn ich dich nicht sehen kann. Aber ich merke, dass du da bist. Dass du neben mir sitzt, dass du mich begleitest und mich festhältst. Ich weiß, ich kann nicht flehen, dass du da bleibst und nicht mehr fortgehst. Und ich weiß, du wirst auch mal kurz weggehen. Abstand halten von mir. Mich traurig sein lassen, weil ich das muss. Weil ich auch erkennen muss, dass das Leben nicht immer ein Wunschkonzert ist. Oder ein Zuckerschlecken. Weil ich erkennen muss, dass ich nicht immer auf einer rosaroten Wolke sitzen kann. Es ist nicht nötig, dass ich meine Augen vor der Wahrheit schließe, denn ich kann sie inzwischen vertragen. In allen Facetten. Auch in den Facetten der Traurigkeit. Aber momentan… – Ja, momentan ist es gut so, wie es ist. Denn auch wenn du unsichtbar bist, irgendwie kann ich dich ja doch sehen. Denn ich sehe, was ich fühle. Ich fühle Glück. Ich fühle dich und so schwer es mir fällt, weiß ich, dass ich dich nicht festhalten. kann. Aber das ist okay. Denn mittlerweile habe ich gelernt: Das was zählt, ist der Moment. Der jetzige Moment.

Ich habe das Gefühl, du kennst mich besser, als ich mich selbst. Du weißt, wann ich klarkomme. Wann ich ohne dich klarkomme. Doch momentan habe ich das Gefühl, dass ich ohne dich nicht klarkommen würde. Und vielleicht hast du dieses Gefühl auch, denn ansonsten wärst du jetzt nicht mehr hier. Glück, ich weiß, ich kann dich nicht festhalten, aber danke, dass du jetzt da bist.

Glück, gestern hast du neben mir gesessen. Wir haben uns angesehen. Lange. So lange. Und irgendwann konnte ich dich nicht mehr ansehen, obwohl ich es wollte. Die Müdigkeit brach über mich hinein. Ich habe mich gezwungen, wach zu bleiben, aber ich konnte nicht mehr stark bleiben. Meine Augen fielen zu. Ich schlief ein. Tief und fest. Meinen Kopf an deinen Schultern angelehnt. Du bist gestern einfach nur so dagesessen. Neben mir. Hast mich weiter angesehen. Mich im Schlaf beobachtet. Und als ich heute aufwachte, saßt du immer noch neben mir. Ich habe das Glück nicht festgehalten. Aber du bist da. Immer noch.

 

Ich habe mich verändert. Wer bin ich wirklich?

 

Ein Moment! Ein Moment, der so bleiben kann. Sommer. Schlafen unterm Sternenhimmel. Wünsche. Unbeschwert im Sommerregen tanzen. Fröhlich sein. Glücklich! Einfach mal die Zeit anhalten. Locker sein. Spontanität! Mit dem Kopf durch die Wand. Blauäugig sein. Stur. Wutausbrüche. Lachkrämpfe. Pubertät. Das Leben genießen!
Laut!
Schweigsam!
Lachend!
Weinend!
Erwachsen werden! BÄNG! Veränderung!

Wenn mein altes Ich mein Leben und meine Persönlichkeit vor fünf Jahren beschreiben müsste:

Die Schule ist geschafft. Meine Matura mit gutem Erfolg bestanden. Ansehnliche Noten, Freunde, Partys! Die Welt steht mir offen. All die Jahre voller Enttäuschung, Liebeskummer, Trotzphasen und Stress vorbei. Gekämpft und gewonnen. Mit Bravour alle Ziele gemeistert. Es kann nicht mehr besser kommen. Die Zeit bleibt stehen. Meine Persönlichkeit ist aufgeblüht. Werde mich nicht mehr verändern. Der Selbstfindungsprozess abgeschlossen. Ich bin so, wie ich sein will. Erwachsen. Spindeldürr wie ein Solettistangerl. Vielleicht ein bisschen arrogant, doch herzlich zu meinen Freunden. Ich will mich nicht verändern. Will so bleiben. So wie es ist, so ist es perfekt.

Doch das Leben schreibt seine eigenen Geschichten. Wir haben keinen Einfluss auf das Drehbuch. Führen nicht selbst Regie. Das tut jemand anderes. Schicksal? Ich weiß es nicht. Plötzlich verläuft die Spur im Sand. Verweht im Wind. Emporsteigend am Horizont. Ein Sandsturm! Neue Ziele entstehen. Sind weit weg. Scheinen unerreichbar. Bedürfen Veränderungen.
Schleichend.
Plötzlich.
Unerwartet.
Und doch sind Veränderungen fortwährend.

Eines Tages wacht man auf und merkt, dass es nicht mehr so ist, wie es einmal war. Man ist nicht mehr der, der man war. Nur mal schnell die Pubertät überstehen, ist keine Selbstfindung. Persönlichkeit und Charakter sind nicht stagnierend. Studium. Neue Freunde und der Verlust von anderen. Verliebtsein. Große Dinge. Dinge, die zum Leben dazugehören. Dinge, bei denen ich nicht dachte, dass sie meine Persönlichkeit so verändern könnten. Dachte, niemand könnte mich mehr beeinflussen. Mich aus der Bahn werfen oder auf meinen Charakter einwirken.

