Tag : Recovery

Just eat

Just Eat!

Just Eat! 

When I was dealing with anorexia, a lot of people said just one thing to me. They thought that this is the secret of how to overcome an eating disorder. They thought that this is the key of how to cure anorexia and of how to recover successfully. They said: “Why don’t you just eat? Just eat!” If only it would be that easy, I would have never had anorexia. It’s the same if you would say to someone who is dealing with depressions: “Stop being so sad.” It’s the same if you would say to someone who is dealing with alcohol problems: “Stop drinking!” It’s the same if you would say to someone with schizophrenia: “Stop imagine things which aren’t here.” It’s the same if you would say to someone with a post traumatic stress disorder: “Just forget what’s happened!” It’s the same if you would say to someone with an anxiety disorder: “Stop being so anxious.” Does that sound easy to you? See! If it would be that easy mental illnesses won’t exist. Eating only is not the only way out of anorexia. It’s so much more. But there are ways out of anorexia. Recovery is possible. Don’t ashamed. Take help if you need it. 

Wenn du Hilfe suchst:

Intakt: Mo-Fr 12-16 Uhr unter 01/22 88 770-0

und 0676/617 78 65 Mo 18-20 Uhr, Mittwoch 14-16 Uhr

„Du-bist-nicht-alleine“-Hotline: (0316) 8031 557 

Mo – Fr 8:00 – 18:00 Uhr, Sa und So 10:00 Uhr -18:00 Uhr

Die Drogenberatung des Land Steiermarks bietet auch eine Beratung bei Essstörungen: +43 316/326044

Ein Tag ohne Kalorien-Tracking: Mein Resümee

Auf Instagram teile ich die positiven Fortschritte meiner Recovery. Aber und das möchte ich nicht verschweigen: Der Weg ist hart. Nach wie vor esse ich regelmäßig und ich lasse euch daran teilhaben. Ich teile mein Essen in meinen Instagramstories und versuche, so viele positive Vibes wie möglich zu verteilen. Das tut nicht nur gut, sondern ist auch hilfreich für mich. Ich möchte meine Recovery nicht unter sozialem Druck machen, trotzdem spornt es mich an, die Sache ernstzunehmen. Nicht zuletzt, weil ich zeigen möchte, dass man auch nach so langer Zeit aus einer Essstörung finden kann. Nur möchte ich das nicht vorwiegend anderen Menschen beweisen, sondern besonders mir selbst.

Trotzdem: Ich hätte mir nie gedacht, dass die Recovery so hart werden würde. Mir ist bewusst, dass sie gerade deswegen so hart ist, weil ich sie ernst nehme. Immer noch möchte ich aus der Essstörung finden, denn für mich ist es erstrebenswert, endlich ein normales Leben zu führen. Nur gibt es auch Momente, an denen ich an meine Grenzen gehe.

Besonders in den letzten Tagen habe ich gemerkt, dass meine Recovery nicht ganz so in die Richtung geht, wie ich es mir vorgestellt habe. Teilweise gab es wieder richtig große Probleme mit dem Essen. Glücklich bin ich jedoch über die Tatsache, dass ich mein Freaky Eating Habit nicht wieder präsenter werden ließ und mich nicht flüssig ernährte. Trotzdem schrumpften die Kalorien. Viele Mahlzeiten waren mehr gemüselastig. Darum kann ich nicht davon sprechen, dass ich wirklich genügend Nährstoffe aufgenommen habe, die mein Körper wirklich braucht, um zu funktionieren.

Das hat sich natürlich negativ auf mich ausgewirkt. Ich war die letzten Tage sehr müde, streichfähig, hatte kaum Energie und mir ging es physisch nicht sonderlich gut. Es ist nicht besonders angenehm, sich so durch den Tag zu schleppen und ständig einzuschlafen, darum wusste ich, dass ich mein Kaloriendefizit unbedingt ausgleichen musste.

 

Ein Tag ohne Kalorien-Tracking

 

Kaloriendefizite auffüllen mit Cheat Days?

Warum ich darüber nachgedacht habe und es trotzdem bleiben ließ

Auch wenn es schwer war: Ich wusste, ich musste meine Mahlzeiten anders konzipieren, um endlich meine Energieakkus aufzufüllen. Mit Obst, Gemüse und Magertopfen würde ich nicht weit kommen. Und ich wusste auch, dass ich mindestens auf 2.000 Kalorien kommen musste, wenn nicht mehr, um meine Kraftreserven aufzufüllen. Darum spielte ich lange Zeit mit dem Gedanken, einen Cheat Day einzulegen. Ich habe mich viel darüber informiert und einige Menschen in den Sozialen Netzwerken sowie auf YouTube gefunden, die auch mit Essstörungen zu kämpfen hatten und in Clean Eating + Cheat Days den Weg gefunden haben, aus ihrer Essstörung herauszukommen.

Wenn es für sie funktioniert, super, ABER um ehrlich zu sein, sehe ich in Cheat Days nicht den geeigneten Weg, ein normales Essverhalten aufzubauen. Einerseits schreckt mich das Wort Cheat ab. Cheat bedeutet Betrug. Weder will ich mich selbst betrügen, noch etwas machen, was so eine negative Konnotation in mir auslöst. Außerdem sträubt sich etwas in mir, Clean Eating + Cheat Days als normale Ernährungsform anzuerkennen.

Ich wünsche mir ein ganz anderes Ernährungsverhalten. Ich möchte gerne normal essen, wobei es heutzutage schon schwierig ist, herauszufinden, was wirklich normal ist. Für mich bedeutet das allerdings: Gesunde, ausgewogene Ernährung und sich auch mal etwas gönnen zu dürfen, wenn einem danach ist, ohne es in Fressattacken ausarten zu lassen.

Cheat Days haben für mich immer diesen Fressattacken-Charakter. Es würde mich zu stark an meine schlimmste Anorexiephase erinnern, in der ich durchaus richtig wilde Essattacken hatte. Danach ging es mir sehr schlecht. Ich glaube, es wäre nach einem Cheat Day nicht anders. Ich möchte niemanden verurteilen, der in Clean Eating + Cheat Days die Ernährungsform gefunden hat, die für ihn funktioniert. Nach wie vor sehe ich Ernährung als ein persönliches Thema an. Jeder muss wissen, was für einem selbst das richtige ist und womit er sich wohl fühlt.

 

Ein Tag ohne Kalorien-Tracking

 

Der nächste Schritt: Ein No-Calorie-Tracking-Day

Wie mein Tag ohne Kalorien-Tracking verlaufen ist

Ob mich das Kalorientracken davon abhält, größere Portionen zu essen oder mir auch mal etwas nicht so Gesundes für den Körper, aber etwas Gesundes für die Seele zu gönnen, weiß ich nicht wirklich. Es spielt bestimmt eine Rolle, wobei es natürlich auch irgendwann der Schlüssel sein kann, mir etwas mehr zu gönnen, wenn ich die Kalorien im Überblick habe. Ich möchte darüber Bescheid wissen, was ich meinem Körper zuführe. Trotzdem entschied ich mich bewusst dafür, das Kalorien-Tracking für einen Tag bleiben zu lassen. Quasi als Experiment.

Selbstverständlich machte ich mir die Tage zuvor einige Gedanken darüber. Wird mein Vorhaben glücken? Plan war es, intuitiv aber gesund zu essen und mir an dem Tag auch etwas zu gönnen. Für die Zukunft ist es natürlich nicht mein Hauptziel, meine Ernährung strukturiert durchzuplanen. Was Essen betrifft, möchte ich in der Lage sein, spontaner zu sein. Aber es ist wie immer ein Anfang.

Wichtig war an diesem Tag auch die Unterstützung von Menschen, denen ich vertraue. Ja, meine größte Angst war tatsächlich eine Essattacke, da ich doch eine sehr lange Zeit nun in einem Kaloriendefizit lebe und sich der Körper erst recht dann alles zurückholt, wenn er etwas bekommt, was er sonst nie bekommt. Ich kenne es aus Erfahrung, dass die ganze Geschichte dann erst recht ausartet.

Der Tag hat in der Tat ganz gut funktioniert. Die Portionsgrößen zu allen drei Mahlzeiten waren tatsächlich größer, als sonst. Schon mit viel Gemüse, aber Gemüse machte nie den Hauptbestandteil aus. Es waren die normalen Fives a Day. Es gab mehr komplexe Kohlenhydrate als sonst, ich habe in Öl gebraten, was ich schon lange nicht mehr getan habe, Kürbiskernöl für meinen Salat verwendet, anstatt fettreduzierten Joghurt und Halloumi zu Mittag gegessen. Außerdem gab es Snacks, obwohl ich sonst nie snacke. Und diese Snacks waren keine Selleriestangen, sondern Eis und Schokolade.

