Warum ich Kalorien zähle & Sport mache

Ein ausgelassener Tag in Wien. Klirrende Kälte. Ein Outfit, welches nicht an die damals vorherrschenden Minusgrade angepasst war. In der Hand eine dekorative Schachtel. Und in dieser Schachtel ein Cupcake. Eine lachende junge Frau, die allen Anschein nach ausgelassen in diesen Cupcake beißen wird, ohne sich groß darüber Gedanken zu machen. Das suggeriert mein Beitragsbild. Doch was so ausgelassen aussieht, bedeutete für mich in Wahrheit etwas ganz anderes: Stress! Das Kalorien-Chaos hat mich wieder.

 


 

 

Back on Track!

Mein Perspektivenwechsel zum Thema Ernährung und Sport

Als ich in meinen Instastories eine App gezeigt habe, mit welcher ich meine Kalorien und mein Aktivitätslevel tracke, erreichten mich Nachrichten, warum ich wieder Kalorien zähle und plötzlich Sport thematisiere – was sonst nie wirklich vorgekommen ist. Das hat durchaus seine Gründe. Einen dieser Gründe konnte ich mit der Beschreibung des Beitragsbildes und der Wahrheit dahinter durch die Blume erklären: Essen stresst mich!

Wenn es um persönliche Meinungen zum Thema Kalorienzählen geht, scheiden sich die Geister. Für die einen ist nichts Verwerfliches dran, die anderen assoziieren damit eine Essstörung. Natürlich war Kalorienzählen in der Magersucht mein tägliches Ritual. Ich habe nichts gegessen, ohne die Kalorienanzahl exakt zu kennen – GRAMMGENAU. Wichtig ist jedoch, dass man zwischen normalen und abnormen Verhaltensweisen unterscheiden kann. Nicht nur Menschen mit Essstörungen zählen Kalorien, sondern auch Sportler oder Menschen mit einem gesunden Ernährungsbewusstsein.

Zum Tracken gehört nicht nur das Zählen von Kalorien, sondern auch das Überprüfen der Inhaltsstoffe von Nahrungsmitteln. Heutzutage verstecken sich in Lebensmittel Unmengen an Zucker, Transfette, E-Nummern etc. weswegen ich es nicht falsch finde, über den Tellerrand zu blicken. Darum: Nicht nur blind vertrauen, sondern sich auch fragen: „Was ist drin?“ 

 

 

Why I Count My Calories

Darum habe ich wieder begonnen, meine Kalorien zu zählen

Ernährung ist ein unglaublich persönliches Thema. Mir fällt es immer noch schwer, darüber zu schreiben. Ich selbst bin kein Paradebeispiel und möchte niemanden etwas vorleben, das in Wahrheit nicht leicht zu handhaben ist und sogar die Lebensqualität verringert. Mit meiner Ernährung werde ich lebenslänglich kämpfen müssen. Nun ist es so, dass ich wieder einige Probleme hatte. Noch im September schrieb ich über meine Verzweiflung, unbewusst weiter abzunehmen. Schlussendlich gab ein Ernährungstagebuch Aufschluss über meine Abnahme. Es war keine plötzliche Schildrüsenüberfunktion oder ein anderer Effekt meines Körpers. Ich nahm deswegen ab, weil ich meinem Körper trotz nicht gerade gesunden Nahrungsmitteln immer noch zu wenig Energie zuführte. Ich dachte, ich würde über meinen Grundumsatz essen, weil mein Essen nicht gerade gesund war. Tatsächlich erreichte ich trotzdem nicht meinen Grundumsatz.

Als das Zunehmen dann klappte, hatte ich plötzlich unglaubliche Probleme mit der steigenden Zahl. Man malt sich die Dinge anders aus, als sie dann letztendlich sind. Ich dachte, ich würde mich über eine Zunahme freuen. Das Endresultat war, dass ich damit überhaupt nicht klar kam, als ich plötzlich eine höhere Zahl sah. Alte Angstgefühle, wie ich sie noch aus Therapiezeiten kannte, keimten unmittelbar in mir auf.