Ich war naiv. So naiv. Mein Leben bestand aus Partys. Kein Wochenende ohne durchtanzte Nächte, schmerzende Füße und verschlafene Sonntage. Und heute sitze ich da. In meinem 13 Quadratmeter Zimmer. Vor mir ein Stapel Bücher. Das Feiern habe ich schon längst aufgegeben. Mein Handy vibriert. Es ist Freitagabend. Rechne fest mit einem lustigen Meme oder den neuesten Klatsch und Tratsch, aber nicht damit, dass ich auf eine Party gehen soll. „Wie spontan bist du?“, steht drin. Ich resigniere. Spontanität? Ein Fremdwort! Ich werfe einen kurzen Blick auf ein altes Foto, welches eingerahmt auf meiner Kommode steht. Alte Zeiten. Es war ein Party. Eine lustige Party – für die wir uns SPONTAN entschieden haben.
Wir tanzten im abgekühlten Sand.
Tranken pappig süße Softdrink-Wodkagemische.
Genossen die kaltgewordene Nacht.
Hörten das Meer tosen.
Sahen frierend der Sonne beim Aufgehen zu.

Eine Standparty, irgendwo in der Türkei auf der Maturareise. Zu der Zeit, als ich mich beflügelt fühlte. Als ich dachte, zu mir selbst gefunden zu haben. Sieben Tage Party Nonstop. Mein persönliches Traumland. Heute wohl eher ein Albtraum. Feiern gehen? Ich? Nein, das bin ich nicht mehr. Ab und zu ist ganz nett, aber dann brauche ich meine Ruhe. Drei Monate. Mindestens.

Ich druckse herum. Weiß nicht so recht, was ich antworten soll. Ich würde mich lieber um meine Verpflichtungen kümmern. Um das, was ich tun muss, um meine Ziele zu erreichen. Treffen mit Freunden? Das verschiebe ich auf später! Sie werden es schon verstehen. Zücke mein Handy. Antworte. „Ich kann leider nicht. Sorry!“ Als hätte ich es nicht geahnt, kommt binnen 30 Sekunden ein „Warum?“ zurück.

Ich denke nach. Uni. Blogposts vorbereiten. Rechnungen ausdrucken und sortieren. All das hat Vorrang. „Das kannst du doch morgen machen.“ Kann ich. Will ich aber nicht. Life is NOT a party! Ich habe mich verändert. Schon wieder. Bin langweilig geworden. Andere Dinge sind wichtiger. Entspannung finde ich nicht mehr bei Cocktailabende. Ich sitze lieber mit einem Glas Wein oder einem Sommercocktail in der Laube. Schreibe meine Texte. ALLEIN und WENN ich mir Freizeit überhaupt zugestehe. Früher hätte ich nicht acht Stunden vor meinen Büchern verbracht. Früher.

Mein Handy klingelt. Ich gehe ran. Verbal ist alles einfacher zu klären. Verbal kann man mich einfacher überreden. Das denken auch meine Freunde. Doch das war früher so. Heute nicht mehr. Ich habe mich verändert. Auf mich wird eingeredet. Druckse wieder herum. „Du bist langweilig geworden.“ Ich weiß. Ich weiß. Ich weiß!!! Ich habe mich verändert.
Stille!
Seufzen!
Jammern und betteln!
Ich würge ab und lege auf.

Kurze halte ich inne. Ganz, ganz kurz. Durchatmen. Ehe ich mich wieder meinem dicken Stapel Bücher widme. In mir rattert es. Wieder schweift mein Blick zurück zu dem Bild. Wie würde die alte Lisa die Neue beschreiben? Ich glaube, sie würde folgendes sagen: Spießig. Uralte Oma. Langweilig! Sie ist genau der Mensch, der ich nie sein wollte. Keine Partys. Zugenommen. Streber.

Es macht mir nichts aus, wenn die alte Lisa das von mir denken würde. Ich habe neue Ziele. Ziele, die sie nicht verstehen könnte. Habe mich in den letzten fünf Jahren laufend verändert. Jeder erneute Rückfall in die Anorexie hat mich verändert. Jede Gewichtszunahme hat mich verändert. Jeder Schicksalsschlag. Jede neue Freundschaft. Jeder Schritt, der mich meinem Ziel näher bringt. Doch irgendwie, vielleicht nur ein bisschen, vermisse ich die unbeschwerte Zeit. Die sozialen Kontakte. Die Balance, die ich in meinem Leben hatte. Als ich Schule, Freunde und Arbeit noch unter einen Hut gebracht habe.