Der Tag endete damit, dass er sich zu keinem Fressanfall entwickelte. Aber es war, um nun ganz ehrlich zu sein, nicht einfach. Wenn ich Zucker schmecke, entsteht in mir oft automatisch das Verlangen nach Mehr und die Gefahr eines Kontrollverlustes. Doch da ich an diesem Tag immer auf irgendeine Art und Weise abgelenkt war, konnte ich gut damit umgehen. Auch mit den Schuldgefühlen, die ich noch nicht abstellen kann. Zwar war ich am Ende des Tages sehr aufgebläht, aber auch energiegeladener, als sonst. Das hat mir gezeigt, dass es tatsächlich noch an den Portionsgrößen hapert und meine verringerte Kraft daraus resultiert, dass ich noch nicht genügend wichtige Nährstoffe zu mir nehme, die mein Körper braucht.

 

Ein Tag ohne Kalorien-Tracking

 

Mein Fazit aus meinem No-Calorie-Tracking Day

Und warum es sich lohnt, auf seinen Körper zu hören

Mir hat der Tag gezeigt, dass das genau die Art und Weise von Ernährung ist, auf die ich hinziele und die ich langfristig erreichen möchte. Natürlich möchte ich nicht jeden Tag Schokolade oder Eis snacken und fettreiche Speisen wie Halloumi zu Mittag essen, aber wenn man sich solche Seelenfreunde ab und an gönnt, passiert im Grunde genommen nichts. Für mich ist es immer wieder eine Lernerfahrung, dass man mit normalen Portionen oder gelegentlichen Snacks nicht dick wird. Vor allem, wenn man in seinen Alltag viel Bewegung integriert und auch regelmäßig Sport treibt. Innerlich weiß ich diese ganzen Dinge natürlich, aber oftmals fällt es mir schwer, es auch anzuerkennen oder einzusehen.

Aber es tut gut, seinen Intuitionen zu folgen. Es tut gut, seine Ängste zu überwinden, weil es Ängste vor Dingen sind, vor denen man in Wahrheit nicht Angst haben muss. Mehr auf meinen Körper zu hören, ihn wirklich zu sättigen sind Dinge, die lebensnotwendig sind und die auch eine große Rolle für die persönliche Lebensqualität spielen. Fürs Erste sind solche No-Calorie-Tracking Days ein guter Anfang. Ich möchte weiterhin solche Tage einlegen, um auf diesem Wege zu einem No-Calorie-Tracking-Life zu gelangen. Inzwischen habe ich schon einen zweiten hinter mir, bzw. ein No-Calorie-Tracking-Abendessen. Der Weg bleibt nach wie vor lange und steinig, aber ich bin ebenso bereit, ihn weiterzugehen.

 

Ein Tag ohne Kalorien-Tracking Ein Tag ohne Kalorien-Tracking

 

Mehr zum Thema Anorexia Recovery findet ihr hier

 

Life Update #15: Life Changes, Life Chances.

Langsam streifen meine Finger über das kühle Glas der Fensterscheibe. Es ist kalt, obwohl wir schon längst April haben. Mein Blick taxiert meine Finger, wie sie langsam über die Scheibe gleiten. Ich habe mir einen Platz gesucht, an dem es warm ist. Auf meiner Fensterbank, über der Heizung im Badezimmer. Der wärmste Raum im Haus. Der Heimeligste, wenn mir kalt ist. Und dennoch: Ich zittere. Aber nicht vor Kälte. Nicht nur. Hinter mir liegt ein mühsamer Monat. Ein Monat, an dem ich beschlossen habe, dass es Zeit für Life Changes ist. Life Changes im Sinne von Life Chances.

Ich ergreife die Chance. Jetzt! Die Chance, die ich schön längst ergreifen hätte sollen. Aber ich tue es. Jetzt! Denn sonst, ja sonst wäre es zu spät. Und dieses „Zu Spät“ wäre nicht irgendwann eingetreten. Dieses dumme „Irgendwann“, das ich mir immer mühsam und mit verschlossenen Augen eingeredet habe. Das „Irgendwann“, das ich so lange von mir weggeschoben habe, weil ich es nicht wahrhaben wollte. Das Irgendwann, das schon allzu bald eingetreten wäre und all das, wofür ich in den letzten Jahren so gekämpft habe, wogegen ich so starken Widerstand geleistet habe, einfach so den Bach runtergeschwemmt hätte.

 

Ich gebe auf. Sie hat gewonnen!

 

Dieser Gedanke. Er hat mich verfolgt. Tagelang.
Wochenlang.
Monatelang.
Während ich meine Finger beobachte, wie sie über das kühle Fenster tänzeln, frage ich mich: „Bin ich wirklich ein Mensch, der so leicht aufgibt?“ Innerlich zucke ich zusammen. Aufgeben war nie eine Option. Tief in mir drinnen weiß ich die Antwort. Sie lautet „Nein.“ Es war eine Songzeile aus einem Eminemsong, der mir gezeigt hat, wofür ich im Bezug auf mich selbst wirklich einstehe:

 

Success is my motherfucking option! Fail is NOT!

 

Genau! Für Misserfolge bin ich nicht geboren. Und bevor das den Eindruck von einem Hauch Arroganz erwecken lässt, muss ich zugeben, dass ich Erfolg für mich ganz neu definiert habe. Hier geht es nicht darum, ein großer Internetstar zu werden. Es geht nicht darum, viel Geld zu verdienen. Auch nicht um die bestmögliche Ausbildung oder um einen Einser-Abschluss. Es geht um Life Changes. Um Life Chances. Seitdem ich ein wichtiges Gut jahrelang nicht mehr wirklich in meinem Leben habe, ist beruflicher und bildungstechnischer Erfolg nur noch nebensächlich. Dieses Gut ist viel wichtiger. Wichtig, um wirklich zu überleben. Es ist die Gesundheit. Gesund zu werden, da ich es selbst in der Hand habe, ist der Erfolg, auf den ich persönlich wirklich stolz sein könnte – sollte ich das Ziel erreichen.

 


 

Life Changes

 

Life Update #15

All about Life Changes & Life Chances.

Mein Lifeupdate im März habe ich gekonnt ignoriert. Fest verankert in meinem Contentplan, erscheint monatlich ein kurzes Update zu meinem Leben und was gerade alles um mich herum passiert. Und es ist ein Beitrag, den ich gerne schreibe. Es ist so, als würde ich euch noch mehr in meinen Alltag lassen. Noch mehr von meiner Persönlichkeit preisgeben. Euch eine größere Chance geben, die „echte“ Lisa hinter meiner Bloggerfassade kennenzulernen. Und ich lasse euch gerne in mein Leben. Erzähle euch mit Freuden, was es bei mir so Neues gibt. Es ist ein ungezwungenes Schreiben. Ein simples Plaudern aus dem Nähkästchen, so wie ich es auch bei Freunden während eines Kaffeeklatsches zu tun pflege.

Nur im Monat März fiel es ins Wasser. Kein Grund, mich dafür zu entschuldigen. Diesmal war nicht das Schreiben eines Life Updates fest verankert in meinem Alltag, sondern der erneute Versuch einer Recovery. Das Ernährungsthema hat mich stark eingenommen. Für andere Dinge im Leben hatte ich wenig Kopf. Dafür habe ich meinen Fokus wieder vermehrt auf meine „Anorexia Recovery“-Kategorie gelegt. Und das tat gut. Richtig gut. Ich wusste nicht, ob das Recovery Thema überhaupt einen Platz in meinem Life Update finden soll, weil es eben diese Kategorie gibt. Aber was bestimmt mein Leben gerade mehr, als mein Life-Changes-Versuch?

 

Life Changes

 

Recovering is hard, but it’s worth it!

Der fünfte Versuch soll mein letzter bleiben. Könnt ihr euch noch an diesen Beitrag erinnern? Es geht um genau diese eine Zahl. Fünf. Es geht darum, mit wie vielen Zufällen sie in meinem Leben zusammenhängt. Vielleicht ist der fünfte Versuch nun auch der, der erfolgreich ist. Ich habe mir selbst ein Versprechen gegeben. Das Versprechen, so leben zu dürfen, wie jeder andere auch. Das Versprechen, Ana endlich in den Wind zu schießen. Ich gebe immer mein Bestes, meine Versprechen nicht zu brechen. Bei Freunden. Bei euch. Warum soll ich dann ein Versprechen mir gegenüber brechen?

Recovering isn’t a walk in a park. Das ist einer meiner Standardsätze. Und es ist hart. Ich bin motiviert, aber Recovery ist hart. Die letzten beiden Wochen waren schwer. Wirklich steinig. Ich hätte während meiner Sofia-Reise vermehrt auf meine Ernährung achten sollen. Irgendwie wurde ich wieder in diesen Sog der Anorexie reingezogen, aber ich kämpfe mich wieder heraus. Step-by-Step und es wird besser.

Manchmal stehe ich vor dem Spiegel und dann kommen mir die Tränen. Die Gründe sind oft ganz unterschiedlich. Mal, weil ich nicht weiß, wie ich es schaffen soll und nicht 100% geben kann. Mal, weil ich stolz auf mich bin. Aber es gibt ganz viele Momente der Ausgelassenheit. Ich erlebe viele glückliche Momente, weil ich so viel Unterstützung von Außen bekomme.