 

Das Hungern begann erneut

So führte eines zum anderen. Lange Hungerperioden begannen, in denen ich mich nur noch flüssig ernährte. Ich hatte im Spätherbst/Winter einige Hotelkooperationen, bei welchen ich dann wieder einmal feste Nahrung zu mir genommen habe. Schlechtes Gewissen inklusive. Zusätzlich der Stress, meine Essproblematik vor anderen geheim zu halten. Ich wollte niemanden miteinbeziehen. Nur ein paar wenige wussten davon, weil ich mit ihnen über alles rede.

Das ging eine Zeit lang gut und führte auch dazu, dass ich wieder dünner wurde. Erneut war ich in einem Hamsterrad gefangen. Über Weihnachten nahm ich durch den gesteigerten Konsum von Glühwein rasant zu. Kleine „Cheatdays“ am 24. und zu Silvester wurden mir zum Verhängnis. Generell: Jede feste Nahrung wurde mir zum Verhängnis. Weil mein Körper auf Sparflamme gesetzt wurde, nahm ich logischerweise wieder zu. Gewogen habe ich mich seit November nicht mehr, aber so objektiv kann ich mich selbst noch wahrnehmen, dass ich es auch ohne Waage weiß. An Hungertagen ernährte ich mich nur von Milch und Sojamilch. Unbewusst steigerten sich die Mengen, sodass ich wieder über meinen ohnehin schon auf Sparflamme gesetzten Grundumsatz kam – all das, ohne es zu merken.

 

 

…dann der Cut

Obwohl ich hungerte, blieb ich nicht so schlank, wie ich es im Sommer war. Eine Zeit, als ich gegessen habe, ein wenig Sport trieb und relativ schmal wurde. Ich begann umzudenken; merkte, dass eine schöne Figur vor allem aus zwei Dingen resultiert: Regelmäßiges, gesundes Essen und Sport. Das führt nicht nur zu einem gesunden, schlanken Leben, sondern auch zu einer verbesserten Lebensqualität. Logisch.

Natürlich war mir das stets bewusst. Nach jedem überstandenen Rückfall und in essstörungsfreien Phasen wusste ich es. Sogar mittendrin wusste ich es. Doch ihr müsst verstehen: Wann immer ich in die Fänge meiner Essstörung gerate, verdränge ich das. Ich vergesse, welche schlechten Auswirkungen es tatsächlich auf mich hat, wie mein Wohlbefinden darunter leidet etc. Darum vertrete ich auch stur den Glauben, alles sei in Ordnung und es mir gut geht. Ein Einreden, das so lange andauert, bis ich felsenfest davon überzeugt bin. Ich manipuliere mich quasi selbst und befinde mich in einer Traumblase. 

Als mein Spiegelbild unerträglich wurde, ich nicht damit klarkam, wieder an Gewicht zuzulegen, obwohl ich trotz Unmengen an Sojamilch und Milch permanent Hunger hatte und auch die körperlichen Symptome wie Amenorrhoe, Haarausfall, Herzbeschwerden, trockene Haut und brüchige Nägel nicht lange auf sich warten ließen, schrillten die Alarmglocken. Besonders bei Verletzungen wurde mir mein körperlicher Zustand bewusst. Meine Wundheilung hat sich quasi eingestellt. Ich habe immer noch Kratzer und blaue Flecken vom Vorjahr, die einfach nicht verheilen möchten. Mein Gesicht ist aufgeschwemmt – und nein, das liegt nicht nur an dem erhöhten Glühweinkonsum während der Adventszeit. Das dachte ich zwar noch vor zwei Monaten, doch inzwischen weiß ich: die Gründe liegen in meiner Mangelernährung. Ich habe, wie gesagt, nur noch von aufgeschäumter Sojamilch und fettreduzierter H-Milch gelebt – und das in Massen. Gegebenenfalls gab es Gemüsesuppe, aber alles bitte nur flüssig. Kaum war eine ganze Erbse drin, wurde sie püriert. Ich entwickelte regelrecht eine Phobie vor festen Nahrungsmitteln.