Die Decke fällt mir auf dem Kopf. Ich musste mich verändern. Laufend. Erwachsen geworden zu sein, ist kein Abschluss. Habe mich selbst in eine Rolle gedrängt. Zu wenig zwischenmenschlicher Umgang. Bin weitergewandert und habe irgendwann alle abgehängt. Mir wird klar, ich muss mich wieder verändern. Ein Mittelmaß finden. Die Mauer durchbrechen. Ich bin kein Einsiedler! Wer bin ich wirklich? Nicht der Mensch, der ich jetzt bin. Aber wenn ich aus all dem einmal flüchte und die Balance finde, habe ich womöglich wirklich die Chance, zu mir selbst zu finden.

 

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 Dress by Orsay*

 

 

Manchmal wär ich gern ein Magnolienbaum…

Manchmal wär ich gern ein Magnolienbaum. Dann müsste ich keine Angst davor haben, in welchem Licht mich die anderen sehen. Ich wüsste, wie sie mich sehen. Sie würden mich bewundern. Ich könnte mir meiner Schönheit sicher sein. Muss mir keine Gedanken machen. Bin nicht unsichtbar. Für niemanden! Ich würde all die anderen Bäume des Frühlings in den Schatten stellen. Oh, wäre ich doch nur ein Magnolienbaum. Ich wäre befreit. Von all den Komplexen, der Unsicherheit und den Selbstzweifeln, die mich manchmal quälen. Jeder, wirklich jeder der mich ansieht, tut dies mit einer unendlichen Bewunderung. Ich würde die Menschen in einen magischen Bann ziehen. Sie mit meiner weiß-rosanen Blütenpracht festhalten. Mein Anblick würde sie nur schwer loslassen. Und ich weiß, dass jeder alles dafür tun würde, mich im besten Licht zu fotografieren. Ich würde die Menschen inspirieren. Sie in Frühlingsgefühle versetzen. Ich würde endlich den Sinn herausfinden, warum ich existiere. Einfach, um die Menschen um mich herum glücklich zu machen. Um ihnen Freude zu schenken. Um ihnen ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern. Und ich würde wahrgenommen werden. Überall! Jeder Blick würde mich treffen, denn ich bin nicht unsichtbar. In der vollsten Blüte wäre ich präsenter den je. Denn ich falle auf – positiv. Es würde mir nichts ausmachen, angestarrt zu werden. Denn ich weiß, warum die Menschen das tun. Sie tun es aus einem schönen Grund. Aus dem Grund, weil sie mich bewundern. Weil ich makellos bin. Weil es für jeden Baum in meiner Umgebung erstrebenswert wäre, so zu sein, wie ich. Nur kann es nicht jeder.

 

Magnolien8 Magnolien7 Magnolien6

 

Manchmal wäre ich gern ein Magnolienbaum. Dabei muss ich mir die Frage stellen, warum es so erstrebenswert ist, wie ein Magnolienbaum zu sein. Magnolienblüten sind die Schönheit des Frühlings. Es stellt keinen Zweifel dar, warum sie das sind. Sie sind wie kleine Sterne. Genauso magisch. Genauso schön. Genauso fesselnd wie ein tiefschwarzer Nachthimmel, dessen Antlitz von strahlenden, leuchtenden Sternen erfüllt wird. Aber Magnolienbäume sind nicht beständig. Ihre Blüten leben nur kurz. Die Schönheit des Magnolienbaums stirbt. Binnen kürzester Zeit ist sein Glanz weg. Die Blüten sinken zu Boden. Fallen herab, bleiben liegen und verschwinden irgendwann. Dann ist nicht mehr viel übrig von all dem, was die Menschen so magisch finden. So fesselnd. So besonders. All das, was mich einzigartig machen würde, ist weg. Verschwunden. Für eine sehr lange Zeit. Bis der nächste Frühling wiederkommt. Doch dann bin ich unsichtbar. Viel, viel länger, als ich sichtbar war. Der Magnolienbaum ist nicht gestorben. Nur das, was ihn so wunderschön macht, ist gestorben. Für viele Menschen. Dabei sollten wir unseren Fokus auf andere Dinge legen. Nicht nur auf die jungfräulich erscheinenden Blüten. Denn der Magnolienbaum ist auch im Sommer schön. Vielleicht mag er nicht mehr diese Magie besitzen, weil er nicht mehr so unschuldig weiß erscheint. Mit den rosaroten, in sich verschmelzenden Farbverläufen. Er ist grün. Aber der Magnolienbaum lebt. Und er lebt in Schönheit. Auch wenn die Blüten längst vergangen sind. Sie kommen wieder.

 

Magnolienblüte Magnolienbaum2

 

Was ich damit sagen möchte: DU BIST SCHÖN! Immer! Jeden Tag. Jede Stunde. Jede Minute und auch jede Sekunde. Du musst nicht immer strahlen, wie ein Magnolienbaum in seiner vollsten Blüte. Du musst einfach du sein. Es muss dir egal sein, was die anderen Menschen von dir denken. Diejenigen, die es wert sind, sehen deine Schönheit immer. Denn sie wissen genau, dass du sie aus deinem tiefsten Inneren – aus deinem Herzen – ausstrahlst. Wir müssen uns nicht wünschen, wie ein Magnolienbaum zu sein, denn wir sind genauso, wie er. Schön – zu jeder Jahreszeit! 

 

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