Manchmal macht mir der Optimismus der anderen Angst. Es sind Momente, die mich überfordern. Manchmal. Weil ich nicht weiß, ob ich dem gerecht werden kann. Doch dann wird mir klar, dass ich mir von diesem Optimismus eine Scheibe abschneiden muss. Denn der Mensch, der zu 100% an mich glauben muss, bin ich selbst. Nach und nach fasse ich immer mehr Mut. Mein Handgelenk wird von einem Armband geziert. Die Worte „Hope“ zeigen mir, dass, auch wenn der Glaube einmal fehlt, es immer noch die Hoffnung gibt. Und die habe ich wirklich in mich.

 

Life Changes Life Changes Life Changes Life Changes

 

Outfitdetails zu meinem pastellen Look – für Life Changes müssen wieder mehr Farben in mein Leben…

Kleid, Pullover & Jeansjacke*: Orsay
Ankle Boots*: Tommy Hilfiger
Sunnies*: RayBan
Bag: Shootbag

Hierzu gehören auch Knallfarben. Zu diesem Thema durfte ich sogar einen Beitrag für den Otto Trendguide verfassen -HIER-

 


*PR Samples

Picture Credits: Seven&Stories

 

Hilft das Kalorienzählen in der Recovery?

Es könnte nicht widersprüchlicher sein. Ich mache eine Recovery, aber zähle Kalorien. Die Hintergründe meiner Entscheidung könnt ihr -HIER- noch einmal nachlesen. Dass eine Essstörungs-Recovery und Kalorienzählen auf den ersten Blick nicht wirklich zusammenpassen, ist klar. Ich möchte auch niemanden ans Herz legen, das Kalorienzählen als dauerhafte Lösung zu betrachten. Selbst ich will nicht mein Leben lang davon abhängig sein. Nur war das Kalorienzählen sozusagen die Lösung und mein letzter Ausweg, wieder mit dem Essen anzufangen. Der erste Schritt in die richtige Richtung.

Gut zwei Monate tracke ich nun meine Kalorien. Tatsächlich hat es mir geholfen, neue Nahrungsquellen für mich zu entdecken. Zur Erinnerung: Ich habe mich wochenlang nur von Milch und Sojamilch ernährt, dadurch leider auch zugenommen, weil ich über meinen Grundumsatz kam, aber dennoch gehungert. Obwohl ich dadurch zugenommen habe und wusste, dass ich mit fester Nahrung dem entgegensteuern könnte, hatte ich urplötzlich Probleme damit, diese auch tatsächlich zu essen.

Seitdem ich tracke, gelingt es mir, meine drei Mahlzeiten am Tag zu mir zu nehmen. In fester Form. Milch trinke ich kaum noch. Mein Kaffeekonsum hat rasant abgenommen. Eine deutliche Verbesserung. Trotzdem bin ich gerade drauf und dran, meine Sichtweisen und Perspektiven zum Thema Kalorienzählen zu verändern. Mit der Zeit gewinnt man mehrere Erkenntnisse. Eine dauerhafte Lösung ist das Tracken nicht. Schon gar nicht, wenn es um eine Essstörungs-Recovery geht.

 

 

Mut fassen und das Problem am Schopf packen

Warum das Kalorienzählen am Beginn einer Recovery sinnvoll ist

Menschen mit einer Essstörung sind Kontrollfreaks. Kontrolle ist etwas, das wir nur sehr schwer aus der Hand geben können. Darum sind besonders Essattacken der absolute Tiefpunkt des Kontrollverlustes, egal ob man nun an Anorexia Subtype Binge-Purge, an Bulimie oder an Binge Eating Disorder leidet. Meine größte Angst vor dem Essen war, dass ich sofort in ein Binge-Purge-Muster zurückfalle, sobald ich wieder feste Nahrung zu mir nehme. Zum Glück ist das vom ersten Tag an nie passiert. Die Planung half mir nicht nur dabei, zu essen, sondern auch nichts wegzulassen. Zumindest am Anfang. Dazu aber gleich mehr.

Von heute auf morgen die Kontrolle aufzugeben, ist schwer. Alleine der Gedanke daran ist ein Hindernis. Ich kann mich nicht von heute auf morgen ändern. Insbesondere weil ich nun seit neun Jahren an der Essstörung leide. Die Motivation, etwas zu ändern war und ist groß. Die Angst, die Kontrolle zu verlieren, war und ist jedoch größer. Gedanken an den Kontrollverlust sind für Essstörungspatienten wahnsinnig schwer auszuhalten, weswegen ich mich am Anfang einer Self-Recovery durchaus für das Kalorienzählen ausspreche.

Ein weiterer Grund: Portionsgrößen einschätzen. Nach wie vor kann ich nicht genau sagen, was eine normale Portion und was zu viel oder zu wenig ist. Es wird jedoch besser, doch am Anfang wäre ich in der Hinsicht besonders hilflos gewesen. Das Tracken alleine reicht dazu jedoch nicht. Nebenbei muss man sich auch schlau machen, was der Körper wirklich braucht.

 

 

Doch Vorsicht: Tracken kann auch ganz schön schief gehen

Verlockende Versuchungen, Bewegungsdrang und starre Fixierung auf Nährwerte

So gut das Tracken für mich zu Beginn funktioniert hat, es gab auch Momente, die suboptimal liefen. Das Tracken hat mich unter anderem ebenso dazu verführt, meine Portionen zu schmälern. Wo kann ich noch mehr einsparen? Das genaue Auflisten der Nährwerte hat mich teilweise sogar in den Wahnsinn getrieben. Ich habe bereits einmal erzählt, dass Kohlehydrate besonders problematisch sind. Sogar problematischer als Fette (die ich nur in Form von reinem Öl und Butter, also „spürbaren“ Fett problematisch finde, aber weniger in Form von Nüssen, Fisch oder Avocados). Da ich Gemüse ebenfalls tracke, dessen Hauptnährstoff meistens Kohlehydrate sind, bekam ich leichte Panikgefühle, als mein Kohlehydratebalken in meiner App immer weiter nach oben schnellte. Das wiederum führte oft dazu, dass ich die Carbs, die wirklich sättigen (wie Getreideprodukte und Kartoffeln etc.) gerne auf ein Mindestmaß reduziert habe.

So wurden die Anteile von sättigenden Lebensmittel wie Couscous, Bulgur oder Kartoffeln immer geringer, der Gemüseanteil jedoch höher. Natürlich ist es gut, wenn man locker auf seine „5 A Day“ kommt und natürlich ist es auch gut, wenn man viel Gemüse isst. Doch es ist nicht gut, hauptsächlich von Gemüse zu leben. In letzter Zeit habe ich auch gemerkt, dass mein Energylevel nach unten gegangen ist. An Tagen, an welchen ich Sport gemacht habe, kam zusätzlich hinzu, dass ich einen richtigen Bewegungsdrang entwickelte. Den Tag darauf konnte man schmeißen, weil ich kaum Energie hatte.

 

 

So soll es nun weitergehen

Welche Steps als nächstes anstehen

So ganz losreißen kann ich mich von dem Kalorienzählen noch nicht. Zwar musste ich mich bei meiner Reise nach Bulgarien damit abfinden, die Kontrolle aus der Hand zu geben und ich habe auch gesehen, dass es klappt, doch zu Hause bin ich an diesem Punkt noch nicht angekommen. Ich habe jedoch für mich beschlossen, dass ich das Tracken von Gemüse langsam aber sicher aufgeben muss. Damit treibe ich meine Kalorien nur unnötig in die Höhe und vermeide Kohlehydrate noch mehr. Hey, es macht keinen Unterschied, ob ich meine Zucchini auf 100 Gramm abwiege oder gleich eine ganze esse. Ich habe auch noch nie erlebt, dass ein Mensch von Gemüse zugenommen hat. Darum möchte ich im nächsten Schritt das Tracken von Gemüse aufgeben.

Außerdem ist es wichtig, mein Energielevel wieder nach oben zu bringen. Die letzten Tage waren geprägt von Müdigkeit und Schwäche. Weil mir Sport wieder so viel Spaß macht, genauso wie das aktive Teilnehmen am Leben, ist es notwendig, verstärkt darauf zu achten. Es ist eben doch schöner, eine energiegeladene junge Frau zu sein, anstatt ein müdes Murmeltier, das nicht aus dem Bett kommt und blass ist.

Darüber hinaus möchte ich mich endlich einer ärztlichen Untersuchung unterziehen. Mich gründlich durchchecken lassen, um alle meine Mängel herauszufinden, damit ich sie gezielt bekämpfen kann. Ich selbst rechne insbesondere mit einem Eisenmangel, darum achte ich schon jetzt darauf, mehr Eisen zu mir zu nehmen.

 

 

Wie es mir ansonsten mit dem Essen geht

Was läuft gut? Was eher schlecht? Und welche neuen Erkenntnisse kamen hinzu?