 

 

Die Angst vor dem Neustart

Ich hatte Angst, wieder mit dem Essen zu beginnen, aber ich will nicht mein Leben lang ständig von meiner Essstörung abhängig sein. Sie wird zwar immer da sein, aber ich will die Kontrolle haben. Aufgrund meiner schlechten Therapieerfahrungen bin ich nicht dazu bereit, wieder in die Klinik zu gehen, doch ich bin offen für alternative Therapiekonzepte. Die inzwischen fünf Rückfälle haben mir vor Augen geführt, dass ich mir eine weitere Therapie durch den Kopf gehen lassen sollte. Gerade auch deswegen, weil ich nach wie vor ein paar Probleme bei meinen Einkäufen habe. Sie dauern ewig und manchmal überkommt mich auch das Gefühl von Panik und Überforderung. Immer wieder hole ich mich selbst aus meiner Essstörung heraus. Das ist der Fehler. Neue Rückfälle sind dadurch vorprogrammiert. Das „Sich-Selbst-Herausholen“ bringt Linderung, löst aber nicht das Problem per se.

Momentan versuche ich, selbstständig mein Problem in den Griff zu bekommen. Im Laufe der Jahre habt ihr diesbezüglich schon oft mein Scheitern erlebt, was es jedes weitere Mal definitiv schwerer macht, darüber zu schreiben. Doch dass ich immer wieder Rückfälle habe und scheitere, zeigt auch meine Menschlichkeit. Scham hin oder her, aber ich habe meine Essstörung seit meiner Klinikentlassung nicht überwunden, auch wenn ich es dachte. Einige Zeit lang ging es gut, doch das Problem war, ohne es zu merken, permanent da und dauert inzwischen schon neun Jahre.

 

 

Probleme lösen, statt weiter hineinrutschen

Schluss mit der Warterei

Es geht mir darum, zu lernen, ein normales Lebens zu führen. Ein normales Essverhalten zu entwickeln und sportlich aktiver zu werden. In meiner Klinik habe ich das nicht gelernt. Kalorien waren irgendwie immer in meinem Kopf.

Ich gebe nicht auf, doch ich will nicht auf die Lösung des Problems warten, sondern es gleich in Angriff nehmen. Darum zähle ich Kalorien – aus dem Grund, weil ich sie nicht mehr als meine Feinde betrachten will. Es gibt mir ein Gefühl der Sicherheit. Die Motivation auf ein normales Leben, wie ich es für mich führen möchte, ist auch der größte Antrieb, um wieder Sport zu machen. Außerdem hilft mir meine App, genügend Wasser zu trinken, weil sie den Wasserkonsum trackt. Und es gibt gesunde Rezepte. Durch meine Essstörung weiß ich nicht mehr, was eine normale Portion ist. Normale Portionen kamen mir oft gigantisch vor. Dementsprechend ausgeprägt war auch mein schlechtes Gewissen danach.

 

Wie es mir mit dem Tracken geht

Mit dem Tracken habe ich erst vor wenigen Wochen angefangen. Sport treibe ich mittlerweile seit Ende Dezember regelmäßig. Weil es inzwischen doch schon ein paar Monate gut läuft, traue ich mich auch, offen darüber zu sprechen. Früher war ich am ersten Tag sofort übereuphorisch, teilte es am Blog mit und musste mir später erneut mein Scheitern eingestehen. Das wollte ich um alles in der Welt vermeiden. Jetzt, wo ich eine Routine gewonnen habe, fühle ich mich selbstsicherer, darüber zu sprechen, was ein Scheitern natürlich nach wie vor nicht ausschließt.