Frühstück ist die Mahlzeit, die mir am leichtesten fällt. Das Abendessen jene, bei denen ich die meisten Struggles habe. Besonders je später es wird. Das heißt nicht, dass ich nach 14 Uhr nichts mehr esse, was ich in meiner Magersucht getan habe, aber ich esse gerne zu Abend, wenn es noch hell ist. Auch „On the Go“ zu essen ist für mich ein absoluter Horror. Zumindest jetzt noch, da ich mich unwohl und beobachtet fühle. Auf der anderen Seite finde ich es jedoch gut, dass ich mir für das Essen Zeit nehmen will und mich hinsetze, anstatt mir etwas im Gehen runterzustopfen.

Ich versuche wirklich, keine Mahlzeiten auszulassen. Halte ich das Hungergefühl zu lange aufrecht, verfalle ich wieder in eine Art Suchtrausch. Genau das ist auch das Problem an Essstörungen. Man ist täglich mit seiner „Droge“ konfrontiert. Bei mir ist es der Hunger. Dauert er zu lange an, beginne ich das Gefühl langsam zu genießen und es versetzt mich tatsächlich in ein High-Gefühl. Mitunter ein Grund, warum Essstörungen auch so schwer heilbar sind. Und gerade da liegt die Gefahr: Wenn ich Mahlzeiten zu lange weglasse, neige ich dazu, sie ganz wegzulassen und das Muster zu wiederholen.

Zum Glück kann ich auf die Unterstützung meiner Freunde und Familie bauen, die genau wissen, wie wichtig es für mich ist, dass ich all meine Mahlzeiten einhalte. Es ist wirklich rührend, wie sehr sie darauf achten, insbesondere auf diese Pausen. Sind wir den ganzen Tag unterwegs, setzen sie sich auch wirklich mit mir hin und schauen darauf, dass ich was zu Essen bekomme. Ich kann ihnen immer erzählen, wann ich mich besonders schwach fühle und von mir aus essen möchte, ohne das Gefühl zu haben, sie würden mich als Fressmonster betrachten, was ja nun wirklich nicht der Fall ist.

Ohne diesen Support wäre die ganze Sache wesentlich komplexer und schwieriger, darum bin ich froh, dass ich in der Self-Recovery Menschen um mich habe, denen es wirklich darum geht, dass es mir besser geht. Das sehe ich nicht als selbstverständlich an.

 

 

Wie lange ich noch Kalorien zählen möchte

Mein Ziel ist es, dass ich das intuitive Essen wieder erlerne, darum weiß ich, dass es auch einen Zeitpunkt geben wird und muss, an dem ich das Kalorienzählen aufgeben sollte. Dass ich Ambitionen dazu habe, auf die Küchenwaage zu verzichten, habe ich bereits gemerkt. Und ich weiß auch, dass ich Ambitionen dazu habe, das Kalorienzählen ganz zu lassen. Schon oft habe ich positive Erfahrungen gemacht, dass ich nicht sofort zunehme, wenn ich mal keine Kalorien zähle oder „so esse, wie andere auch“. Positive Lernerfahrungen nennen wir so etwas in der Psychologie. Ich darf diese nur nicht aus den Augen lassen oder vergessen.

Der Sport läuft übrigens prima. Ich habe in die regelmäßige Bewegung zurückgefunden. Nur weiß ich, dass ich dazu auch ein gutes Energielevel brauche. Je mehr Energie mein Körper hat, umso länger halte ich durch und umso mehr kann ich auch machen. Ich bin echt froh, dass ich inzwischen ein aktiveres Leben führe. Das hilft mir einerseits zu essen. Andererseits bin ich zuversichtlich, dass es mir auch dabei helfen wird, das Kalorienzählen wieder aufzugeben.

 

Heute vor genau fünf Jahren…

Heute vor genau fünf Jahren wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen, in welchem ich fast ein halbes Jahr lang gegen meine Magersucht angekämpft habe. Heute vor genau fünf Jahren, am 5.10.2012. Unglaublich, wie viel Zeit vergangen ist und dabei kommt es mir so vor, als wäre es erst gestern gewesen. Ich stand mit zwei vollen Koffern vor der Station, verabschiedete mich von meinen Leidensgenossinnen und es fühlte sich ein bisschen nach Wehmut an. Wehmut, weil ich gehen musste und weil ich einen wichtigen Teil von mir gehen lassen musste. Und es fühlte sich gar nicht so toll an. Ich wusste, dass ich nicht geheilt war, dass mein Rückfallsrisiko bei 90% lag und dass ich immer noch Untergewicht hatte. Es machte mir Angst, wieder in die große weite Welt hinausgehen zu müssen, weiterzustudieren, den Alltag wieder aufzunehmen. Das war heute vor genau fünf Jahren. 

 

Heute vor genau fünf Jahren

 

Meine Magersucht und die Zahl 5

Die Zahl Fünf steht anscheinend in einem großen Zusammenhang mit meiner Krankheitsgeschichte. Am 5.2.2009 begann ich mit meiner ersten Diät, die wohl den Grundstein für diese Krankheit gelegt hat. Ich nahm jedoch wieder zu. Allerdings – fast genau zwei Jahre später, am 5.3.2011 begann ich erneut mit einer Diät, die mich in die schlimmste Krankheitsphase meines Lebens rutschen ließ. Am 5.5.2012 hatte ich den schlimmsten Magersuchtstag meines Lebens und exakt fünf Tage später war ich so schwach, dass ich mein Dasein nur noch in einem abgedunkelten Zimmer fristete. Wenige Wochen später, am 25.5.2012, hatte ich meinen Zusammenbruch und ich wurde in die Klinik eingeliefert. Am 5.6. kam ich in eine spezialisierte Klinik und nahm meine Therapie gegen die Magersucht auf. Und am 5.9. wurde ich von meiner damaligen Liebe verlassen und musste einen weiteren Monat in der Klinik bleiben. Doch dann, am 5.10. konnte ich endlich gehen. 

Ich glaube nicht an Schicksal, Karma oder anderen Hokus Pokus, aber es ist verrückt, wie diese Zahl mit meiner Krankheit einhergeht. Ich begann langsam, die Zahl Fünf als meine Unglückszahl zu betrachten, doch den Bann, an den ich eigentlich gar nicht glaube, habe ich wohl am 5.7.2017 gebrochen, als ich mein Studium erfolgreich abgeschlossen habe. Und heute, am 5.10. stehe ich da und blicke auf eine schier unglaubliche Zeit zurück. Ich frage mich noch heute, wie ich das geschafft habe. Meine Therapeutin sah mich wiederkommen, doch ich blieb von der Klinik fern. Bis heute. Bis heute bin ich nicht zurück, habe nie wieder eine Therapie aufgenommen, obwohl ich in diesen fünf Jahren drei Rückfälle hatte. Doch aus jedem Rückfall konnte ich mich selbst wieder herausziehen, hatte immer einen Anker, der es möglich gemacht hat. Irgendwie.

 

Heute vor genau fünf Jahren

 

Die Ups and Downs in diesen fünf Jahren

Ich bin dankbar, dass ich in diesen fünf Jahren ein halbwegs normales Leben führen konnte. Dass ich in dieser Zeit gelernt habe, mich selbst zu lieben. Es hat fünf Jahre gedauert. Jetzt bin ich 25 und im Einklang mit mir selbst, trotz kleiner Problemchen, die immer noch mein Gewicht betreffen. Rückfälle gehören zu meinem Leben mit einer unheilbaren Krankheit wohl dazu. Das habe ich gelernt, wobei ich es jetzt nicht mehr darauf ankommen lassen will. Die Magersucht war eine harte Zeit, der Kampf, wieder rauszukommen, noch härter.

Heute habe ich mehr Vertrauen in mich selbst. Downs rufen immer noch Appetitlosigkeit in mir hervor, aber wie gesagt, ich lasse es nicht mehr darauf ankommen. Auch wenn ich jetzt immer noch Gewichtsprobleme habe. Dafür ganz andere, als damals in der Zeit meiner Anorexie. Aber auch hier gibt es gute Nachrichten. Seit drei Wochen habe ich nicht mehr wirklich etwas abgenommen. Ein Anfang. Und mein Körper scheint in seine Balance zurückzufinden. Das ist okay für mich. Hauptsache keine Magersucht mehr. Denn die habe ich vor fünf Jahren im Krankenhaus gelassen. Heute vor genau fünf Jahren habe ich das getan. Nicht für immer, denn sie kam ab und zu auf Besuch, aber ich habe sie hinter mir gelassen. Heute vor genau fünf Jahren.

 

Heute vor genau fünf Jahren Heute vor genau fünf Jahren

Outfitdetails

Hoodie: Levi’s
White Basic: Zalando Essentials
Overknee Tights: H&M
Ankle Boots: Deichmann (Similar)

Red Lipstick: Catrice Long Lasting Lip Pencil „170 Plumplona Olé“

Picture Credits: Miss Getway

 

6 Vorurteile gegenüber Magersucht

6 Vorurteile gegenüber Magersucht

Der Mensch hat Vorurteile. Wir dürfen nicht mit den Finger auf andere zeigen, sondern müssen uns diesbezüglich alle selbst an die Nase fassen. Jeder Mensch hat Vorurteile. Du, genauso wie ich. Das liegt einfach in unserer Natur. Auch wenn wir versuchen, sie zu unterdrücken, aber in uns manifestiert sich doch immer ein bestimmtes Bild gegenüber bestimmten Dingen. Seien es ethische Gruppen, seien es diverse Firmen oder wie in meinem Fall Magersucht. Mit sechs davon möchte ich -zumindest aus meiner Sicht- aufräumen.

 

Photo by Patryk Dziejma
Photo by Patryk Dziejma

Vorurteil Nummer 1: Magersüchtige hassen Essen

Das ist falsch. Während meines Klinikaufenthaltes habe ich sehr viele Betroffene kennengelernt. Und wir alle haben Essen geliebt. Anorektische Personen setzen sich sehr intensiv mit Nahrungsmitteln auseinander. Essen ist eine Sache, die unseren Tagesablauf und das Denken bestimmt. Wir mögen zwar jede einzelne Kalorie studieren, gewisse Nahrungsmittel vermeiden, aber wir können den ganzen lieben langen Tag darüber reden. Ich kenne Betroffene, die von Schokolade und Pizza geschwärmt haben, aber sie konnten es selbst einfach nicht essen. Zudem backen und kochen viele Betroffene leidenschaftlich gerne und das auch gut. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie viele Kuchen ich in meiner schlimmsten Phase gebacken habe. Ich war verrückt danach, meine Familie zu bekochen. Auch Foodfotografie hat mich damals bereits sehr begeistert. Andere Betroffene, die ich kennengelernt habe, haben sogar eine umfassende Sammlung an Koch- und Backbüchern zu Hause. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich selbst während meiner schlimmsten Phase gerne Koch- und Backbücher in- und auswendig studiert habe. Auch jetzt würde ich am Liebsten zig Rezepte ausprobieren und sie auf dem Blog hochladen. Doch davor distanziere ich mich momentan. Es würde mir zu heuchlerisch vorkommen, außer wenn ich weiß, dass ich es auch wirklich gegessen habe. Wenn ich aber die Kraft aufbringen kann und es dann auch selbst esse (momentan sieht es gut aus), möchte ich weiterhin Rezepte online stellen.

 

Orangensaft
Photo by agnieszkawanda

Vorurteil Nummer 2: Wir essen nur orangensaftgetränkte Watte und trinken nur schwarzen Kaffee

In der Tat wurde ich einmal gefragt, wie Watte schmeckt, die in Orangensaft getränkt wurde. Woher soll ich das wissen? Ich habe es noch nie probiert und würde auch nie auf die Idee kommen, mich mit Watte vollzustopfen. Es kann gut sein, dass es einige machen oder dass es in der Magermodelwelt praktiziert wird. Das sind jedoch nur Vermutungen meinerseits. Ich hingegen kenne keine/n AnorektikerIn, die/der das macht. Und ich würde niemanden dazu raten, es zu machen. Watte besteht oftmals nicht nur aus Baumwolle, sondern auch aus Kunstfasern. Im schlimmsten Fall kann es sogar sein, dass die Watte operativ entfernt werden muss.

Wie diese Person auf so einen Schwachsinn gekommen ist, weiß ich nicht. Die verwunderte Gegenfrage des Fragestellers lautete jedoch: „Machen das denn nicht alle Magersüchtige?“ Ähm, nein! Und wir trinken auch nicht nur schwarzen Kaffee. Klar, Milch ist so eine Sache – Liquid Calories. Mit denen hatte ich aber immer weniger Probleme. Ich trinke meinen Kaffee seit eh und je mit Milch – viel Milch und Milchschaum. Die Mädels, die ich in der Klinik kennengelernt habe im Übrigen auch. Man kann nicht alle in einen Topf werfen. Die einen vermeiden diese Nahrungsmittel, andere Betroffene andere Nahrungsmittel. Es gibt viele, die mit Milch unheimlich viele Probleme haben, andere wiederum gar nicht (wobei auch meistens zur fettreduzierten oder laktosefreien Variante gegriffen wird).

 

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Photo by Francesco Gallarotti

Vorurteil Nummer 3: Wir haben einen unersättlichen Bewegungsdrang

Stimmt nur bedingt. In der Klinik war nur eine Betroffene, die gerne Sport gemacht hat. Sie war übrigens Sportstudentin. Wir anderen waren nicht wirklich sportlich. Zudem hatten die meisten von uns Bewegungsverbot und durften erst ab einem bestimmten Gewicht an der Sporttherapie teilnehmen. Viele machen zwar übertrieben viel Sport und haben diesen Bewegungsdrang. Das trifft aber nicht auf alle zu. Ich persönlich musste mich immer zum Sport zwingen. Als ich mein Tiefstgewicht erreicht hatte, hatte ich jedoch keine Kraft mehr, um Sport zu praktizieren. Ich war zwar immer noch hibbelig und konnte nicht damit aufhören, mit meinen Beinen zu wippen, aber allzu viel Sport konnte ich nicht mehr machen. Nur zu Beginn meines Klinikaufenthaltes habe ich heimlich in meinem Zimmer Zumba und Pilates gemacht. Ich glaube aber auch nur deswegen, weil ich wusste, dass ich jetzt wieder essen MUSS. Und zwar ALLES, was mir aufgetischt wurde. Auch für diese Sporteinheiten hatte ich nicht lange Kraft. Nachdem ich einmal erwischt worden bin, habe ich es gleich ganz bleiben lassen. Nicht wegen des heftigen Anschiss‘ der Stationsschwester oder der Tatsache, dass ich nachfolgend unter Dauerbeobachtung stand, sondern weil die Kraft ein für alle Mal aufgebraucht war.

Erst zwei Wochen vor meiner Entlassung hatte ich das Gewicht, welches mir erlaubte, an der Sporttherapie teilzunehmen. Doch mein Interesse danach war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr allzugroß. Obwohl es momentan ernährungstechnisch bei mir nicht so gut läuft, habe ich schon lange keinen Sport mehr gemacht und auch kein Bedürfnis danach. Ich habe jetzt zwar wieder zugenommen (BP-Phase sei Dank -.-*) und es kotzt mich auch an, das gebe ich offen und ehrlich zu, aber trotzdem bin ich momentan eher weniger motiviert, Sport zu machen.

 

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Vorurteil Nummer 4: Magersüchtige eifern Models und anderen Prominenten nach

Das ist nicht richtig. Sollte dieser Vorwurf stimmen, spricht man eher von einem Magerwahn, aber nicht von Magersucht. Der Magerwahn und Magersucht sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Ich werde nicht müde zu erwähnen, dass Magersucht eine Krankheit ist, die im Kopf beginnt. Es ist eine mentale Krankheit, hinter der sich oft weitaus andere Hintergründe verbergen, als bloß der reine Wunsch, schlank und schön zu sein. Magersucht ist oft die Folgeerscheinung von traumatischen Erlebnissen. Das kann von leichten, verletzenden Erlebnissen bis hin zu schwerwiegenden Traumata reichen. Ich selbst frage mich oft, warum es dann mich erwischt hat. Ich habe ein stabiles familiäres Umfeld, einen beständigen Freundeskreis und hatte eine ganz normale Kindheit. Es müssen allerdings nicht nur extreme Fälle, wie ein sexueller Übergriff zu einer Essstörung führen, sondern können bei scheinbar harmlosen Dingen beginnen. Auch Verluste, wie Todesfälle oder das Ende einer Beziehung können in so einen Strudel führen. Es ist also nicht (nur) der Traum, wie ein VS-Model auszusehen. Ob ich noch konkret auf meine Auslöser eingehen werde, weiß ich nicht. Ich müsste einerseits sehr stark in mich gehen und andererseits weiß ich gar nicht, wie persönlich dieser Post dann werden würde. Wahrscheinlich sehr persönlich.

 

Photo by Milada Vigerova
Photo by Milada Vigerova

Vorurteil Nummer 5: Magersüchtige haben kein soziales Leben und verschanzen sich permanent in ihrem Zimmer

Es gibt diese Momente, wo man einfach keinen Menschen um sich haben und den lieben langen Tag nur im Bett liegen möchte. Das ist wohl bei jedem Menschen so. Bei Menschen mit Essstörungen mag dies vielleicht ausgeprägter sein, aber das heißt nicht, dass wir nicht dazu in der Lage sind, ein soziales Leben zu führen. Meines ist sogar sehr ausgeprägt, um ehrlich zu sein. Das liegt womöglich auch daran, weil ich Freunde habe, die sehr bemüht um mich sind und mich gerne auf andere Gedanken bringen. Im Spätsommer zog ich mich zwar immer mehr zurück und es fiel mir schwer, mich mit meinen Mädels zu verabreden, jedoch wollte ich mich nicht selbst aus der Gesellschaft ausschließen. Ich fühlte mich schon sehr geschwächt und war bereits bei meinem Limit angekommen. Trotzdem möchte ich mir von dieser dummen Krankheit nichts versauen lassen. Schon gar nicht mein soziales Leben. Das ist auch der Grund, warum ich mit dieser Krankheit gut leben kann. Einfach deswegen, weil sich diesbezüglich nicht so viel geändert hat. Vor knapp fünf Jahren, als die Krankheit ihren Höhepunkt erreicht hat, war es fast genauso. Ich versuchte immer, ein soziales Leben aufrecht zu erhalten. Zwar war es eingeschränkter, als früher, aber es war immer noch vorhanden.