Mittlerweile geht es mir auch wieder viel besser. Nicht nur die Motivation auf ein ausgeglicheneres Leben helfen mir. Ich habe erkannt, dass ich Energie brauche, um die alltäglichen Aufgaben zu meistern. Dazu zählt der bevorstehende Umzug Anfang Herbst. Ohne Energie kann man keinen Haushalt (alleine) führen. Auch meine berufliche Verpflichtung als Lehrerin ab September und jetzt als Selbstständige gaben mir einen Anstoß, die Sache anzugehen. Man kann es sich schwer vorstellen, aber selbst das Bloggen ist eine immense Herausforderung, wenn man kaum Energie hat. Unterrichten geht sowieso nicht. Unser Gehirn braucht nicht umsonst sein Nahrung, um leistungsfähig zu bleiben. Dabei habe ich große Ziele in meinem Unterrichtsjahr: Ich will eine gute Lehrerin sein und den Kids tolle Unterrichtskonzepte bieten.

 

Kalorien zählen

 


 

Ihr Lieben

Es ist mir schwer gefallen, diesen Beitrag zu schreiben. Da ich offene Fragen jedoch beantworten wollte, habe ich es trotzdem getan. Auch wenn ich kurz davor war, den Kampf gegen meine Essstörung endgültig aufzugeben und sie als fixen Bestandteil meines Lebens hinzunehmen, habe ich mich wieder aufgerappelt. Denn wie sage ich immer so schön: Die Essstörung ist stark, aber ich bin stärker! One step back gives you the chance to take two steps ahead.

PS: Der Cupcake wurde tatsächlich gegessen und schwesterlich mit Alex geteilt.

 

Hier findet ihr mehr zum Thema Anorexie

 

 

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Instagram hat mich aus dem Spiel gekickt
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5 Comments

  1. Liebe Lisa!
    Was soll ich sagen, ein wunderbarer und ehrlicher Beitrag von dir. Ich finde es so toll dass du darüber schreibst wie es dir geht Das erfordert sehr viel Mut und auch Kraft. Auch wenn ich dich leider noch nicht persönlich kenne, bin ich stolz auf dich. Denn du zeigst, dass Aufgeben keine Option ist. Und du zeigst auch jungen Mädls, dass „Blogger“ eben nicht perfekt sind und auch ihre Probleme haben mit denen sie zu kämpfen haben.

    Mach so weiter!

    Alles Liebe,
    Julia
    http://www.missfinnland.at

    • Liebe Julia,

      ich danke dir von ganzem Herzen für deine lieben Worte, die mir auch den Mut geben, über solche Dinge überhaupt zu schreiben. Denn es ist in der Tat nicht einfach und doch seelenreinigend, sich diese ganzen Dinge von der Seele zu schreiben. Mir ist es ein Anliegen zu zeigen, dass hinter der ganzen Bloggerfassade auch ein normaler Mensch steckt 🙂

      Liebste Grüße
      Lisa

  2. Liebe Lisa,
    es ist echt beeindruckend, wie du mit der ganzen Sache umgehst, darüber schreibst und dich selbst reflektierst. Ich wünsche dir wirklich von ganzen Herzen, dass du einen guten Weg findest, zwischen Bewegung, ausgeglichener Ernährung und deinem körperlichen Wohlbefinden. Die eigene Gesundheit ist das Wichtigste und ich finde es gut, dass du nie aufgibst.

    Liebe Grüße
    Katharina
    http://dressandtravel.com

    • Liebe Katharina,

      herzlichen Dank für deine lieben Worte. Selbstreflexion ist in einer Essstörung, um sie besiegen zu wollen, wirklich eine unabdingbare Sache. Dadurch habe ich, glaube ich, auch gelernt, warum ich immer wieder rückfällig geworden bin. Aber dazu werde ich bestimmt noch etwas schreiben 🙂

      Du hast Recht, die Gesundheit ist einfach das A und O und sollte für jeden von uns immer an erster Stelle stehen 🙂

      Liebste Grüße
      Lisa

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