 

Vorurteile

Vorurteil Nummer 6: Alle Anorektiker sind Pro-Ana oder ATTE (Ana Till The End)

NEVER! Ich bin seit jeher gegen Pro-Ana. Ich war noch nie in meinem ganzen Leben auf einer Pro-Ana-Seite. Leidet man unter dieser Krankheit, muss man sich schnell das Vorurteil gefallen lassen, Pro-Ana zu sein. Das ist ein Lebensstil, den ich in meinem ganzen Leben nie unterstützen würde. Ich habe nie nach einer Pro-Ana-Website gesucht. Lediglich diese fragwürdigen Ana Gebote sind mir bekannt, aber die kennt wohl jeder und werden sogar im Schulunterricht kritisch behandelt. Ansonsten wurden sie auch in den Medien gezeigt – natürlich nicht, um Pro Ana zu verherrlichen, sondern um auf die Gefahren aufmerksam zu machen.

Ich kenne den Text und kann Zeile für Zeile nur den Kopf schütteln. Diese Gebote sind verstörend. Furchteinflößend. Die Anorexie wird personifiziert und glorifiziert. Angebetet, wie eine Gottheit. Menschen, die wirklich unter dieser Krankheit leiden und sie nicht nur haben, sind im Grunde meistens dagegen. Ich selbst bin Pro-Recovery. Recovery bedeutet, dass man etwas gegen diese Krankheit unternehmen möchte. Und das ist gerade der Weg, den ich versuche, zu gehen.

 

Fear Food Wins: January #1

Fear Food Wins

January #1

In einen meiner Anorexieposts habe ich euch etwas über Fear Food und Fear Food Wins erzählt. Obwohl der Januar kein leichter Monat war und ich mich in der BP-Phase befunden habe, gab es auch Tage, die ganz gut funktioniert haben. Mit Sicherheit kann ich mich nicht mit Ruhm bekleckern, aber es gab durchaus Tage, die nicht in einem reinen Desaster geendet haben oder vollkommen restriktiv waren. Ich habe mich auch bewusst für „Fear Food“ entschieden, weil ich mir selbst beweisen wollte, dass es auch anders geht und dass der Konsum von Fear Food nicht zwangsläufig zu einer Essattacke führen muss. Meine großen Ziele: Essen nicht mehr als Fear Food zu sehen und Essen keinen so großen Stellenwert in meinem Leben mehr geben! Essen soll normal sein und nichts, was mich stolz machen soll. 

Ich weiß, dass ich etwas ganz Normales im Leben momentan stark glorifiziere. Essen besitzt in meinem Leben einen großen Stellenwert. Es ist nicht so, dass man mit einer Essstörung Essen verabscheut. Ich persönlich liebe ästhetische Foodbilder & Foodstyling. Ich fotografiere es gerne, richte es mit Vorlieben an und koche mit Freuden. Nur mit dem selber essen hapert es. In einer Essstörung setzt man sich sehr stark mit Lebensmittel auseinander. Man analysiert, vergleicht und man spricht positiv davon. Man könnte sich wirklich den ganzen Tag damit beschäftigen. Man zählt auf, was man mag und was einem gut schmeckt. Die Umsetzung in der Praxis ist jedoch oftmals problematisch. Doch Essen soll nicht nur da sein, um es anzusehen, es zu kochen und zu fotografieren.

Mit den Fear Food Wins habe ich eine Möglichkeit gefunden, wieder zu einen meiner Wurzeln zurückzukehren. Der Foodfotografie und das Teilen von Rezepten. Ich möchte schließlich nichts auf diesem Blog zeigen, was ich nicht selbst gegessen habe und wovon ich nicht überzeugt bin. Jetzt würde es mir so heuchlerisch vorkommen, wenn ich so tun würde, als ob. Das ist nicht Sinn der Sache. Für die meisten von euch mögen dies ganz normale Portionen sein. Ein ganz normales, simples Mittagessen. Für mich waren es teilweise Dinge, mit denen ich gehadert habe. Bei denen ich lange darüber nachgedacht habe (besonders bei der Schokolade). Dinge, die mir ein schlechtes Gewissen beschert haben. Aber Dinge, die sein mussten, um wieder zu einer Normalität zurückzukehren.

Ich erkläre euch auch, was an den bestimmten Gerichten für mich ein Fear Food ist und wie ich mich danach gefühlt habe. Es waren im Übrigen auch deswegen Fear Food Wins, weil es zu keinem BP-Verhalten geführt hat. Nicht nur das Essen alleine ist der Win, sondern die Tatsache, dass es in keinem Desaster geendet hat. Ich brauche kein Lob dafür, das ich was gegessen habe. Ich habe es zum Beispiel immer gehasst, wenn meine Mutter mich gelobt hat oder mir jemand damals im Krankenhaus gesagt hat, wie „gut ich das gemacht habe“. Trotzdem will ich kleine Erfolge dokumentieren, festhalten und mit euch teilen. Um zu zeigen, das man kämpfen kann. Das es möglich ist. Und für mich. Um meine kleinen Erfolge zu visualisieren.

 

Schlemmerfilet3 - 1

 

Fischfilet

mit Macadamiakruste, sautiertem Gemüse und Süßkartoffelsticks

Fear Food weil: Macadamia, Butter und Brösel (Paniermehl)

Gewissensbarometer: Mittel. Ich habe einfach versucht, alles auszublenden und mich nicht zu sehr auf diese Mahlzeit zu fokussieren.

 

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Pralinen

Fear Food weil: Schokolade, buttrige Füllungen

Gewissensbarometer: Das schlechte Gewissen war „over the stars“. Vielleicht war es keine gute Idee, direkt nach dem Mittagessen noch etwas Süßes zu essen, weil ich ohnehin ein bisschen gehadert habe. Aber warum soll ich mir von der Krankheit alles verderben lassen?

 

Toasti

 

Avocado Toast

mit Feigen-Ziegenkäse, Käse, Spiegelei und Wedges

Fear Food weil: (weißes) Toastbroat, Avocados, Käse und Kartoffeln.

Dazu wird es auch das Rezept geben.

Gewissensbarometer: Ich fühlte mich danach ganz okay und habe versucht, mich anschließend auf das Lernen zu konzentrieren.

 

January Fear Food Wins

 

Sushi

Fear Food weil: weißer Reis, Sesam

Zugegeben, die Portion ist nicht wirklich groß. Ich saß lange vor dem Teller, habe ihn angestarrt, mir dann aber gedacht, das es wohl nicht wahr sein kann, dass ich gerade am Überlegen bin, ob ich mein Lieblingsessen essen soll/darf/kann. No chance to Anorexia! Letztendlich hat es doch funktioniert und es war wirklich gut. Mein letztes Sushi hatte ich irgendwann gegen Ende Oktober. Remember the big Sushi Plate auf Instagram? Da habe ich weniger geschafft, als auf diesem Teller drauf ist. Den Rest durfte ein Freund von mir verputzen. Wenn ich so daran zurückdenke, macht mich das ein bisschen traurig und ich merke, wie sehr mich diese Krankheit einnimmt. Die alte Lisa hätte sich wahrscheinlich ein Sushiröllchen nach dem anderen reingeschaufelt, sodass meine Freunde vielleicht ein oder zwei Röllchen erwischt hätten.

Gewissensbarometer: Ein schlechtes Gewissen war kaum vorhanden. Die Portion war schließlich mehr als Mini und mehr Snack als eine vernünftige Mahlzeit.

 

Unpictured

Ansonsten war ich noch zweimal mit meinem besten Freund einen Burger essen. Irgendwie geschieht es mir leichter, wenn ich mit jemanden zusammen esse, den ich vertraue. Da geht es meistens auch ziemlich unproblematisch. Ich denke nicht lange nach, sondern esse einfach. Bei fremden Menschen fällt es mir immer ein bisschen schwerer. Das sollte nicht mein Leben bestimmen.

 

Habt ihr noch Fragen?

Wollt ihr noch mehr zu dem Thema „Essstörungen“ erfahren. Habt ihr konkrete Fragen? Dann könnt ihr das gerne HIER tun. Wollt ihr über etwas bestimmtes Bescheid wissen? Lasst es mich wissen. Ich richte diese Posts gerne nach euren Interessen aus.

Magersucht und ihre Subtypen

Magersucht und ihre Subtypen

Von restriktiv bis hin zu Binge-Eating/Purging

In meinem letzten Post über Magersucht habe ich euch bereits erzählt, dass es zwei unterschiedliche Subtypen der Krankheit gibt, von denen ich euch heute erzählen möchte. Ich werde diesen Post auch nutzen, um euch etwas von meinem Krankheitsverlauf beginnend ab Sommer 2015 bis jetzt zu erzählen.

 

Magersucht

In Österreich leiden ca. 2500 Mädchen zwischen 15-20 Jahren an einer ausgeprägten Magersucht. Im Schnitt kommen 600 Neuerkrankungen jährlich dazu. Um die Diagnose Magersucht stellen zu können, muss laut ICD-10 das Gewicht 15% unter dem Normalgewicht liegen bzw. einen BMI von 17,5 aufweisen. Der Body Mass Index besitzt jedoch keine starke Aussagekraft, weil er beispielsweise genetisch bedingtes Untergewicht nicht berücksichtigt. Außerdem gibt es weitere Kriterien, um eine Magersucht zu diagnostizieren. Beispielsweise bei einem beabsichtigt herbeigeführten Gewichtsverlust von mehr als 30% des Ausgangsgewichts, was theoretisch bedeutet, dass man auch im Normal- oder Übergewicht anorektisch sein kann. Ein weiteres Kennzeichen für Magersucht ist ein rascher Gewichtsverlust innerhalb von 3 Monaten.

Magersucht verläuft nicht bei jedem Betroffenen gleich. Prinzipiell unterscheidet man zwischen zwei Subtypen: Restriktiver Subtyp Binge-Eating/Purging Subtyp. 

 

Subtyp: Restriktiv

Der restriktive Typ ist jener Typus, den man sich unter einer „klassischen Magersüchtigen“ vorstellt. Die Nahrungsaufnahme wird vehement verweigert, man zählt Kalorien und eine bestimmte Kaloriengrenze darf nicht überstiegen werden. Zusätzlich werden nur Nahrungsmittel konsumiert, die als „safe“ angesehen werden, sprich kalorien- und fettarme Produkte, Low-Sugar- und Low-Carb-Produkte und Gemüse. Obst ist oftmals problematisch wegen des hohen Fruchtzuckeranteils, wird aber auch in geringen Mengen gegessen. Aber auch hier zeigen sich oftmals abnorme Verhaltensmuster. Beispielsweise essen viele einen Apfel nur geschält, weil die Schale „zu viele“ Kalorien hat.

Im restriktiven Typus gibt es keine Essattacken und man setzt auch auf keine Purging-Maßnahmen für die Gewichtsreduktion, wie Erbrechen oder die Einnahme von Abführmittel. Übermäßig sportliche Betätigung kann jedoch eine Begleiterschein des restriktiven Typus sein, sofern man noch die Kraft dazu hat oder sich zumindest einbildet, man hätte sie.

 

Meine restriktive Phase

Meine restriktiven Phasen habe ich für gewöhnlich in den wärmeren Jahreszeiten. Die letzten zwei Jahre nach meiner Therapie blieb ich davor verschont, doch alles hat sich im letzten Jahr verändert. Im Sommer 2015 war meine restriktive Phase sehr stark ausgeprägt, wo ich jegliche Nahrungsmittelaufnahme vehement verweigert habe. Das heißt, dass ich wenige Wochen lang wirklich gar nichts zu mir genommen habe, außer laktosefreie Milch, Cola light, zuckerfreie Energydrinks, Kaugummis und Zigaretten. Mein Energielevel war auf Ultralow programmiert und ich wundere mich selbst, dass ich zu dieser Zeit die Kraft hatte, zu bloggen oder so viel mit meinen Freunden zu unternehmen. Zu dieser Zeit habe ich auch sehr viel geschlafen. Untertags meistens noch zwei oder drei Stunden. Ein Glück, dass Ferien waren.

Ein so langer Nahrungsmittelentzug geht auch stark auf die Psyche. Irgendwann gegen Ende August war ich mit meinen Nerven vollkommen am Ende, sodass nur ein Wort genügte, um mich aus der Fassung zu bringen. Ich weiß noch ganz genau, dass Mama Lait etwas zu mir gesagt hat, was nicht böse gemeint war, für mich jedoch wie ein Vorwurf klang. Das Resultat war ein Tränenausbruch. Der Tag hat damit geendet, dass Mama und ich etwas essen gegangen sind. Dieser Tag war wohl wichtig, denn nach und nach sind kleine Verbesserungen eingetreten. Von September bis Mitte Dezember war es etwas besser. Wir waren Frühstücken, in Triest habe ich mich nach langer Diskussion immer zum Essen überreden lassen und ich war auch auf dem Street-Food-Market und habe mir dort den Tag nicht von dieser dummen Krankheit versauen lassen. Trotzdem waren die meisten Tage restriktiv, bis an den Weihnachtsfeiertagen die Binge-Eating/Purging-Phase (BP-Phase) begonnen hat.

 

Food
Quelle: Gratisography

 

Subtyp: Binge-Eating/Purging

Es ist schwierig, in einer Anorexie dauerhaft restriktiv zu bleiben. Irgendwann hält es der Körper nicht mehr aus und holt sich das zurück, was er braucht und was ihm so lange verwehrt wurde. Da kann man sich auch noch so sehr dagegen wehren. Irgendwann steuert man nicht mehr selbst, sondern man wird gesteuert. Obwohl viele Menschen Magersucht immer mit einer strikten Nahrungsverweigerung assoziieren, leiden sehr viele unter diesem Subtyp oder -wie es bei mir ist- episodisch unter diesem Subtyp. Unter Binge-Eating/Purging versteht man jenen Typus, in welchem während einer bestimmten Episode der Anorexia nervosa häufiger Essattacken auftreten. Nach diesen Essattacken zeigen Betroffene häufig ein „Purging“-Verhalten. Das heißt: selbstinduziertes Erbrechen und/oder Missbrauch von Laxanzien und/oder Diuretika. Diuretika sind Arzneimittel, die eine erhöhte Wasserausscheidung bewirken. Rezeptfrei sind sie zum Glück nicht erhältlich.

Der Unterschied zu einer Bulimie liegt darin, dass die Essattacken nicht so häufig auftreten. Manche bleiben während der gesamten Krankheit in diesem Typus, manchmal ist es auch nur episodisch und nicht auf Dauer.

 

Meine BP-Phase

Während den Weihnachtsfeiertagen hat es mich leider ein bisschen erwischt. BP-Phasen treten bei mir in den kalten Jahreszeiten auf. Erklären, warum das so ist, kann ich nicht. Ich schätze, es hat etwas damit zu tun, weil mein Körper in der Kälte die Nährstoffe dringender den je benötigt. Für mich persönlich ist die BP-Phase wesentlich schlimmer, schwieriger und unerträglicher, als die restriktive Phase. Essattacken sind anstrengend. Besonders schlimm ist es, weil man nichts dagegen machen kann. Sie tauchen eben auf. So eine Attacke kann den ganzen Tag andauern. Manche „wachen“ aus diesem Delirium zwar auf und belassen es nach einiger Zeit, aber eben nicht alle.

Essattacken können durch bestimmte Nahrungsmittel ausgelöst werden, manchmal kommen sie auch einfach so. Natürlich nehmen viele in dieser Phase zu, dazu zähle auch ich. Man sieht zwar in der BP-Phase oftmals gesünder aus und nach Außen hin wirkt es so, als wäre die Essstörung überwunden, doch dem ist nicht so. Vielleicht fühlt man sich, trotz der Anstrengung in dieser Phase, körperlich besser, weil der Körper Nahrung bekommt, aber der seelische Schmerz ist für mich persönlich in der BP-Phase wesentlich größer. Es ist oftmals unerträglich, sich im Spiegel ansehen zu müssen, vor allem nachdem „es“ wieder passiert ist. Genau deswegen ist auch der Satz „Du siehst wieder viel besser aus“ unangebracht. Und genau deswegen habe ich diesen Satz in die Liste der Sätze erwähnt, die man nicht zu einem Menschen sagen sollte, der unter einer Essstörung leidet. Man kann nie wissen, in welcher Phase sich ein Betroffener gerade befindet. Eine Gewichtszunahme bedeutet nicht, dass die Essstörung überwunden oder geheilt ist. Sie kann auch eine BP-Phase bedeuten.

Detailliert möchte ich meine BP-Phase nicht schildern. Ich kann nur so viel dazu sagen, dass es seit den Weihnachtsfeiertagen bis Mitte Januar etwa einmal in der Woche vorgekommen ist. Für mich ist es eines der schlimmsten Gefühle, doch so langsam ist die Phase am Abklingen. Ich kann im Januar auch einige Erfolge verbuchen, die ich euch am Sonntag zeigen werde. Ich bin wirklich froh, dass die Phase am Abklingen ist und ich hoffe, dass nun nicht wieder der Übergang in eine restriktive Phase folgt. Momentan versuche ich mich wieder darauf zu fokussieren, eine gesündere Beziehung zum Essen aufzubauen, auch wenn es schwierig ist. Aber ich habe zum Glück Menschen an meiner Seite, die mich unterstützen und für mich da sind.

 

Subtypen
Quelle: Kamboompics

 

Last but not least

Diesen Post möchte ich mit Worten und Zeilen beenden, die mir persönlich am Herzen liegen. Trotz dieser Krankheit bin ich nicht unglücklich. Auch wenn es mich „erwischt“ hat, kann ich von mir selbst behaupten, dass das noch lange kein Grund ist, mein Leben als sinnlos abzustempeln. Eine Essstörung ist eine große Herausforderung, aber ich merke, wie ich jeden Tag daran wachse und stärker werde. Nicht, weil ich dazu in der Lage bin, mich und meinen Körper zu steuern, diszipliniert bin oder ähnliches. Sondern, weil ich die Kraft habe, weiterzumachen. Nicht aufzugeben! Auch in einer BP-Phase, die doch sehr viel Kraft und Nerven kostet. Das würde ich nie schaffen, hätte ich nicht meine Lieben um mich. Darum: Gebt nicht auf! Das Leben ist lebenswert! Trotz Schicksalsschläge, trotz Krankheiten, trotz Tiefpunkte! Jeder Mensch ist dazu gemacht, ein Kämpfer zu sein!

 

Bilder von Gratisography und Kaboompics

Fear Food: Was ist denn das?

Fear Food

Was ist denn das?

Wenn es um Anorexie geht, kann ich euch sagen, dass es ein komplexes Thema ist. Man kann darüber viel erzählen. Es gibt so viele wesentliche Aspekte und Unterpunkte, die man behandeln kann und es wird auf diesem Blog noch einiges folgen. Ich möchte mich nicht als die größte Aufklärerin aller Zeiten darstellen, die sich nun dazu berufen fühlt, Licht in dunkle Unwissenheit zu bringen. Nur denke ich mir, dass ich weiß, worüber ich spreche. Ich habe auch gemerkt, dass dieses Thema dankbar angenommen und mit großem Interesse verfolgt wird. Darüber hinaus besteht dieser Aufklärungsbedarf in unserer heutigen Zeit immer noch. Warum soll es nur diese dubiosen Pro-Ana-Blogs und Thinspirations geben? Ich stelle mich lieber auf die Gegenseite und behandle dieses ernstzunehmende Thema auf diesem Blog. Darum möchte ich euch heute wieder etwas über ein Thema bezüglich Magersucht/Essstörungen erzählen, welches in unserer anorektischen Welt einen großen Stellenwert besitzt: Fear Food. Was ist das? 

 

Eine endlos lange Verbotsliste

Mit Sicherheit ist euch bekannt, dass es für anorektische Patienten und Patientinnen eine lange Verbotsliste an Nahrungsmittel gibt. Nahrungsmittel, die auf dieser Verbotsliste stehen, werden strikt vermieden. Betroffene verbieten sich den Konsum dieser Lebensmittel und würden lieber verhungern, als verbotenes Essen zu sich zu nehmen. Meistens stehen Lebensmittel auf diesen Verbotslisten, die einen hohen Anteil an Kalorien, Fett und Kohlehydrate aufweisen. Kalorien sind dabei das Stichwort. Ich persönlich habe damals Light Produkte immer als „Safe Food“ deklariert, denn im Grunde kam es bei mir persönlich nicht auf die Makros an, sondern auf die Kalorien. Je weniger, desto besser. Jedoch wissen wir, dass viele Light oder fettreduzierte Produkte meistens mit viel Zucker angereichert sind. Stimmten die Kalorien, war mir das allerdings egal! An dieser Stelle muss ich auch erwähnen, dass solche Verbotslisten individuell sind. Was der/die eine Betroffene als „safe“ sieht, kann für den/die andere/n Betroffene/n ein absoluter Angstauslöser sein. Um dies wieder auf mich zu beziehen, ein kleines Beispiel: Nüsse sind für viele Anorektiker aufgrund des hohen Fett- und Kalorienanteils problematisch. Ich habe damals einmal die Woche eine kleine Packung Cashewkerne auf einmal problemlos essen können. Cashewkerne waren sozusagen immer mein „Treat“, das ich mir ab und an genehmigte. Natürlich war es immer geplant, wann ich es esse. Das heißt, es gibt Dinge, die nicht primär auf den Verbotslisten stehen, aber nur in gewissen Mengen zu sich genommen werden „dürfen“. Andererseits kenne ich auch eine Betroffene, die beispielsweise Croissants ohne Probleme isst, aber eben nur eines und manchmal ist das am Tag auch alles. Für mich wäre das undenkbar gewesen, selbst wenn ich nur das am Tag gegessen hätte. Croissants standen auf der Liste on the top. Ebenso wie viele gesunde Lebensmittel, z.B. Avocados, Bananen, Marillen und Weintrauben. Von Kartoffeln fange ich gar nicht erst an.

 

Die Angst vor Lebensmittel

Fear Food ist somit jenes Essen, das auf dieser Verbotsliste steht. Primär besteht die Angst darin, zuzunehmen, wenn man das verbotene Lebensmittel zu sich nimmt. Aber es geht nicht nur um das Zunehmen. Fear Food kann man auch jene Lebensmittel bezeichnen, die bei Betroffenen mit dem Subtyp Binge-Eating/Purging Essattacken auslösen. Die Subtypen werde ich euch in einem anderen Post noch genauer erklären. Es erklärt sich von selbst, dass die Angst vor diesen Lebensmittel die Lebensqualität enorm einschränkt. Man kann plötzlich nicht mehr das essen, worauf man Lust hat. Alles, was man früher gerne gegessen hat, macht einem plötzlich Angst und das ist nicht schön. Vor allem, wenn sich das damalige Lieblingsgericht plötzlich in ein großes Angstessen verwandelt. Die Angst äußert sich darin, dass man panisch auf bestimmte Lebensmittel reagiert, zu zittern beginnt, wenn man diese essen soll oder sogar in Tränen ausbricht. 

Ich muss zugeben, dass meine Verbotsliste und das Fear Food heute anders ist, als damals. Cashewkerne lösen mittlerweile ein Unwohlsein in mir aus. Momentan ist es bei mir auch so, dass mit Ausnahme von Milch, nahezu jedes Lebensmittel, allen voran feste Lebensmittel, Unbehagen in mir auslösen. Insbesondere deswegen, weil sich mein Subtyp in den Weihnachtsferien ein bisschen verändert hat. Aber das werde ich euch alles in dem geplanten Post über die Subtypen erzählen.

 

Angst Fear Food

 

Sich der Angst stellen

Betroffene, die sich dazu entschieden haben, etwas gegen ihre Krankheit zu unternehmen, veranstalten oft eine sogenannte „Fear Food Challenge“. Dabei werden bewusst jene Lebensmittel konsumiert, vor denen man normalerweise Angst hat. In den sozialen Netzwerken werden diese Challenges gerne auf den Recovery Kanälen durchgeführt. Oftmals finden sie in Gruppen statt. Ein Beispiel wäre die sogenannte „Pint Party“, bei der eine ganze Packung Eis auf einmal gegessen wird (bevorzugt B&J’s). Es geht nicht nur um Eis. Oftmals stellt man sich auch der Herausforderung, neues Essen zu probieren oder etwas zu essen, was man schon immer einmal probieren wollte, sich aber nie traute. Auch „Unknown Calories“-Food zählt zu Fear Food, denn hierbei geht es um eine Art Kontrollverlust. Für Magersüchtige ist der Kontrollverlust mitunter eine wahnsinnig schlimme Erfahrung, deswegen finde ich es wirklich super, wenn man sich diesen Ängsten stellt und aus bestimmten Verhaltensmustern ausbrechen möchte. Ich selbst fühle mich für so eine Challenge alles andere als bereit, was womöglich auch mit der Veränderung meines Subtyps zusammenhängt. Trotzdem kann ich sagen, dass ich mich in den Ferien und auch kurz danach einigen Ängsten gestellt habe. Beispielsweise war ich vor über einer Woche mit meinem besten Freund spontan einen Burger essen. Mittlerweile ist es wieder etwas schwieriger für mich, weil ich Angst habe, dass ich mich immer noch in den für mich persönlich schlimmeren Subtyp befinde.

Nach wie vor hoffe ich, dass sich mein Essverhalten wieder reguliert und ich fokussiere mich stark darauf. Ich bin zwar nicht bereit, wieder in eine Klinik zu gehen und mich dort behandeln zu lassen, weil ich immer noch versuche, es alleine wieder hinzubiegen, aber ich glaube fest daran, dass es möglich ist. So hoffnungslos es momentan auch aussehen mag. Denn wer die Hoffnung aufgibt, hat schon verloren. Kampflos gebe ich mich nicht geschlagen!